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Borderlands 2: Das Anti-Call-of-Duty

Geschrieben von Andreas
Borderlands 2: Das Anti-Call-of-Duty

Bei rund 6 Millionen verkauften Spielen kann man wohl nicht mehr von einem Außenseiter reden. Dennoch ist „Borderlands“ das Gegenteil von Massenware im Stil von „Call of Duty“. „Borderlands 2“ macht da keine Ausnahme.

Das Spiel „Borderlands 2“ ist an sich schnell abgehakt. Mehr Story, mehr Waffen, mehr Abwechslung. Und wer den ersten Teil schon nicht mochte, der sollte auch von der Fortsetzung die Finger lassen. Es ist ein Mix aus Shooter und Rollenspiel, ein Lootfest wie „Diablo“ und durchgeknallter Trash wie irgendeine Troma-Filmsatire aus den 80ern, die sich aus einem Mix aus „Fallout“ und „The Chaos Engine“ bedient. Für viele Spieler dürfte dies geschmacklos sein, vielleicht sogar provokant.

Borderlands 2 ist an Irrwitz kaum zu überbieten. (Bild: 2K)

Die Handlung setzt rund fünf Jahre nach dem ersten Teil an. Vier neue „Helden“ durchstreifen Pandora und machen sich auf die Jagd nach dem Schatz in der berüchtigten Kammer: Axton, ein Ex-Elitesoldat mit Geschützturm, Psi-Tante Maya, Ballermann Salvador und der geheimnisvolle ZerO, eine Art Ninja-Stealth-Sniper. Rund 60 Spielstunden stapfen, fahren und ballern sie sich durch die Lande, bis jede noch so kleine Nebenmission abgearbeitet wurde. Euch erwarten die üblichen „Suche, finde, töte“ – Missionen, vielleicht mit etwas mehr Abwechslung, aber mit den gleichen schrägen Figuren, dem gleichen derben Humor und dem gleichen eigenwilligen Cel-Shading-Look wie im Vorgänger.

Lässt man mal die motivierende Jagd nach Waffen, Ausrüstung und Erfahrungspunkten außer Acht, ist Gearbox‘ sogenannter Role-Playing-Shooter keine Besonderheit. Das Missions- und Leveldesign ist wahrlich nicht einzigartig und das Backtracking kann anöden. Dennoch spielt es sich flüssig und kann ein richtiges Biest werden, wenn ihr mit den falschen Waffen am falschen Ort seid. Also im Grunde nix Neues, im Herzen sogar ziemlich oldschool. Nein, eigentlich geht es mir gar nicht so um das Spiel, sondern um die Idee, die dahinter steckt.

Tea Party mit Elektroschocks gefällig? BL 2 spart nicht mit Zitaten. Hier ein bisschen „Alice im Wunderland“. (Bild: 2K)

Was habe ich über diesen Artikel gebrütet, denn eigentlich müsste ich diese beiden Spiele hassen, weil sie mich ganz am Anfang sehr enttäuscht haben. Schwache Story, Missionen ohne Abwechslung und ständig ziellos durch die Gegend laufen – und das mir, als Storyliebhaber! Nach dieser Aufzählung scheinen die beiden „Borderlands“-Abenteuer nicht interessanter zu sein als irgendein MMO, nur halt für bis zu vier Spieler. Bei der Premiere des ersten Teils vor rund fünf Jahren auf der Games Convention sah der erste Teil buchstäblich anders aus. Statt des heutigen Cel-Shading-Looks besaß „Borderlands“ einen dreckig erdigen Stil mit einem sehr interessanten Story-Ansatz. Jan Sturm, der PR-Manager von 2K-Deutschland, sagte damals zu mir: „Das wird das nächste große Ding!“. Wahrscheinlich war er vom Ausgang aber genauso überrascht wie ich.

Gearbox hat mit „Borderlands“ einen untypischen Weg beschritten. Statt ihre Millionen in irgendeinen „Call of Duty“-Klon zu stecken, wagten sie das Risiko einer neuen, unverbrauchten IP. Am Ende ist es sogar eine Art Anti-„Call-of-Duty“ geworden. Kein Geballere durch Schlauchlevel, kein Herumnuken im Multiplayer und vor allem nicht diese scheinheilige Kritik an Krieg und Gewalt. „Borderlands“ ist entwaffnend ehrlich. Voll in die Fresse, sarkastisch und respektlos.

