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Wertungen gekauft? So ein Unsinn!?

Geschrieben von Sven
Wertungen gekauft? So ein Unsinn!?

WAS??ß Wir sind nicht käuflich! Unsere Wertungen beeinflusst niemand! Wir sind leidenschaftliche Spieler, professionelle Redakteure, Blogger, Youtuber! UNBESTECHLICH!

Und wir…

… sind bei Vorschauen nur in Maßen kritisch, das heben wir uns vielleicht für den Test auf. Denn es ist schon prima, exklusive Preview-Fassungen von Spielen Monate vor dem Release zu bekommen.

…freuen uns, wenn wir tolle Gewinnspiele mit den Herstellern veranstalten können. Wir stehen auf Goodies. Unsere Leser, Zuschauer, Fans sowieso. Und das kann man im Rahmen einer Werbekampagne perfekt platzieren.

… hoffen stets darauf, dass wir zu den spektakulären Spielepräsentationen eingeladen werden. Auf Kosten der Publisher in die Wüste? Oder mit dem Schiff auf hohe See? Wer lässt sich so etwas denn entgehen? Wir können doch nicht den ganzen Tag im Großraumbüro sitzen.

… fühlen uns wichtig, wenn wir zu einem Event eingeladen werden. Früh mit dem Flugzeug los, am Mittag in einer schicken Location abhängen, feines Essen genießen und am Abend wieder zurück. Wie ein Leben auf der Überholspur, yeah!

… stellen uns bei Events freiwillig vor die Kameras der Publisher und sprechen begeistert von ihren Produkten. Wozu sie dies verwenden? Ach, egal. Wir vertrauen ihnen.

…. dürfen Artikel schon früher als im Embargo vereinbart und vor der Konkurrenz veröffentlichen, wenn das Ergebnis positiv ist und irgendwas über 80% am Ende steht. Zwei Wochen schneller als die Mitbewerber? Dafür müssen wir diesem Shooter aus Deutschland nur einen 90er aufdrücken…

… waren schon so häufig mit den netten Leuten von PR und Marketing einen saufen. Denen
möchten wir nicht wehtun.

… lieben die Geschenke der Firmen. Eine saucoole Figur oder ein grenzgeniales Presskit inklusive … was gleich nochmal…achja…dem Testmuster? Wow!

… stellen als Youtuber doch sehr gerne das vor, was uns die Firmen automatisch schicken. Unser Kanal ist zwar noch nicht so populär, aber hey – irgendwann einmal. Wenn uns schon die Spieleunternehmen unterstützen, sehen die ja auch, dass wir gut sind.

… wissen, dass wir bei Youtube vor Veröffentlichung eines Videos anklicken müssen, wenn wir Product Placement betreiben.

… sprechen vor Veröffentlichung eines Tests mit dem Produzenten des Spiels. Vielleicht entscheiden wir uns gemeinsam dafür, den Verriss doch nicht den Lesern vorzusetzen. Das ist nur im Interesse aller!

…. sollten aufpassen, dass wir nicht zu hart bewerten. Sonst bekommen wir zukünftig keine Testmuster mehr. Selbst kaufen ist doof und teuer. Außerdem wären wir dann langsamer als die anderen Magazine. Niemand möchte auf der Blacklist der Publisher landen.

… finden es voll okay, wenn in den Richtlinien für Embargos vorgeschrieben ist, worüber wir schreiben und was wir zeigen dürfen. Halten wir uns nicht daran, bekommen wir sicher keine Rezensionsexemplare mehr vor dem Erscheinen.

… finden Sponsored Posts / Advertorials voll okay. In Zeitschriften sehen sie wie Artikel aus, auf Webseiten ist das noch besser integriert. Stört das jemanden? Wir können damit unsere Kosten decken!

.. wissen, dass die Publisher seit vielen Jahren beste Beziehungen zu unserer Anzeigen-Abteilung pflegen. Die Spielekonzerne investieren richtig schicke Sümmchen und bezahlen somit unsere Gehälter. Das wissen wir, das muss uns niemand sagen.

… haben keine Schwierigkeiten damit, wenn unsere Marketing-Abteilung einen fetten Deal an Land gezogen hat und wir daraufhin zu einem Spiel tolle Specials, Vorschauen und rechzeitige Tests anbieten. Auf Top-Titel weisen wir doch sowieso hin.

Bestechlich? Wir? Also bitte! Wer kommt auf diesen Schwachsinn?

Um was geht’s hier eigentlich?

Wann beginnt Bestechung, wann endet sie? Inwiefern und wie üben Konzerne Druck bzw. Einfluss auf Redaktionen sowie die dahinter stehenden Unternehmen/Verlage aus? Fragen, die offenbar nicht so einfach zu beantworten sind. Gerade aktuell wird darüber vielfältig debattiert. Da haben wir beispielsweise auf der einen Seite den ehemaligen Giga-Mitarbeiter David Hain, der in seinem Youtube-Kanal nicht nur alleine über gekaufte Wertungen bei Spieletests spricht sowie vor dem Job als Spieleredakteur ausdrücklich warnt. Auch der ehemalige Redakteur Arnd Rüger hat eine Anekdote zu erzählen. Und auf der anderen Seite ist u.a. die Gamestar, die in ihrer Pilotfolge des neuen Youtube-Formats Feedback auf gewisse Stellung zu den „Käuflichkeits“-Vorwürfen nimmt. Letztlich liegt die Wahrheit – wie so oft – irgendwo zwischen den Auffassungen der jeweiligen Parteien. Ich für meinen Teil glaube aber schon, dass mit zunehmendem Erfolg eines Magazins, Blogs, Youtube-Kanals auch der Einfluss der Firmen (jetzt gar nicht mal auf Spielehersteller alleine bezogen) steigt bzw. das Bestreben, hier für positive Stimmung zu sorgen. Inwiefern sich dies auf Wertungen auswirkt? Das hängt zweifelsohne von den Redakteuren ab. Die sollten sich eventuell einmal fragen, ob sich bestimmte Bauchpinseleien nicht womöglich doch irgendwie auf eine Rezension auswirken könnten?

