Broken Age: Es ist wahr geworden

19. Januar 2014

“Broken Age“ ist ein Scheißspiel. In meinen Augen macht es alles richtig. Ich möchte es abfeiern ohne Ende. Genau wie “Gone Home“ oder “BioShock Infinite“. Und das sind doch auch Scheißspiele… oder?

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Vella und Shay schlafen seelenruhig in ihren jeweiligen Welten und wissen noch nicht, was sie erwartet.

In mir geht wieder die Angst um. So euphorisch ich das letzte Jahr erlebt habe, so depressiv erlebte ich die Gegenstimmen. Eigentlich sollte es mir egal sein und ich müsste einfach brav weiter feiern. Das fällt mir leicht, wenn bereits in der dritten Januarwoche ein Spiel wie “Broken Age” erscheint.

Was habe ich gewartet… und damit meine ich nicht die Zeitspanne seit der Kickstarter-Kampagne, die am 13. März. 2012 über drei Millionen Dollar gesammelt hat. Nein: Ich warte seit “Grim Fandango“ auf “Broken Age“. Natürlich hat sich seither viel getan: Pendulo Studios (“Runaway”)… Future Games (“Black Mirror”)… House of Tales (“Overclocked”)… Animation Arts (“Geheimakte Tunguska”)… Telltale Games (“Sam & Max”)… Amanita Design (“Machinarium”)… Wadjet Eye Games (“Resonance”)… Daedalic (“Edna bricht aus”, “Harveys Neue Augen”, “Chaos auf Deponia”). Aber ich wollte wissen, was ein alter Haudegen wie Tim Schafer heutzutage auf die Beine stellt. Ich sehnte mich nach der Sicherheit, die mir LucasArts damals gewährleistete: Nämlich das jedes neue Adventure ein unverkennbares Meisterwerk ist.

Ende des Wartens

“Broken Age“ ist wie ein Traum, der nie wahr werden sollte und es nun doch geworden ist. Allein die Art, wie die Geschichte von Shay und Vella erzählt wird, ist eine Demütigung für fast die gesamte Konkurrenz. Einzig Jan Müller-Michaelis (“Deponia”) und Kevin Mentz (“Memoria”) können da mithalten. Und selbst deren Hits neigen zur Laberlastigkeit, die “Broken Age“ überhaupt nicht nötig hat. Es ist frech, mit welch Selbstverständlichkeit sich die wenigen Dialoge zu einem derart interessanten Plot formen.

Am meisten ärgert mich, dass ich nichts über den Cliffhanger schreiben darf. Weniger, weil Double Fine mir dafür an die Gurgel gehen würde. Nein: Es wäre fatal, wenn ihr mehr wüsstet als dass es überhaupt einen gibt. Dieser Cliffhanger ist konzentrierte Brillanz: Er hat mich überrascht, bringt den Kern in wenigen Sekunden auf den Punkt und überschüttet euch mit Sehnsucht, unbedingt den zweiten Akt spielen zu wollen.

Das ist der eigentliche Witz daran: Ursprünglich sollte “Broken Age“ in einem Stück erscheinen. Doch aus der Idee eines Mini-Spielchens wurde ein großes, ausgewachsenes Projekt, das schnell die Grenzen des angedachten Budgets erreichte. Wieder und wieder verschob Double Fine den Release-Termin, bis die Bombe platzte: Erst im Januar 2014 sei es soweit, fast anderthalb Jahre später als ursprünglich geplant. Auch der Plan, man wolle bis dahin gerade mal die Hälfte fertig haben, sorgte für miese Stimmung in der Kickstarter-Community.

Aber jetzt, wo ich den ersten Akt hinter mir habe, sehe ich die Zweiteilung als Segen. Das “Ende“ würde nicht im Ansatz so gut funktionieren, wenn ich direkt danach gleich hätte weiterspielen können. Jetzt schwebe ich gefühlstechnisch im Limbo. Ich will wissen, wie das weiter geht. Ich habe Angst, dass es irgendwann vorbei sein wird. Mein Gott, was ist “Broken Age“ gut geworden.

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Gefangen gehalten von einem Computer, der einen bemuttert und wie ein Kleinkind behandelt… der Horror, der absolute Horror.

