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Two Worlds 2: Der Weg ist das Ziel

Geschrieben von Andreas

Es ist ein Missverständnis, dass gute Rollenspiele eingängig sind. Stattdessen ist es harte Arbeit, sich von einem Level zum Nächsten zu hangeln. Da steckt Frust, Leidenschaft und Hartnäckigkeit drin – genauso wie im richtigen Leben.

Ich war Kerkermeister und habe danach einen Sohn Bhaals besiegt. Ich bin Jahre später (?) von der Endar Spire geflohen und habe die Insel Khorinis mehrmals überquert – das alles waren große Spieleerlebnisse für mich, aber ihr Anfang war für mich immer mühsam. Bedienung, Spielmechanik oder einfach nur Geduld waren für mich am Beginn die größten Hürden.  Danach hielt die Liebe zu diesen Spielen aber länger, als bei leichter zugänglichen Titeln. Die logische Konsequenz daraus: „Diablo“ oder „Mass Effect“ habe ich gespielt, aber schnell wieder vergessen. In den letzten Jahren hat mich nur „Dragon Age“ in seinen Bann gezogen und das erste „Two Worlds“ fand ich interessant bis es sich schnell als ziemlicher Mist entpuppte: ambitioniert, aber alles andere als „fertig“. Erst nach unzähligen Patches war das Spiel auf einem halbwegs vernünftigen Niveau, aber da hatte ich längst die Lust verloren. Das Eigenartige daran: „Two Worlds“ verkaufte sich angeblich fast 3 Millionen Mal. Macht die Fortsetzung nun alles besser?

Two Worlds 2 - Geheimtipp oder Flop?

Zunächst muss man den Anfang überstehen. Die Story strotzt vor Klischees: Helden haben die dicksten Rüstungen und Frauen die dünnsten Kleider. Nüchtern betrachtet ist das zielgruppengerechtes Storytelling und zumindest lenkt es nicht vom Spiel ab. Die Handlung spielt ein paar Jahre nach dem ersten Teil und der Held und seine Schwester Kyra sind Gefangene des fiesen Zauberers Gandohar. Der will mit Kyra irgendein Ritual durchführen und schnell landet man im Kerker, aber dank ein paar Orks gelingt die Flucht. Das zumindest ist ein Novum – eine Allianz mit den Standardbösewichten des Fantasy-Genres. Kurz danach macht sich der Held auf die Reise über die Inseln von Antaloor um Gandohar zu besiegen. Diese Geschichte wurde so ähnlich schon oft erzählt und wenn sich unser Held in einige der 200 Nebenquests verirrt, bereut man das nicht. Das ist gut so, denn diese Quests sind die Höhepunkte des Spiels. Dungeons säubern, Tiere suchen oder eine Vorlesung an einer Universität halten – die Macher bieten abwechslungsreiche Aufgaben, die sich teilweise sogar zu einer kleinen Geschichte entwickeln. Der Hauptplot gerät dabei zur Nebensache.

Die Landschaft ist wunderschön - was man von den Animationen nicht behaupten kann

Bevor man sie genießen kann, gibt es eine ganze Liste von Stolpersteinen. Das Tutorial in dem man aus dem Kerker flieht und auf einer Insel die grundlegende Steuerung lernt, ist furchtbar öde. Die Stimmen der Figuren (u. a. Dietmar Wunder, der Synchronsprecher von Daniel Craig und Adam Sandler) sind hervorragend ausgewählt, aber die Animationen in den Gesprächen sind abgehackt und unrealistisch. Das Reiten ist ein Paradebeispiel, wie man ein simples Spielelement unnötig komplizieren kann und das Musik-Minispiel im Stil von „Guitar Hero“ ist in dieser Fantasywelt unpassend. Am deutlichsten wird es aber beim Kampfsystem: Einerseits gibt es eine Zielfunktion, aber die wechselt sobald man die Blickrichtung ändert. Andererseits wählt der Spieler in der Kampfleiste erst die Spezialattacke oder den Zauberspruch aus und aktiviert ihn erst danach mit einem weiteren Mausklick. Mitten im Gefecht sorgt das für unnötigen Ärger. Der Kampf an sich erinnert an „Diablo“ und setzt auf simples Knopfdrücken. Die Gegner-KI verdient den Namen nicht und öfters bleiben die Feinde einfach irgendwo stecken. Das wirkt am Anfang wie eine spielerische Katastrophe, aber man gewöhnt sich daran. „Two Worlds 2“ hat andere „innere“ Werte.

