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Bescheidener Bundle-Wahn

Geschrieben von Daniel
Bescheidener Bundle-Wahn

Noch vor einigen Jahren war Weihnachten eine klare Angelegenheit für Spieler: Ab Oktober erschienen die „endkrassen Blockbuster“ in den hiesigen Händlergefilden, da glühten die EC- und Kreditkarten ob der „Monstereinkäufe“ mit fünf oder ein paar mehr Titeln. Nun, das war einmal. Findige Geschäftsleute entwickelten Methoden, Weihnachten ein ganzes Jahr lang für Spieler zu veranstalten. Steam Summersale und diverse Bundle-Seiten sei Dank! Insbesondere die Letztgenannten waren eigentlich ein Segen. Ursprünglich. Noch vor 20 Jahren spendierten die großen Konsolenhersteller Neueinsteigern die ein oder andere Perle, um sie zum Kauf zu bewegen. Dem NES-Zocker sein 3-Spiele-Modul mit „Super Mario Bros.“, „Tetris“ und der launigen Bolzerei „Super World Cup“, Sega-Enthusiasten flitzten mit Sonic durch die Parcours. PC-Spieler griffen zu Sammlungen wie den Gold Games von Topware und trieben ihren Rechenknecht zu Höchstleistungen. Mittlerweile wird Bundle um Bundle in den Markt gedrückt, um diese oder jene Marktposition zu stärken – für Neukunden interessant, da sie in der Regel das Geld eines sonst zusätzlichen Kaufs sparen, „Bestandskunden“ erwerben eh ’nur‘ die Games und mokieren sich nicht über die Paket-Politik.

Valves Gabe Newell zelebriert die Steam Sales
Valves Gabe Newell zelebriert die Steam Sales (Bild: www.gaben.tv)

Doch was sich auf dem PC abspielt, pervertiert die Idee von Bundles und Schnäppchen. Zum einen wäre da Valve zu nennen: Deren Steam ist die wohl meistgenutzte Downloadplattform auf dem PC. Alle sechs Monate – zum Jahreswechsel und im Hochsommer – findet darauf der fröhliche Ausverkauf statt. Mit Rabatten von bis zu 90% werden Schnäppchen generiert, die zum Blindkauf führen. Ein „Witcher“ für schlappe 2€? Her damit – einmal für den Käufer selbst, vielleicht noch ein paar Mal als Geschenk für Freunde. Das aktuelle „Deus Ex“ für unter 3 Euronen, „GTA 4“ komplett für unter zehn Taler, „Tropico 3“ für den Gegenwert von acht Pfandflaschen? Rein damit in den virtuellen Einkaufswagen, nur rein damit! So summiert sich die vermeintliche Schnäppchenjagd am Ende zu einer stattlichen Summe, die sich aber aufgrund der Masse lohnt. Scheinbar.

Bundlestars
Allein Two Worlds 2 schlägt im Einzelhandel mit gut 10 Euro zu buche. Der Rest ist nicht minder günstig – normalerweise.

Wer sich daran noch nicht kaputt gespart hat, reitet die Welle der Bundle-Seiten. Humble Bundle, Indie Gala, Bundlestars und Konsorten locken nunmehr ganzjährig mit teils kranken, wirtschaftlich ungesunden Rabatten. Die Philosophie: Bezahle so viel (oder wenig), wie du möchtest! Einige Spieler nutzen die Chance und spenden ihrem Lieblingshersteller so drei- bis gar fünfstellige Euro-Beträge. Die meisten aber suchen gezielt nach diesen Schnäppchen, nach dem einen Billigangebot, das den Geldbeutel schont, die Sammlung aber anwachsen lässt. So gab es vor einigen Wochen Remedys „Alan Wake“ – nicht ganz taufrisch, aber noch immer begehrt – als digitale Sammleredition, mit allen Beigaben der physischen Variante. Und noch mehr: Petri Alankos Notenblätter, Walkthrough-Videos, etc. etc. Und das in zweifacher Ausführung: Als DRM-freien Download und als Steam-Key. Für einen US-Dollar. In der Wiederholung: Für einen einzigen US-Dollar, also all das zum Preis eines ordinären Cheeseburgers. Das Gewissen kann damit beruhigt werden, diesen Dollar ganz und gar einer Charity-Einrichtung spenden zu können. Fein. Weiter geht es mit einem Bundlestars-Paket für die sektschreiende Summe von 4.44 €. Der Inhalt des angepriesenen „Indie Jam 2“-Bundles liest sich so gar nicht Indie: „Two Worlds II“, „Two Worlds Castle Defense“, „X-Blades“, das beliebte „Nuclear Dawn“ sind ebenso enthalten wie einige eher kleinere Titel. Die Idee, so unbekanntere Spiele zu promoten, wird aber gnadenlos untergraben.