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 25. März 2014

11 Kommentare zu “Wertungen gekauft? So ein Unsinn!?

  1. Daniel schrieb am :

    Ich kenne einige Fälle von Redakteuren größerer Magazine, die jeden Trip begierig aufnehmen – deren Wertungen fallen dementsprechend aus. Pervers war der „Ausflug“ im Rahmen der Spec Ops-Kampagne…

  2. Toller Artikel, wirklich gut geschrieben :)

    Da du ja David Hain erwähnt hast, würde ich diese Ausgabe Almost Daily vom Kanal RocketbeansTV empfehlen, bei dem unter anderem er zu Gast war: https://www.youtube.com/watch?v=jLGABVfmjzc

    Hier wird stellenweise auch auf die Bestechlichkeit und vorallem auf den ,sowohl bewussten als auch unterbewussten Einfluss der PR-Abteilungen gesprochen.

  3. Azuris schrieb am :

    Tja so geht es heut zu Tage leider zu…
    Sag in deinem Kanal etwas schlechtes über ein Spiel und beim nächsten gibt es keine Vorabversion mehr ;)

    Was kann man da tun?
    Demos, ausleihen, spätere Berichte lesen.
    Nicht tun sollte man :
    Kommentare lesen, wenn dort geschimpft wird, dann auf die übertriebenste Art die es gibt ^^

  4. Das große Problem ist, man kann nicht vollständig unabhängig sein, wenn man auf Rezensionsexemplare angewiesen ist. Eigentlich müssten Testmagazine ihre Spiele normal kaufen. Nur dann erscheint der Test ja viel später als bei der Konkurrenz und ja, das Spiel kostet Geld. Wobei es durchaus aber auch „gute“ Publisher gibt, die ohne Murren Testexemplare bereitstellen, auch wenn mal eine Wertung nicht so hoch ausfällt.

    Ein Problem was Tester aber wahrscheinlich haben ist, dass sie Fans von einer Spielserie sein können und dann vielleicht zu positiv an einen Test rangehen, während bei einem unbekannten Produkt eines unbekannten Herstellers weitaus kritischer herangegangen wird.

    Und dann das schlimmste, was derzeit Trend ist, das hat nichts mit gekauften Wertungen in dem Sinne zu tun aber schlägt in die gleiche Kerbe. Tester testen für ihre Kunden. D.h. wenn ein Spiel bei einer bestimmten Konsumentengruppe einen bestimmten Hype / Hate ausgelöst hat, dann wird ein Test für(!) diese Gruppe geschrieben.

    Auffallen tut dies dann zum Beispiel bei Titeln wie der Dark Souls Reihe. Die Tests der ersten Teile fielen bescheiden aus. Dann kam der Shitstorm der dreieinhalb Fans und heute kassiert die Reihe, obwohl sich nicht so viel geändert hat, dann Traumnoten. Dies geschah auch schon bei anderen Spieleserien, die sich nach und nach etablieren konnten. Erst waren die Tests verhalten, weil die Tester nicht so genau wussten, wie sie das Spiel einordnen sollten, dann war es doch erfolgreich, ergo fielen die Tests der Nachfolger weiter positiver aus.

  5. Also, ich habe schon durchaus Fälle erlebt, bei denen selbst die größte PR-Aktion nicht über die Endqualität des Spiels – und deren gerechte Bewertung – entschieden hat. Bestes Beispiel war „Arma 2“, bei der Bohemia alle möglichen Pressevertreter für einige Tage ins „Boot Camp“ nach Prag geschickt hat – all-inclusive, versteht sich. Genützt hat es dem Spiel nicht, wie man bekanntlich weiß – und das Presseecho war damals ziemlich eindeutig, von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen.

    Ich denke, wie Sven schon schreibt, liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Und der Punkt, der von SpiritOgre angesprochen wurde, ist aus meiner Sicht entscheidend: Es liegt halt auch viel an der persönlichen Wahrnehmung und den Vorlieben des Testers. Wie oft ist es schon vorgekommen, dass Redakteure Spiele aus Genres getestet haben, die sie nur schlecht verstehen oder gar nicht mögen? Oder wie oft „zwingt“ uns die Subjektivität, Spiele von gewissen Herstellern von vornherein argwöhnisch zu betrachten oder auch blind hochzujubeln?

    Logischerweise will man es sich als Redaktion nicht vollkommen mit einem Publisher verscherzen, aber ich glaube nicht, dass da die Wertung immer die größte Rolle spielt. Denn wenn aufgrund schlechter Urteile plötzlich ein Embargo des Publishers / Entwicklers greifen würde, würde das diesem doch auf längere Sicht weitaus mehr Schaden zufügen. So was wird nämlich erst recht zum ausgewachsenen Shitstorm und kann eine ganze Reputation nach unten hauen…

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