Es gibt viel zu tun in Antaloor

Das Hochleveln ist gelungen. Bei jedem Levelaufstieg gibt es zwei Arten von Bonuspunkten. So kann man grundlegende Parameter wie Lebenskraft, Manavorrat oder Präzision verbessern und einzelne Skills individuell abstimmen. Wer will kann sich auf einen Krieger spezialisieren oder eine Mischklasse zwischen Magier und Dieb erstellen. Die Klassenwahl wird wie in „Gothic“ dem Spieler überlassen, aber grundsätzlich wird es ein Krieger mit dicker Rüstung am Anfang leichter haben sich durch Skelette, Riesenskorpione oder sonstiges Getier zu schlagen. Dafür legt ein Magier später gewaltig zu und kann mit seinen Flächenschäden ganz Horden von Angreifern besiegen. Er spielt sich in meinen Augen auch deutlich interessanter und anspruchsvoller, als ein Krieger, denn am ständigen Mausgeklicke ändert sich wenig. Das ist übrigens ein typisches Problem vieler moderner Rollenspiele, denn individuelle Kampfstile sind kaum möglich. Vielleicht sollte man den Entwicklern eine Kopie von „Severance – Blade of Darkness“ schicken, damit sie sehen, dass Action und Taktik auch im Schwertkampf funktioniert.

Es gibt viel zu entdecken

Glücklicherweise gibt es ja das Crafting-System. Fast jede Waffe oder Rüstung lässt sich in seine Einzelteile zerlegen und neu schmieden. Mit der Alchemie lassen sich irrwitzige Tränke zusammenbrauen (ein 400-Meter-Sprung plus Heilung – bitte) – alles schön und gut, aber für mich war der Höhepunkt das Magiesystem, das etwas an ein Sammelkartenspiel erinnert. Jeder Zauberspruch setzt sich aus einer Wirkungskarte, einer Trägerkarte und Modifikationskarten zusammen. Die erste legt die Magieschule, also Feuer oder Wasser fest und die Trägerkarte die Form, wie beispielsweise Geschoss, fest. Die Modifikationskarten fügen dann entscheidene Boosts hinzu. Das Schöne daran: Der Spieler findet keinen „fertigen“ Zauberspruch, sondern er baut sich jeden einzelnen Spruch selbst zusammen. Das klingt kompliziert (und das ist es auch) aber dadurch bieten sich unzählige Möglichkeiten. Aus einem Heilungs-Spruch kann durch einen Schadensmodifikator ein tödliches Geschoss werden oder ein einzelner Feuerball kann sein Ziel verfolgen. Natürlich kommt man im Spiel weiter, wenn man nur grundlegende Sprüche benutzt, aber so verpasst man eines der wichtigsten Spielelemente. „Two Worlds 2“ ist ein Baukasten zum Experimentieren.

Two Worlds 2 ist nichts für Gelegenheitsspieler

Alles zusammengenommen ist Reality Pumps zweiter RPG-Versuch kein „großes“ Rollenspiel geworden, aber ein sehr gutes. Casual-Freunde werden schnell das Weite suchen, denn ein Spieler muss sich in dieses Abenteuer einarbeiten, wenn er es genießen will. Wer hier nur schnell durchspielen will, ist fehl am Platz, denn man kann mit den Nebenquests weit über 30-40 Stunden in Antaloor verbringen – „Two Worlds 2“ ist vom Umfang her enorm und kann sich zum Zeitfresser entwickeln. Zudem ist das Spiel ein echtes „Monster“ in Bezug auf Crafting und Magiesystem. Open-World bedeutet hier nicht nur die Lande zu rennen, sondern auch Experimentierfreudigkeit. Natürlich besteht so die Gefahr, dass man auf einen Zauberspruch stößt, der alle Probleme löst – ich habe ihn nicht gefunden, aber auszuschließen ist es nicht. „Two Worlds 2“ ist weit davon entfernt perfekt zu sein, sondern wirkt eher wie der ungeliebte Cousin von „Gothic“. Es ist dreckig, schlampig, aber manchmal genial.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 27. November 2010

6 Kommentare zu “Two Worlds 2: Der Weg ist das Ziel

  1. vaneyk schrieb am :

    @Sven

    Als absoluter Morrowind Verehrer, dem Oblivion nicht gefallen hat (belanglos), welches Spiel würdest du empfehlen?

