3

Evoland: Gespielte Nostalgie

Geschrieben von Sebastian
Evoland: Gespielte Nostalgie

Computerspiele sind seit mittlerweile 25 Jahren mein liebstes Hobby. Als mich die ersten 8-Bit-Titel auf dem Schneider CPC in den Bann zogen, stand die Berliner Mauer noch, Russland erlebte die Anfänge der Perestroika, Japan kaufte die halbe USA auf und die Apartheid in Südafrika war bitterer Alltag. Denke ich also zurück an meine Spielehistorie, ergibt sich unweigerlich ein allgemein nostalgischer Rückblick.

Den Indie-Entwicklern von Shiro Games kann ich für ihre digitale Zeitreise „Evoland“ somit nur dankbar für all die wehmütigen Momente sein, die sie mir mit ihrem kurzen Trip von den grauen, unansehnlichen Anfängen des Computer-Rollenspiels bis zum modernen Action-RPG im 3D-Gewand bereitet haben. Der angewandte Kniff ist dabei so simpel wie effektiv: Wie in jedem Rollenspiel gibt es in „Evoland“ zahlreiche Schatzkisten, die es zu finden gilt. Deren Inhalt hat aber meist nichts mit Gold, Waffen oder ähnlichem Plunder zu tun, sondern gibt einen neuen technischen sowie spielerischen Entwicklungsschritt preis.

Kurzüberblick über das "Geschichtsmaterial" in "Evoland" (Foto: theindiedeveloper.com)
Kurzüberblick über das „Geschichtsmaterial“ in „Evoland“ (Foto: theindiedeveloper.com)

So beginnt meine Reise durch „Evoland“ mit einer einzigen Displayzeile aus grünlich-grauen Pixelblöcken, deren matschige Optik fast die erste Kiste verschwinden lässt. Doch mit jeder geöffneten Truhe wandelt sich das Erscheinungsbild des Spiels rasch zu einer 16-Bit-Farboptik, die ich allerdings zunächst nur schrittweise bereisen kann. Diese Einschränkung wird kurze Zeit später durch weitere Kisteninhalte beseitigt, genauso wie sich auf gleiche Weise Soundeffekte, Musikuntermalung, Speicherpunkte und sogar eine Hintergrundgeschichte freischalten lassen.

Nach rund vier Stunden erstrahlt „Evoland“ dann in vollem, hochauflösenden Glanz. Bis dahin habe ich eine kaum anspruchsvolle, aber liebevoll gestaltete Hommage erlebt, die sich hauptsächlich an den beiden Konsolen-Klassikern „Final Fantasy“ und „Legend of Zelda“ orientiert. Die vorkommenden Bewohner der Welt sind ebenso deckungsgleich mit „Final Fantasy 7“ – vom kindlichen Charme bis hin zur Manga-Frisur – wie das Kampfsystem. Die Verneigung an SquareEnix’ wohl bekanntestem Spiel macht sogar vor dem legendären Tod von Aeris und dem Endkampf gegen eine Sephiroth-Kopie nicht halt. In den Dungeons fühle ich mich in die Rolle von „Zelda“-Dauerheld Link versetzt, der in verwinkelten und mit Geschicklichkeits- und Puzzleeinlagen gespickten Gängen den Schlüssel zum Bossraum finden muss.

„Evoland“ wirkt wie ein interaktiver Museumstrip, und ich kann den Entwicklern nur ein Kompliment dafür aussprechen, wie gut ihre Idee funktioniert. Ich möchte sogar behaupten, dass sie „zu gut“ funktioniert, da die Lust auf mehr in mir geweckt, aber durch den geringen Spielumfang nicht befriedigt wird. Natürlich ist es vollkommen illusorisch, von einer Indie-Produktion einen vollständigen Überblick über die Geschichte der digitalen Rollenspiele zu erwarten – schon gar nicht, wenn die Urform des Spiels im Rahmen eines Wettbewerbs in gerade mal 48 Stunden erstellt wurde. Nichtsdestotrotz überkam mich am Ende doch die Wehmut darüber, dass in „Evolands“ Retrospektive eher westlich geprägte Rollenspiele kaum Platz finden. Die einzige Ausnahme – eine „Diablo“-Persiflage – ist dabei umso gelungener, da sie die im Action-RPG-Genre übliche Hatz auf abstrus benannte Ausrüstungsgegenstände gelungen auf die Schippe nimmt.

"Evoland" steht gekonnt die berechtigte Frage, warum Action-RPG eigentlich so viele Fans haben.
„Evoland“ steht gekonnt die berechtigte Frage, warum Action-RPG eigentlich so viele Fans haben.

Würde ich „Evoland“ als vollwertiges Spiel ansehen und nun darüber meckern, dass es viel zu leicht, viel zu wirr erzählt, viel zu trivial und viel zu kurz wäre, hätte ich die Zielrichtung des Spiels nicht verstanden. Es geht hier um ein Stück „Spielgeschichte“, und wie könnte diese besser und angemessener präsentiert werden als in der Form eines netten, unterhaltsamen Spiels, das über seine gesamte Dauer mit Nostalgiemomenten nicht spart?  Ich bin Shiro Games für diesen vergnüglichen Nostalgie-Ausflug in die Vergangenheit meiner Spiele-Leidenschaft auf jeden Fall sehr dankbar!

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Magst du ihn teilen?
Share on FacebookTweet about this on TwitterEmail this to someoneShare on Google+Share on LinkedIn

Über Sebastian

Sebastian Schmucker erblickte 1975 das Licht der Welt im tiefsten Bayern, der Wahlheimat seiner Eltern. Diese sollte er erstmal lange Zeit nicht verlassen, was sprachlich aber keine Spuren hinterlassen hat...[weiterlesen]

Veröffentlicht am 17. Mai 2013

3 Kommentare zu “Evoland: Gespielte Nostalgie

      • Fast! Ich hab das mit den 48h geschrieben, aber dafür den Namen „Ludum Dare“ unterschlagen und nur von einem Wettbewerb gesprochen. Sorry für die Ungenauigkeit!

Kommentar schreiben