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Die besten Spiele dieser Konsolengeneration: Das Ende des klassischen Rollenspiels

Geschrieben von Andreas
Die besten Spiele dieser Konsolengeneration: Das Ende des klassischen Rollenspiels

Totgesagte leben länger! Wohl kaum ein anderes Spielegenre ist so unverwüstlich wie das das gute, alte Rollenspiel. Oft wurde es schon abgeschrieben, aber immer erlebte es ein Comeback und überdauerte sämtliche Konsolen- und PC-Generationen.Manche Fans behaupten aber, dass der Preis dafür zu hoch war. Statt anspruchsvoller Kämpfe wie in „Baldur’s Gate“ geht es heutzutage derbe zur Sache. „Erst Schlagen, dann Reden“ lautet das Motto moderner, hochpolierter Action-Rollenspiele. Der Erfolg gibt den Macher Recht. „Mass Effect“, „Skyrim“ oder „Fallout“ wurden zu Millionenhits und haben das klassische Rollenspiel nahezu komplett verdrängt.

Trotzdem lieben wir bei Poly Rollenspiele. Egal ob „emotionsgeladene und abwechslungsreiche“ Abenteuer im Weltraum, pralle Action mit einem unkonventionellen Hexenjäger oder eine ordentliche Portion Masochismus – die letzte Konsolengeneration wäre ohne Rollenspiel für uns undenkbar.

Sebastians Space Opera Deluxe: Mass Effect 2 – Das ganz große Action-Kino.

Das größte Missverständnis zu Bioware´s opulenter „Mass Effect“-Reihe ist sicherlich die Klassifizierung als Rollenspiel. Was dem ersten Teil vielleicht noch angeheftet werden kann, verschwindet spätestens beim direkten Nachfolger im allgegenwärtigen Action-Getöse, welches Charakterentwicklung und Inventarverwaltung fast vollständig von der Bildfläche fegt.

Mass Effect 2: Was für ein Spektakel. (Foto: Electronic Arts)
Mass Effect 2: Was für ein Spektakel. (Foto: Electronic Arts)

Darüber ließe sich nun nachhaltig maulen, doch bleibt mir hierfür gar keine Zeit, denn „Mass Effect 2“ jagt mich von einem spektakulären, emotionsgeladenen und abwechslungsreichen Handlungsabschnitt in den nächsten, sodass mir kaum Zeit zum Atmen bleibt. Das Kunststück besteht für mich dabei vor allem daraus, dass sich letztlich alles nur darum dreht, ein Team aus den entlegenen Ecken des Universums für ein Himmelfahrtskommando zusammenzustellen. Doch die Entwickler machen hieraus  ein Spektakel, welches oftmals selbst große Vorbilder wie „Star Wars“ oder „Star Trek“ mühelos in den Schatten stellt. Spätestens wenn sich die Crew in selbstmörderischer Absicht auf dem Weg zum großen Finale macht, bin ich selbst von so viel Pathos und Hingabe erfüllt, dass ich am liebsten vor all meinen digitalen Helden auf die Knie fallen würde. Das ist ganz großes Kino!

„Mass Effect 2“ überzeugt spielerisch mehr als sein Vorgänger, indem es auf weniger setzt und viele dröge Pausenfüller – wie die unsäglich generischen Nebenmissionen des ersten Teils – konsequent vermeidet. Kerninhalte wie das Entscheidungssystem und die Interaktion mit den Teammitgliedern sind hingegen noch um einiges glaubwürdiger ausgefallen als das ohnehin zuvor schon der Fall war. Somit braucht „Mass Effect 2“ für mich kein RPG zu sein – wenn es als Action-Titel derart überzeugt, gilt es für mich als eines der besten Spiele der letzten Technik-Generation!

Sebastian mag’s prall: The Witcher – Sex sells?

Die Entwickler von CD Projekt RED arbeiteten aber auch lange an The Witcher. (Foto: CD Projekt RED)
Die Entwickler von CD Projekt RED arbeiteten aber auch lange an The Witcher. (Foto: CD Projekt RED)

Für Rollenspieler gab es während der letzten Konsolengeneration einige neue Welten zu entdecken, doch keine davon war derart glaubwürdig und bot eine so eindringliche Atmosphäre anhand einer fantastisch erzählten, wendungsreichen Handlung wie die vom Hexer Geralt von Rivia in „The Witcher“. Die Umsetzung der Vorlage des polnischen Autors Andrzej Sapkowski ist trotz der alles andere als reibungslosen Entwicklungsgeschichte und der mit erheblichen Fehlern behafteten Release-Version zu dem spannenden Epos geworden, welches ich mir in den Jahren des Wartens erhofft hatte.

