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GOG.com: Liebeserklärung eines Spielerentners

Geschrieben von Sebastian
GOG.com: Liebeserklärung eines Spielerentners

Neulich machte ich eine neue Erfahrung bei der Vorbereitung auf mein nächstes Thema für Polygamia: So sehr ich mich auch anstrengte, es gelang mir nicht, einen nennenswert negativen Aspekt zu finden! Sollte mir tatsächlich meine über die Jahre hinweg antrainierte, kritische Objektivität verloren gegangen sein? Oder lag es vielleicht daran, dass der Inhalt meines neuen Textes in einem nicht zu unterschätzenden Maße auch mit nostalgischen Anwandlungen eines Spielerentners zu tun hatte, weswegen ich mir unbewusst eine rosarote Brille zum Schreiben aufgesetzt hatte?

Da sich meine Betrachtungsweise nachhaltig nicht ändern wollte, beschloss ich, statt einem Bericht einen Liebesbrief zu verfassen, weil ich nur diese Schriftform für geeignet hielt, um meinen Standpunkt zu diesem speziellen Thema zu verdeutlichen. Denn wenn nur Gutes und Schönes zu berichten ist, muss es sich wohl um eine Form von Liebe handeln…

„Liebes GOG.com,

seit rund 25 Jahren spiele ich Computerspiele und habe in all der Zeit wunderbare und denkwürdige Erfahrungen gemacht. Ich habe fantastische Länder bereist, ferne Welten vor einem bösen Schicksal gerettet, Truppen in epischen Feldzügen befehligt, Städte, Länder und Zivilisationen aufgebaut und zahlreiche Bestzeiten sowie Rekorde aufgestellt. Erstaunt habe ich miterlebt, wie kantig-charmante Pixelgrafik zum hochauflösenden Fotorealismus wurde. Und ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie sich ein knarziger Chiptune-Sound zu einer orchestralen Musikbegleitung wandelte.

Doch ich sah auch, dass all der beeindruckende Fortschritt durch die damit einhergehende Kommerzialisierung meines Lieblingshobbys dazu führte, dass die Kreativität in Spielen spürbar auf der Strecke blieb. Blicke ich heute auf die Liste meiner absoluten Spiele-Favoriten, stehen dort fast ausschließlich Spiele, die älter als zehn Jahre sind. „Ultima VII“, „System Shock“, „Thief“ oder das phänomenale „Deus Ex“ lassen mich heute noch angesichts unvergesslicher Erinnerung nostalgisch verklärt lächeln.

Das GOG-Softothek für Retro-Freunde

Seit jeher gibt es bekanntlich die Möglichkeit, diese Spieleklassiker nochmals zu erleben, doch geht das nicht ganz problemlos vonstatten.  Aufgrund der Unverträglichkeit der damaligen Software mit den heutigen Betriebssystemen muss entweder ein entsprechend konfiguriertes „Altsystem“ her oder der Umgang mit Emulator-Software geübt werden. Für ersteres habe ich keinen Platz, für letzteres keine Geduld, weswegen mir bis vor kurzem lediglich das Schwelgen in zeitlosen Spielemomenten blieb.

Doch dann – eines Abend, als ich ziellos im Netz in Retro-Inhalten stöberte – entdeckte ich Dich und konnte zunächst nicht glauben, was meine Augen da sahen: Du botst einen Großteil der Spiele zum Download an, die meine Kindheit und Jugend nachhaltig geprägt hatten, und zwar in Versionen, die ohne Probleme auch auf moderner Hardware funktionierten. So lief ich schon nach kurzer Zeit mit einem Tränenschleier vor den Augen durch die immer noch bildhübsche Landschaft von „Ultima VII“, ohne mich zunächst mit kryptischen Einträgen in Systemdateien herumschlagen zu müssen. Und dank der Goodies, die Du jedem Programm in digitaler Form beilegst, durfte ich sogar wieder einen Blick auf die lieb gewonnene Stoffkarte von Britannia werfen, auch wenn es sich letztlich nur um einen schnöden PDF-Scan handelte.

Der Avatar zieht in „Ultima VII“ durch Britannia – dank GOG auch auf modernen PCs.

