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Mastermind Jan Müller-Michaelis

Geschrieben von Andy
Mastermind Jan Müller-Michaelis

Wisst ihr, was das größte Problem der deutschen Video- und Computerspielentwicklerszene ist? Mangelnde Kreativität. Bam, da! Ich hab’s gesagt. Nein, ehrlich: Wenn ihr an Top-Titel von deutschstämmigen Regisseuren oder Lead Designern denkt, was kommt dabei heraus? „Far Cry“ und „Crysis“… „Die Siedler“ und „Anno“… „Turrican“ und „Rogue Leader“… „Ankh“ und „Jack Keane“. Das sind alles gute Spiele, keine Frage. Aber eine wirklich originelle Idee hatte allenfalls Volker Wertich mit „Die Siedler“… das dafür zu Tode gefortsetzt wurde.

Ich halte also ganz frech fest: Wirklich gute deutsche Spiele sind technisch grandios, geschniegelte Sequels oder gekonnt geklaute Konzepte. Das heißt… halt, natürlich gibt es eine Ausnahme. Ein Mann schickt sich seit ein paar Jahren an, das Adventure-Genre Stück für Stück zu revolutionieren. Er kopiert nicht nur schnöde die Errungenschaften alter Klassiker, sondern zeigte bislang mit jedem seiner Titel eine bemerkenswerte Portion an Kreativität sowie Originalität.

Er heißt Jan Müller-Michaelis und ist in meinen Augen der beste Game Director, der je in Deutschland geboren wurde. Kürzlich erschien mit “Chaos auf Deponia“ sein viertes Adventure innerhalb von fünf Jahren. Die anderen drei heißen „Edna bricht aus“, “Harveys neue Augen“ sowie das erste “Deponia“. Zudem war er maßgeblich an weiteren Hits aus dem Hause Daedalic Entertainment wie “The Whispered Worlds“ oder “A New Beginning“ beteiligt.

Seine vordergründige Stärke, die jeder Daedalic-Spieler kennt, ist das Schreiben witziger Dialoge sowie die Ausarbeitung origineller Charaktere. Vom platten Wortwitz bis zum tiefgründigen Zynismus ist Jan einer der besten seines Faches – über die deutschen Landesgrenzen hinaus gesehen, wohlgemerkt. Dabei wird der Grundstein für einen Großteil der Skurrilitäten, die euch in seinen Adventures begegnen, bereits durch die zu steuernde Spielfigur gelegt:

  • Edna aus “Edna bricht aus“ ist verrückt und steckt in der Klapsmühle. Sie trägt stets ihren blauen Stoffhasen Harvey bei sich, mit dem sie pausenlos “diskutiert“. Während sie selbst recht naiv spricht, bricht ihr böser Zynismus in Form von Harvey aus. Denn auch wenn beide im Spiel durch verschiedene Synchronsprecher dargestellt werden: Letztlich handelt es sich um das Gedankengut einer Person.
  • Lilli aus “Harveys Neue Augen“ ist ein kleines, blondes und extrem schüchternes Mädchen, das in einer Klosterschule aufwächst. Sie wird ständig von Oberin Ignatz schikaniert und von ihren Mitschülern gemobbt. Sie spricht im gesamten Spiel über kein einziges Wort, weil sie während eines Gesprächs bei jedem kleinsten Pieps unterbrochen wird. Ihre Gedanken wiederum werden von einer Erzählerstrimme der Marke “Märchenonkel“ vorgetragen.
  • Rufus, der Held beider “Deponia“-Spiele, ist egoistisch, naiv und trotzdem irgendwie liebenswert. Seine Art, Probleme anzugehen und Situationen auszunutzen, würden ihm in keiner Gesellschaft viele Freunde bescheren. Sein Erfolg, weshalb er bei vielen Spielern trotzdem gut ankommt: Er tut manchmal genau das, was man selbst auch gerne am liebsten machen würde, sich aber im realen Leben nicht traut.

Alle drei Helden haben eine besondere Gemeinsamkeit, die charakteristisch für eine Kreatur aus der Feder von Jan Müller-Michaelis ist: Im ersten Moment seid ihr von ihren Sonderheiten fasziniert und betrachtet ihr Auftreten sowie ihr Sprache als äußerst witzig. Doch im Laufe des Spieles erörtert ihr immer mehr die Ernsthaftigkeit hinter einer eigentlich schwer zerrissenen Persönlichkeit. Diese Form der Komplexität macht sie liebenswert, um nicht zu sagen: menschlich.

Das ist Edna… also die rechts im Bild, mit dem Stoffhasen in der Hand.

Abseits der Originalität der Charaktere wimmelt es in allen Spielen von Jan Müller-Michaelis nur so vor kreativen, einmaligen Ideen. Sei es die Schlusspointe von “Edna bricht aus“, die Zensurgnome in “Harveys Neue Augen“ (die sämtliche blutigen Ereignisse mit rosaroter Farbe überstreichen) oder die Dreiteilung von Goals Persönlichkeit, dem Love-Interest in “Deponia“: Dahinter verbergen sich simple Konzepte, die der Geschichte und/oder dem Rätseldesign eine eigene Note verleihen.

