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Das bessere Leben

Geschrieben von Sven

Ich bin zwar keine Sportskanone, aber meine Figur finde ich voll okay; den Bart sowieso. Meine Klamotten mag ich. Ich will anderen nichts beweisen, möchte mich nicht zur Schau stellen und halte Stofffetzen um den Hals für eine der dümmsten Ideen der Menschheitsgeschichte. Daher trage ich eine Hose mit praktischen Seitentaschen und ein nerdiges T-Shirt. Das betont meinem Bauch nicht sonderlich, aber so bin ich nun einmal. Er gehört zu mir!

In meinem bescheidenen Eigenheim steht nicht viel. Was brauche ich schon dringend? Ein Bad mit Dusche, Toilette, Waschbecken und Spiegel – klar! Ein Bett, eine Kommode für Kleidung, ein hübscher Teppich im Schlafzimmer – das macht Sinn. Ein Bücherregal, eine Couch, ein Tisch und ein Radio im Wohnzimmer – muss ich mehr besitzen? Später vielleicht einmal. Und in der Küche? Ein Herd und ein Kühlschrank sollten es schon sein. Denn ich liebe Kochen und Backen. Für mich. Für andere.

Geld

Ja, ich hätte Koch werden sollen. Aber ich habe mich anders entschieden: Ich möchte Schriftsteller sein. Ein erfolgreicher, ein beliebter, ein angesehener. Eilig habe ich es mit meinem Traum derzeit nicht. Meinen Job mache ich gut und er ist perfekt auf mich zugeschnitten: Jeden zweiten Tag gehe ich zur Arbeit, pro Monat verdiene ich an die 4000. Es könnte mich schlechter getroffen haben. Der schnöde Mammon? Ach, der ist nur Mittel zum Zweck. Eventuell baue ich mit dem mal mein kleines Häuschen aus. Womöglich kaufe ich mir echt mal ein paar schickere Möbel und gönne mir etwas mehr Luxus, der meinen Alltag bunter gestaltet. Doch irgendwie…aktuell….reizt mich das Materielle überhaupt nicht.

Wer möchte schon alleine sein?
Wer möchte schon alleine sein?

Ist es nicht viel schöner, auf die Straße zu gehen und mit netten Leuten zu quatschen? Spontan „Hallo“ sagen und sich etwas am Smalltalk erfreuen? Bestimmt sind ein paar Nachbarn in meinem Hood dabei, mit denen ich philosophieren kann? Und ich liebe Humor, reiße gerne Witze.Ich wünsche mir eine gute Zeit und möchte diese nutzen. Für mich, für andere, denen ich hoffentlich mal wichtig werde. Oder schon bin? Auch ist es gar nicht so schwierig, mal seine Gefühle zu äußern, Unzufriedenheit herauszuschreien oder zuzuhören, wenn jemand unglücklich ist beziehungsweise etwas mitzuteilen hat.

Zusammen

Die Ruhe genießen! Ein Buch lesen, auf dem Bett lümmeln oder eine Runde um den Block joggen. Ich experimentiere auch gerne beim Kochen. Ja. Kochen. Hach. Sagte ich das schon einmal? Ein Abstecher in den Park um die Ecke lohnt sich übrigens fast immer. Dort spielen nette Leute gelegentlich Schach oder grillen leckere (Tofu-)Burger. Einfach so. Weil sie Spaß daran haben und sich am geselligen Treiben erfreuen. Wie ich. Und dabei reden wir über Gott und die Welt. Hier vergesse ich gerne mal die Stunden. Ich hörte davon, dass ich irgendwo angeln kann. Das probiere ich später mal aus. Ins Museum sollte ich auch mal wieder gehen.

Aber es gibt diese Tage, an denen ich am liebsten daheim bleiben möchte. Also rufe ich meine Freunde an. Mit etwas Glück haben sie ja Lust und Zeit, mit mir abzuhängen? Gemeinsam was mampfen, Spaß haben, ne Party steigen lassen…oder etwas erleben.Toll. Bei einigen Kumpels und Kumpelinen war es anfangs etwas schwer. Sie waren zickig oder verstanden meine Scherze nicht. Doch nach und nach lernten wir uns kennen. Und schätzen. Jetzt klingeln sie öfter mal durch, schreiben SMS oder stehen mir in schweren Momenten zur Seite. Über die möchte ich gar nicht reden. Denn das Leben ist schön. So wie es ist. Die perfekte Work-Life-Balance.

Eine kleine Party nach Feierabend.
Eine kleine Party nach Feierabend.

Geld. Es ist wichtig, ich weiß. Doch statt immer mehr Wohlstand anzuhäufen, den ich am Schluss doch nie brauche und der nüchtern betrachtet meine innerste Zufriedenheit nicht steigern kann, will ich bewusst mein Dasein genießen. Auf Reisen gehen, etwas von der Welt sehen! Gerne mit Freunden, die ähnlich „ticken“ wie ich. Ich weiß allerdings sehr wohl, dass gar keine Notwendigkeit besteht, in die Ferne zu schweifen. Das Gute ist, wie so oft, so nah. Die Leute um mich herum bereichern mich immer wieder aufs Neue. Ich entdecke ständig kleine und große, schöne und amüsante Überraschungen hier in der Umgebung. Langweilig? Wird mir nicht so schnell. Sollte dieses Gefühl doch einmal aufkommen, finde ich zu mir und weiß auch den Müßiggang zu schätzen. Entschleunigung ist das Zauberwort, ich muss kein Leben auf der Vorspultaste führen. So behalte ich meine wirklich wichtigen Bedürfnisse im Auge. Auf Ernährung, emotionales Gleichgewicht, Gesundheit, Schlaf und Hygiene sollte jeder achten, denke ich. Und die Liebe. Wobei, die macht eigentlich alles nur kompliziert. Wie Geld. Ich könnte Geschichten erzählen….

