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Skyfall: Bond á la Mendes

Skyfall: Bond á la Mendes

Als die ersten Gerüchte in Umlauf kamen, Sam “American Beauty“ Mendes würde den nächsten Bond-Film drehen, fiel ich regelrecht in Ekstase vor Freude. Solch einen “seriösen“ Regisseur, der schließlich mit dem Theater groß geworden ist und zu den jüngsten Academy-Award-Gewinnern seiner Zunft gehört, hatte man dem Geheimagenten bislang nicht zugetraut. Dann kamen leichte Zweifel: Ist das nicht zu viel des Guten? Braucht Bond wirklich so viel “Cleverness“, wie Mendes sie besitzt? Und vor allem: Kann der Mann Action? Und ob er das kann… und noch viel mehr.

Bond im Stress. (Bild: Sony Pictures)

Ich weiß jetzt gar nicht, wie ich mit dieser Kritik anfangen soll. Ich weiß nur, dass ich von der Geschichte so wenig wie möglich erzählen möchte. Vielleicht so viel: “Skyfall“ bricht in vielerlei Hinsicht mit den gewohnten James-Bond-Konventionen – noch mehr als “Casino Royale“. Es ist immer noch ein packender Actionthriller, bei dem sich clever inszenierte Szenen (Schattenrisskampf) mit atemberaubenden (Zugfahrt) regelmäßig abwechseln. Aber der Fokus liegt auf den Dialogen beziehungsweise dem verbalen Zwischenspiel der Charaktere.

Bereits nach Prolog-Ende wisst ihr ganz genau: Mit einem Sean Connery, einem Roger Moore oder einem Pierce Brosnan hätte DAS nicht funktioniert. Daniel Craig spielt einen Bond mit vielen Fehlern, was “Skyfall“ schonungslos ausnutzt. Gleichzeitig wirkt er dabei nie wie ein Weichei oder ein ernsthafter Versager. Man nimmt ihm stets seine Position als Ausnahmespion ab, obwohl er von seinen letzten Misserfolgen sichtlich angeschlagen ist.

“Skyfall“ ist ein sehr ernster Film, ohne sich dabei zu ernst zu nehmen. Am lustigsten oder charmantesten ist er bei der Einführung altbekannter Figuren, allen voran dem neuen Q, gespielt von Ben Whishaw. Allein in dessen erster Szene stecken herrlich viele Anspielungen an die alten Zeiten, in denen Bond seine Gegner mit explodierenden Kugelschreibern aufs Kreuz legte. Da reicht ein einfacher Satz für einen kurzen Lacher: “Das machen wir nicht mehr.“ Gleichzeitig wird der gesamte Film mit einer gehörigen Portion Wehmut übernetzt: Macht der MI:6 in der heutigen Zeit überhaupt Sinn? Gibt es in dieser Welt einen Platz für James Bond? Oder ist der einzelne Mensch nicht vielmehr austauschbar geworden, egal wie außergewöhnlich er auch sein mag?

M. ist nicht erfreut. (Bild: Sony Pictures)

Man könnte so einiges in “Skyfall“ hinein philosophieren, und dem einen oder anderen Zuschauer wird das bestimmt zu viel Psychoanalyse für einen Millionen Dollar schweren Blockbuster sein. Aber dieses Urteil wäre in meinen Augen alles andere als gerechtfertigt, schlicht weil die Dialoge perfekt die Gratwanderung zwischen Zugänglichkeit und Tiefe schaffen. Hier merkt man die Handschrift eines John Logans, der für meine Begriffe ein ähnliches Kunststück in anderen Drehbüchern wie “Gladiator“ oder “Hugo“ vollbrachte. Nur wenige der flapsigen One-Liner haben mir nicht gefallen – aber das ist geschenkt.

