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Ni No Kuni: Dieses Genre ist NICHT tot!

Geschrieben von Sebastian
Ni No Kuni: Dieses Genre ist NICHT tot!

Hänfling Oliver macht sich auf eine Reise in eine andere Welt, um die Seelenverwandte seiner verstorbenen Mutter zu befreien, was zur Wiederbelebung der Verblichenen führen sollte. Unterstützung erhält er dabei hauptsächlich von einem knubbeligen Zwerg mit Laterne als Nasenring. Der war früher mal Oliver’s Kuscheltier. Und jetzt gibt er sich als hochwohlgeborener Feenlord aus. Dieser Lord namens Drippy erzählt Oliver, dass der dunkle Djinn Shaddar vielen Einwohnern der wundersamen Welt das Herz gebrochen hat. Da sich Oliver als Zauberer entpuppt, liegt es an ihm, die Bevölkerung wieder zu heilen, Shaddar aufzuhalten und dahinter zu kommen, was es mit der Weißen Hexe auf sich hat, die den Djinn offenbar kontrolliert.

In unseren Breiten würde der Autor einer solchen Geschichte womöglich als neuester Rekrut für die Klapsmühle gehandelt. In Japan sind hingegen solche Handlungen der Stoff, aus dem erfolgreiche Rollenspiele (die sog. JRPG) und Anime-Streifen wie „Prinzessin Mononoke“ oder „Das wandelnde Schloss“ gemacht wird. Was herauskommt, wenn sich der JRPG-Spezialist Level-5 mit den wohl berühmtesten Anime-Machern von Studio Ghibli zusammen tun, nennt sich „Ni No Kuni“ und erzählt die eben erwähnte Geschichte von Oliver. Ganz nebenbei. Das Spiel war bereits vor zwei Jahren in Japan für Nintendos DS erschienen, doch weltweit soll der Erfolg mit der jüngst veröffentlichten PS3-Version gelingen. Dabei wurde „Ni No Kuni“ schon im  Vorfeld als großer Hoffnungsträger für das derzeit latent vor sich hin siechende JRPG-Genre bezeichnet.

Oliver und seine späteren Gefährten, Esther und Swaine (Foto: Namco Bandai)
Oliver und seine späteren Gefährten, Esther und Swaine (Foto: Namco Bandai)

Inwiefern das Spiel diese gesetzten Erwartungen erfüllt, hängt davon ab, welche Hoffnungen eigentlich getragen werden sollten. Wer das JRPG an sich am Ende der Fahnenstange sieht und sich nach etwas anderem als kindliche Helden, Geschichten voller Philosophie, Religion, Freundschaft, Familie, ganz viel Kitsch und abertausenden Kämpfen zum dringend notwendigen Aufleveln sehnt, der braucht weder weiterzulesen noch „Ni No Kuni“ zu kaufen. Das Spiel bewegt sich beinahe sklavisch auf den ausgetretenen Pfaden und stellt somit keinesfalls die oftmals als überfällig bezeichnete Genre-Revolution dar.

Doch ironischerweise liegt für mich in dieser konventionellen Herangehensweise die größte Stärke von „Ni No Kuni“. Eindrucksvoll wird aufgezeigt, wie viel Spielspaß im totgesagten JRPG stecken kann, wenn nur alle Elemente perfekt aufeinander abgestimmt werden wie hier. Natürlich bezieht „Ni No Kuni“ seine anfängliche Faszination zu einem großen Teil aus der famosen Anime-Optik, die Entdeckungstouren durch die umfangreichen Ländereien zu einem reinen Vergnügen machen. Doch hier überzeugen auch die inneren Werte, welche beispielsweise bei der ästhetisch ebenso überzeugenden Konkurrenz eines „Final Fantasy XIII“ letztlich enttäuschten.

