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To the Moon – oder wie ein Ersteindruck verdammt nochmal täuschen kann

Geschrieben von Andy
To the Moon – oder wie ein Ersteindruck verdammt nochmal täuschen kann

Auf der Suche nach den GOTYs 2011: Wie jedes Jahr schaue ich mir im Dezember und im Januar all das an, was der Zeitplan die Monate zuvor nicht zuließ. Und Spiele wie “To the Moon“ bekräftigen dieses Ritual. Denn ansonsten würde ich solch kleine Meisterwerke vielleicht gar nicht mehr entdecken.

In einer Zeit, in der Spiele im Sekundentakt erscheinen und Millionen von Euros/Dollars/Yens während der Entwicklung verbraten, da gibt es eigentlich nur noch zwei Indikatoren, die mich besonders neugierig machen: ein guter Soundtrack und ein stylischer Retro-Look. “To the Moon“ verspricht beides, zumindest schaut es wie ein altes SNES-RPG aus und die Musik wurde bereits kurz nach Release kräftig gefeiert. Zuerst erstand ich auch gar nicht das Spiel selbst, sondern den Soundtrack (ja, ich tue so etwas). Und diesen entlarvte ich auf den ersten Blick als… eine fette Enttäuschung.

Träumen unter dem Sternenhimmel. (Bild: Freebird Games)

Mein erster Gedanke: Da wollte Kan Reives Gao, der das Spiel vornehmlich entwickelte und sich ebenfalls für die Musik verantwortlich zeichnete, hörbar zu viel. Ich habe nichts gegen Synthie-Orchester, das Ergebnis muss nicht einmal “echt“ klingen. Aber es sollte authentisch wirken, sprich: Ich muss die Bläser, die Streicher und die Schlagzeuger “spüren“. Der OST zu “To the Moon“ hingegen hörte sich nach dem einmaligem Durchhören überambitioniert an – gut gemeint, aber ohne die nötigen Mittel für den Feinschliff. Nur die Klavierstücke überzeugten mich von vornherein, weshalb ich zaghaft über das Lob meiner geschätzten Kollegen ätzte… ein Verhalten, dass ich im Nachhinein zutiefst bereue.

Johnny liegt im Sterben – er ist ein alter Mann, der ein langes Leben hatte und den nur noch ein Wunsch plagt: Er möchte gerne zum Mond reisen. Dies ist kein unmögliches Unterfangen, denn die Sigmund Corp. bietet einen passenden Service für solche Fälle an. Mithilfe hochmoderner Technologie verändern sie die Erinnerungen eines Menschen, sodass er zumindest glaubt, Dinge in seinem Leben getan zu haben, die niemals geschehen sind. Die Firma beordert Dr. Eva Rosalene und Dr. Neil Watts mit der Aufgabe, Johnnys ganz speziellen Wunsch zu erfüllen. Sie klinken sich in sein Erinnerungsvermögen ein und arbeiten sich Stück für Stück durch sein Leben, um die Illusion der Mondreise zu ermöglichen.

Gebt mir bitte gleich Recht: Die Idee dieser Geschichte ist höchst reizvoll. Glaubt mir gleich hinterher, wenn ich sage: Sie ist nicht mal ihre größte Stärke. Ich möchte nicht zu viel verraten, doch die Mondreise ist für das Spiel eigentlich nur ein Vorwand, den Spieler rückblickend Johnnys Leben zu offenbaren. Dabei spielt seine Frau River, die bereits einige Jahre zuvor verstarb, eine immens wichtige Rolle. Ohne jeden Zweifel ist die Beziehung der beiden eine der schönsten und emotionalsten der Videospielgeschichte.

Eine Reise durch die Erinnerungen. (Bild: Freebird Games)

Kan Gao gelang dieses Kunststück vor allem mit seinen vortrefflich geschriebenen Dialogen (für deren Wirkung er nicht einmal eine Sprachausgabe benötigte) und dem Kniff, dass ihr Johnnys Lebensabschnitte in umgekehrter Reihenfolge erlebt, d.h. rückwärts vom hohen Alter bis zur frühsten Kindheit. Auch die Schlusspointe ist zwar gewagt, aber herzzerreißend schön in Szene gesetzt. Sie ist allenfalls moralisch gesehen ein klein wenig bedenklich, aber hinter ihr steckt nun einmal die “Wir manipulieren das Hirn eines Menschen und lassen ihn Dinge glauben, die nie passiert sind“-Grundidee.