Überhaupt finde ich es bemerkenswert, wie geschniegelt dieser Film ist. Hier passt wirklich alles zusammen: Roger “True Grit“ Deakins glänzt erneut mit einer grandiosen Kameraarbeit, die sowohl weite Landstriche als auch fantastische Lichtspielereien zeigt. Stuart “Casino Royale“ Baird gelang eine seiner besten Arbeiten in Punkto Szenenschnitt, indem er zeigt, dass moderne Actionszenen auch ohne drei Cuts pro Sekunde funktionieren. Thomas Newman addiert einen klassischen wie modern klingenden Soundtrack, der viele Parallelen zu den Stammkomponisten John Barry sowie David Arnold zeigt und trotzdem diese eigene, unverkennbare Newman-Note besitzt. Das i-Tüpfelchen ist der spektakuläre Titelsong von Adele, den ich ohne Witz schon jetzt als den besten der gesamten Bond-Historie bezeichnen möchte. Ja, nach der kurzen Zeit ist das weit aus dem Fenster gelehnt. Aber mit welcher Power hier das Orchester zusammen mit der soullastigen Stimme der 24-jährigen arbeitet, ist sensationell.

Auch die schauspielerische Leistung des gesamten Ensembles ist beachtenswert, allen voran Judi Dench als MI:6-Chefin M. Ihre Rolle in “Skyfall“ ist immens wichtiger und vielschichtiger als in allen anderen Bond-Film zusammen. Sie zeigt sich sowohl von ihrer gewohnt taffen wie grantigen als auch einer völlig ungewohnten, nämlich erschreckend unsicheren Seite. Selten habe ich einen Charakter gleichzeitig so stark und so verletzlich gesehen, ohne dass sich diese beiden Extreme beißen.

Ebenfalls grandios ist Javier Bardem, der einen der markantesten, glaubhaftesten und zugleich irrsten Bösewichter der Bond-Historie hinlegt. In seiner ersten Szene wirkt er noch dezent künstlich, doch sobald er direkt vor Bond steht und diesem mit seinem selbstsicheren Gehabe klein zu reden versucht, packt der Spanier alle Register seines Könnens aus. Vor allem habt ihr trotz der schrecklichen Taten, die er vollbringt, richtig Mitleid mit dem Antagonisten. Denn auch das ist ungewöhnlich für einen Bond: In “Skyfall“ verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse.

Bardem + lächerliche Frisur = perfekter Bösewicht (Bild: Sony Pictures)

Für mich hat sich die Mischung aus Sam Mendes und James Bond voll gelohnt. Ich entdecke von beidem viele Elemente, die wunderbar miteinander harmonieren. Umso bedauernswerter, dass Mendes bereits jetzt schon angedeutet hat, er werde wohl keinen weiteren Film der Serie mehr drehen. Vielleicht ist das gut so, denn “Skyfall“ wird in meinen Augen nur schwer zu toppen sein. Es ist sogar ein ernsthafter Kandidat für die Oscar-Verleihung – das einzige Hindernis, welches ich sehe, ist ausgerechnet der große Name “James Bond“ selbst. Ähnlich wie damals bei “Batman“ und “The Dark Knight“ werden viele Wähler allein diesen als No-Go betrachten – was damals wie heute jammerschade wäre.

Ich weiß auch schon, was die Skeptiker “Skyfall“ vorwerfen werden: Dass er zu perfekt sein will. Ja, gottverdammich: Sogar der Titel ist hervorragend gewählt, weil er zunächst nichtssagend, aber dennoch interessant klingt, und am Ende mit einer passenden Pointe aufwartet, die Mendes ebenfalls so subtil wie es nur möglich umsetzt, anstatt sie in ellenlangen Dialogen breit zu treten. Durch und durch ein Meisterwerk eben.

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Über Andy

Andreas “Andy“ Altenheimer wandelt seit 1977 auf dieser Welt, als „Star Wars“ und „Der Stadtneurotiker“ in die Kinos kamen, und fühlt sich wie eine Mischung dieser beiden Filmklassiker... [Weiterlesen]

Veröffentlicht am 26. Oktober 2012

8 Kommentare zu “Skyfall: Bond á la Mendes

  1. Croaker schrieb am :

    Thanks für die Review.