Einer der ersten negativen Kommentare ätzte über die Grafik, die dem “hohen“ Budget nicht gerecht käme. Soll ich mal lachen? Klar hat Double Fine sichtlich gespart, indem sie sich für einen zweckmäßigen 2D-Stil entschieden, der wie geschaffen für simple Laufanimationen und eine platte Pappkulisse ist. Aber wen interessiert das, wenn hinter den Einsparungen eine ungemeim homogene Darstellung steckt? Die Grafik von “Broken Age“ mag technisch gesehen schlicht sein, aber sie funktioniert und zaubert eine faszinierende Spielwelt auf meinen Bildschirm. Zudem klotzt der Sound mit einem Killerscore von Peter McConnell und einem Cast, der immerhin solch Namen wie Elijah Wood oder Wil Wheaton beinhaltet. Wil Wheaton? Die Nervenbacke aus “Star Trek – Next Generation“? Nach “Broken Age“ und seiner Performance als Holzfäller Curtis werdet ihr den Kerl lieben.

Angemessen lang

Die Rätsel sind zu leicht und das Spiel mit vier Stunden zu kurz? Erneut muss ich den Kopf schütteln, wenn ich solch Gemecker höre. Zum einen reden wir hier vom ersten Akt – es ist doch klar, dass der sich beim Schwierigkeitsgrad noch etwas zurück hält und die Gesamtdauer keine epischen Ausmaße annimmt. Dafür hinterlässt alles, was ich bei diesem Spiel erlebt habe, einen runden, stimmigen und passenden Eindruck. Und so manches Rätsel ist alles andere als abgedroschen. Double Fine hat vielleicht keinen Kracher wie die Schnabeltier-Odyssee aus “Chaos auf Deponia“ im Gepäck, dafür konzentrieren sie sich auf kleine, originelle Ideen, die entsprechend schnell vom Spieler umgesetzt sind. Auch das resultiert letztlich in einer Stärke, weil so der Spielfluss erhalten bleibt.

Eine Hotspot-Funktion hätte ich mir gewünscht, und dass beim Anvisieren von Gegenständen Wortbeschreibung angezeigt werden. Das war es auch schon. Ich habe ansonsten absolut rein gar nichts zu beanstanden. Selbst der stellenweise arg derbe Humor bringt mich zum Lachen, weil die Dialogregie und der Szenenschnitt perfekt sind – siehe allein Curtis, wenn der so herrlich platt betont, wie er gerade seinen Holz-“Stuhl“ gefertigt hat.

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Während Vella am liebsten gegen Mog Chothra kämpfen möchte, genießen ihre Konkurrentinnen die Zeremonie, obwohl sie geopfert werden.

“Broken Age“ ist nicht nur komisch, sondern genau wie die besten Werke von Müller-Michaelis ummantelt mit einer Schicht Dramatik. Als Vella muss ich verhindern, vom monströsen Mog Chothra aufgefressen zu werden. Es sei das Schicksal des Mädchens: Zusammen mit anderen Jungfrauen in einer feierlichen Zeremonie zum Wohle des Dorfes geopfert zu werden. Fast alle freuen sich: Die Bewohner aufgrund der Feierlichkeiten, die Verwandten aus Stolz und die Auserwählten selbst dank ihres Egos, endlich im Mittelpunkt zu stehen. Nur Vella und ihr Großvater sind dagegen – sie wollen das Biest bekämpfen. Und spätestens, wenn die erste Jungfrau geschnappt und im Rachen Mog Chothras landet, bleibt euch das Lachen im Hals stecken.

Es ist eine von zwei Geschichten, die der erste Akt erzählt. Parallel dazu steckt Shay in einem Raumschiff fest. Tagein, tagaus erlebt er Pseudo-Abenteuer, die ihm die Langeweile vertreiben sollen. Dabei sind es nichts anderes als vom Schiffscomputer vorgefertigte Simulationen, die zahmer sind als jeder Vergnügungspark für Kleinkinder. Shay weiß, dass er eigentlich ein Gefangener ist. Er glaubt dem Computer nicht, dass es einfach nur darum gehe, ihn vor den Gefahren dieser Welt zu schützen. Also macht er sich auf und erforscht das Schiff – soweit ihm das eben möglich ist. Spätestens wenn er auf den zwielichtigen Marek stößt und dieser ihm von einem lang anhaltenden “Krieg“ erzählt, wird es ernst und das eigentliche “Abenteuer“ beginnt.

