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Sniper Elite III: Mit verzogenem Lauf nach Afrika

Geschrieben von Daniel
Sniper Elite III: Mit verzogenem Lauf nach Afrika

Ha! Ich habe es geschafft! Ich habe Adolf Hitler getötet! Nichtsahnend kam der selbsternannte Führer des Dritten Reichs nach Afrika, setzt sich in Tobruk an einen Holztisch und *pfump! – hat er eine Kugel direkt in seinem Weichteil. Ja, Singular! Denn “Sniper Elite III” möchte gerne eines sein: authentisch. Also hat der virtuelle Hitler nur einen Hoden. Aber ist “Sniper Elite III” wirklich so nah an der Wirklichkeit? Nein, eher ist das Tontaubenschießen in Afrika – mit der Besonderheit, dass die Tontauben hier Stahlhelme tragen.

Ist er's? Oder nicht? Das Spiel weiß es nicht... (Quelle: GameInformer)
Ist er’s? Oder nicht? Das Spiel weiß es nicht… (Quelle: GameInformer)

Hitler in Afrika?

Denn geben wir es erst einmal zu: Die Bonusmission “Der graue Wolf”, die der Erstauflage des Spiels als kostenfreier DLC beiliegt, ist eigentlich ein kalkulierter Aufreger. Ui ui ui, wir ziehen also zu Felde, um Adolf Hitler zu töten. Schön wär’s. Denn die Entwickler haben keinerlei Mut bewiesen. In dieser Mission nämlich müssen wir zunächst Hinweise suchen, ob der Über-Nazi wirklich nach Tobruk kommt. Und so lassen wir uns vom Spiel via Kompass zu Dokumenten lotsen, die da sagen: Ja, könnte Adolf Hitler sein, der da ankommt. Oder nicht. Nach 40 Minuten ist der markante Schnauzbart samt angehangenem Körper erledigt – und selbst unser Held fabuliert darüber, ob nun Hitler wirklich die Kugel gefangen hat – oder jemand anderes. Ein Hoden hin oder her.

Ungesund: Zuviel Metall im Körper. (Quelle: Rebellion)
Ungesund: Zuviel Metall im Körper. (Quelle: Rebellion)

Und so wie “Sniper Elite III” in dieser Mission schwankt, so verhält es sich auch im Rest des Spiels. Als beinharter Scharfschütze (verbraucht!) ziehen wir im Zweiten Weltkrieg (verbraucht!) gegen die nahenden Nazis zu Felde (sowas von verbraucht!) – nicht in Europa, sondern in Afrika (nicht verbraucht). Die Handlung (verbraucht!) kann man getrost in die Tonne treten, denn selbst “Moorhuhn” bot ähnlich komplexe Figuren. Wir schleichen und snipern uns also hinter feindlichen Linien einen Wolf, erledigen der Reihe nach vorgegebene Ziele und “erfreuen” uns an den äußerst brutalen Kameraperspektiven. Oft genug wird ein Kopftreffer oder glatter Durchschuss nicht einfach mit einem Geräusch untermalt, sondern begleitet von einer Bullet Cam, die als Röntgenaufnahme zeigt, wo und wie die Kugel das Opfer durchschlägt. Knochen splittern, Sehnen reißen, innere Organe und Augen explodieren – das ist Pawlow-Kino für die U18-Generation, der alles zerfleischende Hunde in “Call of Duty” nicht mehr heavy genug ist. Hat man sich daran satt gesehen (und das geschieht ziemlich schnell), bleibt die Ernüchterung über ein Spiel, das nichts wirklich falsch macht – aber auch nichts wagt.

