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Remember Me: Ohne bleibende Erinnerung

Geschrieben von Sebastian
Remember Me: Ohne bleibende Erinnerung

Wir Spieler sehnen uns angeblich nach Innovationen, Neuheiten, Revolutionen und Quantensprüngen! Auch wenn dies weniger den Erfolg von „Call of Duty 35“ und „FIFA 258“ erklären mag, eignet sich das Fehlen der erwähnten Elemente doch besonders gut, um eine angebliche Tristesse im Spielesektor heraufzubeschwören. Werde ich allerdings mit einem Spiel wie „Remember Me“ konfrontiert, sehe ich mich veranlasst, in die Abgesänge auf kreatives Spieldesign mit voller Brust einzustimmen. Ich möchte fast darüber unken, dass Entwickler Dontnod bei der Benennung ihres Werks eine gewisse Prise Selbstironie bewiesen hat, denn selten sind mir so viele altbekannte Spielmechaniken am Stück untergekommen wie in Neo-Paris.

Auch Nilin kann bei angesichts all des Recyclings nicht mehr wirklich hinschauen. (Bild: Capcom)
Auch Nilin kann bei angesichts all des Recyclings nicht mehr wirklich hinschauen. (Bild: Capcom)

Lasst mich einfach mal systematisch vorgehen, um einige der eklatantesten Anleihen von „Remember Me“ herausarbeiten zu können:

Protagonistin Nilin verfügt nicht nur über eine zugunsten des Babe-Faktors teils ins Unnatürliche gepimpte Anatomie, sondern wandelt sich auch in kürzester Zeit vom verwundbaren Knastflüchtling zur unaufhaltsamen Killermaschine.

Check – „Tomb Raider“!

Zu Beginn des Spieles hat Nilin keine Ahnung, was sie in einem Hochsicherheitsgefängnis zu suchen hat, weil sie ihr Gedächtnis verloren hat.

Check – tausend und abertausende andere Titel sowie maximaler Gähnfaktor!

Neo-Paris im Jahre 2084 ist eine düstere Zukunftsmetropole, in der sich Reiche von Armen abschotten und die hoch entwickelte Technik vor allem zur Überwachung und Ausbeutung benutzt wird.

Check – „Deus Ex“ (egal, welcher Teil) und alle anderen „Blade Runner“-inspirierten Cyberpunk-Szenarien!

Nilin’s Welt befindet sich am Abgrund, da ein ehemals guter Mensch einen persönlichen Verlust nicht ertragen konnte, was seine hehren Absichten nachhaltig korrumpiert.

Check – „Bioshock“!

„Remember Me“ setzt auf ein Kombo-Kampfsystem, welches es im Laufe des Spiels erlaubt, immer mächtigere Schlagvarianten aneinander zu reihen.

Check – „Devil May Cry“!

Boss-Kämpfe werden von speziell inszenierten Quick Time Events durchzogen.

Check – „God of War“!

Neben vielen Klettereinlagen muss Nilin auch immer wieder über einstürzende Wege oder plötzlich auftauchende Hindernisse hechten und wird dabei oftmals von Gegnern verfolgt oder gleich beschossen.

Check – „Uncharted“!

Nun ließe sich zur Ehrenrettung von „Remember Me“ der oftmals benutzte Ausspruch anführen, dass gut geklaut schon halb gewonnen wäre. Doch leider befinden sich bei Dontnod offenbar keine guten Diebe, denn die Qualität des Diebstahls lässt insofern zu wünschen übrig, dass all die oben erwähnten Anleihen in keiner Weise an die Vorbilder heranreichen. Alles wirkt gewollt, aber nicht gekonnt – gut gemeint, aber schlecht gemacht – theoretisch cool, aber praktisch öde!

"We won't forget you"? - Bitte schön, aber ich vergesser lieber schnell!
„We won’t forget you“? – Ehrt mich ja, aber ich vergesse lieber schnell!

Und zu allem Überfluss fällt dann das eine, potentiell revolutionäre Spielelement – nämlich die Gedächtnisveränderung – nicht nur durch ungelenke Steuerung, sondern vor allem durch nahezu völlige Abwesenheit auf. Was nutzt mir die an sich schicke Umsetzung, wenn ich im Laufe der gut zehn Stunden währenden Handlung nur vier Mal die Möglichkeit habe, auf diese Weise in das Spiel einzugreifen? Davon mal abgesehen verpufft jegliches Potential ohnehin schnell, sobald man begreift, wie linear „Remember Me“ eigentlich ist. Jede Hoffnung, die Manipulation von Erinnerungen einzelner Personen könnte den Spielverlauf nachhaltig verändern, wird von Dontnod nachhaltig und gründlich enttäuscht.

