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Extrem laut und unglaublich nah: Streit zwischen Kopf und Herz

Geschrieben von Andy
Extrem laut und unglaublich nah: Streit zwischen Kopf und Herz

Seit zwei Jahren eifere ich einer Idee hinterher, die ich für eine eigene Webseite umsetzen möchte. Die Idee bezieht sich auf das leidige Problem der Wertungssysteme und dass selbst ich manchmal zweigespalten über meine eigene Meinung bin.

Und der neue Film von Stephen Daldry, “Extrem laut und unglaublich nah“, bekräftigt die Idee dahinter. Filme über den 11. September sind rar und meist umstritten. Das Erlebnis sei zu frisch, als dass es für einen “unterhaltsamen“ Kinofilm herhalten dürfe (In dem Zusammenhang würde ich gerne wissen, was die Leute im Jahre 1912 über “In Nacht und Eis“ dachten, der angeblich wenige Tage nach dem Untergang der Titanic genau dieses Ereignis “nachspielte“…). In “Extrem laut und unglaublich nah“ geht es auch gar nicht primär um den Terroranschlag, bei dem zwei Flugzeuge ins World Trade Center gecrasht sind und Tausende von Menschen in den Tod rissen. Der eigentliche Plot spielt gut ein Jahr danach und ist mehr ein Selbst- wie Sinnfindungsprozess eines neunjährigen Jungen.

Oskar Schell hat seinen Vater bei den Anschlägen verloren. Der hat ihn zu Lebzeiten immer motiviert, auf Schatzsuche zu gehen – mitten in New York, versteht sich! Stets spielte er kleine Spielchen mit ihm und gab ihm subtile Hinweise, wo er suchen solle… und geschweige denn was. Traumatisiert durch die Ereignisse am 11.September, traut er sich erst zwölf Monate später den Kleiderschrank des Vaters zu durchsuchen, der seit dessen Tod unberührt blieb. Oskar zerbricht dabei eine Vase und findet einen kleinen Umschlag. Darauf steht das Wort “Black“, darin befindet sich ein Schlüssel. Der Junge ist sich sicher: Dieser stammt von seinem Vater, ist für ihn bestimmt und Teil einer seiner Erkundungsspiele.

Als die Welt noch in Ordnung war... (Bild: Warner Bros.)

Doch wie soll er das ganz alleine bewerkstelligen? “Black“ würde sicherlich ein Name sein, denkt sich Oskar – und nimmt sich deshalb fest vor, sämtliche Blacks in seinem New Yorker Stadtteil aufzusuchen. Er wälzt Telefonbücher, markiert die Häuser auf einem Stadtplan und legt einen Karteikasten an. Dabei steigert er sich dermaßen stark in diese Suche hinein, dass er sich immer weiter von seiner Mutter distanziert. Die meiste Zeit über herrscht Stillschweigen zwischen den beiden, oder es kommt zu einem handfesten Streit, bei dem sich Oskar immer mehr in Rage schreit.

“Extrem laut und unglaublich nah“ ist ein enorm manipulativer Film. Die Geschichte steckt voller kleiner Logikschwächen, die meist mit den überraschenden “Wendungen“ einher kommen. Beispiel: Oskars Vater hat ihm kurz vor seinem Tod einen kleinen Zeitungsartikel überreicht, auf dem er die Phrase “do not stop looking“ einkreiste. Erst ein Jahr und unzählige Besuche bei diversen Blacks später, kommt Oskar auf die Idee, die Rückseite des Artikels anzuschauen, wo ebenfalls etwas markiert ist. Diverse Filmfreaks bemängeln hier, dass dies nicht zu dem sonst so aufgeweckten und “um-die-Ecke“-denkenden Jungen passe.

Oskar bekommt in der zweiten Hälfte des Filmes einen Freund, einen alten Mann, der bei seiner Großmutter zur Untermiete wohnt und kein Wort redet. Gemimt vom grandiosen Max von Sydow, schreibt er sämtliche Dinge, die er sagen möchte, auf Zettel und hat auf seiner linken Handfläche ein „Yes“ sowie auf seiner rechten ein “No“ eintätowiert. Auch dies wirkt objektiv gesehen arg rührselig, speziell was die finale Auflösung über seine eigentliche Beziehung zu Oskar anbelangt.