Es gibt in meinen Augen nichts, was der Geschichte fehlt. Dazu gehören auch Eva und Neil, deren Rollen ihr übernehmt. Sie bewahren eine gewisse Distanz vor den Ereignissen und geben immer dann einen passend-nüchtern-sarkastischen Kommentar ab, wenn die Geschichte zu sehr in Richtung “Kitsch“ abzudriften droht. Das Wissenschaftspaar ist quasi der auflockernde Sidekick, ohne den ein durchschnittlich voller Zynismus triefende Vollblutzocker “To the Moon“ nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde. Bevor ihr nun etwas Falsches von mir denkt: Ich hasse Zocker dieser Art und bin selbst ein Fan von Liebesschnulzen, solange sie gut gemacht sind. Und mich hat der Witz in keiner Weise gestört oder die unvermeidlichen Tränen gestoppt.

Stellt sich die nächste Frage: Um was für eine Art von Spiel handelt es sich hier eigentlich? Der Plot lässt nicht den Schluss auf ein kerniges RPG mit massig Zufallskämpfen zu. In der Tat dient die schwer nach “Chrono-Trigger“-riechende Präsentation allein dem Retro-Look. Ihr habt grob gesehen zwei Aufgaben: Ihr wandelt zum einen als Eva oder Neil direkt in Johnnys Erinnerungen herum und müsst dort diverse Kernobjekte finden, um eine Verbindung zum nächst vergangenen Ereignis herzustellen. Habt ihr dies geschafft, dann sollt ihr zum anderen ein simples Denkspiel absolvieren. Letzteres ist für meine Begriffe zu sehr ein Alibi, damit es anscheinend überhaupt etwas “Herausforderndes“ in “To the Moon“ gibt.

Der Rollenspiel-Look als Tarnmantel. (Bild: Freebird Games)

Unterm Strich passt das Konzept noch am ehesten in die Kategorie der Adventures, obwohl ihr so gut wie keine Rätsel löst. Eigentlich ist es ein seichter Interactive Movie im SNES-JRPG-Stil, der ohne die sensationelle Geschichte im Metacritic-Wertungskeller versinken würde. Sofern ihr damit klar kommt und mit einer Spielzeit von knapp unter fünf Stunden leben könnt (man bedenke hierbei, dass ihr knapp weniger als 10 Euro für den Download-Only-Titel zahlt), befehlige ich euch sofort zum Kauf.

Und jetzt heißt es noch für mich “Abbitte leisten“: Legt bitte die fünf läppischen kanadischen Dollar für den Soundtrack oben drauf, dessen Ersteindruck zu den größten Fehleinschätzungen meines Lebens gehört. Die Wirkung im Spiel selbst ist um Längen besser und überträgt sich erst danach auf das Album. Allein die Klavierstücke sind wahnsinnig schön und rekordverdächtig wehmütig. Nur das Lied gefällt mir auch im Nachhinein nicht – das ist mir dann doch zu schnulzig geraten. Aber im Gesamten ist die Musik eines der absoluten Highlights des Jahrganges 2011.

Abschließend hoffe ich auf einen ganzen Batzen Nachfolger. Schließlich lässt sich die Idee auf weitere Todkranke übertragen, deren Wünsche ebenfalls von der Sigmund Corp. erfüllt werden wollen. Ein kleiner Cliffhanger bezüglich der Sorgen und Nöte seitens Eva & Neil ist jedenfalls mit drin, genau wie die versteckte Bezeichnung “Chapter 1 – To the Moon“. Ich will mehr davon.

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Über Andy

Andreas “Andy“ Altenheimer wandelt seit 1977 auf dieser Welt, als „Star Wars“ und „Der Stadtneurotiker“ in die Kinos kamen, und fühlt sich wie eine Mischung dieser beiden Filmklassiker... [Weiterlesen]

Veröffentlicht am 10. Januar 2012

Ein Kommentar zu “To the Moon – oder wie ein Ersteindruck verdammt nochmal täuschen kann

  1. Seit gestern will ich auch mehr davon, denn „To the Moon“ mag kein Spiel im herkoemmlichen Sinne sein, aber dafuer gilt es fuer mich jetzt schon als beeindruckendes Kunstwerk mit einer wirklich anruehrenden und ueberzeugenden Handlung. Und diese Musik ist schlicht grandios! Der Soundtrack ist schon so gut wie gekauft, zumal ich auch die „Schnulze“ gut ertragen kann…

    Ich warte schon jetzt auf das Spin-Off „A Bird’s story“ und bin nebenbei mit der Computerwelt wieder nachhaltig versoehnt: Wenn ich solch tollen Geschichten und Spielmomente erleben darf, kann das ja alles noch nicht so den Bach runter gehen wie oftmals – auch von mir – behauptet wird!

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