Komplex? Nun…

“Operation Flashpoint”-Liebhaber, die jeden Sonntag eine Kerze für die eingestampfte Reihe anzünden, freuen sich über die komplexe Ballistik des Spiels. Alle anderen werden sich wohl fragen, was “Sniper Elite III” so besonders macht. Nüscht. Das ist das Problem. Gut, wir haben Erfolg, wenn wir Gegner messern oder mit dem Scharfschützengewehr weidmännisch korrekt erlegen, wohingegen wilde Ballereien mit Pistole oder Maschinengewehr im schnellen Bildschirmtod enden. (Vermutlich heißt das Spiel deshalb auch “Sniper Elite” und nicht “Random WWII-Shooter”.)  Die große spielerische Freiheit, von der einige Magazine schwadronieren, findet sich aber auch abseits des unausgegorenen Waffen-Balancings nicht. Sam Fisher mit Scharfschützengewehr? Oh Gott, “Sniper Elite III” belohnt doch präzise Treffer mit der Zoomflinte! Ein Level-System, das Ausrüstung freischaltet? Next! Open World-Schlachtfelder? Boten schon “Medal of Honor: European Assault” und “Airborne”. Die bilden auch prompt die Blaupause für die Fehler, die ein offenes Schlachtfeld zu machen einlädt. Statt nach eurem Gusto Ziele in beliebiger Reihenfolge zu erfüllen, arbeitet ihr stupide eine Mission nach der anderen ab. Mein Gott, gebt dem Typen doch wenigstens die farbigen Schlüsselkarten, dann ist’s Retro! Das hier ist Linearität mit der Illusion von Freiheit. Und das ein ganzes Spiel lang. Spaß? Mitnichten. Es ist der selbe 08/15-Quark, den ihr schon die letzten zehn Jahre spieltet. Nur etwas hübscher und in Afrika angesiedelt. Hakuna Matata!

Hübsch ist Sniper Elite III ja... aber hier gilt: Style over Substance (Quelle: Rebellion)
Hübsch ist Sniper Elite III ja… aber hier gilt: Style over Substance (Quelle: Rebellion)

Vielleicht ist die Technik denn auch der große (und einzige) Trumpf des Spiels. Der Sound mag dezent sein (herje, das Geschmetter wie aus den Wochenschauen…) und die Synchronisation ohne Totalausfälle wie Highlights auskommen. Optisch ist es vollkommen egal, ob ihr “Sniper Elite III” auf der letzten Generation, den aktuellen Konsolen oder einem Rechenknecht spielt. Das Spiel sieht fantastisch aus, was nicht zuletzt an der Unreal Engine 3 liegt. Die Luft über dem heißen Wüstensand flirrt, Charaktere sind detailliert modelliert und liebevoll mit Texturen versehen, Animationen wirken aus einem Guss, während die Mimik oft an Pinnocchio erinnert. Nur in der Framerate, dem Unreal Engine-typischen Nachladen der Bildtapeten und der Bildschirmauflösung und Texturgröße unterscheiden sich die Versionen, die enorm hohe Sichtweite samt der unzähligen kleinen Details bleibt ihnen aber gleich. Und so ist “Sniper Elite III” unterm Strich eines: Eine Fata Morgana, die eine schöne neue Shooterwelt vorgaukelt – und letztlich Altbekanntes vorsetzt.

Über Daniel

Geboren 1985 in der graukalten DDR (dazu noch im Berliner Ghetto) strampelte sich Klein-Daniel '89 zur Mauer und riss das Ding kurzerhand ein. Nach der Wende: NES, SNES, MegaDrive, ADHS, N64, PSX und Co. bis er die nebenberufliche Laufbahn des Schreiberlings für Videospiele annahm. Das war ein Fehler. Für die teils erschrockene Leserschaft - nicht für Daniel.

Veröffentlicht am 17. Juli 2014

6 Kommentare zu “Sniper Elite III: Mit verzogenem Lauf nach Afrika

  1. Und ich werde die kranke Faszination an dieser Bullet-Cam niemals verstehen. Wenn jemand noch ein Argument für die sinnlose Gewaltdarstellung in Computerspielen braucht, hat er damit sein “Beweisstück A” gefunden. So ein Rotz!!!

