1

Der gute Kritiker

Geschrieben von Andy
Der gute Kritiker

Gratwanderung-Alarm: Mein heutiges Thema ist ein echtes Minenfeld. Warum? Weil ich über meinen Beruf sprechen möchte, den ich eigentlich niemals wirklich gelernt habe. All das, was ich in den letzten neun Jahren geschrieben habe, entstammt der reinen Eigenerfahrung sowie autodidaktischem Lernen mittels bereits verfasster Berichte. Und trotzdem möchte ich euch hier und heute sagen, was einen guten Spielekritiker ausmacht – eben meiner Meinung nach. Mal schauen, wer mir zustimmt.

Ob er will oder nicht - Andys Foto gehört in diesen Text. :-)
Ob er will oder nicht – Andys Foto gehört in diesen Text. :-)

Der Schreibstil: Ich fange mit dem Offensichtlichen an: Ein guter Kritiker muss gut schreiben können. Doch was heißt das eigentlich? In meinen Augen braucht es hier mehr als ordentliche Rechtschreibkenntnisse sowie eine sattelfeste Grammatik. Dazu gehört eine eingängige Struktur und ein verständlicher Wortschatz. Im Idealfall sollte die Kritik sowohl dem Fan als auch einer mit der Materie völlig unerfahrenen Person irgendetwas nützen – was freilich nicht immer geht, je nachdem, um welche Art von Spiel (oder auch Film) es sich handelt. Aber versuchen kann man es, oder etwa nicht?

Ebenfalls wichtig: Man sollte durchaus hart und klar verständlich sagen, was Sache ist. Dies schließt gleichzeitig einen fairen Tonfall ohne große Beleidigungen und unnötigen Hass ein. Und zu guter Letzt eine platte Phrase: In der Kürze liegt die Würze. Ich weiß, wovon ich rede – so neige ich immer noch allzu häufig zur Laberei. Die ist dann gerechtfertigt, wenn sich all die 100 Seiten auch interessant lesen. Doch ist dem nicht so, dann heißt es streichen und abkürzen. Nicht jeder Mickerfakt muss erwähnt werden. Beispielsweise die Schussfrequenz aller Waffen oder die Auflistung aller Nebencharaktere. Genug ist genug. Jetzt ist Schluss. Halt, Stop!

Entwicklung: Dies ist ein Punkt, auf den ich persönlich sehr achte. Die Idee dahinter ist ganz einfach: Stillstand ist nie gut. Ergo sollte sich auch ein guter Kritiker niemals auf seinen Lorbeeren ausruhen und seinen Stil stetig weiterentwickeln oder verändern. Vielleicht mal hier ein Experiment eingehen, dort etwas Neues ausprobieren. Gleichzeitig darf man es nicht übertreiben, schließlich droht die Gefahr der Vergraulung der eigenen Stammleser, wenn sie ihren Lieblingskritiker nicht mehr wieder erkennen.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt der “Entwicklung“, der ganz besonders bei Spielen greift: Ein guter Kritiker sollte immer offen für etwas Neues sein. Die Welt dreht sich, der Zeitgeist ändert sich – und nur wer sich darauf einlässt beziehungsweise den Veränderungen eine ehrliche Chance gibt, der bleibt über mehr als ein Jahrzehnt “trendy“. Es ist nicht gut, wenn man schnöde über Wimmelbildspiele ätzt, ohne sich ernsthaft mit dem Thema auseinander gesetzt zu haben…

Individuell: Eines der größten Probleme der Spielekritikerzunft ist die der Austauschbarkeit. Damit meine ich jetzt gar nicht so sehr das erstaunlich konstante Wertungsbild, das sich oft bei Spielen heraus kristallisiert. Ich rede erneut vom Schreibstil: Als ich im Jahre 2003 mein Hobby zum Beruf machte, lag dies mit am Frust über die immer gleichen Texte, die ich (damals noch vorrangig) in Print-Magazinen zu lesen bekam. Zum Glück hat sich dies seither ein wenig gebessert.