Einer der eher übel gelaunten Vertreter der schönen Ghibli-Welt (Foto: Namco Bandai)
Einer der eher übel gelaunten Vertreter der schönen Ghibli-Welt (Foto: Namco Bandai)

Der Beginn der Handlung in Oliver’s Heimatort Motorville ist vielleicht noch etwas arg seicht geraten. Gerade der Tod der Mutter wirkt aufgezwungen und kann als Erzählmoment nicht überzeugen. Der weitere Verlauf wird aber nicht nur angenehm flott, sondern auch interessant und mit immer neuen Wendungen vorangetrieben, was die Neugierde des Spielers konstant hoch hält. Die abseits der Hauptstory verfügbaren Nebenaufgaben lassen sich dabei meist im Vorbeigehen lösen, was – bis auf wenige Ausnahmen – langwieriges Herumlaufen verhindert.

Noch angenehmer sind die Kämpfe ausgefallen. Deren Anzahl ist zwar Genre-typisch hoch, insbesondere wenn man sich in den Kopf setzt, alle verfügbaren Kampfbegleiter („Familiars“) zu sammeln und möglichst stark zu entwickeln. Doch die Scharmützel mit dem normalen Fußvolk dauern meist nicht länger als eine Minute. Das berühmt-berüchtigte „XP-Grinden“ wird somit zu einem locker tolerierbaren Quickie, während die zahlreichen Bosskämpfe die erwartete Herausforderung bringen. Richtig genial – und ausnahmsweise auch innovativ – ist in diesem Zusammenhang die Idee der zwei Schwierigkeitsgrade. Wer vom Kämpfen nicht genug bekommen kann, wählt einfach die härtere Stufe, während sich der mehr an der Story Interessierte in der Einstellung „leicht“ wohlfühlen dürfte.

Der Bananenkaktus hat in dieser Szene wenig zu lachen. (Foto: Namco Bandai)
Der Bananenkaktus hat in dieser Szene wenig zu lachen. (Foto: Namco Bandai)

„Ni No Kuni“ verbindet somit auf zugängliche Art und Weise alles, was in vielen bekannten JRPG schon mal so oder ähnlich vorkam. Es bietet eine umfangreiche Handlung in einer atemberaubend schönen Welt, lockt mit zahlreichen Neben- und Fleißaufgaben, bietet ein taktisches Kampfsystem, welches sich durch die Bedeutung der „Familiars“ an „Pokemon“ anlehnt und vermeidet dabei fast jeglichen Leerlauf. Die wenigen Schwächen wie die eklatant umständliche Texteingabe bei einigen Rätseln, die sich ständig wiederholende, viel zu kurze Kampfmusik oder ein paar übertrieben simpel gestrickte Missionen (Auftraggeber und Zielperson stehen sich praktisch gegenüber) fallen da kaum mehr ins Gewicht. Einzig das Gefühl, dass manch umfangreiches Spielelement schlicht zur Zierde eingebaut wurde, stimmt mich merkwürdig. Die Anzahl von rund 400 sammelbaren „Familiars“ ist sicherlich beeindruckend. Doch es ist befremdlich, dass es für den Erfolg im Spiel ausreicht, sich auf die ersten drei Exemplare zu konzentrieren, die automatisch im Laufe der Handlung zu Olivers Bande stoßen. Da hätte etwas mehr Tiefgang sicher nicht geschadet!

Es muss nochmal betont werden, dass „Ni No Kuni“ konservativer als die bayrische CSU ist, wenn es um den eigentlichen Spielablauf geht. Hoffnungen auf einen frischen Wind im JRPG-Genre können Level-5 und Studio Ghibli somit sicherlich nicht erfüllen, und wer diese gehegt haben sollte, wird sicherlich trotz der handwerklichen Qualität dem Spiel nicht viel abgewinnen können. Meine persönlichen Erwartungen hinsichtlich eines überzeugenden Vertreters seiner Art sind hingegen nicht enttäuscht worden, weswegen ich „Ni No Kuni“ momentan auch nicht weglegen werde, um auch noch den letzten wunderschönen Zipfel dieser Welt zu erkunden.

