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Weihnachten 1991. Ohne Super Mario

Geschrieben von Sven
Weihnachten 1991. Ohne Super Mario

Winter im vereinten Deutschland. Der Kalender zeigte das Jahr 1991. Die sagenumwobene Wende hatte Spuren hinterlassen. Ich besaß ein Nintendo Entertainment System. Nintendos grauer Wunderkasten bereitete mir viel Spaß. Häufig auch bei anderen. Nach der Schule spielte ich mit meinem Klassenkameraden ständig „Super Mario Bros. 3“. Nur wieso besaß das Frank und nicht ich? Eigentlich mochte ich ihn nicht sonderlich, aber seine Eltern hatten ihn mit der neuesten Ausgabe des Klempners beglückt. Irgendwann im Herbst muss das gewesen sein. Ich genoss die tollen Abenteuer des kleinen Mannes und seines Bruder. Es gab ja einen Mehrspielermodus. Wenigstens stand mir Frank in diesem nicht im Weg. Schade, dass die Kabel der NES-Controller so kurz waren. Denn so saß Frank etwas zu nah bei mir….

Das Objekt meiner Begierde: Super Mario Bros. 3
Das Objekt meiner Begierde: Super Mario Bros. 3

Weihnachten näherte sich. Und es war ganz klar, was gefälligst unterm Baum zu liegen hatte. „Super Mario 3!“. An die 100 DM kostete die knallgelbe Unterhaltung. Aber sie war jeden Pfennig wert. Davon war ich felsenfest überzeugt, obwohl ich ja schon vieles vom Spiel kannte. Brav äußerte ich meinen Wunsch, die Eltern sollten ihn erfüllen. Prima. Das Fest konnte kommen. Doch dann…tja…

Friede, Freude, Stollen. Ich erinnere mich nicht mehr an Details, nur an meine große Begierde. Mein Geschenk. MEIN SCHATZ! Mario! Die Bescherung stand an. Ich war sicher, das Richtige zu erhalten. Ich hatte es ja oft genug gesagt, dass ich nichts anderes wolle.

HILFE?!!!!!!!!!!!! WAS ZUM TEUFEL? DAS KANN NICHT WAHR SEIN! Der Schock saß tief. Kein Mario steckte im Geschenk. Sondern etwas anderes. Ja, ein Spiel. Ja, für mein NES. Nur wo war die leuchtende Packung? Stattdessen glotze mich blöd ein Typ in roter Kleidung an. Auf der futuristischen, ziemlich abstoßenden Hülle. Meine Eltern hatten mit meinen glänzenden Augen gerechnet, stattdessen starrte ich erschrocken auf die Schcachtel von „Kabuki Quantum Fighter“. Wünschte ich mir das? Was sollte „Quantum Fighter“ sein? Ich hatte nie etwas von diesem Stück Software gehört. Und ich hasste es. Mario? Wo war Mario? Ich glaubte kurzzeitig an einen Scherz, doch dann die Reaktion: „Mario gab’s nicht mehr bei Horten. Da haben wir das genommen…“

Blasphemie hätte ich geschrienen, hätte ich das Wort damals gekannt. „Quantum Fighter“ konnte doch keinen Prinzessinnen rettenden Helden ersetzen. Von Pilzen und Luigi war auch keine Spur. Was für eine Frechheit! Völligstes Unverständnis dürfte mein Gesicht ausgedrückt haben. Zu Recht! Ich war allerdings kein Unmensch. Ich heuchelte einen Hauch von Dank.

Und das bekam ich zu Weihnachten 1991: Kabuki Quantum Fighter. Immerhin: Das Studio entwickelte später zig Mario-Spiele
Und das bekam ich zu Weihnachten 1991: Kabuki Quantum Fighter. Immerhin: Das Studio entwickelte später zig Mario-Spiele

Ich gab „Quantum Fighter“ eine Chance. Und tatsächlich. Ich hasste es! Beim Spielen. Bockschwer, grafisch finster und musikalisch gruselig. Dazu besaß der Protagonist bescheuerte Fähigkeiten. Mit seinen Haaren schlug er maschinelle Gegner zu Brei? Und er musste klettern, sich rumhangeln und mit komischen Dingern um sich werfen? Was für eine Scheiße! Ich wollte Mario mit seinen Blumen, Extraleben…und…er konnte sich doch so cool verwandeln und rumfliegen. Ich stand den Tränen nahe.

Weihnachten ging vorbei. Ohne „Super Mario Bros. 3“. Und langsam freundete ich mich mit „Kabuki Quantum Fighter“ an. Colonel Scott O’Connor war okay. Es brauchte Zeit, um mit diesem modernen Plattform-Titel warm zu werden.  Mario hatte sich einfach zu sehr in den Kopf gebrannt.

Es verflogen wieder etliche Monate. Und irgendwann bekam ich auch mein „Super Mario Bros. 3“. Allerdings kaufte ich mir das selbst – für das SNES in Form von „Super Mario Allstars“. „Kabuki Quantum Fighter“ spielte ich erstaunlich lange. Ich habe es noch. Oder besser gesagt wieder.  Um 1999 herum erwwarb ich es auf einem Flohmarkt für ein paar DM. Damals zeigte ich es einem Freund, der meine nostalgisch verklärte und irgendwie total widersinnige Begeisterung nicht verstehen wollte. Seitdem liegt es im Regal und weckt regelmäßig Erinnerungen. An ein enttäuschendes Weihnachtsfest, als ich noch jung war. Und daran, dass „Kabuki Quantum Fighter“ eine zuvor nie gekannte Hassliebe weckte. Die konnte einige Jahre später nur die erste richtige (Ex-)Freundin toppen…

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 24. Dezember 2011

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