Jedenfalls kann diese Individualität auf verschiedene Arten entstehen. In meinem Falle erwähne ich gerne mal ein paar Freunde, die gemeinsam mit mir das Spiel gespielt hatten, und die ich in gewisser Hinsicht während dieser “Testphase“ beobachte. Auch schreibe ich überdurchschnittlich häufig über die Musik, die man während des Spielens zu hören bekommt. Ich vermeide Standardphrasen, immer gleiche Einleitungen oder Wortwiederholungen. In meinen ersten Jahren als Kritiker schrieb ich in fast allen meiner Fazits, dass das Spiel “Spaß“ mache (oder nicht ;). Seid mir dies auffiel, vermeide ich dieses Wort… zumindest im Fazit.

Kritisch: O.k., einen offensichtlicheren Aspekt gibt es nicht – ein Kritiker sollte natürlich kritisch sein. Er sollte immer mit einer gesunden (<= wichtig) Portion Skepsis an seine Arbeit herangehen. “Klar hat er Final Fantasy XVI mit 92% bewertet – die Teile davor haben auch alle eine 90 gekriegt!!!“ – das sind so Sätze, vor denen ich am meisten Angst habe. Steckt man einmal in einer Schublade, kommt man nicht mehr so schnell heraus. Und die größte Gefahr, in einer solchen zu landen, liegt im so genannten “schön reden“ – was umso häufiger passiert, wenn sich der Kritiker mit einer seiner Lieblingsserien beschäftigt.

Ergo summ: Am besten immer bei Null anfangen. Jedes neue “Final Fantasy“ kann Schrott sein – egal wie gut die Teile zuvor waren. Auf der anderen Seite…

Euphorisch: …sollte meines Erachtens nach ein guter Kritiker seine Leidenschaft zulassen und zum Ausdruck bringen. Wenn ihm wirklich etwas gefällt, dann bringe er diese bitte auch mit entsprechend Muse zu Papier, anstatt es krampfhaft zu hinterfragen. Das gilt ganz besonders für Spiele: Diese besitzen allesamt zu einem gewissen Grad einen Unterhaltungswert. Unterm Strich bewertet jeder den Spiel-SPAß! Und wenn der beim Kritiker außergewöhnlich hoch war, dann sollte das sein Leser auch spüren.

Ehrlich: Die letzten beiden Punkte hängen freilich eng miteinander zusammen. Doch über all dem steht noch etwas viel wichtigeres: die Ehrlichkeit. Wir leben in einer Zeit, in der viele Leser skeptisch, zynisch und ebenso kritisch sind – nämlich uns Kritikern gegenüber. Sobald ein Spiel oder Film erscheint, das/der von allen Seiten gelobt wird, bilden sich sofort irgendwelche kruden Verschwörungstheorien. Ist man als Kritiker auf Seiten der Masse, die das Produkt lobt, dann wird man gerne mal als Mitläufer tituliert – er/sie habe sich eben nicht getraut, ehrlich auf den Tisch zu hauen. Steuert man hingegen in die andere Richtung und hat eine gegenteilige Meinung, die der Minderheit angehört, dann fallen schnell solche Sätze wie “Der/die will doch nur auffallen!“. Sprich: Man wird schnell der Lüge bezichtigt.

Deshalb: Seid ehrlich, dann könnt ihr Vorwürfe dieser Art ohne Skrupel abwehren. Sobald ihr aber einmal flunkert und in der Tat z.B. zu sehr übertreibt, etwas essentiell Wichtiges verschweigt oder gar etwas Unkorrektes von euch gebt, dann werden diese Einzelbeispiele rasch als für euch “typisch“ katalogisiert. Ihr landet wieder in eine der Schubladen, von denen ich bereits sprach – und in eine, aus der ihr a) nur schwer herauskommt und b) die euch definitiv keine Freunde beschert.

