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FIFA 15: Wo bleiben die Emotionen?

Geschrieben von Daniel

Liebes Entwickler-Team von FIFA 15!

Es war wieder einmal soweit: An einem lauen Spätsommertag habt ihr fast überall auf unserem Erdenrund eure Sportsimulation “FIFA 15” auf den Markt geschmissen. Das hatte nicht nur Millionen von Zockern aller Herren Länder entzückt, sondern mich auch sehr, sehr neugierig gemacht. Schließlich habe ich mit größter Freude das Glitch-Special kurz vor Erscheinen der 2015er-Version verfasst.

Oben: FIFA 14 - sagt EA! (Bild: Nintendo)
Oben: FIFA 14 – sagt EA! (Bild: Nintendo)

Zugegeben: Mein letzter eigener Kick auf eurem virtuellen Rasen liegt einige Jahre zurück. Vermutlich würdet ihr mich lieber mit Mülltonnen bewerfen, als das hier zu lesen, wenn ich auch beichte, dass der “aktuellste” Kick aus eurem Hause “FIFA 11” heißt.

Nun, das änderte sich ja mit dem Erhalt des Spiels. “FIFA 15”, nicht mehr auf der alten Generation von PlayStation 3, Xbox 360 und Co., sondern auf dem Weltraumforschungsabfallprodukt namens PlayStation 4. Die sieht nicht nur aus wie ein überdimensional großer Radiergummi, die hat auch määääääääächtig viel Power unter der Haube. Die ganze Rechenleistung will natürlich genutzt werden. Und was tut ihr? Ihr verbessert die Ballphysik. Schraubt die Anzahl der Polygone am virtuellen Haarschopf um den Faktor 10 hoch. Und kleistert ganze Stadien mit dreidimensionalen Fans voll. Nicht nur das, ihr lasst nun vor jeder Begegnung zwei bis drei Kamerateams synchron über die Halme spazieren. Warum auch immer. Situationskomik?

Toll ist auch, wie sich die Mannschaften verhalten, wie sie einander unterstützen, die Laufwege präzise aufeinander abstimmen und nun nicht mehr auf den klassischen Robben-Lauf vom Strafraumrand zum Elfmeterpunkt hin hereinfallen. All das ist prima. Und großes Lob gebührt euch für die akkuraten Trikots und den tollen Soundtrack in den Menüs. Das sollte hier Applaus geben, denn ihr nutzt all die Power, um den Spielablauf zu polieren. Da Briefe in der Regel nicht klingen, müsst ihr euch einfach mal vorstellen, dass da eine stumme, uniformierte Masse in der Fankurve rumsteht und applaudiert. Sagen wir Pinguine, die klatschen. Im Gleichtakt, ohne Emotion, ohne Regung, die starren einfach geradeaus. Wieso so ein drastisches Bild?

Weil euer “FIFA 15” ab und an mies ist. Nicht nur mies – es ist Kacke.

Schaut skeptisch, ist aber seiner Sache sicher... (Bild: 2K)
Schaut skeptisch, ist aber seiner Sache sicher… (Bild: 2K)