Um den Gedanken mal weiterzuführen, hier einige Pakete, die sonst noch im Angebot waren:

  • Serious Sam-Bundle mit allen Teilen der Serie – schlappe 3 Euro
  • Telltale-Bundle: „Zurück in die Zukunft“ – die komplette erste Staffel, Staffel drei von „Sam & Max“, „Wallace & Gromit’s Grand Adventure“, „Poker Night at the Inventory“, „Walking Dead“ – Staffel 1. Preis: keine fünf Euro.
  • Double Fine-Bundle: unter anderem das (auf PC) neue „Brütal Legend“, „Costume Quest“, „Stacking“, „Psychonauts“. Für schlappe vier Euro.
  • Indie Gala June: „Harveys neue Augen“, „Pirates of Black Cove“, „Painkiller: Overdose“, „A New Beginning“. Einige weitere alte Titel sind noch mit dabei, der Preis für zwei (!) Pakete mit diesem Inhalt lag unter fünf Euro.
Seiten wie epicbundle.com machen es Schnäppchenjägern leicht, ihre Sammlung zu erweitern. Doch wozu?
Seiten wie epicbundle.com machen es Schnäppchenjägern leicht, ihre Sammlung zu erweitern. Doch wozu?

Diese Beispiele mögen Zocker zunächst erfreuen. Und auf den zweiten Blick schockieren. Noch nie waren Spiele so günstig, wurde einfach mal zugegriffen, um sich das Angebot nicht entgehen zu lassen – die Masse macht es.

Beim Hersteller bleibt kaum etwas hängen, der Einzelhandel leidet. Und die Idee, einen angemessenen Betrag zu überweisen, bleibt Utopie. Wer bezahlt schon mehr als er muss? Die wenigsten. Am schlimmsten jedoch ist die Erkenntnis, die sich nur ganz, ganz langsam durchsetzt: Hat man noch so viel gespart, Zeit, all die Titel auch nur anzuspielen, ist rar. So rar, dass beim übernächsten Angebot schon vergessen wird, was man davor spielen wollte. Auch bei mir fruchtete das langsam. Meine Steambibliothek war noch vor zwei Monaten mit vielleicht 140 Spielen ausgestattet. Schon das ein Wahnsinn. Es kamen 85 Spiele dazu. Fünfundachtzig Titel, die mich nicht ansatzweise einen dreistelligen Betrag kosteten, aber für den Rest meines langen Lebens reichen dürften. Und so liefen Abende voller Zockerfreude wie folgt ab: Spielebibliothek aufgerufen, sinnlos durchgescrollt, vor Überangebot geschlossen, Rechner abgeschaltet, doch lieber ein Buch gelesen.  Es war mir zu viel, was ich hätte spielen können. So die Regel.

Ausnahmen gibt es trotzdem.

Würdet ihr sowas zum Vollpreis spielen? Vermutlich nicht. Der Redakteur dieser Zeilen bereute den Schnäppchenkauf des exzellenten Avernum nicht. Im Gegenteil.
Würdet ihr sowas zum Vollpreis spielen? Nein – der Redakteur dieser Zeilen bereute den Schnäppchenkauf des exzellenten Avernum nicht. Im Gegenteil. (Quelle: www.avernum.com)

Vor einigen Tagen entdeckte ich auf Humble Bundle im wöchentlich stattfindenden Verkauf ein Rollenspielpaket der mir unbekannten Schmiede „Spiderweb Software“.  Old School-Rollenspiele der ganz, ganz alten Machart, geschrieben und programmiert von einer kleinen Truppe. Was Leute an dieser Art Spiel reizte, wollte ich schon lange wissen. Und zahlte deshalb gut 4 Euro für einen Schwung Spiele, über 20 an der Zahl. Und ich muss sagen: Mehr Spaß hatte ich in den letzten Monaten kaum, diese vier Euro haben meinen Horizont mächtig erweitert. Blöd nur, dass mich diese eine positive Erfahrung zuvor etliche Taler kostete, die ich direkt in Enttäuschung versenkte. Seitdem heißt es für mich: Überlegen, ob ich nicht doch darauf verzichten kann, sei der Name noch so groß, das Paket noch so üppig.

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Über Daniel

Geboren 1985 in der graukalten DDR (dazu noch im Berliner Ghetto) strampelte sich Klein-Daniel '89 zur Mauer und riss das Ding kurzerhand ein. Nach der Wende: NES, SNES, MegaDrive, ADHS, N64, PSX und Co. bis er die nebenberufliche Laufbahn des Schreiberlings für Videospiele annahm. Das war ein Fehler. Für die teils erschrockene Leserschaft - nicht für Daniel.