Auf der Suche nach einem Sinn: Oskar Schell. (Bild: Warner Bros.)

So müsste ich den Film dissen, verachten oder gar hassen und, genau wie so viele andere Filmblogger auf der Welt, die überraschende Academy-Award-Nominierung in der Kategorie “Best Picture“ mit einem Kopfschütteln beantworten. Doch das tue ich nicht, ganz im Gegenteil. Denn so sehr ich diese ganzen Fehler und Schwächen auch sehe, so heftig hat mich der Film mit seiner Thematik sowie einigen Schlüsselszenen berührt. Ohne jeden Zweifel habe ich bei keinem anderen Film des Jahrgangs 2011 mehr geheult, als bei “Extrem laut und unglaublich nah“.

Zuerst einmal: Mich persönlich störten die Logikschwächen nicht allzu sehr, obwohl sie mir durchaus auffielen. Aber ich fühlte mich nicht “verarscht“ und akzeptierte die eine oder andere Wendung als Mittel zum Zweck, nämlich dass die Geschichte eben in eine neue Richtung gelenkt wird. Was mich zunächst viel mehr störte, waren einige der Wutausbrüche seitens Oskar. Thomas Horn, der die Rolle des Jungen übernahm, wirkt phasenweise überfordert mit dem, was Regisseur Stephen Daldry von ihm verlangte. Gleich hinterher sei gesagt, dass dieser Kritikpunkt nicht für den angesprochenen Konflikt mit der Mutter gilt. Der hat mich aus einem ganz perfiden Grund enorm angefixt: Ich habe mich selbst in Oskar gesehen.

Kurze Beschreibung der Szene: Oskar beschwert sich darüber, dass es eine Beerdigung für seinen Vater gab, obwohl sich kein Körper, kein Haar, ja, kein Atom von ihm im Sarg befand. Die Mutter versucht ihren Sohn zu beschwichtigen und zu erklären, dass sie dies für sich und für ihn gemacht habe, um mit der Sache besser fertig werden zu können. Oskar wiederum stellt die ganze Prozedur in Frage und auch dass es keinen Sinn machen würde, warum irgendwelche fremden Menschen mit einem Flugzeug ins World Trade Center gekracht seien und deshalb sein Vater sterben musste. Die Mutter versucht erneut so gut es ihr möglich ist zu kontern, dass es darin in der Tat keinen Sinn gebe und dass auch sie damit nicht klar käme. Sie probiert alles, um ihrem Sohn zu vermitteln: “Wir können es nicht ändern, wir müssen damit leben und wir dürfen nicht auch “uns“ verlieren.“ Und Oskars Reaktion darauf? Er macht weiter, wird lauter, beleidigt seine Mutter und wünscht, sie hätte anstatt des Vaters im WTC gesessen.

Dieses Verhalten erinnert mich deshalb an mich, weil auch ich dermaßen in Rage geraten kann, dabei sämtliche Beschwichtigungen ignoriere und lieber ein überdramatisches Gegenargument nach dem anderen aufführe. Frei nach dem Motto: Dass mir ja keiner meine schlechte Laune vermiest. Es sei gleich hinterher gesagt, dass es ein entsetzliches Gefühl ist. Man hält krampfhaft an seinem “Leid“ sowie an seinem “Schicksal“ fest und möchte nicht, dass dieses Drama in einem Happy-End zerredet wird… oder überhaupt in einem “Ende“.

Oskar und der Untermieter: eine ungewöhnliche Freundschaft. (Bild: Warner Bros.)

Ebenfalls mehr als berührt hat mich der Epilog beziehungsweise die unvermeidliche Aussöhnung zwischen Oskar und Mutter. Deren eigentliche Rolle gewinnt in der letzten Viertelstunde des Films immens an Bedeutung, und jede Frau, die sich ihrem Sohn auf diese Weise gegenüber verhalten würde, hätte von mir den Preis “Beste Mama der Welt“ sicher. Dazu gibt es noch Applaus von mir für Sandra Bullock, die selbst in ihrer emotionalsten Szenen heult wie ein Schoßhund und dabei nicht kitschig, nervig oder gar peinlich, sondern einfach nur natürlich wirkt.