Als ich die erste Packung Taschentücher durchgeschnieft hatte, entdeckte ich auf Deiner klar und übersichtlich strukturierten Seite weitere Schätze, zum Beispiel den unverdient unterschätzten Origin-Actionknaller „Crusader – No Remorse“. Hierzu hattest Du aber nicht nur den fantastischen Techno-Soundtrack ins Download-Paket gepackt, sondern auch gleich noch ein informatives und umfangreiches Interview mit dem Entwickler. Mit solchen Boni trägst Du nebenbei auch in nicht unerheblichem Maße zur Bewahrung der Geschichte von Computer- und Videospielen bei.

Für Dich ist es dann wohl schon fast Ehrensache, dass Du auch alle jemals erschienenen Erweiterungsinhalte zu einem Spiel anbietest. Das oft kontrovers diskutierte „Ultima VIII – Pagan“ bekommt man bei Dir mit voller Sprachausgabe und – für die Steuerung essentiell – allen erschienenen Patches, während sich Meisterdieb Garrett durch noch mehr schaurig-spannende Umgebungen schleichen muss, um das Ende von „Thief Gold“ zu erleben. Da sind die fünf bis zehn Euro, die Du in der Regel für Deine Angebote verlangst, wahrlich nicht zu viel und verleiten eher dazu, mal einen skeptischen Blick in Richtung AGBs zu werfen. Doch auch hier findet sich kein versteckter Haken, sondern vielmehr noch der Hinweis darauf, dass Du vollständig auf sämtliche digitalen Schutzmechanismen wie z.B. das berüchtigte Digital Rights Management (DRM) verzichtest. Und daran hast Du auch nichts geändert, als Du jüngst ein paar brandaktuelle Titel wie „The Witcher II“ oder „The Legend of Grimrock“ in Deinen Spielekatalog aufgenommen hast.  Da würde es mich mal interessieren, was Dich Deine Kollegen von Steam, Origin, UPlay und Konsorten bei der letzten gemeinsamen Kaffeerunde gefragt haben, denn bei denen steht „DRM-frei“ stellvertretend für einen wirtschaftlichen Schiffsbruch, herbeigeführt von unkontrolliertem Raubkopierertum.

Garrett auf – in diesem Fall missglückter – Diebestour im legendären „Thief Gold“

Aber ehrlich gesagt interessiert mich diese allgegenwärtige und nicht enden wollende DRM-Diskussion nur am Rande, wenn Du nur so bleibst wie Du bist. Du hast mich meine schönsten digitalen Erlebnisse wieder erleben lassen und mich darin bestätigt, dass die alten Klassiker mit fast jeder Neuerscheinung problemlos mithalten können. Wer da bei mir eine leicht verklärte Perspektive vermutet, soll sich die Downloadzahlen auf Deiner Seite mal anschauen und dann erkennen, dass auch die jüngeren Gamer bereit sind, die „ollen Kamellen“ zu entdecken.

Für all das danke ich Dir und gestehe Dir hiermit meine Liebe – bis dass der „Server down“ uns scheiden möge!

Dein Sebastian“

„Crusader – No remorse“: Unterschätztes Action-Juwel, ebenfalls bei GOG erhältlich.

Zugegebenermaßen schaue weiterhin etwas ungläubig auf diese Zeilen und verstehe nicht, wie ich so uneingeschränkt kritiklos werden konnte. Doch dann besinne ich mich darauf, welch schöne Stunden mir „GOG.com“ in den letzten Monaten beschert hat und komme doch hinter das Geheimnis! Beschreiben lässt sich das nicht, sondern nur erleben…

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Über Sebastian

Sebastian Schmucker erblickte 1975 das Licht der Welt im tiefsten Bayern, der Wahlheimat seiner Eltern. Diese sollte er erstmal lange Zeit nicht verlassen, was sprachlich aber keine Spuren hinterlassen hat...[weiterlesen]

Veröffentlicht am 26. Juni 2012

5 Kommentare zu “GOG.com: Liebeserklärung eines Spielerentners

  1. Ich mag GoG auch sehr, sehr gerne! Der größte Pluspunkt ist sicherlich, dass auf DRM verzichtet wird.

    Persönlich halte ich aber einige Preise für überteuert. Titel wie Baldur’s Gate 2 gab es schon vor Jahren auf Spielezeitschriften wie Computer Bild zum halben Preis.

    Aber um einige verpasste Klassiker nachzuholen ist es ideal! Obwohl ich allerdings ein Spiel nicht noch einmal kaufen würde, wenn ich es schon im Regal stehen habe. Wozu? Auch GoG verwendet nur DosBox und dank Internet kann man auch selbst seine alten Originale in wenigen Minuten reif für Win 7 bekommen und hat dann ggf. sogar noch mehr Möglichkeiten bei den Grafikoptionen.