Veröffentlicht am 25. Juli 2013

12 Kommentare zu “Bescheidener Bundle-Wahn

  1. Na toll. Ganz toll! Das gibt’s doch nicht. Genau dieses Thema (WT: „So viele Games, so viele Deals & Sales, so ein großes Backlog“) schwirrte mir dieser Tage auch als Artikelidee im Kopf herum und nun kommst du. Pfff. Schönen Guten Tag auch, Neuer.

    Aber, das mit den Sales vs. Zeit ist wie die Sache mit der heißen Herdplatte, nur das es in diesem Fall etwas länger dauert =)

  2. „Beim Hersteller bleibt kaum etwas hängen, der Einzelhandel leidet. “

    Hast du dafür irgendwelche Belege? Das ist jetzt, zugegeben, bestimmt auch wieder ein Jahr her, dass ich mit Indie-Entwicklern über ihre Bundles gesprochen habe, aber meines Wissens nach sind die Bundles für viele Entwickler essentieller Teil ihrer Einnahmen.

    Erst kommt das Spiel für Vollpreis raus, dann werden die Steam Sales abgegriffen, dann das Humble Bundle, dann der Rest (weil das Humble Bundle keine Spiele nimmt, die schon in anderen Bundles waren). So viele Leute wie möglich können somit ein Spiel für so viel Geld kaufen, wie sie dafür bereit sind zu zahlen (20 Dollar Launch, 1 Dollar Bundle und alles dazwischen).

    Von wegen Einzelhandel: Keine Ahnung, ist jetzt auch wieder 10 Jahre her, dass ich was im Elektronikfachhandel was aus der Softwarepyramide o.Ä. gegriffen habe. Und im Einzelhandel gibt’s kein Hotline Miami, kein Spelunky und kein Kentucky Route Zero. Spricht mich also nicht an und steht auch nicht in direkter Konkurrenz bei den meisten Digital-Only-Indies.

    Dass es zu viele Spiele gibt, um sie alle zu spielen: Ja, da bin ich bei dir. Definitiv. Dass so viele Spiele in die Steam-Library geballert werden, heißt nicht, dass sie gespielt werden.

    Aber noch mal: Für Entwickler waren (zumindest die großen/wichtigen) Bundles ein gutes Geschäft. Zumindest nach meinem Kenntnisstand.

    • Ich glaube nicht, dass bei 10 € für ein 5-Spiele-Bundle besonders viel beim einzelnen Hersteller hängen bleibt. Allerdings ist das relativ zu sehen. Nimm mal Hitbox und „Dustforce“. Die haben am Ende solide Umsätze erzielt, mussten ihren Gewinn von 300.000 Dollar aber durch 4 teilen. Das reicht zum Leben und zur Finanzierung des nächsten Spiel, aber zu mehr nicht. Interessanter wird so ein Bundle in meinen Augen erst, wenn nur ein Entwickler davon profitiert, s. Spiderweb, Introversion oder aktuell Positech.

      Letztendlich ist mir aber ein anderer Punkt viel wichtiger: Mit diesem „Bundle-Wahn“ verliert die Indieszene ihre Unschuld. Da geht es teilweise zu, wie im Sommerschlußverkauf. Das einzelne Spiel wird dadurch massiv entwertet und ein Indiespiel ist dann das, was es eigentlich nie sein wollte: Massenware zum wegwerfen.

      • Ich finde bei diesem Thema die Alternative sehr problematisch. Denn natürlich werden durch Sales und Bundles die Indie-Spiele gewissermassen veramscht. Aber was wäre die Alternative? Die Leute würden die Spiele wahrscheinlich gar nicht erst kaufen. Die Kundschaft wird man wahrscheinlich zum Release und den Folgetagen abgedeckt haben, aber wer da nicht zugreift, wird es später wahrscheinlich auch nicht mehr machen.
        10€ für ein 5er Bundle mögen sich für den einzelnen Entwickler vielleicht nicht lohnen, aber es bleibt ja nicht bei einem Einkauf. Schaut man sich als Beispiel die Zahlen der Humble Bundles an, dann sind das Beträge, die sich im Millionen-Bereich befinden. 4€ für ein Bundle voller Klassiker mag nicht viel klingen, aber dahinter steckt eben eine dicke Marketing-Aktion, die noch wesentlich mehr Einnahmen einbringt.

