2

Max Payne 3: Respekt, Rockstar

Geschrieben von Andreas
Max Payne 3: Respekt, Rockstar

Ihr müsst die Spiele der Houser-Schmiede nicht mögen. Aber eines könnt ihr ihnen nicht absprechen: Kein anderes Studio entwickelt mit einem solchen Aufwand, Können und einer Spur Wagemut Videospiele. „Max Payne 3“ ist da keine Ausnahme.

Max Payne ist alt geworden. Kein Held zum Verlieben. (Bild: Rockstar)

Ich gebe zu, dass ich skeptisch war. Im ersten Trailer zum Spiel schien nichts zusammenzupassen. Die schwermütige Erkennungsmelodie in Verbindung mit der Metropole Sao Paolo und den Michael-Bay-ähnlichen Actionszenen schien auf einen austauschbaren Shooter hinzudeuten. „Max Payne“ als Abzocker? Mitnichten. Spätestens seit ich mir das Spiel bei Rockstar ansehen konnte und nun meines ersten Durchlauf hinter mir habe, steht fest: es ist anders, es ist klug, es ist spektakulär. „Max Payne 3“ ist eines der besten Actionspiele dieser Videospielgeneration.

Fangen wir mit der Story an. Zehn Jahre nach dem Tod seiner Familie sitzt Max saufend in einem Club in Sao Paolo. Zusammen mit seinem Kumpel Raul Passos arbeitet er als Bodyguard für die Brüder Branco und muss mit ansehen, wie Fabiana, die hübsche junge Frau des Familienoberhaupts Rodrigo, entführt wird. Max macht sich zusammen mit Raul auf die Jagd nach den Entführern und sticht bald in ein Nest aus Korruption und Verrat. Dass hinter der Entführung mehr steckt, als Max zunächst vermutet, dürfte jedem klar sein. Am Ende wartet sogar ein ziemlich schwer verdaulicher und durchaus brisanter Plottwist auf den Spieler.

Dies alles erzählt Rockstar mit aufwendigen Cutscenes, flüssigen Animationen und vor allem mit einer herausragenden Vertonung (wie übersetzt man eigentlich Voicework?). Trotzdem bietet gerade die Story bei vielen Spielern Anlass zur Kritik. Die Puristen bemängeln bei ihr das fehlende Noir-Feeling und den übermäßigen Gebrauch von Splitscreens oder künstlicher Bildfehler, die ähnlich wie in „Kane & Lynch“ die angeknackste Psyche des Protagonisten verdeutlichen sollen. Tatsächlich ging auch mir diese Anbiederung an Filme wie „City of God“ spätestens nach der Hälfte der Spielzeit auf den Keks. Auch wird nicht überzeugend erklärt, warum sich Max plötzlich die Haare abschneidet oder welche Rollen bestimmte Figuren in diesem Actionkomplott spielen. Aber wisst ihr was? Geschenkt.

Nix für Zartbesaitete. Die düstere Handlung und die expliziten Gewaltdarstellungen machen aus „Max Payne 3“ ein echtes Erwachsenenspiel. (Bild: Rockstar)

Für mich ist Max‘ Entwicklung glaubhaft. Der Typ funktioniert als Killermaschine, als „dumb ass American“, der von allen benutzt wird. Früher war er mehr der melancholische Rächer, jetzt wandelt er eher auf den Spuren von Sam Peckinpah: „The Wild Bunch“ im Solo-Mode. Mir scheint, dass er in seinen Kommentaren zynischer geworden ist und kein gutes Haar mehr an sich, seinen Mitmenschen und überhaupt der ganzen Welt lässt. Dies passt hervorragend in den gezeigten Status Quo der menschlichen Gesellschaft. Hier wird aus Geldgier betrogen und ermordet. Freundschaft? Ehre? Vertrauen? Sorry, bitte weitergehen. „Max Payne 3“ liefert ein düsteres Figuren- sowie Gesellschaftsporträt und verpackt es in eines knackiges Actionspektakel. Das ist beißende Sozialkritik, die ihr sonst kaum in einem Spiel finden werdet. So gesehen typisch Rockstar.