    Jetzt bin ich mir 100% sicher, dass ich mir den Film NICHT anschauen werde.
    Scheint jetzt irgendwie verwirrend, weil du den Film ja eigentlich promotest und als gut bis sehr gut bewertest?
    Nach lesen des Artikels ist der für mich wichtigste Teil gleich am Anfang: “Vielleicht so viel: “Skyfall“ bricht in vielerlei Hinsicht mit den gewohnten James-Bond-Konventionen – noch mehr als “Casino Royale“.”
    In nur einem Satz wird machst du den Film für mich zum Nogo.
    er “bricht” mit den gewohnten James-Bond-Konventionen. Schade ich mochte JB gerade weil er “Bond, James Bond” war und nicht Jason Borne oder John Mclane. Bond ist britisch, ironisch und eben keine Haudrauf-Action. Wenn ich Action will geh ich in einen Actionfilm. Wenn ich Bondfilm will, dann möchte ich all das was Roger Moore, Sean Connery und Pierce Brosnan verkörpert haben und gar nichts anderes.
    Und dann kommt der Killer für Skyfall: ” noch mehr als “Casino Royale“.”
    Noch mehr ? wirklich? Casino Royale war der mit abstand besch******, langweiligste und schlechteste Bond den ich je gesehen hatte.
    Nein nicht ganz richtig, danach gabs ja noch einen mit Daniel Craig der war noch schlechter, ich kann mich nur nicht mehr an den Namen erinnern. Habe ich verdrängt.
    Wenn ein Film noch mehr ist als Casino Royale dann muss er wohl noch be.., na ich spar mir das jetzt.
    Wie auch immer Danke für die Review und die Bestätigung meiner Befürchtungen.

    • Ja, bei den Bond-Filmen mit Craig scheiden sich die Geister. Mir ging die Mischung aus Bond, Action und exotischen Schauplätzen aber schon bei Brosnan auf die Nerven. Außer tollen Setpieces hatten die Filme nichts mehr zu bieten und der “Sense of Wonder” mit technischen Gimmicks und spektakulieren war in meinen Augen spätestens bei “Lizenz zum Töten” verschwunden. Insofern war für mich “Casino Royale” eine Frischzellenkur. Zugegeben “Ein Quantum Trost” war eine billige Bourne-Kopie. Wenn ich Kollege Andy aber glauben darf, hat sich die Reihe wieder gefangen. Ich freu mich drauf.

  2. Xanija schrieb am :

    Ich fand Skyfall sehr gut, aber kann jetzt nicht unbedingt sagen, dass ich ihn besser fand als Casino Royale.

    Der Dialog mit Q und dem explodierenden Kugelschreiber hatte so was von der Szene in Casino Royale, als Bond den Martini bestellt und die Frage nach gerührt oder geschüttelt mit “Sehe ich so aus, als ob mich das interessiert” beantwortet. Beides lustig, aber irgendwie war das wie so ein wiederholter Gag.

    Ansonsten fand ich Skyfall von der Handlung her ein bisschen zu wenig überraschend und speziell im 2. Teil fast ein bisschen langatmig. Sehr gut fand ich selbstverständlich die Darstellung der Charaktere selbst, Judi Dench schlichtweg grandios. Nach wie vor finde ich die Entwicklung der James Bond-Reihe mit Daniel Craig absolut gelungen.

    • Inzwischen auch gesehen. Ich sag mal so: Skyfall ist das, was man allgemeinhin als Film bezeichnet. Mit Story, Figuren und Dialogen und so. Das konnte ich von den Bonds der Prä-Craig-Ära nur selten behaupten.

  3. Gast1 schrieb am :

    Leider habe ich mich nicht verlesen…einer der schlechtesten und langweiligsten Bond Filme aller Zeiten wird gelobt wie in einem gekauften Beitrag der Produktionsfirma.
    Bis auf die schauspielerische Leistung von M und der Arbeit von Hr. Deakins müsste ich in jedem Punkt widersprechen.