    Two World 2 oder Dragon Age?

    Es geht mir vor allem darum, zu entdecken und nicht um Kämpfe etc.

    Bis Elder Scrolls 5 dauert es ja noch ein bisschen…

  2. Das ist ne schwierige Frage, vielleicht hätte Andreas, der Autor vom TW2-Artikel, ja die passende Antwort? Persönlich würde ich wohl Dragon Age sagen, das Spiel ist auf gewisse Weise wohl auch etwas eingängiger. Aber evtl. solltest Du auch mal Richtung The Witcher schauen…oder halt die Gothic-Reihe?

  3. @vaneyk

    In der Tat eine schwierige Frage. 2 Worlds 2 ist ohne Frage ein sehr schönes RPG, aber Dragon Age spielt schon in einer anderen Liga. DA ist der inoffzielle Nachfolger eines der besten RPGs aller Zeiten – Baldur's Gate. Wenn du das gemocht hast, kannst du bedenkenlos zu DA greifen. Vom Look&Feel ähnelt 2 Worlds 2 aber eher Morrowind.

    Bei 2 Worlds 2 gibt es viel zu experimentieren (Magie, Waffen, Alchemie)und es ist ziemlich groß, aber es gibt auch unsinnige Sachen wie die Minispiele, das Reiten, das Segeln oder der MP. DA wirkt in allen Belangen etwas ausgereifter (Figuren, Story, Welt, Kampfsystem), aber auch konservativer. Da wurde ein bewährtes Konzept gekonnt in das Next-Gen-Zeitalter verlegt.

    DA ist in meinen Augen ein RPG-Meilenstein, den jeder Rollenspiel-Fan mal gespielt haben sollte. 2Worlds 2 bietet dagegen mehr zum Entdecken, aber auch zum Ärgern. Beide Spiele bieten auf jeden Fall Spielspaß für Wochen. Da DA momentan günstig zu haben ist, würde ich dir zunächst dazu raten.

  4. vaneyk schrieb am :

    @ Andreas

    Vielen Dank für deine ausführliche Antwort!

    Beide Spiele klingen nach deinen Aussagen recht vielversprechend. Das habe ich so nicht gedacht. Ich bin immer davon ausgegangen, dass es sich bei beiden um unglücklich gemachte Nachfolger handelt. Wenn sie beide so gut sind, dann entscheide ich gleich am Regal im Elektromarkt nach Ene-Mene-Muh.

    Kann man DA und Two Worlds 2 eigentlich auch aus der Ego-Perspektive spielen? Auf Youtube sieht man immer die Perspektive, die hinter oder über dem Charakter eingestellt ist.

  5. @vaneyk

    Nein, es gibt keine Ego-Perspektive. Ein wichtiges Element habe ich noch vergessen: In 2 Worlds 2 bist du immer alleine unterwegs, bei DA steuerst du eine Gruppe. Dabei kannst du von einer 3rd-Person-Perspektive in eine Totale (wie in Baldur's gate od. Diablo) wechseln. Bei beiden Spielen würde ich übrigens die PC-Version vorziehen,aber das ist Geschmackssache. Die PS3-Version von DA soll technisch ziemlich schlecht sein, aber das kann sich inzwischen durch Patches geändert haben.

  6. vaneyk schrieb am :

    @Andreas

    Gut, dass du mir das mit der nicht vorhandenen Ego-Perspektive mitgeteilt hast. Da ich knapp 5 Jahre Morrowind aus der Ego-Perspektive gespielt habe, mag ich einen anderen Blickwinkel auf die Umgebung nicht.

    Dann warte ich doch bis November 2011 auf Elder Scrolls 5, und hoffe, dass es besser wird als Oblivion.

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