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SimCity: Schuldzuweisungen und Warten auf F2P

Geschrieben von Sven
SimCity: Schuldzuweisungen und Warten auf F2P

Das hat doch alles keinen Sinn! Andreas dachte bereits über das Ende von Electronic Arts nach, jeder beschwerte sich über das Server-Chaos – was soll ich da noch zum neuen „SimCity“ sagen? Vielleicht, dass ihr im schlimmsten Fall knapp 50 Euro für ein oberflächliches Casual-MMOG bezahlt, das in erster Linie eh für Solisten gedacht ist? Oder sollte ich einfach nur erwähnen, dass wir alle für die Zukunft des Spielens verantwortlich sind?

Technisch ist SimCity auf jeden Fall gut, aber... (Foto: EA)
Technisch ist SimCity auf jeden Fall gut, aber… (Foto: EA)

Ein kleiner Blick zurück: Kurz bevor „SimCity“ erschien, schwappten die ersten Testberichte ins Netz. Gute Wertungen, lobende Worte – alles fein. Dabei wussten die Redakteure doch, dass das fertige Produkt eine spezielle Onlinepflicht verlangt und der Andrang gerade die ersten Tage hoch sein könnte – Stichwort „Diablo 3“. Statt dies im Hinterkopf zu behalten oder zumindest darauf hinzuweisen, mussten einige (nicht alle!) Rezensionen ja vor dem Release rausgehauen werden. Wie viele Käufer haben auf diese verfrühten Empfehlungen gehört? Das würde mich brennend interessieren. Was folgte, ist bekannt: Server-Ausfälle, Probleme, Abstürze, zig Updates, Rechtfertigungen von den Entwicklern. Ob sich jemand gewundert hat, dass einige Rezensionen plötzlich verschwanden, als die ersten Beschwerden aufkamen? Ich habe mir den ganzen Frust nicht angetan, sondern eine Woche gewartet und es nur sporadisch mal probiert. Was hätte ich abgekotzt, hätte ich das Spiel erworben und kein Testmuster von EA erhalten. Okay, andere Geschichte.

Mittlerweile läuft „SimCity“ bei mir. Und es langweilt mich. Es fühlt sich wie ein aufgeplustertes, seriöseres „CityVille“ an, auch wenn hier sicher deutlich mehr Komplexität drin steckt. GlassBox und so. Nur die tollen Hintergründe bringen mir alles wenig, wenn ich das Gefühl habe, eine vereinfachte Version von „SimCity 4“ zu spielen. Es wirkt alles so simplifiziert – das ist zwar eingängig, aber nicht anspruchsvoll. Richtig große Städte kann ich eh nicht bauen, und mal ganz ehrlich: Wirklich überlegt ist nicht einmal die Benutzerführung mitsamt der Menüs. Klar, das Gebotene spricht mich visuell an und läuft auch auf meinem etwas betagten Quadcore prima, nur so recht will mich „SimCity“ nicht gefangen nehmen. Das gewisse Etwas, was ich bei einem „SimCity“ fast immer erhielt (lassen wir mal „SimCity: Societies“ außen vor), fehlt. Vielleicht meine ich damit das Herzblut? Möglich. Als würde ich ein x-beliebiges Aufbauspiel zocken.

Letztlich ist es das wohl auch. Und ich erwische mich dabei, wie ich mehr über „SimCity“ lese, als es spielen zu wollen. Da ist von „Regionen-Berechnungen auch offline möglich“ die Rede, von entsprechenden Hacks und Entwickler-Äußerungen. Dabei wissen wir doch eh: Diese ganze Online-Pflicht war einzig für den Konzern Electronic Arts notwendig, nicht für die Konsumenten. Als Kopierschutz, als längerfristige Einnahmequelle, womöglich als Feldversuch fürs zukünftige Cloudgaming, als Überwachungstool, was Spieler so treiben. Komisch eigentlich, dass mir in „SimCity“ nicht gleich noch Werbung in Echtzeit präsentiert wird, abhängig von meiner Spielweise. Hätte sich ja angeboten. Sowieso geht es freilich darum, den Spielern Geld aus der Tasche zu ziehen und es ihm einfach zu machen, mal flott ein Stadt-Set zu kaufen. Apropos: Wer so doof war, sich das ganz normale Spiel auf DVD zu kaufen, kann ja jetzt für jeweils 10 Euro die deutschen, britischen oder französischen Sets kaufen. Toll, wie schnell der Preis für ein PC-Spiel Richtung 100 Euro tendieren kann.  Bei „Die Sims“ klappt das  Verscherbeln von an sich wertlosen, digitalen Inhalten auch wunderbar.

