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Endlich Gabriel Knight

Geschrieben von Andy

Endlich… endlich…. ENDLICH! Es hat 20 Jahre gedauert, aber endlich habe ich “Gabriel Knight – Sins of the Fathers“ durchgespielt. Keine andere “Lücke“ dürfte derart gewaltig gewesen sein, schließlich habe ich ansonsten nahezu alles Relevante gespielt, was irgendwie mit Point und Click zu tun hat – nur ausgerechnet niemals “Gabriel Knight“, einem der beliebtesten Genre-Klassiker überhaupt.

Das Original

Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier und heute geht es (noch) nicht um das Remake, das in gut einer Woche erscheint, sondern um das Original von 1993. Das wollte ich mir jedoch unbedingt vorher anschauen, bevor der Retro-Eindruck durch Polygone und gerenderte Hintergründe verwässert wird. Und im Nachhinein betrachtet wird mir so vieles klar: Nämlich warum so viele Nachahmer in den frühen 2000er Jahren unter so derb auffälligen Fehlern litten…

Ohne seine engen Kontakte bei der Polizei würde auch ein Gabriel Knight nicht weit mit seinen Nachforschungen kommen.
Ohne seine engen Kontakte bei der Polizei würde auch ein Gabriel Knight nicht weit mit seinen Nachforschungen kommen.

Nein, nein, nein: Es wird kein Verriss. “Sins of the Fathers“ ist wirklich gut, das kann ich nicht leugnen. Gabriel Knight ist ein leidlich erfolgreicher Autor und unverbesserlicher Schönling zugleich, der auf der Suche nach der großen Story ist. Fasziniert von den sogenannten Voodoo-Morden begibt er sich in eine Welt des Kults und der Mythen, die ihn dezent über die Grenze zur Übernatürlichkeit schielen lässt.

Die Atmosphäre profitiert maßgeblich von der wundervollen Grafik, die selbst heute trotz ihrer groben Auflösung Wirkung zeigt. Der Sound vereint sehr gute Kompositionen mit einer für die damalige Zeit aufwändig gestalteten Sprachausgabe – auch wenn die Erzählerin mit ihrem übertrieben theatralischen Akzent gehörig nervt und Tim Curry, seines Zeichens Synchronsprecher von Gabriel persönlich, mich in der mutmaßlich dramatischsten Szene zum Lachen brachte. Aber nun gut: Wir reden hier von einem Spiel Baujahr 1993 – und damals gab es ehrlich gesagt nichts besseres.

Dezenter Horror

Ich kann mir jedenfalls sehr gut vorstellen, wie “Sins of the Fathers“ zu seiner Zeit gewirkt haben muss. Mir gefällt besonders der “Horror“-Aspekt, gerade weil er so schön zurückhaltend und mehr in Richtung “Gruseln“ driftet. Hier nerven keine plumpen Schockeffekte, dafür glänzt eine glaubwürdig geschriebene Geschichte. Das Lob für Autorin Jane Jenson ist absolut berechtigt, und ich kann es kaum abwarten, mich in Kürze durch das bevorstehende Remake zu puzzeln.

Doch hoffentlich, hoffentlich, hoffentlich sind dort die Kinderkrankenheiten ausgemerzt. Die Spielwelt von “Gabriel Knight“ ist erstaunlich “offen“, im Sinne von: Es gibt relativ viele Orte, die ich gleich zu Beginn besuchen darf und auf den ersten Blick unabhängig voneinander erscheinen. Doch damit das Spiel einen Tag (gleichbedeutend mit einem Kapitel) voranschreitet, muss ich bestimmte Personen aufsuchen und mit ihnen reden. Welche das sind? Das wird nicht verraten, bis Gabriel plump nach Hause fahren möchte. Woran mich das erinnert? An einen vergleichbaren Zwang in “Black Mirror“, wo es an manchen Stellen nur dann weiterging, wenn ich bestimmte Objekte gesammelt hatte.

Oder wie wäre es mit den Instant-Death-Szenen, dank derer ich am finalen Tag ohne Vorwarnung einfach umgebracht werde, nur weil ich zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort bin? Erneut sehe ich Parallelen zu “Black Mirror“, gleichwohl der Nachahmer immerhin ohne Sackgassen auskommt. In “Gabriel Knight“ hingegen solltet ihr gegen Ende besser verschiedene Speicherstände anlegen, weil ihr sonst aufgrund einer versäumten Aktion ganz aufgeben könnt.

"Gabriel Knight - Sins of the Fathers" liegt viel Wert auf Dialoge, was die Auswahl an Gesprächsthemen beweist.
“Gabriel Knight – Sins of the Fathers” liegt viel Wert auf Dialoge, was die Auswahl an Gesprächsthemen beweist.

