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Der billigste Spiel des Jahres 2010-Kandidat

Geschrieben von Sven

Es war Liebe auf den ersten Touch. Eine kleine Empfehlung und das darauffolgende Ausprobieren der Lite-Version genügten, um mich zum Kauf von „Game Dev Story“ zu bewegen. Die 2,99 Euro für die iPhone-App waren in Windeseile gezahlt, seitdem spiele ich wirklich  in jeder freien Sekunde dieses winzige, minimalistische, grandiose Meisterwerk. Ich muss zugeben, dass ich in diesem ereignisreichen Spielejahr kaum etwas Faszinierenderes erlebt habe.

Stephen Jobson ist wirklich ne Lusche! Trotz guter Werte!
Stephen Jobson ist wirklich ne Lusche! Trotz guter Werte!

Der naive Traum eines jeden leidenschaftlichen Spielers ist es vermutlich, ein eigenes Entwicklerstudio zu leiten. Mit verklärtem Blick auf den kapitalistischen Alltag könnte man eine perfekte Software erschaffen, die Millionen Menschen rund um den Globus begeistert. Doch zwischen Wunsch und Realität liegen in der Regel Dimensionen, die wenigsten Gamer werden ihre Visionen in die Tat umsetzen können. „Game Dev Story“ bringt euch allerdings euren Illusionen ein Stück näher, denn in diesem Titel könnt ihr tatsächlich eine Spieleschmiede aus dem Boden stampfen. Ihr stellt Programmierer, Sounddesigner, Storyschreiberlinge und Grafiker ein, die fortan für euch schuften und möglichst tolle Spiele entwickeln sollen. Auftragsarbeiten nehmt ihr an, um Geld in die Kassen zu spülen, letztendlich aber geht es um wirklich große Spiele für die Massen.

„Game Dev Story“ ist eine Hommage an eine romantisierte Darstellung der Spieleindustrie. An jeder Ecke wimmelt es nur so vor liebevoller Anspielungen, lustigen Seitenhieben und amüsanten Einfällen, die Firmen wie Nintendo, Sega oder Sony mit ihren Spielkonsolen ein wenig aufs Korn nehmen. Denn während ihr zu Beginn vorrangig für den PC entwickelt, dürft ihr mit genügend Mammon in der Tasche auch Lizenzen für die Produktion von Spielen für den PlayStatus (PlayStation(, den Mini Status (PSP) oder die Game-Box (Gamecube) erwerben. Es ist sogar möglich, später selbst eine Daddelkiste zu entwerfen.

Frisch enthüllt: Die neue Microx-Konsole.
Frisch enthüllt: Die neue Microx-Konsole.

Jedenfalls ist das Kreieren eines Spiels gar nicht mal so leicht: Ihr müsst euch für ein passendes Genre sowie ein Thema wie Fantasy oder Ninjas entscheiden und anhand verschiedener Aspekte wie Spielewelt oder Kinderfreundlichkeit Feintuning betreiben. Die Entwicklung läuft natürlich nur dann ordnungsgemäß, wenn ihr passende Leute an der Hand habt. Und spätestens hier trefft ihr auf den ausschweifenden Rollenspiel-Aspekt von „Game Dev Story“. Quasi alles gewinnt an Erfahrung! Entweder helft ihr nach, indem die Grafiker und Programmierer im Level aufsteigen lasst bzw. in ihren Fähigkeiten verbessert oder ihr erhaltet automatisch Optimierungen, z.B. beim Genre-Erfahrungsgrad.

Ach, ich könnte vermutlich einige Seiten mit den winzigen, aber überaus motivierenden Funktionen des Titels füllen, jedoch solltet ihr das einfach selbst erfahren – indem ihr euch „Game Dev Story“ zulegt. Nur dann werdet ihr wie ich infiziert. Das Spiel macht hochgradig abhängig, ich habe mit ihm unzählige Stunden verbracht, in denen ich eigentlich hätte arbeiten müssen. Bis tief in den Morgen hinein war ich bestrebt, ein geniales Spiel zu basteln, die virtuellen Pressekritiker zufrieden zu stellen und für hervorragende Verkaufszahlen zu sorgen. Denn Marketing-Aspekte sind ebenfalls mit dabei, genauso wie viele andere schrullige Ideen, die mich irgendwie sehr an den Entwickler Blizzard erinnert haben. Eine Hausmesse könnt ihr nämlich auch jedes Spieljahr abhalten.

Das Krasse an „Game Dev Story“ ist dieser unfassbare Suchtfaktor, der euch erst dann loslässt, wenn das Spiel leider etwas zu abrupt endet und der Endlosmodus beginnt.“Nur noch dieses eine Projekt abschließen! Ach, ein paar Data-Ressourcen noch, dann kann ich die Angestellten oder die Gameplay-Aspekte Sound, Fun, Graphics sowie Creativity verbessern.“ Diese und zig ähnliche Gedanken werden euch durch den Kopf gehen, wenn euch „Game Dev Story“ einmal gefangen genommen hat. Dass aus einer geplanten 5-Minuten-Pause plötzlich ein mehrstündiges Intermezzo geworden ist, erkennt ihr erst dann, wenn ihr erschreckt auf die Uhr schaut und euch wundert, wie die Zeit regelrecht aufgefressen wurde. Und Entzugserscheinungen sind auch im Preis inbegriffen.

