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Far Cry 3 – Blood Dragon: Eine Saga über 80er Jahre Trash und unsterblicher Synthi-Musik

Geschrieben von Andy
Far Cry 3 – Blood Dragon: Eine Saga über 80er Jahre Trash und unsterblicher Synthi-Musik

Wisst ihr, was ich an diesem Freitag machen werde? Ich gehe zum hiesigen Fachgeschäft und kaufe mir „Far Cry 3: Blood Dragon“ für den PC. Warum ich das tue, obwohl ich bereits einen Rezensionscode für die Xbox-360-Version fleißig gebraucht habe? Weil ich unbedingt die beiliegende Soundtrack-CD haben will.

Ich habe keine Ahnung, ob „Blood Dragon“ in Zukunft als erfolgreich, beliebt, hanebüchen, unsinnig, spaßig, dämlich oder alles zusammen bezeichnet wird. Aber in einer gerechten Welt sollte zumindest ein Aspekt niemals in Vergessenheit geraten: Die Musik von Power Glove ist ein Brett. Die Jungs schaffen eine Gratwanderung, die ich fast schon als Paradoxon bezeichnen möchte. Denn einerseits hört sich die Mucke perfekt nach typischem 80er-Jahre-Synthi an, andererseits wirkt sie dabei keinen Meter alt oder gar altbacken. Eine Handvoll geschickt komponierter Melodien im feschen Electronic-Sound reichen jedenfalls bei mir aus, um mich vor diesem kleinen Standalone-Addon zu verneigen.

Das Spiel selbst? Tja… das ist ganz nett.

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Gib mir Action, ich will töten.

Nein, ernsthaft: Was erwartet ihr? Ein vollwertiges Actionspektakel, so wie es das Original „Far Cry 3“ war? Soll ich lachen? Das Ding hier kostet knapp 15 Euro – jeder, der aufgrund der bereits im Vorfeld angemerkten Spielzeit von gut acht Stunden (was auch ungefähr hinkommt) gemeckert hat, der sollte einfach in Zukunft seine Erwartungen bei solchen Low-Budget-Titeln runterschrauben. Klar: Die Entwickler haben sichtlich an allen Ecken und Enden gespart. Zum einen durften sie eine bereits etablierte wie voll funktionsfähige Engine gebrauchen. Zum anderen fehlen aufwändig gestaltete Zwischensequenzen. Stattdessen gibt es spärlich animierte Comic-Bildchen mit etwas Sprachausgabe. Wobei man mal sehen kann, wie viel Geld anscheinend in diesen (meiner Meinung nach) viel zu oft überbewerteten Storymist diverser Triple-A-Titel investiert wird. Provokant: Ein „Tomb Raider“ hätte vielleicht nur halb so viel gekostet und wäre Spielspaß-technisch praktisch genauso gut gewesen, wenn man dort komplett auf eine Handlung verzichtet hätte…

Ich schweife ab: „Blood Dragon“ hat eine Geschichte, ja. Und die ist nicht gut – was laut Entwicklern so beabsichtigt sei. Allein das völlig abstruse Szenario ist total bescheuert: eine Insel in einer postapokalytpischen Zukunft, in der Drachen herumstapfen, die wie neonfarbene Dinosaurier aussehen, deren Himmel wahlweise dunkelrot oder dunkelviolett leuchtet und wo ihr alle paar Meter über grellbunte, wie strunzdumm agierende Cyber-Soldaten stolpert. Dazu gesellen sich ein völlig überzeichneter Held, der halb Mensch, halb Maschine ist, die Rückkehr des beinharten Machos symbolisiert und entsprechend kernig-dumpfe Sprüche auf den Lippen hat, sowie ein ebenfalls Klischee-triefender Schurke, natürlich ein renommierter Ex-Söldner, der plötzlich gegen die „korrupte Regierung“ ankämpft und dem ein paar mächtige Raketen in die Hände fallen, mit denen er was-weiß-ich für einen Scheiß machen könnte. All das erinnert nicht an „gute“ Actionfilme aus den 80er Jahren, sondern an „behämmerte“. Kunst durch Mist – in der Tat gibt es viel zu wenige Experimente dieser Art.

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Ist es ein Dinosaurier…? Ist es ein Drache…?? Ist es eine Leuchtreklametafel…???