Gewalt gehört auf Pandora zum Alltag. (Bild: 2K)

Gibt es heute so etwas im Spielebereich überhaupt noch? Kein neues „Postal“, kein neues „Manhunt“ und kein neues „Condemned“ (Ok, „Twisted Metal“ wurde neu aufgelegt) wagen ein nahezu ungefiltertes Spielerlebnis, das nicht erst durch die Marketing-Abteilung abgesegnet wurde. Trotz aller spielerischen und moralischen Defizite hatten diese Spiele Individualität. Etwas, das ich kaum vom Rest der aktuellen Spiele behaupten kann.

Scheinbar alles haben Publisher und Spieleentwickler „vercasualisiert“ und austauschbar gemacht. „Splinter Cell“, „Crysis“ und zuletzt „The Darkness“. Statt des ach so komplizierten Schleichens geht’s für Sam Fisher jetzt ab durch die Mitte, und bei dem düsteren Mafia-Abenteuer musste der „Suicide Corner“ weichen. Bloß nicht die Spieler verschrecken, verstören, verängstigen. Die Fortsetzung folgt in „Dead Space 3“. Momentan besteht die Shooter-Szene nur aus oberflächlichen Michael-Bay-Spektakeln.

„Borderlands“ ist selbstverständlich kein „Wild Bunch“, doch bei allem Witz und Irrsinn ist es eine düstere Zukunftsvision über eine Welt, in der nur das Recht des Stärkeren zählt, Geld und Besitz alles sind und Menschen nichts mehr zu verlieren haben. Mehr Konsum- und Gesellschaftskritik geht eigentlich nicht. Hier leben auf der Spielwelt Pandora nur Psychopathen, egal ob Held oder Feind. Sympathiefiguren sehen anders aus. Pandora, benannt nach der Schönheit aus der griechischen Mythologie, ist eine zynische Bezeichnung für diesen Ort aus Gewalt, Betrug und Hinterlist. Wenn dieser Planet nun seine „Büchse“, sprich Kammer öffnet, und am Ende des zweiten Teils quasi wie eine Art Virus im ganzen Universum verbreitet, dürfte dies der Startschuss für die Apokalypse sein. This is the end, my friend!

Wie geht es weiter mit der Reihe? Holt das Gesetz der Serie auch „Borderlands“ ein? Bild: 2K)

In den beiden „Borderlands“-Spielen, diesen Multimillionen-Dollar-Blockbustern, stecken mehr Unabhängigkeit, Querdenken und Frechheit, wie kaum in einem anderen Spiel. Schon unglaublich, dass sich so ein Konzept, das fast  alles mit Füßen tritt, was gerade „in“ ist, am Ende ausgezahlt hat.

Ich bin aber nicht so naiv, um zu glauben, dass dies jetzt so weitergeht. Schon der zweite Teil hat einen Hang zum Kompromiss. Die Helden sind nicht mehr ganz so schräg, wie im ersten Teil und in einer weiteren Fortsetzung wird das Gesetz der Serie „Borderlands“ einholen: Respektlosigkeit aus Kalkül. Nüchtern betrachtet ist allein schon die Tatsache, dass Gearbox bei der Fortsetzung „nur“ mehr vom Gleichen bringt, ein Zeichen, dass diese Spielerebellion keine mehr ist. „Borderlands 2“ wird beworben, als einer der großen Blockbuster der Saison. Nach Angaben von Take 2 ist es sogar das Spiel, das abgesehen von „GTA IV“ die meisten Vorbestellungen hat. Glaubt man den ersten Verkaufsmeldungen, ist dieses Marketingkonzept vollends aufgegangen – „Borderlands 2“ ist ein Hit. Fragt sich nur, wann die ersten Klone auftauchen werden.

Für Gearbox freut es mich, denn mit dieser Marke dürften sie die nächsten Jahre ausgesorgt haben. Und nun? Vielleicht nur ein „Borderlands 3,4,5“. Vielleicht auch gleich ein richtiges MMO. Vielleicht machen sie aber ein neues „Duke Nukem“. Das wäre natürlich Irrsinn, aber der hat sich mit „Borderlands“ ausgezahlt.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 7. Oktober 2012

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