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Gone Home: Das Unerwartete

Geschrieben von Andy
Gone Home: Das Unerwartete

Es ist manchmal schwer, nach all der Zeit zu verstehen, was man an seinem Leben findet. Meines ist seit der frühsten Kindheit geprägt von Computer- und Videospielen – das mag der eine oder andere als traurig empfinden, aber es ist nun einmal so. Nach fast 30 Jahren der “Erfahrung“ fühle ich mich wie in einer Midlife-Crisis – weniger aufgrund der langen Zeit, als der wachsenden Zweifel. Ich habe die “Spiele“ zum “Beruf“ gemacht – was passiert, wenn ich aus diesen heraus wachse?

Eigentlich ist es idiotisch, in “Jahren“ zu denken, nach dem Motto: Das eine war ein tolles Jahr, das andere war keines. Aber manchmal ist es einfach auffällig, wenn sich die “schönen“ Erinnerungen häufen. Rein auf Spiele bezogen ist 2013 für mich ein ganz besonderer Fall – das steht bereits jetzt Mitte August fest. Das Gehirn habe ich mir mit “Antichamber“ zermartert – “BioShock Infinite“ zeigte mir eine Welt, für die es sich zu sterben lohnt – “Gunpoint“ erinnerte mich an die Tugenden der alten Designschule, mit der ich aufwuchs – “The Last of Us“ machte mich mit seiner Erzählstruktur abhängig.

Und nach all diesen Größen, wo du dir denkst: “Eine Steigerung ist nicht mehr möglich“, da kommt “Gone Home“.

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Eine ganz normale Familie

Ich weiß, ich habe dieses Thema bereits mehrfach angesprochen: Was ist der “Sinn“ eines Spiels? Die Herausforderung? Der Nervenkitzel? Einfach nur Spaß haben? In starren Bahnen gedacht gibt es nur diese drei Optionen. Der Geruhsame wirft noch ein “Zur Entspannung“ ein – schon sind alle Interactive Movies mit im Boot.

“Gone Home“ passt in keine dieser Schubladen. Und ich darf euch nicht mal erklären, warum. An sich müsste ich euch ganz platt sagen: Spielt es! Ihr werdet es hassen oder erschlagen sein. Ich war es zumindest. Allein, weil ich damit überhaupt nicht gerechnet hatte. Und geheult hab ich am Ende. Schlimm. Entschuldigung. Doch weil das wie fauler “Journalismus“ klingt, muss ich ein paar Dinge anreißen. Zumindest um euch ein klein wenig neugierig zu machen. Deshalb gilt die Warnung: Lest jeden weiteren Absatz auf eure eigene Verantwortung.

Katie Greenbriar kehrt nach einer einjährigen Europareise zurück nach Hause zu ihrer Familie. Doch anstatt von Vater Terrence, Mutter Jan sowie Schwester Sam empfangen zu werden, steht sie vor verschlossenen Türen. Fluchs den Ersatzschlüssel heraus gesucht, scheint das Gebäude menschenleer. Dazu kommt eine besorgniserregende Nachricht von Sam, die an der Tür hängt. Der Wortlaut: “Es tut mir leid, dass ich nicht da bin, um dich zu sehen, aber es ist unmöglich. Bitte versuche nicht herauszufinden, wo ich bin. Ich möchte nicht, dass es irgendwer erfährt. Wir werden uns eines Tages wiedersehen. Mach dir keine Sorgen. Ich liebe dich. – Sam“

Was also tun? Nach Hinweisen suchen, was passiert ist. Ihr durchstöbert einen Raum nach dem anderen, findet Notizen, Schubladen, Bücher, Kassetten und so weiter und so fort. Genau wie in “Dear Esther“ gibt es keine Gegner und so gut wie keine Rätsel. Es geht einfach nur um eine Geschichte, die ihr Stück für Stück durch eure Stöberei aufklärt.

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Räume voller Erzählungen und Erinnerungen.

Das Unglaubliche an dieser Geschichte (und das hört sich jetzt richtig dämlich an) ist deren Menschlichkeit. Die Art, wie ihr die Erinnerungen von Katies Familie durchgeht und dabei insbesondere die letzten zwölf Monate der Schwester in Erfahrung bringt, ist für dieses schnöde Medium eine absolute und in meinen Augen unbestreitbare Sensation. Ich habe ungelogen in meinem ganzen Leben kein glaubwürdigeres Spiel erlebt.

