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Alice – Madness Returns: In China ist ein schöner Sack Reis umgekippt

Eingetragen von am 1. Juli 2011 – 11:033 Kommentare

Über Twitter teilte mir der liebe Grobi mit, ich sei naiv, wenn ich in Zeiten von „Call of Duty“ und Co. Anspruch von einem Spiel erwarte. Vielleicht bin ich das. Aber solange ich über Spiele schreibe, bemängle ich fehlenden Tiefgang in Unterhaltungssoftware und hoffe auf bessere Zeiten. Seine Aussage war übrigens auf „Alice: Madness Returns“ bezogen. Denn hier kritisierte ich die mangelnde Substanz und offensichtliche Einfältigkeit. Im Fall des neuesten Sprosses einer vermeintlichen Designerlegende tut mir dies besonders weh.

Alice geht mit einer Pfeffermühle vor.

Alice geht mit einer Pfeffermühle vor.

“Alice: Madness Returns” gefällt mir. Wirklich. Ganz ernsthaft. Jedoch aus einer viel zu einseitigen Perspektive: Das Art Design ist das, was in meinem Kopf für Begeisterung sorgt. Das viktorianische London, die schaurigen Welten des Wunderlandes, das langsam erwachsene Mädel Alice, die skurrilen Gegner. Sicher, die Unreal Engine 3 mag bei der zweiten Episode der eigenwilligen „Alice im Wunderland“-Interpretation nicht zu Höchstformen aufgelaufen sein, doch das mir Präsentierte fasziniert mich. Ungemein. Und diese minimalistisch schönen Zwischensequenzen, die die abstrakte, fast ein wenig konfuse Geschichte der Antiheldin erzählen. Wunderbar. Dabei ist die Handlung hart genommen kaum sensationell: Nach den tragischen Ereignissen aus dem ersten „Alice“-Abenteuer vor elf Jahren landete Alice in der Irrenanstalt von Rutledge. Mittlerweile ist sie erwachsen und steht kurz vor ihrer Entlassung. Der Flammentod der Eltern ist fast vergessen, die Erinnerungen an das Wunderland verschwommen. All das Chaos im Kopf wirbelt wieder auf, als Alice wieder in das beängstigend finstere Land ihrer Vergangenheit katapultiert wird. Hat sie jetzt die Chance, alles wieder in Ordnung zu bringen, mehr über ihr Schicksal zu erfahren, das absurde Reich zu retten?

Nur was nützt mir die schönste Alptraumwelt, wenn mich die Entwickler von Spicy Horse in ein enges Korsett stecken, in dem ich keine Luft mehr bekomme? In den letzten Jahren habe ich nicht allzu viele Spiele erlebt, die mich zwar vor solide zusammengestrickte Herausforderungen stellen, nicht aber unterhalten können. Die Struktur der Abschnitte ist streng linear, die abzweigenden Wege kennzeichneten die Entwickler ungewöhnlich auffällig. Idiotensicher sozusagen. Der Rest ist ein lästiger Mix konventioneller Mechanismen, den ich gefühlte zehn Millionen Mal zuvor schon in anderen Spielen begegnete. Hüpfen, Geschicklichkeitsparcours, Hindernisse überwinden, kämpfen., billigste Rätsel lösen. „Alice: Madness Returns“ steigt zwar kontinuierlich im Schwierigkeitsgrad und wird dadurch knackiger, allerdings nicht besser. Wo sind die spielerischen Höhepunkte, auf die ich mich freue? Richtige Endbosse sind doch heutzutage nicht zu viel verlangt, oder? Hier und da ein dramatischer Klimax? Vergesst es!

Kurz vor dem Ableber schaltet das Spiel in einen genialen Hysteria-Modus. Toll.

Kurz vor dem Ableber schaltet das Spiel in einen genialen Hysteria-Modus. Toll.

Und so dümpelt „Alice: Madness Returns“ vor sich hin. Ein paar Fähigkeiten haben die Macher dem finstere dreinschauenden Mädchen ja gegönnt: Ein Schirm zum Blocken, eine Pfeffermühle für Fernkämpfe, ein Messer zum Abschlachten, eine Schrumpffunktion, das kurzzeitige Verwandeln in Blümchen oder den krass schön dargestellten Überlebenskampf. Dumm nur, dass diese Elemente nach kürzester Zeit ausgelaugt wirken. Zu sehr beschränken sich die Entwickler auf das redundante Anwenden bewährter Action-Adventure-Elemente. Und dann die Kämpfe: Sie sind zu Beginn unterhaltsam, amüsant und positiv anstrengend. Das Blatt wendet sich spätestens im zweiten Kapitel – wenn sich die Routine und später die Langeweile einstellt. Was hat sich Spicy Horse dabei gedacht?

Ich bin davon überzeugt, dass „Alice: Madness Returns“ dem Sparwahn von American McGee zum Spaß-Opfer fiel. Teile der Entwicklung lagerte der Designer nach Shanghai aus, um Kosten zu senken – gewiss im Interesse des Publishers Electronic Arts. Herausgekommen ist zwar beileibe keine verbuggte oder schlechte Software, sehr wohl aber ein Produkt, das massenmarkttauglich und banal ist. Nicht zu schwer und gelegentlich unfair. Aber daran soll sich der Konsument halt die Zähne ausbeißen. Der Durchschnittsspieler bemerkt sicher nicht, wie kreativarm das Spiel eigentlich ist, er lässt sich einfach von dem einzigartigen visuellen Stil blenden. Das Rezept geht sichtlich auf: Die Wertungen von „Alice: Madness Returns“ sind weitgehend positiv, hier und da lassen sich Ausreißer nach oben und unten finden. Bemängelt wird fast immer die Eintönigkeit – Auswirkungen auf Ergebnisse hat das selten.

So schön Alice: Madness Returns auch ist: Das Spiel langweilt!

So schön Alice: Madness Returns auch ist: Das Spiel langweilt!

Und so bleibt mein ernüchterndes Fazit: „Alice: Madness Returns“ bleibt mir definitiv längere Zeit im Gedächtnis – dank des übel abstoßenden und grandios präsentierten Wunderlandes, an dem sich Tim Burton bei seinem „Alice im Wunderland“-Film hätte besser inspirieren lassen sollen. Das Spiel selbst ist so belanglos wie ein umgekippter Sack Reis in Shanghai – vor den Türen der Spicy Horse-Niederlassung. Es ist zum Heulen!

Über den Autor Sven, der für Polygamia.de bisher Artikel verfasste:

Sven Wernicke ist Gründer der “Four-Men-Show” Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

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3 Kommentare »

  • drallex sagt:

    Hallo Sven,

    kann dir größtenteils zustimmen. Habe mir bei Gameone das “1 Stunde mit” angesehen und war über Spielmechanik und Handlung nicht sehr begeistert. Der Anfang mit den Videosequenzen und natürlich das Design, was das Spiel sehr einprägsam macht. Aber zu guter letzt ist das Gameplay schon vom zusehen(oder lesen) schon sehr eintönig. Deshalb bin auch ich zu dem Schluss gekommen mir Alice nicht zu geben.

    lg

    drallex

  • Heinz sagt:

    Ich mag eure kritischen Berichte wirklich sehr! Endlich mal Lesenswerte Rezensionen, die sich mit dem Gameplay beschäftigen und nicht so sehr mit Wertungen!

    Klasse!

    Weiter so und nicht von den Publishern unterjochen lassen, wie all die anderen Gamestar, PcGames, 4Players, IGN Webseiten.

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