Vertraue deiner Meinung…: Ihr werdet es kaum glauben, aber wenn ich in all diesen von mir aufgezählten Punkten ein massives Defizit besitze, dann in diesem hier. Viel zu leicht lasse ich mich beeinflussen oder bequatschen. Wohlgemerkt: Ich rede hier nicht von irgendwelchem PR-Geblubbere, gegen das ich ganz im Gegenteil besonders allergisch reagiere. Nein, ich rede schlicht von der Meinung meiner Kollegen oder ganz normaler “Spieler“.

Freilich stemme ich so gut es geht dagegen und agiere entsprechend auch mal etwas “aggressiver“, wenn ich merke: “Da will mir jemand etwas einreden!“ Ein guter Kritiker hat so etwas nicht nötig: Er hat sein eigenes Meinungsbild, auf das er vertrauen und vor allem aufbauen muss.

Fällt ihm etwas besonders positiv oder  negativ auf, dann gehört das sowohl in seine Kritik als auch, sofern es im Kontext passt, in fortlaufende Berichte. Seine Meinung mag mit oder gegen den Strom schwimmen – das ist zweitrangig. Wichtig ist, dass sie gut begründet wird und auf einer schlüssigen Argumentationskette aufbaut.

Und wenn er oder sie dann doch mal seine Meinung bezüglich etwas ändert, dann rate ich wieder zur Ehrlichkeit und zur frühzeitigen Dokumentation dieser. Denn was soll der Leser davon denken, wenn man einmal A und drei Wochen später B sagt, plötzlich und ohne jedwede Erklärung?

…aber beharre nicht auf ihr…: Denn das sollte ebenfalls klar sein: Wir sind alle nur Menschen. Nicht nur aufgrund der oben beschriebenen Entwicklungsnotwendigkeit, kann sich eine Meinung über ein Spiel oder einen Film im Laufe der Jahre verändern. Die Phrase des “zurück rudern“ wird oftmals zynisch genutzt – und das finde ich ehrlich gesagt unfair. Denn wenn man sich einmal irrt und diesen Irrtum bemerkt, was ist dann besser: Ihn weiter mit sich tragen oder den Fehler zugeben? Ich weiß jedenfalls, was mehr Mut erfordert.

…und respektiere die Meinung anderer: Last aber definitiv nicht least kommt der Punkt, aufgrund dessen überhaupt der gesamte Artikel entstanden ist. Man kann über ein Spiel oder einen Film halten, was man möchte – aber es gibt in meinen Augen nichts Schlimmeres, als wenn man aufgrund der eigenen, fest verankerten Meinung den Respekt gegenüber Personen verliert, die eine andere haben. Oftmals hängt dies mit Frustration zusammen: Wenn jemand ein landläufig als gut anerkanntes Produkt nicht mag und plötzlich anfängt die Leute zu beschimpfen, die die besagte landläufige Lobpreisung geprägt haben, dann liegt dies unter Umständen einfach nur an der eigenen Enttäuschung des eigentlichen Produktes. Richtig bizarr wird es, wenn genau diese Enttäuschung allein aufgrund einer vormals hohen Erwartungshaltung zustande kam, eben weil das Spiel/der Film so hoch gelobt wurde und sich im Kopf irgendwelche Traumschlösser aufgebaut haben.

Wir alle haben unsere eigene Meinung – somit kommt JEDER von uns irgendwann in die Situation, dass man in einem bestimmten Fall eine ganz eigene besitzt, die praktisch niemand mit ihm (oder ihr) teilt. Viel zu oft bekomme ich mit, dass aufgrund dieser Ausnahmefälle Vorurteile entstehen. “Du mochtest Spiel X mehr als Spiel Y? Na, dann kann ich dir nicht mehr vertrauen, denn du hast keinen Geschmack.“. Ein Gruselszenario, das allzu häufig Realität wird. Dieses Phänomen grasiert übrigens mehr bei selbstständig arbeitenden Bloggern als bei altgedienten Kritikern, die für “professionelle“ Magazine arbeiten: Man hat seine eigene Denkensweise, beharrt auf dieser und ist fest davon überzeugt, die “Anderen“ haben unrecht. Doch bezüglich eines Spiel- oder Filmgeschmack gibt es kein “Recht“ oder “Unrecht“.