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Über Sebastian

Sebastian Schmucker erblickte 1975 das Licht der Welt im tiefsten Bayern, der Wahlheimat seiner Eltern. Diese sollte er erstmal lange Zeit nicht verlassen, was sprachlich aber keine Spuren hinterlassen hat...[weiterlesen]

Veröffentlicht am 18. Februar 2013

8 Kommentare zu “Ni No Kuni: Dieses Genre ist NICHT tot!

  1. Es ist das beste JRPG seit Xenoblade Chronicles und es freut mich riesig, dass es sich so gut verkauft, während Xenoblade sowie The Last Story und Pandora’s Tower wohl doch nur ein relativ kleines Publikum gefunden haben.

    Es ist schön zu sehen, dass JRPGs auch noch auf den großen Konsolen zu überzeugen wissen, wo sie in den letzten Jahren doch insbesondere auf den Handhelds ihre Nische gefunden hatten und dort durchaus florierten, denn die Handheld-Final-Fantasys wischen alle mit XIII den Fußboden auf. Ohnehin ist die Behauptung, JRPGs seien tot, übertrieben. Sie sind nur nicht mehr ganz so im Mainstream präsent wie noch zu Zeiten der letzten beiden Konsolengenerationen, aber auf dem DS und der PSP gibt es einige sehr gute JRPG. Gerade sind im PSN Gungir und Growlanser: Wayfarer of Time erschienen. Und ich hoffe ja darauf, dass auch die DS-Fassung von Ni No Kuni noch ihren Weg zu uns findet.

    • Gut, dass Du Xenoblade: Chronicles erwaehnst, dass wirklich ein hervorragender Vertreter war und – aus meiner Sicht – sogar etwas mehr Innovation geboten hat als “Ni No Kuni” (allein die vielen eingebauten MMO-Elemente waren erstaunlich gut umgesetzt).

      Auch ich habe nie daran geglaubt, dass das JRPG an sich tot ist! Vielleicht ruehren die Unkenrufe auch daher, dass einige Entwickler – allen voran SquareEnix – verzweifelt versucht haben, das Genre dem westlichen Markt anzupassen. Welch zweifelhafte Folgen das in anderen Genres hat, kann man an “Resident Evil 6″ oder “DmC” sehen (wobei letzteres wohl ganz gut ankommt) – oder eben beim viel geschmaehten “Final Fantasy XIII”!

      Daher muss ich Level-5 nochmal dazu gratulieren, wie sehr sie einmal mehr bewiesen haben, dass die guten alten Tugenden immer noch fuer ein hervorragendes Spielerlebnis gut sind.

      • Xenoblade ist viel angenehmer. Vor allen Dingen reißt es einen nie aus dem Spielfluss. Du bist gestorben? Respawn am letzten Rücksetzpunkt. Ni No Kuni lässt mich entweder neu laden oder knöpft mir von meinem ohnehin schon knappen Geld 10 % ab. Die Quests in Xenoblade erledigt man im Vorbeigehen und bei den meisten muss man noch nicht mal mehr zum Questgeber zurück. Wenn du den 20. Bärenhintern eingesammelt hast, ist die Quest abgehakt.

        Final Fantasy XIII ist ein langer Schlauch mit extrem unfairen Bosskämpfen. Ich hab Dark Souls und FF XIII parallel gespielt und musste mich oft genug mit Dark Souls von SquareEnix spielgewordener Frechheit ablenken. Das Traurige ist, dass The 4 Heroes of Light, IV: The After Years sowie die DS-Remakes von III und IV alle sehr gute Spiele waren. Das Handheld-Team scheint sein Handwerk zu kapieren, während sich das große Team an Shootern orientiert, weil die ja auch Schlauchlevel bieten und im Westen erfolgreich sind. Außerdem waren bis auf Sazh alle Charaktere in FF XIII mies.

