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Rien ne va plus: Die Emmy-Nacht 2012

Geschrieben von Andy
Rien ne va plus: Die Emmy-Nacht 2012

Die Zeit des Wartens ist vorbei: Heute 2 Uhr nachts werden zum 64. Mal die Emmys verliehen. Oder genauer: Die wichtigen Emmys, denn bereits letzte Woche gab es bereits die Creative Arts-Zeremonie, in der beispielsweise die besten Kameraarbeiten, Musikkompositionen oder Gastauftritte des amerikanischen Fernsehens honoriert wurden. Im Gegensatz zu den Oscars würde die Verleihung einen halben Tag dauern, wenn man alle 100 (!) Statuetten an einem Abend verteilen würde…

Drama Series

Mein Tippschein ist dreigeteilt,und der erste Block dreht sich rund um das Thema “Drama Series“. Interessanterweise haben alle sechs nominierten Serien eine reelle Gewinnchance:

Walter White schaut von Jahr zu Jahr weniger glücklich aus…
  • “Boardwalk Empire“ dürfte im Vorjahr nur knapp verloren haben und lebt auch in der zweiten Staffel von seiner schonungslosen Gewaltdarstellung sowie dem atmosphärischen Mafia-Setting.
  • “Mad Men“ hat vier Jahre hintereinander abgeräumt und konnte in der fünften Season den hohen Qualitätsanspruch halten – was spricht also dagegen, den Rekord für die meisten Auszeichnungen in der Kategorie “Outstanding Drama Series“ zu brechen?
  • “Homeland“ ist die einzige neue Serie im Feld, hat mit der “Marine Sergeant kehrt nach langer Gefangenschaft zurück nach Amerika und wird aufgrund einer möglichen Gehirnwäsche als Terrorist verdächtigt“-Prämisse einen richtigen guten Plotaufhänger und profitiert enorm von Claire Danes fantastischer Schauspielkunst als CIA-Agentin inklusive bipolaren Störungen.
  • “Game of Thrones“ mag zwar im zweiten Jahr stärker von der Buchvorlage abweichen, ist jedoch immer noch in Punkto Produktionsarbeit ein echtes Brett, killt schonungslos einen Charakter nach dem anderen und stellt trotz Fantasysetting einen Leckerbessern für Fans hochkarätiger Schauspielensembles dar.
  • “Breaking Bad“ wird von Jahr zu Jahr besser, die Entwicklung des Protagonisten Walter White gehört zur Sternstunde der TV-Historie und hat mit Gustavo Fring einen nahezu perfekten Antagonisten gehabt.

Doch müsste ich Geld verwetten, ich würde “Downton Abbey“ wählen. Letztes Jahr noch als Mini-Series klassifiziert, zeigt das Historiendrama diesmal den starken Kontrast zwischen dem wohlhabenden Leben auf Downton Abbey, dem grausigen Bild der Schützengräben im ersten Weltkrieg sowie den lebensveränderten Auswirkungen, wenn beide Welten aufeinander prallen. Die hohe Anzahl an Nominierungen, speziell was die Schauspielerriege anbelangt, lässt vermuten, dass die Emmy-Wähler diese Serie richtig, richtig gern haben.

Weiterhin tippe ich, dass der Drehbuch-Preis ebenso an “Downton Abbey“ geht, während Vincent Gilligan für den meisterhaft gedrehten Staffelabschluss in “Breaking Bad“ als Regisseur gewürdigt werden sollte – seht dies als meinen persönlichen “Wunschdenken-Tipp“. Bei den Schauspielern setze ich stark auf Bryan Cranston (es wäre zwar sein vierter Sieg in Folge für “Breaking Bad“, jedoch hat er sich wahrlich allein mit der Schlussszene in “Crawl Space“ selbst übertroffen), Claire Daines (eben für “Homeland“), Giancarlo Esposito (als der erwähnte Gustavo Fring in “Breaking Bad“) und Maggie Smith (unerreichbar gut in “Downton Abbey“).

Eine beeindruckende Schauspielerriege.