Das erste Gespräch zwischen Gabriel Knight und seiner Assistentin Grace hat mich wiederum aufgrund seines bemerkenswert unfreundlichen Tonfalls an “Black Mirror 2“ erinnert, das wiederum bei jedem Dialog für eine miese Grundstimmung sorgt. Dafür habe ich herrlich in der Szene gelacht, in der Gabriel Knight durch einen simplen Anruf bei einer Tierarztpraxis die Adresse einer Frau erhält, nur weil er den Namen ihres Hündchens kennt. Die Idiotie dahinter hat anscheinend auch Jane Jenson realisiert und vortrefflich in ihrem 13 Jahre später erschienen Adventure “Gray Matter“ parodiert.

Kleinigkeiten

Unterm Strich sind es eben die Kleinigkeiten und trivialen Ungereimtheiten, die mir während des Spielens von “Gabriel Knight“ aufgefallen sind. Zu Beginn könnt ihr zu Gabriels Großmutter fahren und sie ausführlich über seinen Vater und seinen Großvater ausfragen. Der Dialog hinterlässt den Eindruck, als ob Gabriel überhaupt nicht mit den beiden verwandt sei und/oder noch NIE in seinem Leben über die beiden gesprochen habe. Oder wie wäre es mit dem Drugstore-Verkäufer, der so tut, als ob er nix von dem ganzen Voodoo-Krams wüsste – und plötzlich wie aus dem Nichts einen französischen Satz von sich gibt. Der wiederum verrät sofort, dass der Verkäufer doch etwas mit der Mordserie zu tun hat oder zumindest in irgendeiner Form Bescheid weiß. Aber wenn er sonst so perfekt den Mundtoten mimt: WARUM ZUM GEIER PLAPPERT ER DANN ÜBERHAUPT DIESEN EINEN FRANZÖSISCHEN SATZ AUS???

Mit Abstand am merkwürdigsten ist Gabriels Chauvinismus und die damit zusammenhängende Lovestory, die sich das Spiel zusammenspinnt. Er lernt im Laufe seiner Nachforschungen eine Frau namens Malia kennen, die er wie alle anderen Personen über Gott und die Welt befragt. Weiterhin flirtet er mit ihr – was unglaublich gestelzt und falsch rüber kommt. Weil Gabriel auch noch bezüglich seiner wahren Identität lügt, ist Malia entsprechend wütend und schmeißt ihn raus. Doch nicht mal einen Tag später trifft sie ihn erneut, druckst verlegen herum, flüchtet regelrecht vor ihm, taucht abends vor seiner Wohnung auf und schläft mit ihm. Bitte…was?

Fehler der Vergangenheit

Wie gesagt: Im Nachhinein wird mir so einiges klar. Ich verstehe insbesondere die Machart hinter der “Black-Mirror“-Serie, weil sie nicht nur das Ambiente, sondern obendrein die ganzen Designmissstände von “Gabriel Knight“ geklaut hat. Deshalb macht es auch Sinn, weshalb so viele Genre-Fans die Fehler der 2000er Jahre Adventures so leichtherzig verzeihen konnten – sie waren schlicht nichts anderes gewohnt.

Noch euphorischer müssten beinharte Sierra-Fanatiker gewesen sein, denn die dürften “Gabriel Knight“ auch in spielerischer Hinsicht als eine Offenbarung gesehen haben. In der Tat ist es das logischste und nachvollziehbarste Abenteuer der Kultschmiede, das ich mir bislang ausführlich angeschaut habe. Obwohl ich aus Zeitgründen mit einer Komplettlösung spielte, habe ich schnell gemerkt: Ja, da hatten die endlich mal dazugelernt! Allein, dass sich die Problematik mit den Sackgassen auf die Schlussphase des Spieles beschränkt, ist für Sierra eine kleine “Revolution“ gewesen. Zudem ist mir kein Rätsel der Marke “Erschlage Troll mit Käseleib“ aufgefallen. O.k: Eine Tänzerin mit dem „Nehmen“-Icon zu berühren, damit sie beschämt ihren Umhang fallen lässt und ihr diesen dann nach einem Hinweis unter die Lupe nehmen dürft – das ist jetzt kein Geniestreich. Aber solche Schnitzer gehören zu den Ausnahmen.

Gabriel Knight schreibt nicht nur Bücher, er verkauft auch welche - zumindest versucht er es...
Gabriel Knight schreibt nicht nur Bücher, er verkauft auch welche – zumindest versucht er es…

Ist “Gabriel Knight“ eines der besten Adventures aller Zeiten, so wie es viele amerikanische Fanwebseiten preisen? Gott bewahre, nein. Niemals. Es ist gut, es ist wirklich gut. Aber die Fehler sind ebenso offensichtlich – und wurden auch bereits damals von dem einen oder anderen Rezensenten aufgedeckt, was die eher wenig enthusiastische deutsche Fachpresse beweist (das von mir genannte Rätsel hat beispielsweise bereits der ehrfürchtige Heinrich Lenhardt für die ergraute PC-Player aufgedeckt). Die war nämlich primär auf LucasArts-Abenteuer eingeschossen und legte viel Wert auf nachvollziehbare Logik. Sierra hatte wie gesagt für ihre Verhältnisse sichtlich dazugelernt – aber von der Skywalker-Ranch war man weiterhin meilenweit entfernt.