In Zeiten des Aussterbens klassischer Elemente im Rollenspiel vereint „The Witcher“ traditionelle Elemente wie eine komplexe Charakterentwicklung und ein umfangreiches Magiesystem mit modernen, eher action-betonten funktionen. Dem RPG-light-Modell verweigert sich das Spiel damit überwiegend, und es stört mich nicht die Bohne, dass auf eine Open World im Stile von „Elder Scrolls“ verzichtet wird. „The Witcher“ beweist vielmehr, wie viel Spannung und Abwechslung in einem Spiel mit klar begrenzten Bewegungsräumen stecken kann. Anstatt ziellos in einer nett anzuschauenden, aber oftmals leblosen Welt herumzulaufen, folge ich in den detaillierten Spielabschnitten einem klar ersichtlichen, roten Faden und werde dabei förmlich in die tiefgreifende Handlung hineingezogen. Für spielerische Freiheit sorgt „The Witcher“ anderweitig, nicht zuletzt durch die immer wieder auftretenden Entscheidungen, welche den weiteren Spielverlauf merklich beeinflussen.

Dass „Dark Fantasy“ nicht immer durch die Anzahl der abgeschlagenen Köpfe und der Blutmenge – wie in Bioware´s „Dragon Age“-Massakern – überzeugen muss, lässt sich durch „The Witcher“ eindrucksvoll bestätigen. Über den Sinn der eingebauten Sex-Abenteuers von Geralt von Rivia kann man sicherlich streiten, allerdings nicht über die authentische Darstellung des etwas anderen Protagonisten. Innerlich zerrissen, zwischen mehreren Loyalitäten schwankend, erbarmungslos und gleichzeitig äußerst reflektierend gehört Geralt zu den denkwürdigsten Hauptdarstellern eines Videospiels. Die grandiose englische Vertonung wird dabei zu einem weiteren Beweisstück für eines der besten Rollenspiele, welches ich jemals spielen durfte.

Andy (und Andreas) geben nie auf: Dark Souls – Die Kunst zu sterben

Zuckerschlecken sieht anders aus. (Foto: Namco Bandai)
Zuckerschlecken sieht anders aus. (Foto: Namco Bandai)

Spiele müssen Spaß machen – und dürfen nicht in Arbeit ausarten. So lautet mein eigens auferlegtes Mantra, vor dem ein Mann wie Hidetaka Miyazaki anscheinend keinen Respekt hat. Bereits “Demon’s Souls“ brachte die niedersten Wutinstinkte eines jeden Rollenspielers zum Kochen, dank einer Welt ohne Gnade, am Abgrund gebauten Wegen ohne schützendes Geländer und Endgegnern, die den Spieler mit einem Keulenschlag vernichten. Doch dieses Gefühl der Unbarmherzigkeit sollte mit “Dark Souls“ noch eine weitere Dimension erreichen.

Bereits die Idee, ein Rollenspiel praktisch ohne Geschichte auszustatten, dürfte jeden PR-Manager nach Luft ringen lassen. Den Spieler brutal mit jedem Tod zu bestrafen, ihn weite Wege zurückzuwerfen und akribisch gesammeltes Seelengut einfach wegzunehmen, geht ebenfalls streng gegen den Komfort der modernen Mainstream-Tage. Aber Miyazaki hat sich nie beirren lassen und deshalb nicht ein Mal, sondern gleich zwei Mal konsequent seinen Weg eingeschlagen.

Der klare Pluspunkt, weshalb Dark besser als Demon’s ist: Die Welt ist verzweigter, vielschichtiger und hinterlässt trotzdem einen nahtlosen “aus-einem-Guss“-Eindruck. Sie ist düster, beklemmend, fantasiereich und auch ein wenig träumerisch. Es ist ein echtes Abenteuer, das euch in seinen Bann zieht und bewusst zur Verzweiflung treibt. Spätestens wenn ihr zum 50. Mal von den Gebrüdern Smough & Ornstein gedemütigt werdet und direkt danach ein Gefühl der Gottgleichheit erfahrt, sobald er diese beiden Bastarde nach einem schweißtreibenden, halbstündigen Fight endgültig in den Boden gerammt habt, nimmt “Dark Souls“ auf ewig einen Platz in eurer All-Time-Classic-Liste ein.

Kurz: “Dark Souls“ ist brillant, weil es beklemmend, düster, episch, gemein, bösartig, unbarmherzig und gleichzeitig unglaublich befriedigend ist.

