“Eh nein”, danke: Warum Messen der Teufel sind

19. Juni 2013

Es gibt zwei Dinge in dieser Branche, die ich entgegen dem “Rest der Welt“ nicht mag: Previews und Messen. Die grundlegende Abneigung gegenüber beidem begründet sich auf dem selben Aspekt: Ich möchte keine halbfertigen Spiele für ein paar Stunden oder gar nur ein paar Minuten ausprobieren, sehen, vorgeführt bekommen. Nein, ich kann nur etwas mit dem fertigen Resultat anfangen – ansonsten lauert die Gefahr der Mutmaßung oder der Fehleinschätzung. Nebenbei bemerkt bestand diese Antipathie bereits in meiner Jugendzeit, in der ich bereits lieber “Testberichte“ anstatt “Vorschauen“ las.

Im Laufe der letzten Jahre hat sich speziell das Verhältnis gegenüber Messen rapide verschlechtert und in einen regelrechten Hass verwandelt. Inzwischen sehe ich kaum noch einen legitimen Grund, weshalb Messen etwas “Gutes“ sind. Und darüber möchte ich hier und heute reden.

Wo ist der Sinn?

Auf der diesjährigen E3 der Gewinner der Herzen: die PlayStation 4 (Foto: Sony)

Auf der diesjährigen E3 der Gewinner der Herzen: die PlayStation 4 (Foto: Sony)

Was ist eigentlich der “Sinn“ solcher Messen? In meinen Augen läuft dies auf Neuheiten vorstellen sowie einen Event abliefern hinaus. Dies kann ich soweit nachvollziehen – wir wollen schließlich alle im Vorfeld wissen, was uns noch so erwartet sowie unser Hobby jenseits der “Fanmauern“ bewerben, mindestens zur Akzeptanzschaffung bei dem Gros aller Nicht-Zocker. Und ‘ne Party ist doch immer lustig… oder? Nun, wenn ich mir meine Erfahrungen mit der Gamescom anschaue, dann hatte ich so gut wie nie Spaß. Das hat nichts mit dem Job zu tun: Bereits als Nicht-Journalist langweilte ich mich einerseits von einem Stand zum nächsten und war andererseits aufgrund der Überreizung meiner Sinne überfordert. Hauptsache laut, Hauptsache groß, Hauptsache bunt, Hauptsache halbnackte Frauen – gegen Letzteres hätte ich ja nichts, wenn nur Ort und Zeitpunkt besser gewählt wären…

Freilich wurde es eher schlimmer, als die Leidenschaft zum Beruf mutierte. Dann gab es pro Tag reihenweise Termine, in denen man mir Spiele schön reden… äh… schmackhaft machen wollte. In der Regel gab es einen Vorführer, der natürlich genau wusste, was er zu zeigen hatte. Seltenerweise durfte ich auch mal ans Joypad – nur um dann wie ein kleines Kind an der Hand geführt zu werden, dass ich dies und jenes machen soll. Hätte ja sein können, dass ich nichts raffe und am Ende das Spiel aufgrund meiner “Unfähigkeit“ schlecht rede. Gott-be-wahre.

Also hielt ich mich mehr und mehr fern von solchen Messen – gibt schließlich genügend Leute, die sie gerne besuchen (egal ob privat oder beruflich) und für mich andere Formen der Arbeiten, weshalb ich nicht gleich auf Jobsuche gehen muss. Aber trotz der Distanz wird die Antipathie gefühlt von Tag zu Tag noch größer. Speziell die E3 ist mir ein Dorn im Auge, weil sie zu einer puren Hype-Maschinerie mutiert ist, in denen gefühlt 90% aller in die Öffentlichkeit gelangten Videos, Bilder und Pressemitteilungen einen falschen Eindruck auf die gezeigten Spiele sowie die Branche allgemein hinterlassen.

Vorgerendertes Gedöns

Was gibt es denn für unsereins, die auf der anderen Seite des Erdballs verweilen? In “klassischen“ Trailern sehen wir vorgerenderten Krams, fesch zusammengeschnitten und fast durchweg ohne eigentliche Spielszenen. Selbst wenn diese vorkommen, dann vermitteln sie kein Gefühl dafür, wie das Game am Ende aussehen wird. Letztlich soll mit vielen bunten Bildern und “krassen“ Einstellungen etwas suggeriert werden, was eigentlich gar nicht da ist. Kurz: Die Branche ist dermaßen fixiert auf Fortsetzungen und Bombast, dass sich die Trailer gegenseitig überschlagen – wer ist der Schnellste, der Coolste, der Flotteste?.