    • Ich finde das auch einfach zu viel. Besonders wird es so zelebriert und man hat als Spieler in der Zeit Pause. Es geht dabei nur um den Gewaltporn. Der mag manchmal nett sein, aber durch diese Art der überflüssigen Darstellung ist er reiner Selbstzweck. Das mag beim ersten Mal noch schocken, doch schnell nervt so eine übertriebene Darstellung einfach nur noch, weil man ja eigentlich spielen will.

      Das kommende Mortal Kombat wird ja wohl auch wieder(?) diese Röntgendarstellung haben, ebenso wohl das kommende Doom, das viele Nahkampfkills bieten soll.

      Schade, dass Spiele sich dadurch hervortun müssen.

      Bei Filmen gefällt mir das z.B. wesentlich besser, wenn die Kamera zwar andeutet aber im entscheidenden Moment wegschwenkt. Wobei ich hier klar zwischen Comedy-Horror-Gore und “ernsthaftem” Gewaltfilm, der nicht willentlich übertreiben will, unterscheiden möchte. “Comedy-Horror” ist durch die Übertreibung lustig, egal wie blutig. Bei einem ernsthaftem Film hingegen wird die extreme Gewaltdarstellung dann aber irgendwann nicht mehr nur eklig sondern auch einfach geschmacklos.

      • Mein Problem mit dieser Darstellung in Spielen ist vor allem, dass sie abstumpft! Jeder Entwickler, der mir weiß machen will, dass die Szenen als “Schockeffekt” eingebaut wurden, kann mir das nicht erzählen, wenn diese Szenen ständig und immer wieder eingeblendet und wiederholt werden. Das ehemals als “Schock” gedachte Element wird dann zur Routine und verliert komplett seine Wirkung, und das noch viel mehr, wenn ich interaktiv daran beteiligt werde.

        Gewalt, die lediglich angedeutet wird oder bei der im richtigen Moment ausgeblendet wird, überlässt es viel mehr dem Konsumenten – einschließlich dem Spieler -, über die tatsächliche Wirkung und Ausübung nachzudenken. Und das kann dann tatsächlich eine sehr eindrückliche Anti-Gewalt-Erfahrung sein!

        Alles andere ist aus meiner Sicht kindisch-gefährlicher Gewaltexzess!

      • Selbstverständlich, da bin ich völlig bei dir!

        Was waren z.B. Mortal Kombat 2, Postal oder selbst ein Doom bei ihrem Erscheinen gefühlt unglaublich brutal. Heute verursachen sie nur noch ein Schulterzucken.
        Das ist ja der Grund, dass die Hersteller immer krassere Sachen einbauen, um überhaupt noch einen Schockeffekt zu haben. Das Problem dabei ist eben die Abnutzungserscheinung. Und Schockeffekte lassen sich auch anders erzeugen, man denke an die durchs Fenster springenden Hunde in Resident Evil. Ekeleffekte allerdings, tja, da muss man sich fragen, müssen die überhaupt sein? Kann nicht alleine eine bestimmte Handlung in einer bestimmten Situation auch Ekel hervorrufen, ohne zu explizite Darstellung? Ich denke schon, jedenfalls wenn es intelligent gemacht ist. Der Film Oldboy fällt mir da spontan ein (das Original, das Remake kenne ich nicht und will es eigentlich auch nicht kennen) (bzw. die gesamte “Rache-Trilogie” von Chan-wook Park). Der (die) Film(e) hat (haben) einige Szenen, wo sich einem alles zusammenzieht. Interessanterweise eben ohne wirklich (viel) zu zeigen.
        Dieser Röntgeneffekt hingegen ist nur billige Effekthascherei.

      • Hab’s vergessen das mit den Resi Hunden zu erläutern. Damit meinte ich, dass die heute noch genauso funktionieren, allerdings eben weil es sich um einen Schreckmoment handelt.

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