        Ansonsten habe ich persönlich auch das Problem, dass meine Steam-Bibliothek die 200-Grenze erreicht hat, ca 70 Spiele noch nicht gespielt wurden und ich an mir auch ein Übersättigungseffekt bemerken konnte. Aber wie soll da der Vorwurf der Spieleindustrie lauten? Dass sie mich mit ihren billigen Angebot zwingen mehr zu kaufen, als ich spielen kann? Was kann die Spiele-Industrie dafür, wenn ich so doof bin und mein Geld so aus dem Fenster werfe? Ich komme hierbei absolut nicht drum herum die Schuld bei mir selber zu suchen und mich um ein verantwortungsvolleres Verhalten zu ermahnen.

      • Whups, pardon, mein vorheriger Kommentar galt als allgemeiner Kommentar zum Thema und nicht als spezielle Antwort zu Andreas. Mea culpa.

  3. @dennis Ich glaube fast, ich habe ein Déjà-vu (extra gegoogelt), aber hatten wir nicht genau den Punkt, dass die Entwickler ein gutes Geschäft machen mit den Sales, nicht schon bei superlevel? Mir kam deine Argumentation bekannt vor, die sicherlich korrekt ist. Kann auch am Beispiel Frozenbyte (Trine, Trine 2) bestätigen, dass die das sehr gerne machen.

    • Ja, bestimmt. Ich hab vor einer Weile mal mit Mike Rose von Indie Royale gesprochen und für die Zeit auch mal was drüber gemacht. Ist aber, wie gesagt, schon eine ganze Weile her.

      Am Spiderweb-Bundle, das Daniel im Text erwähnt, sieht man aber noch mal, dass es Entwicklern helfen kann. Jeff Vogel hat im RPS Interview gesagt, dass er weit über 100.000 Dollar mit dem Weekly Bundle verdient hat, mehr als er je für seine Indie-RPGs gesehen hat.

      • Ich denke, man kann ohnehin nicht per se sagen, solche Bundles sind schlecht (macht Daniel ja auch nicht). Das werden sie aber mehr oder weniger bei einem Überangebot. Weil dann ist das für viele kleine Entwickler gar nicht mehr ertragreich – Stichwort Kannibalisierungseffekt. Für mich als Kunden wird es mit der Zeit eigentlich nur nervig. Klar sind Schnäppchen und Angebote toll, aber es geht nur noch darum, zu konsumieren. Den Wert eines Spiels schätzt man durch Preisdumping erst recht nicht mehr. Besser als Raubkopieren ist es natürlich, aber gut deswegen noch lange nicht – auch für die gesamte Branche.

      • Absolut. Ob Indie Gala/Bundlestars/Greenlight Bundle wirklich helfen…keine Ahnung, wäre interessant zu erfragen.

        An mir selbst merke ich aber auch total, dass Bundle Fatigue einsetzt.

      • Klar, ein Kannibalisierungseffekt ist durchaus erkennbar, aber letztlich ist ja auch der Kunde einfach selbst daran schuld, dass er hier eine Unmenge von Spielen erwirbt, die er wahrscheinlich nie anspielen und somit auch gar nicht entsprechend wuerdigen kann.

        Der „Fatigue“-Effekt ist wohl ein Zeichen dafuer, dass auf diesen Trichter mittlerweile doch einige gekommen sind…

  4. Ist es nicht so, dass die meisten Leute diese Spiele nie gekauft hätten, würden sie nicht in diesen Sales und Bundles so verramscht!? Von daher machen die Hersteller sicher noch den einen oder anderen Euro zusätzlich damit.

    Der Witz ist ja, dass diese Bundles gerade auf die Gier der Zocker abzielen, die einfach nicht widerstehen können, auch wenn sie sogar selbst wissen, dass sie die Titel nie spielen werden.

    Und da ist bei mir wieder diese Antipathie gegen digitale Downloads. Die nützen mir nämlich gar nichts, wenn ich sie nicht spiele. Ich habe das Geld quasi verschenkt. Bei Spielen auf physischen Datenträgern kann ich den Titel, den ich nicht spiele, wenigstens wieder verkaufen bzw. zumindest in mein Sammlerregal stellen und mich an der Sammlung erfreuen.

    • Mit der Gier triffst Du einen wunden Punkt bei mir, denn dieser bekenn ich mich teilweise schuldig. Da muss sich jeder selbst hinterfragen und auch disziplinieren, denn das ist ein reines Konsumverhalten, das zwar geschickt von einem PR-Mechanismus wie einem „Bundle“ angesprochen wird, aber von einem selbst immer noch kontrolliert werden sollte.

      Und in diesem Zusammenhang leuchtet mir auch die von Dir angesprochene „Antipathie gegen digitale Downloads“ ein. Diese „Unverkaeuflichkeit“ raecht sich bei einem ungebremsten „Gierverhalten“ gleich noch mal, auch wenn ich, ganz ehrlich gesagt, mittlerweile das Zeitalter der Downloads auch bei Vollpreisspielen ueberwiegend akzeptiert habe.

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