Launisch

Mir wurde einmal gesagt, ich sei launisch. Sporadisch zicke ich tatsächlich etwas herum. Aber besitzt nicht jeder seine Macken? Es ist ein Teil der eigenen Persönlichkeit. Marotten sind nicht zwangsläufig schlecht, sie formen uns und unser Umfeld. Denn wer mit mir nichts anfangen kann, wird auch nicht meine Nähe suchen. Ich gebe es ja zu: Manchmal habe ich meine Emotionen nicht unter Kontrolle. Als würde eine KI übernehmen. Das ist nicht schlimm: Wenn sich etwas anstaut, muss es halt auch mal raus?!

Aber echt mal! Nicht immer kann die Sonne scheinen! Es gibt auch Zeiten, da schleppe ich mich auf Arbeit, komme gestresst nach Hause, habe Hunger, bin müde und ne fette Stromrechnung wartet im Briefkasten auf mich. Und dann klingelt noch mein Mädel durch und will sich mit mir unterhalten? Dabei will ich eigentlich nur entspannen und früh ins Bett. Okay, das gehört eben auch zum Alltag dazu und dann wünschte ich mir, ich müsste nicht schuften und könnte (noch) mehr Zeit für mich haben. Nur das wäre dann schon arg unverschämt, oder?

Jaja, ich sollte mich mehr um meine Karriere, meinen gegenwärtigen Job und mein Häuschen am Stadtrand kümmern. Doch wieso soll ich mich an diese vermeintlich fest vorgeschriebenen Konventionen halten? Wer hat diese Regeln aufgestellt? Ich entscheide über mich und über das, was mir am Herzen liegt. Vielleicht ändere ich im nächsten (Lebens-)Abschnitt meine Einstellung zu den Dingen. Ich werde schließlich nicht jünger. Bis dahin aber möchte ich jede Sekunde meiner Existenz genießen. Insgeheim treibt mich eh irgendetwas an, was ich nicht beschreiben, verhindern, aufhalten kann. Ich habe mich schon einige Abende an meinen ollen Rechner gesetzt und etwas an meinen Fähigkeiten geschraubt. Geübt, geübt, geübt. Mein Chef honorierte dies kürzlich – er beförderte mich. Etwas Angst habe ich schon: Was, wenn ich “Blut” lecke, mich dem Streben nach Kohle hingebe und meine Freizeit durch Arbeit ersetze? Ich will meine lieb gewonnenen Freunde nicht verlieren. Muss ich mich entscheiden?

Liebe.
Liebe.

Obwohl das Beschriebene nur ein Spiel ist: Es ist das bessere Leben, weil es weniger schwierig, komplex, anstrengend, frustrierend und traurig ist. Oder? ODER?

Alles nur ein Traum!?

Ehrlich gesagt habe ich keine einzige Kritik über „Die Sims 4“ gelesen. Es wäre mir auch egal, denn für mich ist das eine schöne Lebenssimulation geworden, die so positiv und beim Spielen erholsam ist. Ich habe Teil 2 und 3 nicht allzu lange ausprobiert, möchte also keine Vergleiche anstellen. Allerdings fühlt sich die neueste Episode kurioserweise wie das erste „Die Sims“ an. Simpel, freundlich und nicht überfordernd – eine gute Sache. Gerade die einfacheren, bequemen Bauoptionen sowie die zahlreichen Tipps und Möglichkeiten nahmen mich sehr schnell gefangen. Und jetzt spiele und spiele ich einen fiktiven Alltag, der mir in der Realität schon zusagen würde. Vermute ich. Subjektiv betrachtet ist „Die Sims 4“ weniger komplex als die Vorläufer, das wird sich gewiss mit den nach und nach erscheinenden AddOns noch ändern. Klar, das Werk wird eine neue EA-Cashcow. Aber auch das ist mir nicht so wichtig, denn bereits in dieser Form ist „Die SIms 4“ so etwas wie ein kleiner Kurzurlaub, ein Spiel zum Relaxen, zum Abschalten, zum Träumen. Ja, das mag ich. Wie lange es mich begeistern wird? Ich bin gespannt. Bisher habe ich schon viele Tage gespielt, aber vermutlich zu wenig gemacht. Nun, das kommt vermutlich meinem echten Leben recht nahe. Das wäre dann immerhin eine Gemeinsamkeit zwischen RL und digitaler Fiktion.

tl;dr: „Die Sims 4“ gefällt mir. Es wird wohl auch die nächsten Wochen noch meine Alternative zu einer guten TV-Serie oder einem Film sein. Interaktives Runterfahren vom tagtäglichen Stress – eine wunderbare Sache.

Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 8. September 2014

2 Kommentare zu “Das bessere Leben

  1. Sandra schrieb am :

    So einen Gute-Laune-Zufriedenheits-Artikel habe ich schon lange nicht mehr gelesen! :) Hat mir gefallen und mich in meine alten Sims-2-Zeiten zurückversetzt.

    • Danke für deinen Kommentar. Ich hatte schon befürchtet, dass niemand mehr etwas mit einem positiven Artikel anfangen kann. Heutzutage ist ja alles schlecht… :)

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