Was bleibt, das ist ein allenfalls gefälliger Titel mit einer sporadisch interessanten Handlung, der sich aus altbekannten und zu oft recycelten Elementen mehr schlecht als recht zusammensetzt und der jegliche Chance auf eine eigenständige Daseinsberechtigung gekonnt verpasst. „Remember Me“ könnte somit auch als verzweifelter Ausruf der Entwickler gedacht sein, wonach sich doch bitte jemand in ein paar Monaten noch an den Titel erinnern möge. Da das Spiel letztlich aber niemand braucht, muss ich in diese Hinsicht zur Abwechslung mal die Entwickler enttäuschen – quasi als Wiedergutmachung für all die verschwendeten Stunden!

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Über Sebastian

Sebastian Schmucker erblickte 1975 das Licht der Welt im tiefsten Bayern, der Wahlheimat seiner Eltern. Diese sollte er erstmal lange Zeit nicht verlassen, was sprachlich aber keine Spuren hinterlassen hat...[weiterlesen]

Veröffentlicht am 2. Juli 2013

8 Kommentare zu “Remember Me: Ohne bleibende Erinnerung

  1. Ob das Spiel irgendjemand braucht? Hmm, braucht irgendwer überhaupt ein neues Spiel?
    Grundsätzlich finde ich das Bedienen bei Genregrößen jetzt nicht dramatisch. Ein Jump & Run bleibt immer ein Jump & Run, ein Rennspiel immer ein Rennspiel.

    Auch das Setting gefällt. Natürlich ist es weder neu noch originell aber es ist auch nicht so überrepräsentiert.

    Nilins Anatomie ist, tja, ich würde eher sagen „komisch“. Sie ist absichtlich nicht auf Sexbombe getrimmt, was ja auch nicht so wirklich zu klettern und prügeln passen würde. Aber da sie so dürr ist und trotzdem noch so was wie eine Figur haben soll, sieht das Endergebnis irgendwie „langgezogen“ aus. Auch das Gesicht ist jetzt nicht auf hübsch getrimmt sondern auf herbe, das kann gut aussehen, ich denke an eine jüngere Rhona Mitra. Bei Faith in Mirror’s Edge und Nilin ging das aber doch letztlich ein wenig daneben.

    Bleibt das Gameplay. Viele gute Ideen aber schlechte Umsetzung zieht sich durch alle Kritiken. Okay, es ist ein Erstling, hier kann man hoffen, dass die Entwickler bei künftigen Teilen gelernt haben und sich vor allem ihre großen Vorbilder, allen voran Batman, genau anschauen.

    • Zwei Dinge:
      Ich habe nicht unbedingt etwas gegen geklaute Konzepte, worauf auch meine Einleitung abzielt. Die spielerische Tristesse, die hier oftmals lamentiert wird, kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Nur sollte es eben gut umgesetzt sein, wenn man schon alles kopieren muss, was bei „Remember Me“ aus meiner Sicht nicht der Fall ist.

      Und das mit der Anatomie ist natuerlich Ansichtssache, aber wer sich die ein oder andere Kameraeinstellung in den Zwischensequenzen anschaut, wird den von mir erwaehnten „Babe-Faktor“ zweifelsohne erkennen – selbst wenn Nilin tatsaechlich etwas weniger offensichtlich gepimpt wurde als manch ihrer Genre-Kolleginnen.