Alle Jahre wieder führt ihr eine Gamedex-Messe durch.
Alle Jahre wieder führt ihr eine Gamedex-Messe durch.

Letztendlich werdet ihr auf einem Niveau unterhalten, das eine Frage aufkommen lässt: Wie kann ein an sich so simples Time-Management-Casualsgame so sehr vom Nachgehen alltäglicher Dinge wie Arbeit und Schlafen abhalten? Die Produktionskosten dürften mit Sicherheit nur einen minimalen Bruchteil irgendeines AAA-Spiels verschlungen haben! Die Antwort lässt sich gar nicht mal so einfach finden, ich bin aber davon überzeugt, dass „Game Dev Story“ schlichtweg den Nerv der „echten“ Spieler trifft, die in der Lage sind, die Hintergründe zu verstehen, die ihr Hobby lieben und die Spiele gerne emotional betrachten.

Klar, hart genommen wird „Game Dev Story“ irgendwann ein wenig eintönig. Und genau das ist gut so, sonst würde ich nämlich gar kein anderes Spiel mehr anrühren wollen. Trotzdem möchte ich jetzt mehr von diesem Spielkonzept! Eine iPad-Umsetzung mit mehr Umfang! Vielleicht eine gelungene Lokalisierung, die den grandiosen Charme beibehält! Gerne eine PC-Version mit weiteren Optionen! Ich nehme alles, vorzugsweise von den Entwicklern von Kairosoft, die verstanden haben, mich so sehr zu fesseln, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Oder wie wäre es, wenn sich einige von den großen, namhaften Studios mal ein Beispiel nehmen und sich nicht über modernste Grafikengines Gedanken machen würden, sondern über Elemente, die Spieler wirklich umhauen?

Für meine Wenigkeit gibt es keinen Zweifel: „Game Dev Story“ ist eines der besten Spiele 2010! Denn betrachte ich alleine meinen Spaß, den ich mit „GDS“ hatte, dann können dieses Jahr nur wenige Vollpreis-Spiele mit TOP-Wertungen ernsthaft mithalten. Klingt hart? Ist aber so.

Übrigens ist „Game Dev Story“ nicht nur für iPhone, iPod Touch und iPad erhältlich, die Macher veröffentlichten kürzlich eine Umsetzung für die Android-Plattform.

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 17. Dezember 2010

13 Kommentare zu “Der billigste Spiel des Jahres 2010-Kandidat

  1. Das das Ding bereits vor 12 Jahren in Japan erschienen ist (und jetzt natürlich überarbeitet wurde) finde ich um so erstaunlicher. Auch bei mir eines der Spiele des Jahres! Besonders hart war es ja, seine eigene Konsole zu entwickeln.

    Freue mich schon auf den zweiten Teil, den es bereits gibt in Japan.

  2. Da kann man nur hoffen, dass es nicht wieder 12 Jahre dauert. :)

    Ich denke aber, dass die grundlegende Spielidee so alt ist, ist gar nicht mal so verwunderlich. Denn nüchtern betrachtet ist es halt eine Timemanagement-Simulation – und sowas gibts seit Ewigkeiten, wurde aber nur dank des Casual-Hypes wieder belebt…

  3. Schöner, großer Artikel zu einem schönen, kleinen Spiel. Habe Game Dev Story ebenfalls bis zum sprichwörtlichen Umfallen gespielt. Nachts im Bett, bis mir das Telefon aus der Hand rutschte.

    Leider stürzt der Wiederspielwert spätestens nach dem 2. Durchgang (sind ja immer "nur" 20 Jahre) tief in den Keller – bei mir zumindest. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werde ich aber sicher nochmal einen Angriff auf meinen derzeitigen Highscore starten.

    Wie lief es denn bei dir so?

    Code East Inc.

    Gesamtverkäufe:

    1.190.732.240 units

    Bestverkauftes Spiel:

    Dragon Fist VI mit 59.567.470 units

  4. Also der erste Durchlauf war bei meine ne kleine Katastrophe, beim zweiten lag ich bei ebenfalls knapp 1 Milliarde Gesamtverkäufe, der Bestseller war das 6. Sequel von Spiel #22 … mit 45 Mio. Exemplaren. :D

    Aktuell bin ich beim dritten Anlauf, mal gucken, wie ich da so abschneide. Sieht bisher ganz gut aus…

    Ich bin nach wie vor sehr gut motiviert..und wenn ich schaue, wie viele Stunden ich schon "vergeudet" habe, dann liegt die Gesamtspielzeit schon jetzt höher als bei vielen Top-Titeln, die ich 2010 durchgespielt habe…

  5. jan schrieb am :

    Schöner Artikel, der mir in allen Punkten aus dem Herzen spricht. Nachdem ich Manus Polygon Beitrag gelesen hatte, musste ich das bislang eher vernachlaessigte Spiel auch nochmal anzocken. Seither leidet mein Schlaf (noch mehr als sonst).

    Auch wenn ich mir ein tiefergehendes Entwicklungssystem wünsche, bin ich restlos begeistert. Der Titel lebt für mich von seinem süßen Design und den gut recherchierten und ausgearbeiteten Anspielungen.

    • Wieso zum Glück? :)

      Ansonsten muss ich Dich enttäuschen. Derzeit gibts leider kein GDS oder ne Alternative für PC oder Series60-Handys. Immerhin gibts GDS für Android-Smartphones…vielleicht wäre das ja was für Dich, also wenn Du Dir ein neues Handy kaufst? :)

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