Persönlich bin ich sehr zufrieden mit dem Sechsergespann im Bereich “Beste Drama Serie“. Jeder Kandidat hat in der Tat das gewisse “Etwas“, um einen Sieg zu rechtfertigen. Zudem ist meiner Meinung nach jede nominierte Staffel mindestens genauso gut, wenn nicht sogar besser, als die direkt vorhergehende – mit Ausnahme von “Homeland“ natürlich. Meine persönliche Stimme würde (erstmals) an “Breaking Bad“ gehen, weil die Serie wirklich eine unglaubliche Entwicklung durchgemacht hat und die Vorfreude auf das, was noch kommen mag, derzeit enorm hoch liegt.

Comedy Series

Auch die sechs besten Serien in der Kategorie “Comedy“ haben mir allesamt gefallen, allerdings sind hier die Qualitätsunterschiede stärker spürbar:

  • “30 Rock“ ist so verrückt und so bizarr wie eh und je, allerdings haben mich einige Folgen mit ihren ewigen Insidern sowie Querverweisen genervt. Man merkt wie verkrampft die Folgenschreiber versuchen, neue Gags zu finden und zu etablieren.
  • “Curb your Enthusiasm“ zieht nach wie vor die Arschloch-Show des Larry David durch und gefällt weiterhin dank solch sympathischer Gastauftritte wie jenem von Michael J. Fox. Allerdings wirkt die Serie nach zwölf Jahren dezent veraltet, gerade im Vergleich zu den Neulingen.
  • Zu diesen zählt “Veep“, eine Mischung aus “The Office/Stromberg“ sowie “The West Wing“. Die Idee, auf dokumentarische Art und Weise das Leben einer fiktiven Vizepräsidenten Amerikas zu beleuchten, ist irgendwie putzig und lebt vor allem von Julia Louis-Dreyfus enthusiastischer Verkörperung der Protagonistin.
  • “Girls“ ist ebenfalls neu und mit Abstand die un-“witzigste“ Serie im Feld. Dafür setzt sie schonungslos um, was mutmaßlich viele Mädchen in den USA, die nicht wie perfekte Modells aussehen, wohl in der heutigen Gesellschaft durchmachen – zumindest wenn man Erfinderin, Regisseurin, Drehbuchautorin und (!) Hauptdarstellerin Lena Dunham Glauben schenkt. Allein die Art, wie hier sexuelle Erfahrungen dargestellt und meist in ein negatives Licht gerückt werden, ist meisterhaft sowie keinen Millimeter geschönt.
  • “The Big Bang Theory“ war im letzten Jahr noch meine persönliche Lieblingsserie, hat aber diesmal leicht nachgelassen. Allerdings stellt sie immer noch die derzeit beste klassische Sitcom dar, ergo mit Lachen aus der Dose, skurril-überzogenen Charakteren sowie durchaus auch mal platten Witzen der Marke Holzhammerhumor.
  • Abschließend der klare Favorit: “Modern Family“ ist und bleibt eine eigene Hausnummer. Das Ensemble ist dermaßen perfekt aufeinander abgestimmt und die Drehbücher leben nur so vor originellen, aberwitzigen wie gleichzeitig glaubwürdigen Geschichten, dass es eine helle Freude ist. Umso seltsamer mutet es an, dass keine Folge der Serie für das beste Drehbuch nominiert wurde.

Überhaupt mutet das Feld der besten Drehbücher seltsam an: Von den genannten Serien ist nur die Pilotfolge von “Girls“ vertreten. Diese sehe ich auch als Favorit. Gleiches gilt für die Kategorie der besten Regie. In beiden Fällen würde Lena Dunham persönlich gewinnen, schließlich trägt die Frau fast alle Nominierungen der Serie mit ihrem eigenen Namen. Da sollten doch ein oder zwei Statuetten bei heraus springen.

In der Kategorie Bester Hauptdarsteller tippe ich ganz knapp auf Jim Parsons. Sein Charakter wirkt zwar inzwischen leicht abgenutzt, jedoch ist die Konkurrenz entweder in Serien vertreten, die ansonsten kaum für Emmys nominiert oder nach Jahre langer Arbeit noch stärker gealtert sind. Bei den Damen hingegen könnte ich mir die überfällige Amy Poehler für “Parks and Recreation“ auf der Bühne vorstellen oder alternativ ein Lieblingskind der Emmy-Wähler, namentlich die bereits erwähnte Julia Louis-Dreyfus für “Veep“.