Bevor ich mich weiter über dieses Thema auslasse (was ich mir besser für einen weiteren Artikel aufspare ;), möchte ich mein eigentliches Anliegen abschließen und ein kleines Resümee ziehen: All diese Punkte kamen aus dem Bauch heraus und entstanden in einer halbstündigen Brainstrom-Sitzung. Sie sind nicht in Stein gemeißelt und können ruhig addiert werden – eventuell fällt auch mir noch etwas ein. Aber schlussendlich ist mir beim Schreiben ein Aspekt ganz besonders aufgefallen, der sich durch sämtliche meiner Argumente zieht: Sei kritisch und euphorisch. Vertraue deiner Meinung und respektiere die der anderen. Sei aufgeschlossen gegenüber Neuem und sei individuell. Ying oder Yang. Ein guter Kritiker sollte sich wie auf einem Drahtseil fühlen. Kurz: Der Job ist durch und durch eine Gratwanderung.

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Magst du ihn teilen?
Share on FacebookTweet about this on TwitterEmail this to someoneShare on Google+Share on LinkedIn

Über Andy

Andreas “Andy“ Altenheimer wandelt seit 1977 auf dieser Welt, als „Star Wars“ und „Der Stadtneurotiker“ in die Kinos kamen, und fühlt sich wie eine Mischung dieser beiden Filmklassiker... [Weiterlesen]

Veröffentlicht am 10. Juni 2012

Ein Kommentar zu “Der gute Kritiker

  1. Schöner Artikel für angehende Spieletester!
    Ein paar Dinge muss einem in jedem Fall klar sein, wenn man einen Test schreibt: a) man kann es nie jedem Recht machen und b) ein Test ist niemals 100 Prozent „objektiv“. Er spiegelt in jedem Fall die Intention wieder, die der Tester versucht durch das von ihm beim Spielen erlebte wertend niederzuschreiben. Letzteres sollten sich eigentlich lieber die Leser mal merken … ^^

    Journalistische Feinheiten halte ich für Spieletests übrigens nicht zwingend für notwendig, daran erkenne ich persönlich allerdings immer, in wie weit ein Tester auch journalistisch gebildet ist. Z. B. ob er darauf achtet, nicht Begriffe wie „man“, „natürlich“ oder „letzte Woche“ zu verwenden, was man (ich verwende das in Forenposts der Einfachheit halber ständig – ähem) in Artikeln halt nicht tun „darf“, auch wenn das gerade bei gestandenen Spieleredaktueren doch auch öfters mal vorkommt, was dann immer gut zeigt, dass die nie für andere (beinahe hätte ich „richtige“ geschrieben) Medien gearbeitet haben.

    Bei vielen Tests merkt man (schon wieder dieses verbotene Wort) leider aber auch, dass sie eben mit Hinblick auf eine bestimmte Zielgruppe geschrieben wurden, um die potenziellen Kunden nicht zu vergrätzen. Was ich immer ein wenig schade finde, weil mir das immer die Illusion raubt, die wirkliche Meinung des Testers präsentiert zu bekommen.
    Und bei Previews ist leider, seitdem sie den größten Teil der Berichterstattung einnehmen, zu oft anzumerken, dass der Hersteller nicht verärgert werden soll, weil sich der Artikel oft wie ein Werbetext liest. Auch dies sollte meiner Ansicht nach tunlichst vermieden werden.

Kommentar schreiben