Glücklicherweise haben die Macher auf ihr übliches Open-World- Gehabe verzichtet. Rockstars erstes lineares Actionspiel überzeugt durch Reduktion zum Wohle der Dramatik. Die Handlung ist um einiges dynamischer als das auf Dauer zähe „Red Dead Redemption“, das sich in unglaubwürdigen Nebenepisoden verliert. Max zieht dagegen sein Ding durch, auch wenn ein paar Episoden (Stichwort „Panama) eher wie Lückenfüller wirken. Allerdings solltet ihr keine größeren Überraschungen erwarten, denn selbst mit ein paar Schlenkern in die Vergangenheit erzählt das Spiel eine geradlinige Geschichte.

Spielerisch erfindet Rockstar das Rad nicht neu. In der Tat werdet ihr alle Spielelemente so oder ähnlich schon mal erlebt haben. „Max Payne 3“ wirkt deshalb oft wie ein Best-of des letzten Spielejahrzehnts: Duck’n’Cover-Action wie in „Gears“, die üblichen Railgun-Passagen, Arena-Shootouts, Schlauchlevel und irrsinnige Explosionen. Erfreulich daran ist die Abwechslung in den einzelnen Abschnitten, denn obwohl der Schauplatz eng umgrenzt ist, geht es von Bürogebäuden, Häfen, Slums und einem Flugplatz durch das ganze ABC eines modernen Konsolenshooters. Einfach ballern und per Bullet-Time durch die einzelnen Abschnitte laufen funktioniert allerdings nicht. Ohne Zielhilfe ist die Frustgrenze hoch, aber der Faktor Glück ist erfreulich gering. Jede Actionsequenz lässt sich mit der richtigen Taktik meistern. Ärgerlicher ist es da schon, wenn ihr automatisch sterbt, weil ihr einen vorgefassten Weg verlasst.

Ein alter Held zeigt der jungen Konkurrenz, wie es richtig geht. (Bild: Rockstar)

Mir ist dieses geradlinige und packende Spektakel sympathischer als ein aufgeblähtes Open-World-Abenteuer, das man von Rockstar erwartet hätte. Oder irgendein forciert provokanter Militärshooter. Rockstar hat „Max Payne“ weder seine Seele genommen, noch das Spielerlebnis durch den Weichspüler gejagt. Sicher, es ist visuell anders, aber die Entwickler arbeiten wie in den Vorgängern viel mit Schatten und harten Kontrasten – „Film Noir“ heißt nicht zwangsläufig Schwarz-weiß. Es mag sein, dass die Inszenierung öfters mal über das Ziel hinausschießt oder den rund 12 Stunden Spielzeit mehr Spielelemente gut getan hätten, aber sei’s drum. Am Ende ist „Max Payne 3“ das, was es sein will: ein auf Hochglanz polierter Actionthriller mit einer markanten Hauptfigur und einem ordentlichen Schuss Gesellschaftskritik. Brutal, düster, gut.

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Magst du ihn teilen?
Share on FacebookTweet about this on TwitterEmail this to someoneShare on Google+Share on LinkedIn

Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 20. Juni 2012

2 Kommentare zu “Max Payne 3: Respekt, Rockstar

  1. Danke Andreas, du sprichst mir aus dem Herz. Ich liebe den alt gewordenen Max Payne und Rockstar haben die Serie gut fortgeführt. Manche Spielszenen erinnerten mich sogar an Tropa de Elite den ich kurz zuvor gesehen habe. Was für ein tolles Spiel.

  2. „Brutal, düster, gut“ – besser kann man es nicht zusammenfassen! Ich bin Rockstar sehr dankbar dafür, dass sie diesem einzigartigen Protagonisten einen würdigen Abschluss bereitet haben, ohne das GTA-Open World-Muster überzustülpen. Das wäre niemals ein „Max Payne“ geworden. Dass sich der Erfolg nicht so eingestellt hat, mag daran liegen, dass die Spielmechanik nicht komplex und innovativ, ja sogar altmodisch ist. Aber wer einen klassischen Shooter in packender Inszenierung möchte, liegt bei allen drei „Max Payne“-Teilen goldrichtig…

    Bravo, Rockstar! Eine ganz reife und bemerkenswerte Leistung!

Kommentar schreiben