Jeder einzelne dieser Herren und Damen möchte gerne gewinnen.

Die Nebendarstellerpreise sollten erneut der “Modern Family“-Clique gehören. Ganz mutig tippe ich darauf, dass im Laufe der Zeit jeder der sechs (erwachsenen) Darsteller einmal triumphieren und in diesem Jahr Jesse Tyler Ferguson sowie Sofia Vergara zum Zuge kommen. Wobei mir bitte bei den Nebendarstellerinnen niemand Kathryn Joosten unterschätzen sollte, die kurz nach ihrem Krebstod in der Serie “Desperate Housewives“ tragischerweise im realen Leben der gleichen Krankheit unterlag.

Mini-Series & TV-Movie

Der letzte Block behandelt eine Gruppe, die ich bei meinem Artikel über die Nominierungen völlig außen vor gelassen hatte: Mini-Serien und TV-Filme. Auch hier konnte ich zwischenzeitlich alle sechs Kandidaten der Hauptkategorie anschauen, unter anderem weil es den einen oder anderen verruchten Ebay-Verkäufer gibt, der die passenden Emmy-Promo-DVDs verkauft. Ohne eine Diskussion über Moral und Legalität solcher Aktionen zu starten: Ich finde es toll, auch weil diese kompakten, quadratischen Promos durchaus einen netten Platz in der hauseigenen Sammlung einnehmen.

  • “Hemingway & Gellhorn“ nimmt den diesjährigen “Stinker-Platz“ ein – denn bei den Emmys ist es ganz normal, dass irgendein filmerisches Werk nominiert wird und keiner weiß, warum. Vielleicht liegt es an den hochkarätigen Schauspielern Nicole Kidman oder Clive Owen, gleichwohl diese hier nicht im Ansatz an ihr potenzielles Können heran reichen? Nun, der Film ist nicht so schlimm, wie die meisten Kritiker tun, und hat durchaus ein paar interessante Regieideen parat. Aber unterm Strich ist er zu dröge und zu langweilig für einen Sieg.
  • “Luther“ hat mir in der ersten Staffel extrem gut gefallen, hingegen die zweite an Qualität einbüßt. Vor allem der von Idris Elba verkörperte Hauptcharakter hat an Reiz verloren, weil seine ganze kaputte Psyche bereits im Vorjahr erörtert wurde und kaum noch Luft für eine weitere Entwicklung übrig geblieben ist. Davon abgesehen sind die beiden Fälle, die Luther diesmal zu lösen hat, immer noch recht spannend und ordentlich fesselnd. Aber…
  • …“Sherlock“ ist in jeder Hinsicht besser. Obgleich mich Benedict Cumberbatch manchmal mit seinem elitären Gehabe nervt und der Cliffhanger einfach nur doof wie von der ersten Minute an vorhersehbar ist, bleibt die Modernisierung des berühmten Detektivs ein absolutes Unikat im A.C.Doyle-Universum. Und Martin Freeman als Watson ist und bleibt die nahezu perfekte Besetzung der Rolle. Nebenbei: Die Nominierungen bei den Emmys beziehen sich durch die Bank weg auf die erste Episode der zweiten Staffel, namentlich “Scandal in Belgrava“.
  • “Hatfields & McCoys“ erzählt die weitestgehend wahre Geschichte zweier verfeindeter Familien kurz nach Ende des amerikanischen Bürgerkrieges. Dabei gab es viele Schießereien und zahlreiche Tote, was die Serie vortrefflich widerspiegelt. Die größte Überraschung ist nicht einmal Kevin Costner, der sichtlich doch noch schauspielern kann, sondern sein Regisseur Kevin Reynolds. Die beiden haben schließlich gemeinsam mit “Waterworld“ sowie “Robin Hood“ eher „Schlechtes“ auf die Kinoleinwand gebannt und nun für das Fernsehen zur Überraschung aller Kritiker echtes Können bewiesen.
  • “Game Change“ ist ein Fest für alle Fans zynischer Politdramen. Etwas überzogen, ein wenig augenzwinkernd und im Kern erschreckend glaubhaft, wird hier der Fall von John McCains Präsidentschaftskandidatur allein aufgrund der desaströsen Nominierung von Sarah Palin als Vize fest gemacht.
  • Und dann wäre da noch “American Horror Story“, die eigentlich in die Kategorie “Beste Drama Serie“ gehört, doch dank Ryan Murphys Überredungskünsten bei den Mini-Serien untergekommen ist. Der Grund: Jede Staffel wird eine komplett eigene Geschichte mit neuen Charakteren umspannen und nicht auf die vorhergehenden Jahre aufbauen. Was auf den ersten Blick wie ein clever inszeniertes Horrorschauspiel aussieht, entpuppt sich immer mehr als ein komplexes Geisterdrama mit cleveren Twists, interessanten Charakteren sowie einer passenden Schlusspointe.
Dank Überzeugungskraft der Verantwortlichen eine Mini- anstatt Drama-Series.

