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Umsonst im Netz: Crysis 2, Raubkopierer und die Industrie

Geschrieben von Andreas
Umsonst im Netz: Crysis 2, Raubkopierer und die Industrie

Dumm gelaufen: Kürzlich wurde bekannt, dass von dem Spiel „Crysis 2“ bereits vor dem offiziellen Erscheinen eine illegale Version im Netz existiert.

Das Blog „Superlevel“ hat dazu einen Artikel geschrieben, der polemisch eine „Ode an die Raubkopie“ abfeuert. Das kann man nun leichtfertig als Hirngespinst der Blog-Kultur abwerten, aber es steckt auch Wahres darin: Niemand hat bisher belegt, wie hoch der Schaden der Industrie wirklich ist. Schon immer hüllen sich die Hersteller in einen Nebel des Schweigens, wenn es um konkrete Verkaufszahlen geht, und diese Null-Transparenz-Philosophie greift auch hier: Wenn das Spiel am Ende ein Flop wird, waren es bestimmt die Raubkopierer – so oder ähnlich lautet der oft wiederholte Vorwurf der Industrie. Zynisch betrachtet könnte man deshalb im Fall von „Crysis 2“ von einer vorgezogenen Grabrede sprechen, denn neben „Dead Space“ ist Cryteks Shooter eines der großen Sorgenkinder von EA. Der Vorgänger wurde für viel Geld produziert und konnte diese Kosten nur mit Mühe wieder einspielen. Ob der Nachfolger dies übertreffen wird, kann bezweifelt werden, denn vielen Konsolenspielern dürfte der ehemalige PC-only-Titel nur wenig sagen.

Crysis 2: Der zweite Versuch einen Blockbuster an den Mann zu bringen.

Ich will hier nichts beschönigen: Raubkopieren ist illegal! Und das gehört bestraft. Obwohl es kaum genaue Zahlen gibt, dürfte dieses „Kavaliersdelikt“ einigen Entwicklern den Job gekostet haben. Wer das trotzdem verteidigt, muss auch mit DRM, Online-Zwang oder Securom & Co. leben können, denn es ist nur legitim, dass die Publisher dagegen etwas unternehmen. Manche Argumente für Raubkopien – zu teuer, Kopierschutz, usw. – werden meist mit dem Tap-Fu-Desaster im App-Store gekontert. Genauso schnell reagiere ich dann aber mit folgendem Artikel von David Rosen von Wolfire Games, der eine andere Meinung vertritt. Was ich damit sagen will – es ist alles nicht so einfach. Vielleicht ist der Markt ja gar nicht so groß und potent wie alle denken, oder man geht falsch mit der Sache um.

Mich stört da besonders der Hang zur Selbstgefälligkeit in großen Teilen der Spieleindustrie. Sie gehen immer davon aus, dass man ihr Spiel kaufen muss und es spricht sicher für das Selbstvertrauen der Macher, aber dummerweise handelt es sich um einen „Markt“ wie jeder andere auch. Da zählen Begriffe wie Alleinstellungsmerkmale, Marketingpower oder Mehrwert, und so wird es immer Gewinner und Verlierer geben (müste aus oben genannten Gründen). Klar, das ist eine Binsenweisheit, aber sie scheint einigen Herstellern nicht klar zu sein. Es ist ein große Portion Glück dabei, wenn eine App sich in einem Millionenmarkt behauptet. Oder bleiben wir mal bei „Crysis“. Außer der technischen Leistung wird bei diesem Spiel nichts in Erinnerung bleiben: Ein lahm inszenierter Shooter, der erst im letzten Drittel aufdreht und gegen das Action-Feuerwerk „Modern Warfare“ nie eine reelle Chance hatte. Und das sage ich als bekennender MW-Hasser.

Welcher Shooter ist das?

