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Replayed: Black

Geschrieben von Sven
Replayed: Black

Ihr werdet lachen, aber ich bin unglaublich gespannt darauf, was City Interactive in den nächsten Monaten veröffentlicht. „Was, die Macher der unzähligen 08/15-Lowbudget-Shooter?“ Genau die! Denn das polnische Unternehmen lizenzierte letztes Jahr die CryEngine 3 und die Unreal Engine 3, gründete ein britisches Studio und schnappte sich Stuart Black. Der wiederum sollte ursprünglich für Codemasters den spirituellen „Black“-Nachfolger „Bodycount“ realisieren, er verabschiedete sich aber Mitte 2010 von den Codies, um bei City Interactive durchzustarten. Nun sitzt er also als Creative Director an einem storylastigen WW2-Shooter – mit all seinem Wissen und modernen Entwicklungsumgebungen? Das weckt meine Neugierde. Nicht ganz grundlos, denn nach über fünf Jahren kramte ich kürzlich „Black“ heraus, das von den „Burnout“-Entwicklern von Criterion stammt. Stuart Black war bei dieser Ballerei aus der Ich-Perspektive als Designer und kreativer Kopf beteiligt…

Black: Zwar ein "geschönter" Screenshot, aber auch nach fünf Jahren sieht der Titel gut aus.
Black: Zwar ein „geschönter“ Screenshot, aber auch nach fünf Jahren sieht der Titel gut aus.

„Black“ erstaunt mich auch heutzutage in vielerlei Hinsicht. Ich kann gut nachvollziehen, weshalb das Spiel unverändert in den PlayStation 2-Verkaufscharts (kein Scherz! Software-Pyramide! Quelle: MediaControl) und als „Xbox Original“ auf dem Marktplatz der Xbox 360 zu finden ist. Denn Criterions Ausflug in ein komplett anderes Genre besitzt einige reizvolle und schöne Elemente. Das fängt schon bei der Geschichte an, bei der die Designer auf echte Schauspieler setzen. Diese faseln zwischen den Missionen irgendwas von Verschwörung, Terroristenjagd und schief gelaufene Aufträge. Als Sergeant Jack Kellar erlebt ihr die Ereignisse in Form von Rückblenden, sein Ziel war es, eine Gruppierung namens Seventh Wave ausfindig zu machen. Zufälligerweise erinnert das Erzählen der Handlung frappierend an ein „Call of Duty: Black Ops“. Zumindest gehe ich davon aus, dass sich die Skriptschreiber von Treyarch von „Black“ haben inspirieren lassen. Die Story selbst ist allerdings recht konfus, hanebüchen und – ebenfalls typisch für die Shooter der letzten Jahrzehnte – Mittel zum Zweck. Mir sagt sie zu, schließlich verfügt sie über einen roten Faden und kann mir halbwegs plausibel erklären, wieso ich überhaupt verschiedenste Orte besuche.

Black beeindruckt nach wie vor, zum Beispiel wenn euch Raketen um die Ohren fliegen.
Black beeindruckt nach wie vor, zum Beispiel wenn euch Raketen um die Ohren fliegen.

Viel interessanter ist sowieso das eigentliche Spielkonzept. Klar, „Black“ ist ein klassischer und stellenweise arcadelastiger Shooter, aber er hat es in sich. Schon der niedrigste Schwierigkeitsgrad ist ab der fünften, sechsten Mission extrem knackig und eine emotionale Achterbahnfahrt – gerade im Vergleich zu ähnlichen Titeln der vergangenen Monate. Frust und höchste Motivation wechseln sich im Minutentakt ab. Freude dominiert bei noch so kleinen Erfolgserlebnissen. Und obwohl Gegner immer aus den gleichen Ecken strömen oder mit ihren Bazookas fest platziert herumstehen – ihr habt zu keiner Zeit das Gefühl, einen geskripteten und vorhersehbaren Schlauchlevel-Einheitsbrei zu spielen. Die meisten Abschnitte bieten Raum für kleinere Exkursionen und selbst gewählte Vorgehensweisen, dazu kommen die nach wie vor sehr ansehnlichen Physikeffekte. Herumstehende Objekte, Teile von Gebäuden oder Fahrzeuge könnt ihr ordentlich zerlegen oder zum Explodieren bringen. Das bringt die gehörige Portion Dynamik in „Black“, die wohl 2006 die größte Besonderheit darstellte. Sicher, fünf Jahre später stellt das verwöhnte Auge flott fest, dass ihr nur ausgewählte Gegenstände auseinandernehmen dürft. Im Gegensatz zu dem hier Präsentierten wirken einige der letzten „Call of Duty“-Episoden aber regelrecht statisch. Für das Alter von „Black“ ist das schon beeindruckend.

Boah! Die Gegner mit den Horrorfilmmasken erledigt ihr am besten mit einer Schrotflinte. AK47 ist anstrengend!
Boah! Die Gegner mit den Horrorfilmmasken erledigt ihr am besten mit einer Schrotflinte. AK47 ist anstrengend!