Während ich ganz klar “American Horror Story“ wählen würde, dürfte es kein Geheimnis sein, dass es das Horror-Genre schwer hat, sich bei solchen Awards durchzusetzen. Zudem bekam die Serie zwar überraschend viele Nominierungen, aber interessanterweise keine für das beste Drehbuch oder für die beste Regie. Deshalb tippe ich realistisch betrachtet auf “Game Change“, mit “Hatfields & McCoys“ als potenziellen Spoiler.

“Game Change“ traue ich überdies die Drehbuch-Auszeichnung am ehesten zu, außer es gibt bei den Emmys genauso viele “Sherlock“ & Steven-Moffat-Fans wie im Lager der Internet-Junkies. Ähnliches gilt für die Regie, nur das hier mein Runner-Up in der Tat das viel gescholtene “Hemingway & Gellhorn“ heißt. Regisseur Philip Kaufman hat wirklich ein paar tolle Ideen eingebaut, um das seichte Drehbuch so interessant wie möglich aufzuwerten.

Bei den Hauptdarstellern hoffe ich sogar ein klein wenig auf Kevin Costner (“Hatfields & McCoys“), würde aber trotz meiner persönlichen Vorbehalte eher auf Benedict Cumberbatch (“Sherlock“) tippen. Nahezu konkurrenzlos gut ist Sarah Palin… äh… Julianne Moore in “Game Change“, entsprechend gilt die Frau als haushohe Favoritin bei den Hauptdarstellerinnen. Bei den Nebendarstellern setze ich auf ein knappes Rennen zwischen Martin Freeman (“Sherlock“) und Ed Harris (“Game Change“), mit leichtem Vorteil für den älteren der beiden Herren. Und bei den Nebendarstellerinnen deklassiert nicht nur meiner Meinung nach Jessica Lange in “American Horror Story“ ihre Konkurrentinnen.

Das wäre es dann auch schon (!). Zusammengefasst: Ginge es nach mir, dann sollten “Breaking Bad“, “Modern Family“ und “American Horror Story“ triumphieren. Betrachte ich es realistisch, dann sehe ich davon nur “Modern Family“ als Gewinner und ansonsten die Produzenten von “Downton Abbey“ sowie “Game Change“ auf der Bühne. So oder so wird es spannender als jede Oscar-Verleihung: Der letztjährige Sieg von Melissa McCarthy als beste Hauptdarstellerin in einer Comedy Serie hat definitiv gezeigt, dass hier selbst der größte Underdog Siegchancen hat.

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Über Andy

Andreas “Andy“ Altenheimer wandelt seit 1977 auf dieser Welt, als „Star Wars“ und „Der Stadtneurotiker“ in die Kinos kamen, und fühlt sich wie eine Mischung dieser beiden Filmklassiker... [Weiterlesen]

Veröffentlicht am 23. September 2012

Ein Kommentar zu “Rien ne va plus: Die Emmy-Nacht 2012

  1. Andy schrieb am :

    „Der letztjährige Sieg von Melissa McCarthy als beste Hauptdarstellerin in einer Comedy Serie hat definitiv gezeigt, dass hier selbst der größte Underdog Siegchancen hat.“

    Tja, und den Satz kann ich nächstes Jahr glatt wiederholen… nur mit Jon Cryer als bester Hauptdarsteller.

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