  2. oguz-khan schrieb am :

    „Remember Me“ scheitert an seiner schieren Unfokussiertheit.
    Das Zukunftszenario ist ein Kalaidoskop unserer popkulturellen Erwartungshaltung an ein Spiel, dass in einer dystopischen Zukunftsvision angesiedelt ist. Leider wird kein Schwerpunkt gesetzt. Im Gegensatz zu Blade Runner z.B. Es geht im Kern um Schöpfung, Determination und Freiheit visualisiert und vertont in einem düsteren Zukunftszenario. Zuerst kam die Idee, dann die Vivion und zuletzt das fertige Setting.
    „Deus Ex“ fokussiert sich thematisch auf die Vor.- und Nachteile von Prothesen, welche körperliche und geistige Vorteile bringen sollen. Es stellen sich Fragen wie: Sind wir dann noch Mensch? Was ist mit jenen die das ablehnen? Was ist mit jenen die sich das nicht leisten können? Ein Diskurs über den Klassenkampf und die Frage nach den Grenzen der Mensch/Maschine Verschmelzung sind der Kern dieser Spiele. Das Gameplay spiegelt dies wieder. Auch „Gost in the Shell“ wird in „Remember Me“ bemüht aber nur durch das optische Vorhandensein von Robotern. Sie sind nur Fassade und müssen da sein, weil, wir erwarten das ja offenbar schon wenn ein Spiel in diesem Setting angesiedelt ist.
    Die Idee Erinnerungen zu Manipulieren scheitert an der stark vereinfachten, um nicht zu sagen, falsch aufgefassten These dessen wie Komplex das Gehirn
    eigentlich arbeitet. So werden hier Erinnerungen völlig isoliert betrachtet. In der Erinnerung stirbt ein geliebter Mensch. Folgerung des Spiels. Die Betreffende Person glaubt das!
    Leider völlig daneben, denn: Was geschah nach dem Tod des Meschen? Wen habe ich zuerst darüber informiert? Wo habe ich diese Person begraben?
    Die Erinnerung an den Tod exitiert, aber nicht die Folgen die dieses Ereignis haben müsste?
    Zusätzlich müssten sich die Betroffenen immer einer Gedankenmanipulation gewahr sein. Sind sie aber nicht!
    Denn, nehmen wir mal folgendes an. Jemand zeigt mir ein mit Photoshop bearbeitetes Foto von meinem Zuhause. Ich glaube Ihm nicht, da ich erst vor 15min. die Wohnung verlassen hatte. Ausserdem weiß ich um die Manipulationsmöglichkeiten unserer Zeit. Als Kontrolle rufe ich zuhause an, und Et Voila, alles ist in Ordnung.
    Deshalb bleibt das Spiel in seiner eigenen Welt inkohärent. Dies ist das größte Übel für ein Gedankenexperiment, was „Remember Me“ ja auch sein will. Alles andere währe noch verschmerzbar gewesen.

    • „Die Idee Erinnerungen zu Manipulieren scheitert an der stark vereinfachten, um nicht zu sagen, falsch aufgefassten These dessen wie Komplex das Gehirn
      eigentlich arbeitet. So werden hier Erinnerungen völlig isoliert betrachtet. In der Erinnerung stirbt ein geliebter Mensch. Folgerung des Spiels. Die Betreffende Person glaubt das!
      Leider völlig daneben, denn: Was geschah nach dem Tod des Meschen? Wen habe ich zuerst darüber informiert? Wo habe ich diese Person begraben?
      Die Erinnerung an den Tod exitiert, aber nicht die Folgen die dieses Ereignis haben müsste?“
      Da muss man aber auch festhalten, dass wir genau diese Personen nur für einen Moment beobachten, wir aber nicht wissen, wie sie mit ihren durchmixten Erinnerungen leben werden. Sie mögen in den jeweiligen Momenten diese Erinnerungen glauben, weil sie von dieser Erinnerung übermannt werden, aber wie verhält sich das, wenn sie Zeit haben darüber nachzudenken? Gerade das kriegen wir im Spiel eben noch nicht mit und man könnte vermuten, sie werden mit der Zeit dahinter kommen.

      Nehmen wir das Beispiel mit dem Photoshop-Bild und passen es etwas an. In Remember Me liegen die „Morde“ ja auch nicht 15 Minuten zurück. Wenn ich also mehrere Tage nicht in meiner Wohnung gewesen bin und mir nun Jemand mit einem Bild sagt, diese wäre völlig abgebrannt, dann glaube ich ihm das ehrlich gesagt auch. Aber eben auch nur solange, bis ich dies verifiziert habe.
      Das Wissen, Bilder können durch Photoshop manipuliert sein, hilft mir vorher aber auch eher wenig. Denn dazu müsste ich vorher in Erwägung ziehen, dass das Bild nicht echt wäre. Genauso wie dies jedenfalls eher ein Einzelfall wäre – denn soweit kann ich mir denken, dies wäre möglich; wirkliche Fälle sind mir aber nicht bekannt -, genauso sind die Remixe von Erinnerungen in Remember Me auch eher eine Ausnahme. Wenn ich mich nicht irre, dann ist diese Fähigkeiten dort nur wenigen Menschen vorbehalten, gehört aber nicht zum Alltag, im Gegensatz zum Hinzufügen oder Entfernen von Erinnerungen.