Allerdings faszinieren mich diese konservativen und klassisch anmutenden Spielelemente von „Black“ etwas mehr. In den teils weitläufigen Schauplätzen gibt es in der Regel nur zwei, drei furchtbar verteilte Rücksetzpunkte. Ein winziger Fehler kurz vor dem Ende? Dann zurück zur Mitte des Levels. Boah, frustrierend! Tja, und motivierend irgendwie. Auf jeden Fall anregender als vor fünf Jahren. In meinen Erinnerungen empfand ich „Black“ früher viel schwieriger. Vermutlich liegt es an den zahllosen anderen Shootern, die danach erschienen? Jetzt bin ich wohl geübter – vor allem bei den enorm rasanten Schlachten, bei denen ihr innerhalb von Sekundenbruchteilen zwischen MG und Raketenwerfer wechselt, Granaten gen Terroristenbrut schleudert und krampfhaft Deckung sucht. Und setzt zugleich der hervorragende, dramatische Soundtrack ein, ist die großartige Atmosphäre perfekt. EA bewarb „Black“ mit einer „Hollywood-reifen Inszenierung“. Ein wenig ist nach den Jahren noch übrig geblieben, ich spüre ein wenig davon, was die Marketingabteilung mit dem Slogan meinte.

Get the Flash Player to see the wordTube Media Player.
Im Spiel nicht ganz so sensationell wie im Werbetrailer. Aber die Physik-Effekte sind auch fünf Jahre nach dem Erscheinen noch ansehnlich.

Apropos: Die Entwickler von den Black Lion Studios meinten kürzlich über ihr Spiel „Shadow Harvest“, dass es ihnen nicht gefalle, wenn sich Helden nach einer kleinen Ruhepause selbst heilen. Bei ihrem wenig überzeugenden Taktikshooter hätte ich das zwar begrüßt, bei „Black“ dagegen kommt Verständnis für diese Auffassung auf. Hier müsst ihr Medikits ausfindig machen, eine automatische „Reparatur“ des Körpers erfolgt nur auf den zwei niedrigsten Stufen des langen Energiebalkens. Das hat was von „Nostalgie“, passt aber wunderbar zu dem stellenweise sogar hektischen Missionsablauf. Die bereits erwähnte „Arcadelastigkeit“ unterstreichen die Entwickler durch Tötungsbestenlisten und die vier Schwierigkeitsgrade. Während ihr im niedrigsten nur die quasi immer automatisch erledigten Ziele absolvieren sollt, müsst ihr bei den höheren Nebenaufträge meistern und könnt sogar Bonuswaffen freispielen. Bei anderen Shootern finde ich diese Ideen doof, bei „Black“ gefallen sie mir. Weil das Gesamtpaket stimmig ist?

Bei Black kracht es ständig. Die Soundeffekte stammen übrigens aus Kinofilmen wie zum Beispiel Stirb Langsam!
Bei Black kracht es ständig. Die Soundeffekte stammen übrigens aus Kinofilmen wie zum Beispiel Stirb Langsam!

Im Jahr 2011 undenkbar, damals sichtlich noch möglich: Mehrspieler-Modi gibt’s bei „Black“ nicht. Dabei hätten sich theoretisch kooperative Herausforderungen angeboten, schließlich begleiten euch oftmals computergesteuerte Kollegen. Und hier wären wir bei der vorletzten Überraschung: „Black“ verfügt über eine KI, von der sich so manch aktueller Titel gerne eine Scheibe abschneiden sollte. „Shadow Harvest“ und etliche andere zum Beispiel. Die Schurken nehmen Deckung, verfolgen euch nicht dümmlich wie die Geister aus „Pac-Man“, rotten sich zusammen, flüchten. Das ist zwar keineswegs perfekt, aber definitiv weit entfernt von einem „schlecht“.

Und da ist noch die Grafik. Meine Güte, „Black“ ist echt gut gealtert. Selbstverständlich seht ihr überall die recht groben Bodentexturen und die nicht mehr ganz zeitgemäßen Animationen sowie Effekte. Die Partikeldarstellungen und Explosionen können sich trotzdem absolut sehen lassen – vor allem auf der Xbox 360 im hochskalierten Modus.

Obwohl der Screenshot vielleicht was anderes andeutet: Visuell ist Black nicht mehr ganz taufrisch.
Obwohl der Screenshot vielleicht was anderes andeutet: Visuell ist Black nicht mehr ganz taufrisch.

Alle Punkte zusammen ergeben eine Empfehlung. Kennt ihr „Black“ noch nicht, legt euch das Werk von Criterion zu. Das ist nicht nur was Feines für die Sammlung (sonst ist das Studio ja für seine Rennspiele bekannt), sondern unverändert eine spielenswerte Sehenswürdigkeit. Schmutzig, finster, knallhart – wunderbar! Ich verstehe wirklich nicht, wie „Black“ 2006 so untergehen konnte, sonst hätte es schließlich von EA zig Fortsetzungen gehagelt. Wie dem auch sei: Für ein paar Euro, die „Black“ derzeit (zum Beispiel gebraucht) kostet, erhaltet ihr ein Erlebnis, das viele aktuelle Vertreter locker in den Schatten stellt. Reden wir aber nicht von einem „Crysis 2“, okay?