Polycast #2 – Die besten Spiele dieser Konsolengeneration: Das Ende des klassischen Rollenspiels

In entspannter Runde nuschelt Sebastian in sein Laptop, während Andy und Andreas „Dark Souls“ noch verarbeiten müssen. Aber wieso ist das Genre nicht klein zu kriegen? Wieso braucht kein Mensch Mikromanagement in RPGs? Gilt die Formel „einfacher = besser“? Und wieso haben JRPGs in dieser Konsolengeneration nichts zu melden? Fragen über Fragen…unser nächster Podcast.

Danke an pan:core für den Jingle!

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 26. Oktober 2013

9 Kommentare zu “Die besten Spiele dieser Konsolengeneration: Das Ende des klassischen Rollenspiels

  1. Werner schrieb am :

    Mass Effect 2 hat gezeigt. Wo hin sich Action (Shooter) Spiele bewegen könnten. Wenn Sie sich mal wagen würden, mehr auf Story wert zulegen.

    Denn ein Rollenspiel ist für mich ME2 auch nicht mehr. Dafür gibt es ja Witcher 1 und 2.

  2. Xenoblade Chronicles? Ni No Kuni? Trails in the Sky? 4 Heroes of Light? Golden Sun: Dark Dawn? Euer Rollenspielhorizont ist offenbar sehr auf den westlichen Markt beschränkt, wozu ich auch Dark Souls zähle, das zwar von Japanern entwickelt wurde, aber doch eher ein West-RPG ist. Das JRPG war vlt. nicht das größte Genre in der auslaufenden Konsolengeneration, dennoch gab es einige gute Spiele. Xenoblade Chronicles ist locker das beste JRPG dieser Generation und für mich und viele andere auch das beste RPG insgesamt. Ni No Kuni ist konkurrenzlos mein Spiel des Jahres, da kann keiner der überhypeten 10/10-Titel auch nur ansatzweise mithalten (wobei Bravely Default und Stick of Truth vlt. noch unter den Top 5 landen könnten).

    Ist natürlich auch eine Geschmacksfrage. Xenoblade Chronicles hat mich komplett umgehauen, Skyrim war gut, hatte aber gleich dutzende Fehler, die es mir dann doch immer wieder vergrätzen. Vlt. kommt da auch meine Japanophilie zum Tragen. Oder einfach die Tatsache, dass Xenoblade und Ni No Kuni die mit großem Abstand besten Soundtracks der gesamten Generation haben.

    Ich habe Mass Effect noch nicht gespielt und will es zwar nachholen, tue mich aber schwer mit dem Cover-Shooter-Gameplay. Story und Charaktere interessieren mich, das Spiel an sich ist da eher ein notwendiges Übel. Dragon Age Origins und II haben mich da schon deutlich mehr gereizt und ich persönlich bin ja auch einer der wenigen Fans des zweiten Teiles.

    • Tim, es wäre gut, wenn Du den Podcast an sich auch anhörst, denn wir haben durchaus auch über „Xenoblade“ und „Ni No Kuni“ diskutiert – und auch dargelegt, warum wir diese beiden sehr guten Spiele letztendlich nicht zu unseren persönlichen Topfavoriten zählen konnten.

      Natürlich ist das alles letztendlich Geschmacksache, deswegen ist das ja hier auch eine subjektive Aufstellung, die von den jeweiligen Autoren im Podcast dann noch erklärt und diskutiert wird.

      Zu Mass Effect lässt sich auch sagen (wie ebenfalls im Podcast zu hören), dass es für mich spätestens mit dem zweiten Teil auch kein Rollenspiel mehr ist. Allerdings ist die Handlung derart gut und komplex erzählt und – vor allem – die Charakterentwicklung brillan (nicht mit Charakterwerten, aber anhand der Story), dass ich hier durchaus noch RPG-Elemente im Vordergrund sehe. Ob man es sich jetzt Action-RPG oder Action-Spiel mit RPG-Elementen nennt, sei dahingestellt. Für mich persönlich trägt „Mass Effect 2“ immer noch klare RPG-Elemente in sich, weswegen es für mich auch in diese Kategorie gehört (wobei man generell auch mal über den Sinn von Kategorien nachdenken muss, bei all der Fülle an Genre-Mixes, die wir mittlerweile haben).

  3. Sehr schöner Podcast! Allerdings ein wenig kurz, da hättet ihr ruhig teilweise etwas mehr ins Detail gehen können und euch gleichzeitig vielleicht auch nicht so mit Mass Effect aufhalten sollen.

    Meiner Einschätzung nach haben JRPGs in dieser Generation das Problem, dass die japanischen Entwickler kein Geld für zeitgemäße Technik haben. Sicher stehen die japanischen Zocker zum Teil auch auf die altbackenen Spielmechaniken, gerade Dungeon Crawler sind im Land der aufgehenden Sonne angeblich ja recht populär. Und, für Handhelds wie PSP und 3DS kommen ja unendlich viele traditionelle JRPGs.