Man muss sich auch fragen, was die Hersteller von ihren Kunden erwarten. Inhalt, Präsentation und Werbung sprechen den 16-18jährigen männlichen Jugendlichen mit trainierten Daumen an, als einen verantwortungsbewussten Erwachsenen (der es besser wissen sollte). Wir leben ja auch in einer Wegwerfgesellschaft, bei der eher der kurzzeitige Kick als Mehrwert zählt. Jeder will alles haben und kaufen, aber nur die Wenigsten können es sich leisten. In einer solchen Situation fragt man sich als Konsument, ob man wirklich bereit ist für ein austauschbares Actionspiel knapp 70 € auszugeben. Blickt man auf die Raubkopienzahlen, ist es dem potentiellen Kunden offensichtlich nicht mehr wert. Trotz ihrer jahrzehntelangen Geschichte gelten Computerspiele heute als kurzfristiger und anspruchloser Zeitvertreib. Kurzum, nicht alles ist toll, was die Hersteller auf den Markt werfen – egal, was die Werbung sagt. Oder polemisch ausgedrückt: Die meisten Spiele sind nicht mehr wert als eine Raubkopie.

Es gibt viele Formen von Qualität, aber meist bedeutet es auch, dass man sich als Hersteller einschränkt. Firmen wie Valve scheinen sich um das Thema Raubkopien kaum zu kümmern und haben trotzdem Erfolg. Auch Blizzard verdient gut mit WoW, Starcraft und demnächst mit Diablo 3. Das sind alles Marken, die gepflegt werden und der Kunde weiß am Ende, dass er ein ausgereiftes Produkt bekommt, egal ob man es nun mag oder nicht. Bei einem x-beliebigen CoD-Klon weiß er das aber nicht. Massenware wird eben auch schnell Ramsch, und niemand darf sich beschweren, wenn ein Spiel auf dem Wühltisch verschwindet. Niemand bekommt alles, was er gerne will –auch wieder eine Binsenweisheit. Deshalb sollte die Branche einen Gang zurückschalten, denn schlechte Quartalszahlen sind nicht allein die Schuld der Raubkopierer. Vielleicht sind die besten Zeiten schon vorbei.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 27. Februar 2011

4 Kommentare zu “Umsonst im Netz: Crysis 2, Raubkopierer und die Industrie

  1. Ich kaufe noch oft und gerne Spiele, aber zu 90% aus UK und zu 100% unter 30€. Sehe nicht ein wieso ich zum Vollpreis kaufen soll wenn bei der Preisspirale alles nach 2 Monaten schon nichts mehr kostet.

    „Schlechtes Gewissen“ stellt sich dabei auch nicht mehr ein, die meisten Spiele sind innerhalb 8 Stunden durch und da kann der Publisher froh sein wenn man sich die Spiele nicht für 4€ übers Wochenende aus der Videothek um die Ecke ausleiht.

    IMHO haben wir gerade ne verrückte Zeit in der viel zu viele Spiele mit austauschbarem Spielprinzip (siehe Shooter-Screenshot im Artikel) rauskommen und da ist klar dass das irgendwann einfach implodieren muss wie der Markt mit den Musikspielen.
    Ich persönlich kann jetzt schon keine (coverbasierten) Shooter mehr sehen, da krieg ich Brechreiz.

    Bis Portal 2 und LA Noire rauskommen werd‘ ich mir wohl gar keine Spiele mehr kaufen, liegen eh schon viel zu viele ungespielte hier auf Halde.
    Bis dahin werd ich mich weiterhin auf QL und vor allem SC2 stürzen und probieren in allen Modi in die Masterliga zu kommen ;)

  2. noch hinzuzufügen wäre: nicht jede raubkopie ist ein potentieller verkauf… aber vielleicht ein demodownload. aber das wollen die meisten ja nicht da man dann schon vorher nein sagen könnte weil man erkennt wie die software ist. ich ziehe es deswegen vor einfach in die videothek zu gehen und für ein zwei tage das volle produkt zu testen bevor ich es kaufe.