Vielleicht versteht ihr jetzt besser, wieso ich mich auf neue Spiele von Stuart Black und City Interactive freue? Mit „Bodycount“ wird’s ja vermutlich nichts, um Codemasters‘ Knallerei mit zerstörbaren Umgebungen ist es verdächtig ruhig geworden.

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 29. April 2011

13 Kommentare zu “Replayed: Black

  1. Sehr gut! Dieser Titel fällt in die Kategorie: „Spiele die an mir vorbeigegangen sind – ich aber schon immer mal spielen wollte“. Ist noch nichmal in meiner Sammlung aufgetaucht. Und jetzt kommts! Erst letzte Wioche stand ich im Mediamarkt vor Black PS2 und musste feststellen, dass der Titel noch immer sein Leben im Regal führt. In der City für 20 Boleros zu haben. Ok, ich gebs zu, ich hab ne Kopie auf der alten umgebauten Xbox. Dennoch, nie gezockt! Muss in diesem Leben noch passieren, keine Frage. Mein Bruder und Freunde waren damals schwer begeistert und schwärmten einen optischen und spielerischen Orgasmus vor. Ich werds mal testen…

    Peace Randy

    • Raubkopierer. :) Kauf Dir gefälligst das Original, ich hab Black für Xbox im sehr guten Zustand für 6 Euro bei Amazon Marketplace gekauft. :)

      • vaneyk schrieb am :

        Nur als Denkanstoß:
        Ein gebraucht gekauftes Spiel und eine Raubkopie bringen dem Hersteller gleich viel ein. Nämlich nichts…

      • Och, komm schon. Jetzt stell nicht das Kaufen eines gebrauchten Spiels mit einer Raubkopie auf eine Stufe. Zum einen verdiente ein Hersteller zumindest 1x durch den Verkauf des neuen Spiels, zum anderen werden neue Wertschöpfungsprozesse möglich: Der Verkauf eines gebrauchten Spiels erzeugt bei einem Händler Umsatz (Gamestop, Ebay-Powerseller, Amazon) und ein privater Verkäufer kauft sich womöglich etwas anderes Neues – vielleicht sogar vom gleichen Hersteller. Bei Raukbopien profitieren höchstens Internetanbieter oder Stromkonzerne. :)

        Außerdem: Man kann sich Black auch noch neu für die PS2 kaufen, wenn man möchte. :) Oder halt als Xbox Original auf XBL.

    • vaneyk schrieb am :

      @Sven
      Um Gottes Willen! Ich wollte in keinster Weise Raubkopie und Gebrauchtkauf auf eine Stufe stellen. Raubkopie ist Diebstahl, da gibt es nichts zu beschönigen. Nirgends gibt es etwas umsonst. Spiele also auch nicht. Mein Kommentar war nur eine Kritik an der Preispolitik der Hersteller. Ich kaufe Spiele fast nur gebraucht, oder wenn sie reduziert sind. Denn man muss einfach mal festhalten: Spiele sind teuer (wenn man noch in D-Mark rechnet unverschämt teuer).
      Und ich bin mir sicher, wenn sie könnten, würden die Spielehersteller das Kaufen gebrauchter Spiele verbieten. Wie weit sie bereit sind zu gehen, sieht man ja an Steam (kotz).

  2. Ich habe generell einen guten Draht zu Ego-Shootern, und obwohl Black – zugegebenermaßen erfrischenderweise ehrlich – auf die untere Gürtellinie von Waffenfetischsten zielt, hat mir das Spiel damals sehr, sehr gefallen. Auf Bodycount bin ich auch saugespannt und hoffe sehr, dass es trotz der Funkstille noch erscheint.

    Vorhin habe ich nochmal in den ersten Level von meiner PS2-Version reingesehen. Die Partikeleffekte und der Sound können sich auch heute noch mehr als sehen lassen!

  3. Witzig, ich habe Black vor ein oder zwei Monaten wieder einmal gespielt und war enorm beeindruckt von der Qualität des Spiels, die in meinen Augen immer noch weit über derjenigen mancher moderner Titel liegt. Vor allem der knackige Schwierigkeitsgrad ist ein Segen in Zeiten, in denen Spiele immer „zugänglicher“ werden.

    • Zufälle gibt’s doch nicht. :) Ja, das stimmt schon: Grafisch ist Black unverändert schick, der Schwierigkeitsgrad schon der Hammer – aus heutiger Sicht. Darum hoffe ich ja schon, dass der Stuart Black mal wieder was in der Richtung gebacken bekommt. Bodycount von Codemasters kommt zwar noch, aber ich befürchte, dass der Titel nix taugt…

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