Und dann ist da die eine Szene, bei der es bei mir endgültig “Klick“ machte. Ich darf sie leider nicht verraten und kann sie allerhöchstens mit der Wortkombination “die sechste Nachricht“ umschreiben. Erneut wird bestimmt die halbe Welt sie als höchst manipulativ bezeichnen, weil sie vermutlich ohne die fürchterlichen Ereignisse, die am 11. September stattgefunden und uns alle mehr oder weniger gezeichnet haben, nicht die gleiche Wirkung hätte erzielen können. Doch ganz ehrlich: Das ist mir egal. Ich war fertig nach der Szene. Es hat mich innerlich zerrissen, sei es die Idee dahinter (die vermutlich 1:1 aus dem gleichnamigen Buch stammt) oder die Ausführung (für die ich mich vor Daldry verneige).

Zusammen mit dem Faktor Musik, der bei mir automatisch für Pluspunkte sorgt, wenn sie mich wie im Falle von “Extrem laut und unglaublich nah“ anfixt, komme ich zu folgendem schizophrenen Endergebnis: Der Film ist maximal mittelmäßig und hat mich zutiefst beeindruckt. Das Wertungssystem meiner geplanten Webseite beruht auf diesem inneren Zwist, nämlich zwei Wertungen zu geben. Die eine vergebe ich mit dem Kopf, die andere kommt sprichwörtlich vom Herzen. “Extrem laut und unglaublich nah“ bekäme als Kopfwertung drei von sechs möglichen Sternen und als Herzwertung die volle Punktzahl. Oder als knappes Fazit zusammengefasst: “It’s average, but I love it!“. Nur so kann ich als Kritiker professionell urteilen, ohne meine Gefühle zu verleugnen.

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Über Andy

Andreas “Andy“ Altenheimer wandelt seit 1977 auf dieser Welt, als „Star Wars“ und „Der Stadtneurotiker“ in die Kinos kamen, und fühlt sich wie eine Mischung dieser beiden Filmklassiker... [Weiterlesen]

Veröffentlicht am 29. Februar 2012

4 Kommentare zu “Extrem laut und unglaublich nah: Streit zwischen Kopf und Herz

  1. Extrem laut… mag nicht der beste Film sein, aber ein guter ist es auf jeden Fall.

    Da mich das Buch echt umgehauen hat, wie kein anderes zuvor, war ich auf den Film wirklich gespannt. Und ich finde, dass man das Buch hier auch als Film gut umgesetzt hat. Extrem laut… ist kein einfaches Buch, da es nicht nur Text, sondern auch Bilder, ein Daumenkino, etc. enthält. Einige dieser Verschrobenheiten wurden auch im Film übernommen, andere Stellen wurden gekürzt.

    Es hätte mich gefreut, wenn man die Erlebnisse von Oskars Großvater in Dresden auch gezeigt und nicht nur in einer kurzen Szene abgehandelt hätte. Aber das ist dann auch schon mein einziger größerer Kritikpunkt.

  2. Pflichtfilm für mich, den ich hoffentlich bald sehen kann. Andy bringt es auf den Punkt, was ein Film manchmal einfach haben muss, obwohl er vielleicht „handwerklich“ gesehen nur Mittelmaß ist: Ein Film muss berühren – genau darin liegt die Magie des Kinos! Wer immer nur nach Logik sucht, hat wahrscheinlich noch nie wirklich aus vollem Herzen bei einem Film geheult, weil er ständig dabei ist, die Fehler in der Story zu suchen…

    Danke für diesen wunderbaren Bericht und der emotionalen Ehrlichkeit!

    • Michael, sei mir nicht böse, aber ich verstehe Deinen Kommentar nicht. War das jetzt eine Feststellung, eine Frage oder eine Meinungsäußerung? Eine „seriöse“ Wertung kann doch auch genau so aussehen, dass man eben gerade die emotionale Wirkung des Films beschreibt. Aus meiner Sicht ist es schade, dass in so vielen Medien immer nur nach handwerklichen Fakten bewertet wird, die Wirkung des Ganzen aber meist nur wenig Einfluss auf die Wertung hat (Computerspiele sind in diesem Punkt noch viel „anfälliger“ als Filme)!

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