        Ein Japano-RPG darf durchaus zu seinen Wurzeln stehen, Xenoblade zeigt aber auch, dass man westliche oder MMO-Einflüsse ebenfalls sehr gut integrieren und das Genre entsprechend modernisieren kann, ohne dabei gleich seine gesamte Identität einzubüßen.

    • Ich finde es traurig, dass die meisten guten JRPGs entweder auf Wii oder auf einem Handheld erscheinen. Sollen sie es doch wie Atlus machen, einfach PS2 Grafik und das ganze dann in HD. Das ist besser als nichts.
      Ich habe zwar sowohl Wii als auch PSP, jedoch spiele ich kaum Handheld und auch die Bildqualität der Wii ist mir auf dem TV etwas zu unscharf, trotz Komponentenkabel. Dazu kommt noch, ich müsste mir erst einen Classic-Controller kaufen und da habe ich irgendwie auch keine Lust zu. Ich möchte die Games irgendwie lieber auf PS3 haben.

      Deswegen kaufe ich halt fast alles, was es für PS3 so gibt. Zuletzt Ar Tonelico Qoga (ich kaufe immer irgendwann und eigentlich nie sofort), auch ein klassisches JRPG mit für diese Generation extrem schwacher Technik, aber darauf kommt es nicht an.

      Bei Ni Nu Kuni weiß ich noch nicht. Es wird ja als der Retter der JRPGs gefeiert. Aber so sehr ich Ghibli Filme liebe, so sehr schreckt mich der Grafikstil bei diesem Spiel ab. Ich habe es doch lieber etwas (eigentlich viel) Erwachsener.

      • Lieber Spiritogre! Ganz ehrlich, wenn Du Studio Ghibli-Filme liebst und auch für JRPG was übrig hast, dann MUSST Du Dir “Ni No Kuni” zumindest mal näher anschauen. Auch in den Filmen werden teils kindliche Motive mit erwachsenen Inhalten vermischt, und das ist im Spiel auch nicht anders. Daher – nicht lang zaudern, sondern ab auf die Reise mit Oliver & Co.!

    • Tim, ich gebe Dir recht, dass “Xenoblade” noch wesentlich komfortabler ist. Gerade was diese Fleißaufgaben angeht, wird doch viel Frustpotential doch ewige Lauferei vermieden. Allerdings erbt es natürlich MMO-Inhalte wie das von mir angesprochene, leicht öde Verdreschen von immer gleichen Gegner, um Ressourcen zu sammeln.

      Auch in Sachen Respawn hat “Xenoblade” die Nase gegenüber “Ni No Kuni” vorn, zumal das bei Level-5’s Werk auch nicht so ganz logisch ist. Wenn man zahlt, soll man – laut Anleitung – vor dem letzten Kampf wieder landen. Das trifft aber zum Beispiel nicht zu, wenn man sich auf der Weltkarte befindet, weil man dann an den Ausgang der nächsten Stadt gesetzt wird. Wo da der Vorteil sein soll, wenn man sonst frei auf der Karte speichern kann, erschließt sich mir nicht!

      Der Spielfluß wird hingegen bei “Ni No Kuni” aus meiner Sicht praktisch nie gestört, da eben auch das Kampfsystem so flott ist, dass eben nur die Bosskämpfe zu einer längeren Sache ausarten. Das wiederum ist ein dickes Problem von FF XIII, denn hier sind nicht nur die Bosskämpfe teilweise hammerhart, sondern das dafür notwendige Grinden ist aufgrund der teils langatmigen Standard-Scharmützel eine echte Tortur!

  2. Es gibt so vieles an diesem Game, das eigentlich kritikwürdig ist (repetitive Kämpfe, viel zu leichte Sidequests & eine Story, deren relevante Orte automatisch auf der Karte angezeigt werden, also nur noch abgelaufen werden müssen, ellenlange Text(!)Dialoge), aber: es interessiert nicht, es geht unter angesichts der Schönheit der Geschichte, der Spielwelt, der Charaktere. Das ist für mich die eigentlich größte Leistung, die “Ni No Kuni” klar zum Ausnahmetitel macht.

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