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gamescom: Willkommen im Hochglanz-Spieleparadies

Geschrieben von Daniel

Die gamescom 2015 hat ihre Pforten geöffnet! Es wird ein Fest der ganz, ganz großen Spiele – und erneut Ernüchterung bringen. Denn im Fokus steht die auf Hochglanz polierte Massenware. Und nicht das Außergewöhnliche.

Inmitten des lauten Messebetriebs gehen kleine Produktionen unter. (Bild: League of Legends)
Inmitten des lauten Messebetriebs gehen kleine Produktionen unter. (Bild: League of Legends)

Mit Messen generell ist das so eine Sache: Da gibt ein Unternehmen ein halbes Vermögen aus, nur um sich in eine finstere, wenig klimatisierte Halle zu stellen und den eigenen Stand mit treibender Drum’n’Bass-Mukke mit 120db Schalldruck zu bestrahlen. Nicht etwa allein, sondern neben zig anderen Publishern (= Konkurrenten), denen man die Aufmerksamkeit potentieller Kunden abspenstig machen möchte.

Im Fokus steht denn auch nicht, das eigene Produkt tatsächlich noch als Spiel mit tollen Neuerungen und innovativen Elementen anzupreisen, sondern als Lifestyle. Paradox. Da wird eine CE von “Call of Duty” mit Kühlschrank ausgeliefert. Was kommt demnächst? Eine Sammleredition mit Sportwagen und Flug ins All? Ach Mist, die Idee hatte schon jemand.

Jetzt alle klatschen, johlen und mit den Füßen stampfen! (Bild: Microsoft)
Jetzt alle klatschen, johlen und mit den Füßen stampfen! (Bild: Microsoft)

Blockbuster

Während die Klatschorgien der Publisher-Pressekonferenzen in Europa immer etwas verhaltener ausfallen als in den US of A, stimmt sich ein Gros der Presse auf jene „Blockbuster“-Titel ein, denen sie die größte Zukunft zusprechen. Und die Kandidaten sind fast immer die selben: Das neue “FIFA”/”PES”, das nächste (wievielte?)  “Call of Duty”, der jährliche Shooter aus dem Hause DICE und der Androgynen-Trip aus dem “Final Fantasy”-Universum. Vergessen wir nicht auch alle die Remastered/Definitive-Editions, wegen derer wir auf Nextgen umschwenkten.

Fast schon kriegt der Redakteur Schnappatmung, wenn das Nachladen nicht auf dem X-Knopf (respektive Quadrat-Button oder ‚R‘ auf der Tastatur) liegt oder die intelligenten Gegner im „Standard Shooter for your Home Amusement 2015“ tatsächlich intelligent sind und das virtuelle Lebenslicht ausknipsen. Formelhafte Spiele sind die Folge. Und der Blick über den Tellerrand gestaltet sich für beide Seiten schwierig. Doch machen wir uns nichts vor: Selbst die sogenannten Indies schleimen in ihrer Nische mit Pseudo-Retro-Grafiken rum, einem absurd hohen Schwierigkeitsgrad oder dem 8-Bit-Gedudel vergangener Tage. Doch was tun?

Erst einmal: Nicht auf Messe-PR-Geblubber hören. Das sind klassische Verkaufsveranstaltungen und Werbeplattformen, auf denen selbst Redakteure vom freundlichen Entwickler derart angefüttert werden, dass sie ihre Kritikfähigkeit im kurzen Moment gewisser Erhabenheit gegenüber dem Normalspieler ablegen.

Eigene Erfahrungen

Tatsächlich war es in meinem Fall so, dass ich damals auf der Kölnmesse das Horrorspiel „AMY“ sah, das mich flashte. Tolle Grafiken, interessantes Spielkonzept, eine vernünftige Konkurrenz zum dahinsiechenden Platzhirsch „Silent Hill“. Das fertige Produkt hingegen strafte ich ab. Miese Präsentation, eine Dauerruckelorgie und das auf der Messe so tolle Spielkonzept entpuppte sich als Rohrkrepierer. Natürlich war ich enttäuscht davon, vor allem, weil ich auf etwas qualitativ Hochwertiges hoffte. Jedoch, mit einigen Jahren Messeerfahrung, empfinde ich es mittlerweile als nerviger, ständig dieselbe 08/15-Ware im neuen Gewand vorgesetzt zu bekommen, statt von einem unrunden Spiel überrascht zu werden, das trotzdem einen gewissen Esprit versprüht.

Auf Hochglanz polierte Seelenlosigkeit. (Bild: EA)
Auf Hochglanz polierte Seelenlosigkeit. (Bild: EA)

Versteht mich dahingehend nicht falsch, ich mag auch „Battlefield“ und hin und wieder sogar „Call of Duty“ oder „Need for Speed“. Nur werden mir die Originale und Nachahmer von Jahr zu Jahr fader. Ich bin nicht auf der Suche nach der gleichen Spielerfahrung, für die ich ein Jahr zuvor schon den Vollpreis hingelegt habe. Das Ausweichen auf die Indie-Schiene ist mir aber auch mühselig geworden, was schon darin begründet liegt, dass das Formelhafte auch dort Einzug hielt. Innovationen? Sie sind selten geworden, auch bei kleineren Produktionen, die gerne mit ihrem Underdog-Image kokettieren, ansonsten aber kaum Impulse setzen.

Die gamescom wird wieder die Vorjahresmarke an Besuchern übertreffen, wieder werden Magazine von supertollen Spielen berichten, als wären sie tatsächlich ein Lifestyle. Und wieder wird etwas fehlen, was unrunde und nicht auf Hochglanz polierte Spiele einst auszeichnete: Seele.

Über Daniel

Geboren 1985 in der graukalten DDR (dazu noch im Berliner Ghetto) strampelte sich Klein-Daniel '89 zur Mauer und riss das Ding kurzerhand ein. Nach der Wende: NES, SNES, MegaDrive, ADHS, N64, PSX und Co. bis er die nebenberufliche Laufbahn des Schreiberlings für Videospiele annahm. Das war ein Fehler. Für die teils erschrockene Leserschaft - nicht für Daniel.

Veröffentlicht am 6. August 2015

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