Wobei ich gleich hinterher sagen muss: Die Dialoge haben mich nicht vom Hocker gerissen – also weder im positiven noch im negativen. Der „unfreiwillige Humor“ wirkt mir zu „gezwungen“, zu sehr mit der Faust aufs Auge gedrückt. Erst gegen Ende folgen ein paar Szenen, die schön „Over the Top“ sind – und die im Schlussakkord vertretene Musik, an dieser Stelle von einem waschechten Film-„Klassiker“ (ergo Gewinner mehrerer goldener Himbeeren) lizenziert, passt einfach herrlich ins Gesamtbild. Jede Wette: Creative Director Dean Evans hatte dieses Finale so mit als erstes im Kopf und den Rest drumherum gebastelt.

Der eigentliche spielerische Kern lässt sich am besten als „Far Cry 3 Light“ bezeichnen. Die Hauptmissionen sind ordentlich designt, darüber hinaus dürft ihr ein gutes Dutzend Garnisonen einnehmen, auf die Jagd gehen oder ein paar Geiseln retten. Hier seht ihr alle Nase lang die Parallelen zum Original, nur dass der Schwierigkeitsgrad bedeutend zahmer ist. Mit ein Grund hierfür ist die (bewusst?) schwache Balance des Waffenequipments. Es gibt wirklich viele Goodies, von denen ich aber letztlich nur die Hälfte brauche. Spätestens, wenn ihr die fulminante Terror 4000 euer Eigen nennt, rotzt ihr die Gegner gleich dutzendweise weg. Deshalb macht es kaum Sinn, sich heimlich in eine Festung zu schleichen und clever den Alarm abzuschalten, wenn ihr á la Rambo selbst die dickste Verstärkung im Nu zu Klump schießt. Das ist durchaus lustig, aber wer eine Herausforderung sucht, der schaut sich lieber für das Geld im Indie-Sektor um.

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Ich mach Terror mit der Terror… 4000!

Der allgemeinen Abwechslungsarmut zum Trotz habe ich sämtliche Nebenmissionen abgearbeitet – diese Motivation schreibe ich der wirklich fantastischen Musik und dem ebenfalls kongenialen Originalspiel zu. Das Gesamtkonzept funktioniert nach wie vor, weil es weiterhin meine niedersten Ballerinstinkte weckt und mir jedes Mal ein vorzeigbares Ergebnis liefert – sei es eine eroberte Garnison, eine absolvierte Mission oder einfach nur ein kräftiges „BUMM!“.

Persönlich wäre ich durchaus für ein weiteres „Far-Cry-3“-Addon zu haben, das sich erneut einem ganz anderen Szenario widmet – warum nicht? Jedoch möchte ich kein „Blood Dragon 2“ – die Idee ist lustig, aber bereits nach den erwähnten acht Stunden ausgereizt. Überhaupt würde ich zu gerne wissen, wie dieses Projekt durch die Chefetage geprügelt wurde: Ein neuzeitlicher, technisch hochwertiger Action-Klassiker wird bewusst mit Trash ohne Reue überschüttet. Bei der Menge an zynisch-sarkastisch eingestellten Spielern dürfte der Trick sogar funktionieren. Aber bei allen anderen, die das schlicht und ergreifend nicht witzig finden, könnte es böse nach hinten losgehen.

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Über Andy

Andreas “Andy“ Altenheimer wandelt seit 1977 auf dieser Welt, als „Star Wars“ und „Der Stadtneurotiker“ in die Kinos kamen, und fühlt sich wie eine Mischung dieser beiden Filmklassiker... [Weiterlesen]

Veröffentlicht am 30. April 2013

2 Kommentare zu “Far Cry 3 – Blood Dragon: Eine Saga über 80er Jahre Trash und unsterblicher Synthi-Musik

  1. Ich war auch positiv überrascht, als ich nach 7,5h alles erledigt hatte (400/400).
    Es lebt halt von der trashig-coolen bis gewollt-peinlichen Inszenierung (Schildkröten, W20-Würfel und die große Waffe nach dem Killstar)
    Zu den Waffen, ich fand das KobraCon, die Sniper-Waffe halt, mit den Explosivgeschoss-Upgrade viel besser als die Terror 4000.

  2. Muss schon eines der bemerkenswertesten Add-ons sein – allein von der Idee des Szenarios her! Dafuer muss man fuer „Blood Dragon“ irgendwie dankbar sein, wenn man sich die generischen DLC-Pakete, die uns sonst bei AAA-Titeln begegnen, so anschaut…

    Wenn ich mal das Hauptprogramm doch mal gespielt habe, wird „Blood Dragon“ sicher auch angezockt. Auf die Musik bin ich dann schon besonders gespannt…

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