Gleiches gilt in gewisser Hinsicht auch für Double Fine: Der erste Akt von “Broken Age“ ist da und er gehört gewürdigt. Gleichzeitig schraubt er meine Erwartungen für den zweiten auf eine schwindelerregende Höhe. Ich hoffe inständig, dass Tim Schafer & Co. bereits jetzt wissen, wie die Geschichte endgültig ausgeht. Es würde mir das Herz brechen, wenn auf diesen Knaller eine Enttäuschung folgt.

Anmerkung: Der erste Akt von “Broken Age” ist bislang nur für Unterstützer des Kickstarter-Projektes zugänglich. Das Spiel wird ab dem 28. Januar für jedermann via Steam erhältlich sein. Der zweite Akt folgt laut Angaben von Double Fine im Laufe des Jahres.

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5 comments on “Broken Age: Es ist wahr geworden

  1. mike just Jan 19, 2014

    Respekt!

  2. Das Spiel interessiert mich sehr, genau wie das neue Baphomets Fluch oder auch Telltales Wolf among us (The Walking Dead hingegen interessiert mich thematisch z.B. nicht so). Allerdings schießen sie sich zumindest bei mir mit ihrem Episodenformat selbst ins Knie, weil ich solche Titel eigentlich nur am Stück spiele. Wenn aber alle Teile veröffentlicht sind ist das Spiel ja schon “alt”, und dann will ich nicht mehr “Vollpreis” dafür zahlen sondern kann auch noch gerne noch länger warten, bis es als Budget erhältlich ist.

    Meiner Ansicht nach ist diese Aufsplittung also eher Kontraproduktiv. Kann allerdings natürlich sein, dass durch Kickstarter oder Early Access und solche Aktionen genug Leute zusammenkommen, die nicht warten können und jede neue Episode bei Erscheinen dann mit Heißhunger verschlingen. Wobei ich aber eh nicht verstehe, wie man da Geld in unfertige Spiele investieren kann …

    • Lustig, ich bin ein großer Fan des Episoden-Formates, wenn es eben so klasse durchgeführt wird wie Telltale das seit Jahren macht. Die Spiele sind ja nicht “unfertig”, will heißen, dass die Geschichte an sich schon komplett steht. Mag sein, dass es im Laufe der Episoden noch zu den ein oder anderen Änderungen kommt, aber das hat dann meist sogar mit Fan-Feedback zu tun, was ich wiederum super finde.

      Auch “Broken Age” ist im Prinzip ja fertig, nur letztendlich so groß geworden, dass es wohl noch länger gedauert hätte, bis das Spiel vollständig rausgekommen wäre. Also hat man sich für diese Zweiteilung entschieden, was ich insofern in Ordnung finde, da man ja nicht mehr zahlt.

      Episodenspiele sind für mich eben gerade kein Beispiel für ein “DLC”, der nachgeschoben wird, um das unfertige Hauptspiel zu kaschieren, sondern eine völlig legitime Art, das Spiel in Häppchen abzuliefern. Bei den Telltale-Spielen läuft das bei mir ohnehin meistens darauf hinaus, dass ich just in dem Moment mit einer Episode fertig bin, wenn die neue in den Startlöchern steht. Das ist halt absolut vergleichbar mit TV-Serien – und trotz anfänglicher Skepsis bin ich überrascht, wie gut dieses Format auch im Spielbereich funktioniert.

      • Ist halt Geschmackssache bzw. wohl auch abhängig, wie man spielt.

        Die Episodenhäppchen sind für mich eben kein vollständiges Spiel. Gerade bei Telltale ist es ja so, dass sich erst die komplette “Season” tatsächlich wie ein fertiges Spiel anfühlt. Und wie gesagt, ich spiele gerade Adventures eher am Stück, d.h. meist so ca. eine Woche lang.

        Wenn ich erst einmal ein Spiel aufgehört habe, also Pause mache, dann fasse ich es (leider) nur noch selten wieder an. Deswegen habe ich viele Spiele dann auch leider nie durchgespielt. Ich muss mich also am Stück durchbeißen, sonst sehe ich wohl nie das Ende. Und gerade P&C Adventures ziehe ich deswegen meist so durch.

  3. maaaaaaaan ich will sowas auch im PSN. immer nur steam. *gruml*