      • Mir gefaellt das Bild der „Uebermannung“, denn das koennte tatsaechlich nachvollziehbar zu einer kurzfristigen Veraenderung in der Erinnerung – und somit auch im Verhalten – fuehren. Allerdings bemueht „Remember Me“ eben auch die Langfristigkeit bei der Erinnerungsaenderung, was deutlich am Verhalten der Mutter von Nilin wird. Und da kriegt dieser Rechtfertigungsversuch wieder deutliche Risse.

        Fuer mich mutet die Erinnerungsmanipulation in „Remember Me“ wie ein Feature an, welches den Entwicklern aus einer durchaus interessanten Idee entstanden ist, das aber letztendlich nur als eine Art „Superpower“ genutzt wird, ohne das ueber die Konsequenzen entschieden nachgedacht wurde. In einem Superhelden-Spiel ohne Anspruch waere das mir egal, aber „Remember Me“ moechte ja ganz offensichtlich mehr sein (die ganze Gedaechtnis-Thematik ist ja ein Leitmotiv des Spiels), weswegen der Ansatz an seiner letztlichen Oberflaechlichkeit scheitert.

  3. oguz-khan schrieb am :

    Korrektur: Jemand zeigt mir ein mit Photoshop bearbeitetes Foto, welches meine völlig zerstörte Wohnung zeigt.

    • Whoa, Respekt, wie sich so viele tiefgreifenden Ansaetze auf die Geschichte von „Remember Me“ uebertragen lassen. Die leuchten mir auch alle ein, so dass ich die am Ende herausgearbeitete Inkohaerenz der Welt nur bestaetigen kann.

      Allerdings hat fuer mich die Handlung ein ganz anderes, massgebliches Problem: Sie will schlicht zu viel und packt so viele Ansaetze rein, dass sie am Ende scheitern muss. Ein Familiendrama, die Revolte Arm gegen Reich, der Verlust der Freiheitsrechte durch einen ueberbordenden Sicherheitsapparat, die ganzen Gedaechtnisproblematik, die Tuecken und Gefahren von modernen Technologie, Umwelt-, Wirtschafts- und Religionsthemen – es findet sich letztlich alles in „Remember Me“, doch nichts wird ueberzeugend erzaehlt oder gar zu einem Ende gebracht.

      Fuer mich ist „Remember Me“ daher auch ein klarer Fall von zu hoch gesteckten Ambitionen…

  4. @ Sebastion:

    „Allerdings bemueht “Remember Me” eben auch die Langfristigkeit bei der Erinnerungsaenderung, was deutlich am Verhalten der Mutter von Nilin wird. Und da kriegt dieser Rechtfertigungsversuch wieder deutliche Risse.“

    Ich bin geneigt dir dabei zuzustimmen. Wobei man auch festhalten muss, dass dort die Gedankenmanipulation auch anders aussieht, als bei den beiden vorherigen Charakteren. Nilin täuscht ihrer Mutter nicht vor, sie hätte etwas folgenschweres wie einen Mord begangen, sondern sie hätte anstelle ihrer Tochter den Unfall verursacht. Es ist jedenfalls durchaus möglich, dass ohnehin nur Nilin und ihre Mutter die Details über den Unfall kennen oder der Unfall kaum noch zusprache kommt.
    Davon ab bin ich mir auch nicht sicher, inwiefern dies den Charakterwechsel ihrer Mutter rechtfertigen würde. Schließlich müsste ihr auch auffallen, dass sie die vorherigen Tage zuvor nicht sonderlich nett zu ihren Arbeitern war. Aber gut, da überwiegt für persönlich eben auch die Message dahinter, wonach wir von unseren Erinnerungen geprägt werden und unsere Erinnerungen unsere Charaktereigenschaft beeinflussen. Mag alles nicht so ganz korrekt aufgehen, aber soweit ist es eben auch mehr, als was man sonst so von dem Mainstream gewohnt ist.

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