Überhaupt, Stichwort Rätseldesign: In dieser schwer zu meisternden Disziplin konnte man bislang eine erstaunliche Entwicklung bei Jans Spielen beobachten. “ Edna bricht aus“ war etwas zu schwer und litt vor allen Dingen unter solch bösen Hämmern wie das WC-Rätsel. “Harveys Neue Augen“ hingegen wird oftmals vorgeworfen, es sei zu leicht. Allerdings ist es für mich bereits ein Vorzeigebeispiel für eines der aberwitzigsten Problemlösungen der jüngeren Adventurevergangenheit:

Achtung, Spoiler für den gesamten Absatz: Da ist dieser Clown, den ihr ausschalten müsst. Über ihm hängt bedrohlich ein wackeliger Kronleuchter. Ihr könnt den Clown ansprechen und darum bitten, einen Ballon zu einer lustigen Tierfigur zu kneten. Oder aber ihr wünscht euch einen… Schraubenschlüssel! Und obwohl es auf den ersten Blick jeglicher Logik entbehrt, dass man mit solch einem Schraubenschlüsselballon den massiven Kronleuchter von der Decke abschrauben könnte, probiert es wirklich jeder aus und freut sich wie ein Schneekönig, dass es auch funktioniert. Das I-Tüpfelchen: Wer gegen Ende in einer ganz bestimmten Szene ganz genau hinschaut sowie 1 und 1 zusammenrechnet, der kann sich sogar zusammenreimen, warum das ganze Sinn macht bzw. logisch ist. Was ich damit meine? Das verrate ich euch nicht, findet es selbst heraus.

Spoiler-Ende: Mit dem ersten “Deponia“ gelang Müller-Michaelis erstmals die Kombination aus leichten und schweren Rätseln, die allesamt auch für Normalsterbliche lösbar sind. Allerdings misslang ihm die Schwierigkeitsgradkurve, aufgrund der Komplexität des ersten Kapitels sowie der relativen Schlichtheit aller darauf folgenden. “Chaos auf Deponia“ bügelt diese Schwachstelle zumindest ansatzweise aus und ist darüber hinaus ein Sammelsurium an grandiosen Puzzles. Manche leben von einer absolut genialen Idee, deren Ausführung ein Leichtes ist (ich sage nur “Musik“), andere gehören ins Lehrbuch, wie man dem Spieler eine wirklich komplexe Aufgabe erteilt, deren einzelnen Stationen er stückweise sowie in einer beliebigen Reihenfolge angehen kann und man trotzdem nie damit überfordert ist (siehe die Schnabeltiere).

Überhaupt ist “Chaos auf Deponia“ der Grund für meinen Artikel: Nachdem Jan Müller-Michaelis sowie und sein Arbeitgeber Daedalic Entertainment brav Jahr für Jahr ein neues Adventure entwarfen, wurde der Ausstoß an Spielen für 2012 plötzlich verdreifacht. Erstaunlicherweise hat dies der Qualität nicht im Geringsten geschadet, sondern anscheinend ganz im Gegenteil die Motivation, sich kontinuierlich zu verbessern, beflügelt. Ja, ich verzeihe beziehungsweise verstehe sogar die Dreiteilung von “Deponia“: Alle Polygamia-Stammleser sollten meine Abneigung gegenüber Trilogien kennen, doch in diesem Falle scheint der Kniff zu funktionieren, weil die ersten beiden Teile vollwertige sowie ideenreiche Adventures ohne Kompromisse darstellen.

Rufus und Crane, der Dichter: zwei der brillantesten Charaktere der Adventuregeschichte.

Allein aus “Chaos auf Deponia“ könnte ich euch weitere unzählige Details, Charaktere sowie Rätsel nennen, die sich gegenseitig in Punkto Genialität, Witz und Originalität überbieten. Doch das mache ich nicht, denn ich würde euch nur den Spaß verderben. Es ist auch kein perfektes Spiel, dazu sind ein paar andere typische Müller-Michaelis-Schwächen noch zu deutlich zu sehen (holprige Zwischensequenzen, laberlastiges Finale, ein paar wenige, arg konstruierte Problemstellungen). Aber diese schieben paradoxerweise die Vorfreude auf das nächste Projekt noch höher: Es wäre doch irgendwie schade, wenn bereits jetzt alles perfekt wäre und man sich auf keine Steigerung mehr freuen könnte… oder?

Egal wie ich es drehe und wende: Der Mann ist ein Genie, weil er sich für jedes seiner Spiele sichtlich Gedanken macht und bislang kontinuierlich auf zahlreiche eigene Ideen gekommen ist. All seine Arbeiten heben sich deshalb von einem Großteil der modernen, auf Massenmarkt getrimmten Welt der Spiele ab. Und dafür möchte ich mich einfach bedanken.

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Über Andy

Andreas “Andy“ Altenheimer wandelt seit 1977 auf dieser Welt, als „Star Wars“ und „Der Stadtneurotiker“ in die Kinos kamen, und fühlt sich wie eine Mischung dieser beiden Filmklassiker... [Weiterlesen]

Veröffentlicht am 13. Oktober 2012

4 Kommentare zu “Mastermind Jan Müller-Michaelis

  1. Pingback: GamezGeneration | Review: Chaos auf Deponia

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