    Mein GoG-Regal umfasst derzeit neun Titel – alle übrigens kostenlos, wobei ich nicht mal abgeneigt wäre, dort auch tatsächlich mal Geld zu lassen, das hat die Seite irgendwie verdient! Allerdings möchte ich bei einem Witcher 2 z.B. auf keinen Fall auf eine Schachtel und den Datenträger verzichten. Wenn ich allerdings ein aktuelles Downloadspiel kaufen würde, dann sicher dort.

    Als neueste Titel sind die raren Worlds of Ultima: The Savage Empire und Ultima Worlds of Adventure 2: Martian Dreams vor einigen Tagen kostenlos hinzugekommen. Unbedingt holen!
    Ansonsten habe ich dort schon abgegriffen: Fallout, Ultima 4: Quest of the Avatar, Dragonsphere, Teenagent, Beneath a Steel Sky, Lure of the Temptress und Tyrian 2000.

  2. @Spiritogre:
    Da haben wir beide fast die gleichen Titel in der Bibliothek, obwohl ich schlicht noch mehr habe. Gerade über die Ultima Worlds-Teile habe ich mich aber besonders gefreut, weil ich die Anno dazumal verpasst hatte und sie wirklich kaum zu finden sind.

    In Sachen Preise kann man darüber diskutieren, ob die Komplettausgabe eines Baldur’s Gate 2 für knapp 5 Euro zu viel ist. Klar gab es schon bessere Angebote, aber das Preis-/Leistungsverhältnis stimmt ja trotzdem, zumal GOG eben auch noch Boni wie den Soundtrack dazu anbiete, was auf den Zeitungseditionen wohl kaum vorhanden war.

    Und ich muss ehrlich gesagt sagen, dass ich gar kein Problem damit habe, die paar Euro für einen alten Klassiker hinzulegen, wenn er denn dann auch gleich spielbar ist – selbst wenn ich ihn ehemals im Regal hatte oder immer noch habe. Die zusätzliche Wertschätzung an ein zeitlos gutes Spiel ist es mir wert!

    • Ich denke, es kommt schlicht auf den Titel drauf an. Wenn ich wirklich Lust habe einen bestimmten(!) alten Klassiker zu spielen, den aber nicht greifbar oder noch gar nicht hatte, dann würde ich sicherlich auch ohne groß Nachzudenken 5 Euro oder so dafür bei GoG hinlegen!

  3. Madchaotikan schrieb am :

    Hi,

    ich bin gerade beim „ziellos im Netz in Retro-Inhalten stöbern“ und über deinen Artiekl gestolpert. Zusätzlich zu den Gratisspielen zäühlt meine Bibliothek mittlerweile stolze 21 Titel.

    Bei mir ist es so, dass ich viele gute Spiele, die ich mir seiner Zeit nur „ausgeliehen“ habe so noch einmal legal zulege – natürlich um Sie zu spielen. Damals war mein Taschengeld halt beschränkt und die hemmschwelle mit Titel von Freunden zu leihen eher gering.

    Ich finde die 5 bis 10€ übrigens sehr fair und mag auch den „Installieren-Fertig-Läuft“ Service.

    Einen Kritikpunkt habe ich jedoch:
    Ich finde es schade, dass offenbar nicht versucht wird auch lokalisierte Versionen anzubieten. Das wäre für mich das i-Tüpfelchen.

    Dabei fällt mir jedoch ein weitere Vorteil ein: Derzeit bekommt man immer nur die ungeschnittenen Versionen. Ich wußte zum Beispiel gar nicht, dass in Dungeon Keeper Blut fließt.

    mfg

    • Gut, das mit dem lokalisierten Versionen könnte man als kleinen Negativpunkt werten. Gerade bei der doch wirklich genialen Vertonung von Meisterdieb Garrett in den beiden ersten „Thief“-Teilen kann das fast als Manko gesehen werden, auch wenn ich grundsätzlich immer die Originalversion vorziehen würde (auch wegen der erwähnten „Schnitt“-Thematik).

      Ich denke einfach mal, dass sich der Mehraufwand nicht rechnet, die teils doch recht unterschiedlich veröffentlichten, übersetzten Versionen anzubieten. Damals gab es ja sehr selten den Luxus, einfach mal im Programm die Sprache umstellen zu können, sondern man musste ja wirklich das Spiel in der speziellen Sprachversion – also quasi als separates Stück Software – erwerben.

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