    Das sind alles Marken. Die gepflegt werden und der Kunde weiß am Ende, dass er ein ausgereiftes Produkt bekommt, egal ob man es nun mag oder nicht.“ – genau das schätze ich. wenn ich merke der hersteller umwirbt mich als kunden mit qualität und einer gewissen langfristigkeit, dann bin ich auch bereit mich durch einen kauf an ihn zu binden. ansonsten interessiert mich noch nicht mal die raubkopie oder die demo geschweige den seine börsennotierung

  3. Heinz schrieb am :

    Ich schließe mich Peter an.

    Fast alle Spiele (außer Heavy Rain) sind zwar für Erwachsene gebrandmarkt, jedoch vom Inhalt auf dem Niveau eines 14jährigen.

    Ich versteh nicht, wieso es keine guten Geschichten mehr zu erzählen gibt. Wieso bewegen sich alle Dialoge in Computerspielen auf Kinderniveau?

    Wieso immer schwarz weiss Malerei?

    Übrigends…kommt das Thema Liebe in Computerspielen fast nirgends vor. Und wenn, dann übertrieben Anime oder Abgründig Barbusig.

    Ja Heavy Rain war spielerisch kein Stern, aber die Story war erwachsen und man war vom Schicksal bewegt. So etwas wünsche ich mir auch in Zukunft.

  4. the-devil-in-blue-shorts schrieb am :

    @ Heinz: Die Frage nach guten Geschichten unterstütze ich aus tiefstem Herzen.
    Das ist aber etwas, das mich generell in allen Medienbereichen stört. In Zeiten des Daueronline-Multidauertasking-Massenwahns gehen Inhalte aber generell flöten. Die Leute haben in der linken Hand ihr Smartphone und in der Rechten ihr Leben und kriegen überhaupt nicht mit, dass sie sich garnicht auf beides konzentrieren können. Das Ergebnis dieses Wahns sind potenzielle Kunden, die sich auf nichts dauerhaft konzentrieren können, was den Produzenten wohl bewusst ist, und deshalb schwindet die Tiefe der Inhalte. Die Spieleindustrie wird dem Ganzen da in nichts nachstehen. Nein, noch viel schlimmer, hat sie eine Zielgruppe, welche obige Faktoren erfüllen, plus der Tatsache anheimfallen, dass sie gerade in der Pubertät sind, was die ganze Sache nur noch schwieriger macht. Als würdest du einem Eichhörnchen auf Koks Goethe verkaufen wollen.
    Desweiteren leiden eben WIR darunter. WIR, die erwachsenen Zocker, die sich an viereckigen Drückern und riesigen Pixeln die Augen und Fingergelenke geschrottet haben. WIR, die wir noch Konsolen hatten, die man noch ausmachen musste, weil sie sonst zu heiß wurden… Wir, die wir etc. PP… Ihr wisst, was ich meine…
    Und genau für uns werden dann Spiele herausgebracht, die ab 18 sind wegen der – oft unnötigen – Gewaltdarstellung, welche ja eigentlich mehr Anklang bei den pubertierenden Monstern finden, aber auch mit Story’s aufwarten, die eben genau diese junge Klientel bedient. Da ist die Story egal, solange die Sprüche cool genug und die Gewaltexzesse gewaltig genug sind.
    Bleibt die Frage: Wo sind die Spiele für junge Erwachsene? Ausnahmen bestätigen die Regel, siehe „Heavy Rain“, ok, aber was die Industrie wohl anscheinend verpeilt oder ich einfach nur nicht mitbekommen habe, ist die Tatsache, das es mittlerweile einen Generationswechsel in Sachen Zockerei gibt. So wie es Musik, Filme und Bücher für Erwachsene und Kinder gibt, muss es endlich auch mehr Videospiele geben, die diese Alterskriterien komplett erfüllen und nicht immer versuchen, alle Altersgrenzen zu durchdringen. Dann würden uns bestimmt auch mal wieder ein paar gute Geschichten in der Videospielwelt begegnen!

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