    Man hat erfolglos versucht die Enstehungsgeschichte, des uns gut bekannten James Bond, mit einem gähnend langweiligem “Bösewicht” auszuschmücken. Ein nicht erwähnenswertes “Bond Girl”, ein mieser Bond Song der das anstehende Grauen ermüdend einleitet, ein Wirwar aus den “früheren” Bondfilmen, die chonologisch gesehen noch gar nicht existiert haben (Bond hat also noch gar niemanden mit einem Kugelschreiber getötet oder mit Ms. Moneypenny geflirtet) usw.

    Es ist kein Bond, es ist kein American Beauty, noch sonst irgendwas. Eine müde Mischung die nichts verkörpert oder darstellt und vor allem dem Craig-Bond wieder einen seichten touch verleiht.

      • Gast1.1 schrieb am :

        Nein, das ist mein voller Ernst. Nur weil jemand nicht auf den “Hype the Bond Train” springt heißt es nicht, dass er trollt.

        Es wurde gute PR Arbeit geleistet und SONY hat Bond besser vermarktet denn je, kein Wunder dass sich der ein oder andere davon blenden lies und auf einmal der Meinung war, den besten Bond aller Zeiten gesehen zu haben.
        Natürlich hat sich Bond gewandelt, vor allem die “neuen” mit Craig taten der Figur sehr gut und passen besser ins 21. Jahrhundert als ein Roger Moore oder Pierce Brosnan.

        Das Schlimmste ist dieser spürbare Zwang, einen Bösewicht in die Geschichte integrieren zu müssen, das macht den Film unnötig lächerlich, vor allem mit einen “schwulen”, blondierten Bardem. Blabla Computerhacker…gähn-schnarch!
        Gerade Mendes wäre in der Lage gewesen einen Bond ohne die typische Action zu drehen, aber dann wären alle vollkommen ausgeflipt – Bond ist kein Bond mehr, schlechtester Bond aller Zeiten, Craig ist scheiße usw. usw.
        So hat der “normale” Bond-Gucker bißchen Action, ist über glücklich und der “Filmexperte” etwas zum reininterpretieren und analysieren und Hypen!

        Highlights sind meiner Meinung nach Casino Royal, Golden Eye, Goldfinger, The Spy who loved me, A view to a kill und Dr. No.

      • Es ist eine Sache, wenn einem etwas nicht gefällt, was landläufig gelobt wird (oder umgekehrt). Aber ich verstehe nicht, wieso du mich persönlich dafür angreifst, dass ich “Skyfall” als einen der besten Filme des Jahres 2012 bezeichne. Schließlich bin ich nicht der einzige, der den Film grandios findet – Beweislinks spare ich mir mal.

        Auch weiß jeder, der mich kennt, dass ich auf Hype-Maschinerie irgendwelcher Art sehr allergisch reagiere. Casino Royale z.B. wurde nicht minder gehypte und den fand ich respektabel, aber nicht mehr.

        Freilich hatte ich mich auf Skyfall gefreut, eben aufgrund der vielen Beteiligten, mit denen ich als typischer Oscar-Movie-Watcher etwas anfangen kann (von Mendes bis Deakins). Doch normalerweise folgt auf solch eine Vorfreude eher die Ernüchterung, während Skyfall meine Erwartungen zu 99% erfüllen konnte. Für mich geht das Filmjahr noch ein paar Monate (ich rechne da immer bis zur nächsten Oscarverleihung, um genau zu sein ;), doch bislang sitzt der Film recht solide auf Platz 1 meiner ganz persönlichen Top Ten 2012.

        Wie gesagt: Ich habe kein Problem damit, dass dir der Film nicht gefallen hat bzw. du explizit einzelne Elemente schlecht redest, die andere als grandios bezeichnen. Aber du solltest besser einmal lernen, die Meinungen anderer zu akzeptieren und vor allem zu respektieren, anstatt sie für diese zu beleidigen oder ihnen etwas zu unterstellen. Ich verfahre seit über neun Jahren, in denen ich öffentlich Kritiken über Spiele wie Filme schreibe, nicht anders mit meinen Lesern und Kollegen.

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