Es hätte alles...ach, was solls?! (Foto: EA)
Es hätte alles…ach, was solls?! (Foto: EA)

Ich will gar nicht mal den konservativen, alten, spießigen Gamer heraushängen lassen. Zeiten ändern sich, F2P und Mikrotransaktionen sind voll im Trend und werden weiter die Art des Spielkonsums verändern. Es ist nicht so, als wäre alles grundlegend schlecht. Unzählige hochwertig produzierte Spiele – egal ob MMOGs für den Desktoprechner oder Apps für iOS und Android – sollen den Machern schließlich auch Geld bringen, zum Beispiel durch einen F2P-Ansatz. Das ist völlig legitim, solange es nicht betrügerisch ist. Vermutlich hätte sich auch niemand beschwert, hätte Electronic Arts „SimCity“ gratis als Client zum Downloaden veröffentlicht und verstärkt auf Ingame-Käufe gesetzt. Wie bei „Need for Speed World“, „Battlefield Heroes“ oder „Command & Conquer: Tiberium Alliances“ zum Beispiel. Dann wäre es für jeden hinnehmbar gewesen, wären die Server zum Launch abgeraucht. Wobei – dann hätte EA wahrscheinlich vorgesorgt. In dieser Form aber ist „SimCity“ eine bittere Pille: 50 Euro für ein Spiel, das zwar technisch ambitioniert und an vielen Stellen wirklich nett ist, aber anderseits fehlerbehaftet und nicht tiefgründig genug (für mich als Genrefreund). Spieler als zahlende Betatester zu missbrauchen, grenzt an eine Frechheit. Aber wie angedeutet: Die Presse trägt eine Teilschuld. Gerade nach den Geschichten über Ingame-Käufe bei „Dead Space 3“, der „Real Racing 3“-Katastrophe (man wird ja zum Kaufen regelrecht genötigt) und Origins Vergangenheit hätte man doch skeptisch sein müssen, oder?

Mehr Kritikfähigkeit und Misstrauen würden dem – ohje, jetzt nehme ich dieses Wort auch noch in den Mund – Spielejournalismus nicht schaden. Vielleicht würden Gamer dann mal wieder zu einer Zeitschrift greifen, ihr Konsumverhalten (wirklich am ersten Tag?) überdenken und nicht nach dem Kauf auf den sozialen Netzwerken jammern oder unnötige Petitionen starten? Wenn das passiert, ist es für viele schon zu spät – und ein Unternehmen wie in dem Fall EA hat das Geld bereits verdient.  Über 1,1 Millionen Mal wurde „SimCity“ bisher verkauft! Soweit hätte es nie kommen dürfen – nicht bei dem Produkt!

Mein Fazit? Am besten ist es, ihr spart euch den Kauf, wartet neun Monate und saugt euch dann „SimCity“ ganz legal und gratis von Origin. Die F2P-Umstellung ist in meinen Augen nur eine Frage der Zeit – und in diesem Bereich ist „SimCity“ ganz klar viel besser aufgehoben.

Ich hoffe trotzdem – so naiv wie ich bin – dass EA aus den „SimCity“-Fehlern lernt und endlich wieder mal versucht, Produkte für Spieler zu entwerfen – und nicht für die Aktionäre und Investoren, die ihre Rendite einfordern.  Dieses Aufbauspiel beweist deutlich, dass es nicht darum geht, aktuelle Trends einfließen zu lassen, sondern bei minimalem Aufwand den maximalen Erfolg aus einem Stück Software zu pressen. Klassischer Kapitalismus. Vielleicht wäre es echt DAS BESTE, zukünftige Spiele von EA generell kritisch zu betrachten, damit die – pardon, es wird polemisch – geldgeilen Manager mal auf den Boden der Tatsachen zurück kommen. Oder besser gleich durch Menschen ersetzt werden, die noch den Wert einer Marke und Emotionen bei eigenen Spielen zu schätzen wissen. Ob der Weggang von EA-Boss John Riccitiello der Schritt in die richtige Richtung ist? Hoffentlich. Für EA. Für uns Spieler.

Irgendwie beweist EA ja auch Humor. Gebeutelte Käufer können sich für kurze Zeit ein Spiel als Entschädigung aussuchen. „SimCity 4: Deluxe Edition“? Hihi, da weiß wohl jemand ganz genau, welche Version viel besser war und ist. Aber dass man alternativ die relativ neuen Spiele „Dead Space 3“ oder „Mass Effect 3“ geschenkt bekommt, das ist wohl bezeichnend und spiegelt den realen Wert von „SimCity“ wider.

Eine schöne Kritik zu „SimCity“ gibt’s bei den werten Kollegen von Polyneux. Der Bericht hat mir nämlich sehr gefallen, obwohl oder gerade weil er sich gar nicht weiter mit der Server-Thematik beschäftigt, die ohnehin nicht (mehr) DAS Problem des Spiels ist.

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 20. März 2013

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