Mein größtes Problem ist weniger die Geheimhaltung, die ich mir auferlegen muss. Nein, es ist die Gefahr, euch zu enttäuschen. Ich will nicht, dass euch “Gone Home“ enttäuscht. Gleichzeitig möchte ich euch von dieser Erfahrung und meinen damit verbundenen Emotionen erzählen, die ich während des Spielens hatte. Und da liegt die Krux begraben. Zudem es viele konventionelle Spieler sowieso nicht verstehen werden. Die werden weder mit der Thematik, noch mit dem mangelnden “spielerischen Sinn“ oder der recht kurzen Gesamtzeit von knapp zwei bis drei Stunden zurecht kommen.

“Gone Home“ wird viel Hass ernten – genau genommen tut es das bereits jetzt, wenn ich mir die Leser-Kommentare auf GameSpot anschaue. Dabei hat es das glatte Gegenteil verdient – und mich für den Augenblick aus meiner Midlife-Crisis gerissen.

„Gone Home“ ist auf der offiziellen Webseite bzw. bei Steam für Windows, MacOS und Linux erhältlich.

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Über Andy

Andreas “Andy“ Altenheimer wandelt seit 1977 auf dieser Welt, als „Star Wars“ und „Der Stadtneurotiker“ in die Kinos kamen, und fühlt sich wie eine Mischung dieser beiden Filmklassiker... [Weiterlesen]

Veröffentlicht am 18. August 2013

5 Kommentare zu “Gone Home: Das Unerwartete

  1. Gestern hab ich das Spiel durch Zufall entdeckt und bin neugierig geworden. Dein Artikel bestärkt mich noch mehr dieses Spiel zu kaufen. Ich bin echt gespannt wie es auf mich wirkt.

  2. anonymous schrieb am :

    ich fand das spiel großartig. für mich war es jeden cent wert.

    man muss aber selbst ein paar anforderungen erfüllen:
    – die fähigkeit, sich in andere menschen hineinversetzen zu können und das auch zu wollen
    – spiele, in denen es nur um das entdecken geht und daher
    – auf reine spielmechaniken _verzichten_ können; das fehlen auf puzzels und action.
    – damit leben können, dass das spiel sehr kurz ist
    – damit leben können, dass die geschichte glaubwürdig ist und sich tatsächlich zugetragen haben könnte (und daher keine monster und tolle aliens enthält)

    die kritiker des spieles können das alles meiner vermutung nach nicht. wer es aber kann, kann sich zurücklehnen, das haus erkunden und erfahren, was sam einem zu erzählen hat.

  3. Wird auch fuer mich Pflicht sein! Gerade nach der sehr beruehrenden Erfahrung von „To The Moon“ bin ich fuer solch neuartige Spielerfahrungen sehr empfaenglich und dankbar, auch wenn man immer wieder unken koennte, dass das Spiel an sich auf der Strecke bleibt.

  4. Arbol01 schrieb am :

    Ich habe das „Spiel“ durchgespielt, und muß sagen, das ich es weder hasse, noch bin ich „erschlagen“. Ich habe auch nicht geweint.
    Am ehesten könnte man sagen, das Spiel hat mich ratlos zurückgelassen. Einiges ist klar geworden, aber vieles auch offen geblieben.
    Auf mein eigenes Legen hat „gone home“ sicher keinen Einfluß. Dazu bin ich zu sehr Beobachter. Ich bin nnicht drinnen. Nicht in Kaitlin und nicht in Samantha.

    Was den „Beobachter“ betrifft, so ist es bei „gone home“ so wie bei „The Path“, das ich, nachdem ich das Spiel durchgespielt habe, gerne zusehe, wie sich andere, in ihren Let’s plays, verhalten.

    Das ist ähnlich wie bei dem Film „The usual suspects“. Nachdem ich mir diesen Film damals völlig unbeabsichtigt angesehzen habe, macht es am meisten Spaß, sich genau diesen Film mit jemandem anzusehen, der ihn vorher noch nie gesehen hat. Natürlich auf Englisch.

  5. Ich habe mir das mal auf Gamespot angeschaut. Hmm ich denke, dies ist ein Spiel, dass sich einem normalen Wertungsschema entzieht. Von daher verstehe ich, wenn Leute die hohe Wertung kritisieren. Immerhin soll das „Spiel“ ja extrem kurz sein und auch dafür sehr teuer.

    Auch verstehe ich, wenn man – Achtung Spoiler – heute nicht so aufgeregt darüber ist, wie eben scheinbar einige Tester, die das Spiel so extrem gut fanden, weil das Thema weibliche Homosexualität aufgegriffen wird. Da sind die Tester etwas mit der Lobhudelei über das Ziel hinausgeschossen. Denn im Vergleich zu einem http://www.katawa-shoujo.com wo es um Liebe zwischen körperlich Behinderten geht, ist lesbisch sein doch absolut kein Tabuthema mehr.

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