    Wo ihr völlig recht habt, dass ist die Streckung der Spielzeit. Man muss grinden, viele JRPGs ziehen sich irgendwann wie Kaugummi. Ich wäre mit 20 bis 30 Stunden Spielzeit oft völlig zufrieden, aber nein, die JRPGs strecken das auf das Doppelte oder gar noch mehr.
    Das spart den Entwicklern Geld und sie können eben sagen, sehr her, unser Game bietet ordentlich Spielzeit für’s Geld. Es ist ja auch leider so, dass die meisten Kunden eher auf Quantität und nicht auf Qualität schauen.

    Und die West-Konkurrenz hat ja auch mal Spieldauern von 100+ Stunden. Dabei muss man allerdings sagen, dass ein Dragon Age: Origin Ultimate Edition seine ca. 120 – 130 Stunden auch wirklich komplett mit Inhalt füllt, es kommt keine Langeweile und kein Grinding vor. Zu Lasten, wie viele meinen, von Freiheit und Erkundungsmöglichkeiten. Es gibt halt nur begrenzte Areale (und selbst die sind oft recht langweilig und gleichförmig designt). Gegenpol zu diesen linearen erzählerischen „Meisterwerken“ (mit Abstrichen) ist dann die Elder Scrolls Reihe. Offenes Erkunden steht im Vordergrund und (meiner Meinung nach) ist die Serie ein Sandkasten, in dem sich der Spieler seinen eigenen Charakter „lebt“ und seine eigenen Abenteuer macht (und deswegen ein reines PC Spiel für mich, denn die irre vielen Mods können die Spielzeit um ein Vielfaches strecken).

    Schade fand ich, dass ihr viele Titel wie die Two Worlds Serie, die wesentlich besser ist als ihr Ruf und gerade Gothic Fans ansprechen dürfte und m.M.n. sogar besser ist als die ebenso nicht erwähnte Risen Serie, nicht erwähnt habt. In dieser Generation gab es schon einige tolle RPGs neben Witcher, Kingdom’s of Amalur, Dragon’s Dogma, Divinity: Ego Draconis.

    Nicht alle sind so poliert und durchgestylt wie Mass Effect, das ließ alleine ihr Budget schon nicht zu. RPGs sind nämlich sicher schon mit die aufwendigst zu erstellenden Spiele und die Verkaufszahlen sind zu niedrig um die Welt von Skyrim mit einer längeren Story a la Dragon’s Age zu füllen.

    Achso, gute JRPGs die weniger bekannt aber durchaus gut sind:

    Resonance of Fate ist eigentlich prädestiniert für Dark Souls / Demon Souls Zocker, schon der erste Kampf ist nicht machbar, wenn man nicht genaue Taktiken anwendet – Ein Spiel aus der Hölle sozusagen und genau das Richtige für Masochisten und Hardcore-Gamer, die stolz auf das Erreichte sein wollen.

    Ar Tonelico Qoga: Wer mit völlig abgedrehten Humor klar kommt (Gegner werden auch mal in Tortenstücke verwandelt) aber dennoch eine irgendwie dystopische Story erleben möchte, der ist hier goldrichtig, auch die Spielzeit ist hier nicht übertrieben, soll so um 25 Stunden dauern.

    • Danke! Aber sieh es mal so: Der Podcast ist ja sowas wie unsere offene Beta;-) Unser Anspruch war es gar nicht alles abzudecken, denn dann würden wir heute noch darüber reden.

    • Hallo und auch von mir Danke für Deine umfangreichen Anmerkungen und die konstruktive Kritik! Wir hätten wohl noch ewig über einzelne RPG-Beispiele diskutieren können, wollten uns aber – anhand unserer ausgewählten Favoriten – auf ein paar Grundthemen (Kasualisierung, Sex sells, Probleme der JRPG, Rückkehr des Hardcore-Gaming) konzentrieren.

      Was man an Deiner Aufzählung an Beispielen für gelungene RPG der letzten Jahre sehen kann ist, dass es dem Genre wahrlich gut in der nun auslaufenden Technikgeneration ergangen ist. Und ich denke, dass die Rollenspieler auch in Zukunft nicht unbedingt Grund zur Klage haben werden, wobei ich schon sehe, dass immer mehr Titel, die eigentlich nichts mit RPG am Hut haben, viele RPG-Elemente aufgreifen. Ob angesichts dieser Entwicklung, die ja auch durchaus zur Steigerung des Spielumfangs beiträgt, das „klassische“ RPG ins Hintertreffen gerät, muss mal abgewartet werden.

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