Schuld daran ist nicht der Fakt, dass ich nur alle paar Jahre ein neues FIFA kaufe, mich nicht in alle Details einarbeite oder gar, dass ihr den Spielablauf von Version zu Version perfektioniert. “Schuld” ist eure Konkurrenz von 2K, die mir Basketball näherbrachte. Eigentlich kann ich nichts mit dieser doch sehr amerikanischen Sportart anfangen. Fünf gegen fünf, da werden Körbe geschmissen und die Punktzahl schraubt sich binnen Minuten derart in die Höhe, dass meine fünf Finger pro Hand nicht ausreichen, um da noch mitzukommen. Das war und ist mir herzlich egal, da die “NBA 2K”-Serie vor allem eines transportiert: Emotionen! Ich fiebere schon beim Einlauf der Teams mit, lasse mich von der wild gestikulierenden Menschenmenge hinreißen, wippe mit dem Bein zu treibenden HipHop-Beats und genieße die TV-Einspieler, bei denen sich mein Team aufregt, freut oder den Schock eines heftigen Rückstands glaubwürdig durch die vierte Wand transportiert. Während mich Basketball als Sportart im TV anödete, riss es mich vor der PlayStation mit. Umgekehrt bei eurem “FIFA”: Ich liebe die Spiele der Nationalelf und auch alle Formen von Ausscheidungswettbewerben, ich mag das bisschen Drama vor und nach dem Spiel, die teils wilden, umso lustiger wirkenden Vergleiche alter Mannschaften mit heutigen Pendants. Hach… das rockt! Aber eure Kommentatoren liefern nicht nur beständig falsche Aussagen, sie sind viel zu brav, wenig bissig und wirken wie Aushilfsmoderatoren einer Schulkindersendung. “Hier, liebe Kinder, seht ihr mal, was ein echtes Tor ist. Huuuiiiii, und da – eine Flanke!” Na danke auch.

So beschissen eure Kommentatoren ihre Sprüche runterrattern, so mechanisch und berechnend sind die Torjubel – irgendeiner rutscht halt immer Richtung Eckfahne und wird dann von seinen Teamkollegen begraben. Hättet ihr euch doch mal Mühe gegeben, wenigstens den Einlauf und den Abgang ordentlich zu inszenieren! Aber nein, stattdessen die Sportvariante von “Täglich grüßt das Murmeltier”. Darauf kann ich verzichten.

Wieso tut ihr das? Weshalb saugt ihr alle Emotionen aus eurem Spiel heraus? Ich habe nur eine Erklärung, die in eurem PR-Sprech aus drei Buchstaben besteht: FUT. Das “Fifa Ultimate Team” ist die spaßbefreite Variante der Panini-Bilder unserer kollektiven Kindheit. Damals pappte man sich die Stars und weniger bekannten Spieler in ein Klebeheft, und wer das Glitzerbild der Meisterschale auf den ersten Seiten zu prangen hatte, war King of Schulhof.

Also, so würde den meisten Melkvieh auch gefallen... (Bild: Yatego)
Also, so würde den meisten Melkvieh auch gefallen… (Bild: Yatego)

Jetzt reiße ich virtuelle Tütchen auf und angle mir Fußballstars, die ich in meine Fantasie-Elf einbaue und dann gegen andere Spieler antreten lasse. Natürlich kann ich die virtuellen Tüten auch mit Ingame-Währung kaufen, was lange dauert, bevor ich eine ansprechende Zufallstüte erwerbe. Stattdessen soll ich die Abkürzung über mein Girokonto nehmen – dann schießt mein Geld vielleicht virtuelle Tore, füllt aber eure realen Bäuche. Klar, so schröpft man das Melkvieh Kunde auch über den Kauf der Vollversion hinaus und nimmt sogar die Käufer der Gebrauchtversion aus. Das alles, dieses FUT, ist so unemotional und repetitiv, so ernüchternd, dass mir der Spaß an eurer Ware vergangen ist. Ich will keine Fantasie-Elf, sondern Emotionen! Und davon nicht nur ein paar Tüten, sondern ganze Wagenladungen! Idee deshalb: Lasst mal die Jungs von 2K nur ein einziges “FIFA” machen – sie würden euch zeigen, wie Emotion wirklich geht.

Gruß,
Daniel

Über Daniel

Geboren 1985 in der graukalten DDR (dazu noch im Berliner Ghetto) strampelte sich Klein-Daniel '89 zur Mauer und riss das Ding kurzerhand ein. Nach der Wende: NES, SNES, MegaDrive, ADHS, N64, PSX und Co. bis er die nebenberufliche Laufbahn des Schreiberlings für Videospiele annahm. Das war ein Fehler. Für die teils erschrockene Leserschaft - nicht für Daniel.

Veröffentlicht am 19. Oktober 2014

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