Nur in einer Hinsicht würde ich “Gabriel Knight – Sins of the Fathers“ in eine Genre-bezogene Top Ten wählen: rein der Story wegen. Die ist richtig gut und von ein paar seltsam inszenierten Subplots abgesehen hervorragend geschrieben. Und deshalb solltet ihr euch den 15.Oktober 2014 merken, egal ob ihr “Gabriel Knight“ bereits gespielt habt oder nicht: Dann erscheint das besagte Remake, das die Zeitlosigkeit der Geschichte unterstreichen dürfte.

Über Andy

Andreas “Andy“ Altenheimer wandelt seit 1977 auf dieser Welt, als „Star Wars“ und „Der Stadtneurotiker“ in die Kinos kamen, und fühlt sich wie eine Mischung dieser beiden Filmklassiker... [Weiterlesen]

Veröffentlicht am 8. Oktober 2014

Ein Kommentar zu “Endlich Gabriel Knight

  1. Zunächst zum Remake: Ich verstehe ehrlich gesagt den Sinn hinter solchen Billig-Remakes nicht!? Die Grafik des Remakes sieht schrecklich aus, selbst vor zehn Jahren sahen P&C Adventures schon wesentlich besser aus. Dass schlimmste ist aber, wenn man sich die bekannten Screenshots anschaut, es sieht nicht stimmig aus! Eher wie eine Collage verschiedener Stile, als hätten mehrere Designer 3D und 2D Objekte gebaut und irgendwer hat die dann auf dem Screen zusammen geklatscht.

    Jetzt zum Original. Wobei es ewig her ist, dass ich es gespielt habe. Ich habe die CD Version in so einer klappbaren Pappschachtel und schon Win 95 tauglich. Ich mochte das Spiel sehr gerne – wegen der Story! Die hat sicherlich ihre Macken und Logiklücken, war damals aber angenehm anspruchsvoll und erwachsen. Das war für mich ein großer Vorteil von vielen Sierra Spielen gegenüber den eigentlich immer kindgerechten Comedy-Adventures von Lucas Arts. Es fühlte sich einfach anspruchsvoller an. Dazu kommt, Angel Heart ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme, ich würde ihn tatsächlich in meine Top Ten rein nehmen, und Gabriel Knight ist zwar beileibe nicht annähernd so anspruchsvoll aber geht zumindest thematisch in eine ähnliche Richtung mit dem Voodoo-Krams.

    Die deutschen Wertungen damals sind allerdings schon in Ordnung. Das Spiel hat viele Sierra-Macken, die erwähnten Tode etwa. Bei Larry oder Space Quest gehörten sie zum Programm, weil es lustig war zu sehen, wie die Hauptfigur starb und dann den Kommentar dazu zu lesen. Bei GK war das eher nervig, im Vergleich allerdings zum Glück auch seltener. Das größte Manko das Spiels war das Absuchen des Bildschirms nach Hotspots und Items. Viele waren so winzig, dass man sie leicht übersah. Nervig! Ob die Rätsel an sich logisch waren oder aufgesetzt kann ich heute gar nicht mehr beurteilen, tippe allerdings, auch nach der Lektüre des Artikels, darauf, dass sie eher zur Marke “wir müssen Rätsel haben, egal was, Hauptsache es passt irgendwie”. Denn wie gesagt, die eine große Stärke des Games war die erwachsene Mystery Atmosphäre und die Story, etwas das man damals nicht oft zu Gesicht bekam.

    Dass Amerikaner, die vorher nur Monkey Island, Larry Laffer und King’s Quest kannten, deswegen das Spiel in den Olymp hypen und die Minuspunkte ausblenden, erscheint so ein wenig verständlicher.

    Lustigerweise muss ich sagen, dass europäische (auch deutsche) Adventures die amerikanischen schon vor über zehn Jahren in allen Bereichen und aber insbesondere im Bereich des Storytelling komplett überholt haben. Mag daran liegen, dass die Nische für P&C in den USA so klein ist. Aber amerikanische Adventures hängen oft nicht nur technisch sondern vor allem auch bei den Geschichten inzwischen völlig hinterher, die oft zu klischeehaft und kitschig wirken.

    So gesehen glaube ich z.B., ohne dass ich es jetzt probiert hätte, dass mir Gabriel Knight heute nicht mehr annähernd so gefallen würde, dass mir die Story in Zeiten von True Blood oder selbst Supernatural wahrscheinlich viel zu seicht wäre.

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