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Weihnachten 1995: Das verkorkste Hockey-Fest

Weihnachten 1995: Das verkorkste Hockey-Fest

Im ausgehenden Jahr 1995 erschien EA Sports‘ Eishockey-Legende „NHL 96“. Nichts gab es damals, was ich hätte mehr besitzen und spielen wollen. Also kaufte ich mir das Spiel, sobald es mein damaliges Zivi-Gehalt hergab, und freute mich schon auf die ersten heißen Partien auf dem Eis. Dummerweise hatte ich aber eine kleine Hardware-Anforderung übersehen. Das Spiel benötigte unbedingt schnuckelige 8 MByte RAM. In meinem PC befand sich zu diesem Zeitpunkt aber lediglich die Hälfte der benötigten Speichermenge.

„Wie praktisch, dass bald Weihnachten ist“, dachte mein listiges Zockerhirn, und im Nu lag ich meinen Eltern in den Ohren. Sie bräuchten sich eigentlich gar nicht groß den Kopf darüber zerbrechen, was sie mir dieses Jahr zu Weihnachten schenken wollen würden. Ich hätte da schon eine Idee, würde auch alles selber besorgen, sodass sie keinen Fehlkauf riskieren würden, und natürlich auch alles erst brav am Heiligabend auspacken, bla-bla-bla…

Kurzum, ich konnte sie von meinem Wunsch überzeugen, obwohl mir heute die Erinnerung daran die Schweißperlen auf die Stirn treibt, wenn ich mir ausmale, was mir da noch als Vater von zwei Söhnen bevorstehen wird.

Das Objekt der Begierde zum Weihnachtsfest 1995
Das Objekt der Begierde zum Weihnachtsfest 1995 (Foto: EA)

Leicht hibbelig, aber doch familienkonform diszipliniert verbrachte ich Heiligabend mit den üblichen Familienzeremonien – Baum aufstellen, Baum kürzen (war einfach jedes Jahr zu hoch für unsere Wohnung), Baum schmücken, Christmesse besuchen, Weihnachtslieder in Richtung Pfarrer brüllen (die armen Banknachbarn hatten sicherlich auch eine andere Vorstellung von „Besinnlichkeit“), leckeres Essen genießen – bis mein nervöses Hin- und Hergerutsche auf meinem Stuhl am Esstisch schließlich meine Eltern davon überzeugte, dass nun die Bescherung anstehen solle. Sogleich stürzte ich unter den Baum, riss wie in Trance alle möglichen Verpackungen auf, registrierte beiläufig neue Pullover, Socken, Bücher und andere, liebevoll ausgesuchte Präsente, ehe endlich meine zwei zusätzlichen Speicherriegel zum Vorschein kamen.

Ich glaube, dass ich noch so anständig war und gefragt habe, ob ich dieses Geschenk gleich mal ausprobieren könnte. Ob ich die Antwort meiner Eltern wirklich abgewartet habe, bevor ich in mein Zimmer rannte, sei dahin gestellt. Im Eiltempo war der PC aufgeschraubt, die noch freien Speicherbänke lokalisiert und mit den beiden Riegeln – mittels leichtem Druck – bestückt. Nachdem ich die Abdeckung im Formel 1-Boxenstopp-Tempo wieder angeschraubt hatte, kam der große Moment: PC einschalten und auf die Überprüfung des Arbeitsspeichers warten, der endlich die gewünschte Zahl von weit über 8.000 Kbyte anzeigen sollte.

Doch – nichts dergleichen passierte! Vielmehr begrüßte mich mehrfaches PC-Speaker-Piepen und eine Meldung über einen schweren Systemfehler. Ungläubig startete ich den PC nochmal kalt, nur das brachte auch keine Verbesserung der Lage, geschweige denn meiner Laune, die sich mittlerweile in tiefsten Kellergewölben befand. Unwirsch schraubte ich alles wieder auf, überprüfte den Sitz der Speicherbänke, drückte nochmal „sanft“ auf beide RAM-Riegel und kontrollierte alle Kabelverbindungen. Aber all das brachte meinen PC auch nicht zum Booten!

So hätte der Abend eigentlich aussehen sollen...
So hätte der Abend eigentlich aussehen sollen… (Foto: Mobygames.com)

Statt also das Fest der Liebe mit gepflegten Bandenchecks zu verbringen, säuerte ich vor mich hin und ging mit hängendem Kopf zurück zu meinen Eltern. Dass die sich ganz besonders über meine passende Festtagslaune freuten, kann man sich gut vorstellen, denn Sohnemann war wirklich untröstlich an diesem Abend. Verstärkt wurde meine persönliche Misere nämlich noch durch die Gewissheit, dass nach Heiligabend erst mal zwei weitere Feiertage folgen, was einer schnellen Diagnose und Reparatur durch den Fachbetrieb meines Vertrauens im Wege stand.

Am Ende rettete mich der Schwager meiner damaligen Freundin, der am 1. Weihnachtstag kurz zu Besuch kam. Er fand heraus, dass mein „sanftes Aufdrücken“ der Speicherriegel bei einer der Speicherbänke dazu geführt hatte, dass mehrere der Verbindungs-Pins umgebogen waren, was einen reibungslosen Betrieb des Systems nicht zuließ. Am Abend des 1. Weihnachtstag flogen somit nicht nur die ersten Eishockeyspieler in die Banden, sondern auch meine Ambitionen als Hardware-Schrauber endgültig aus dem Fenster – insbesondere um der Ruhe und des Friedens an Weihnachten willen!

Euch allen fröhliche Weihnachten…

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Über Sebastian

Sebastian Schmucker erblickte 1975 das Licht der Welt im tiefsten Bayern, der Wahlheimat seiner Eltern. Diese sollte er erstmal lange Zeit nicht verlassen, was sprachlich aber keine Spuren hinterlassen hat...[weiterlesen]

Veröffentlicht am 24. Dezember 2012

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