Dann gibt es immer mal wieder Videos direkt aus dem Spiel, bei denen ich dann angeödet zuschaue, wie jemand die ersten 10 oder 20 Minuten zockt. Im schlimmsten Fall wurde das Video vom vor Ort stehenden Bildschirm abgefilmt, weshalb ich dann auch noch das oben erwähnte Problem der abartigen Messe-Geräuschekulisse genießen darf. Super.

Was Andy verschweigt: Der Hund aus CoD: Ghosts hat einen Hype verdient. Oder? (Foto: Activision)

Was Andy verschweigt: Der Hund aus CoD: Ghosts hat einen Hype verdient. Oder? (Foto: Activision)

Richtig ekelhaft sind in aller Regel die Pressekonferenzen, von Microsoft über Sony bis Ubisoft. Da werden dann Worthülsen hingerotzt und jeder Pups als große Offenbarung hochgejubelt, sodass ich bereits nach fünf Minuten angewidert abschalten möchte. Ich kann so etwas einfach nicht ernst nehmen: Zu oft wurden wir verarscht, weil Spielszenen für eine neue Konsolengeneration vom hochgezüchteten PC stammten oder gar vorgerendert waren. Selbst solch Kult-Moderatoren wie “Reggie“ Fils-Aime von Nintendo nerven mich bereits nach drei Sätzen, weil sie ihre Geschwall-Auswüchse immer und immer und immer und immer wieder wiederholen – als ob man uns eine Gehirnwäsche verpassen möchte.

Das eigentliche Problem besteht in meinen Augen darin, dass gerade wir “älteren“ Zocker in einer Zeit aufgewachsen sind, in der Revolutionen noch möglich waren. Die Sprünge von NES zu SNES oder von SNES zu PlayStation waren dermaßen “gigantisch“, da brauchte es kein Gehype. Ein Blick auf “Ridge Racer“ genügte und man wusste einfach: “Fett!“. Doch das ist nicht mehr möglich. Die Technik hat einen gewissen Stand, einen Zenit erreicht, wo es keinen weiteren Sprung dieser Art mehr gibt – diverse Holodeck-Utopien lasse ich mal bewusst ausgeklammert. Und selbst wenn es in der Theorie einen geben könnte, dann würden die Entwicklungskosten der folgenden Spiele explodieren. Weil das die Branche aber nicht wahr haben möchte, zieht man eben bei diesen Konferenzen sämtliche Register, um absolut perfekt rüberzukommen und die Leute mit “Love, Change & Innovation“-Stumpfsinn vollzumüllen. Das einzige Element, das bei diesen Konferenzen noch funktionieren kann, ist der Humor: Sonys Mini-Guide bezüglich Gebrauchtspiele ist ein herrlicher Seitenhieb auf Microsoft. Immerhin.

Ein weiterer Aspekt, weshalb ich Messen hassen gelernt habe: Der Aufwand für die Entwicklerteams, die bis zum Tage X eine im Idealfall spielbare wie in jedem Falle fehlerfreie Vorführversion hinbiegen müssen. Das kostet in meinen Augen einfach nur unnötig Zeit und Ressourcen, was gerade in der derzeitigen Krise nur hinderlich ist. Fiese daran: Weil wirklich jeder große Publisher sämtliche Energien in diesen Mist reinsteckt, ist es umso schwerer, sich von der Konkurrenz abzuheben. Du kannst noch so gut sein: Sind die anderen besser, dann war die Arbeit in der Tat umsonst. Und seien wir ehrlich: Wer dominiert am Ende der Messe die Schlagzeilen? Die altbekannten Namen. “Metal Gear”, “Final Fantasy”, “Call of Duty”, “Zelda”… brauche ich dafür wirklich eine eigene Messe, in der ich hochgezüchtete, rein auf Hype ausgelegte Produkte vorgestellt bekomme, die sich allein aufgrund des Namens sowieso wie geschnitten Brot verkaufen werden?

Awards?

The Last of Us wurde 2012 mit E3-Awards überhäuft. (Foto: gameranx.com)

The Last of Us wurde 2012 mit E3-Awards überhäuft. (Foto: gameranx.com)

Der absolute Irrsinn sind die Messe-Awards: Es ist mir unbegreiflich, wie man Auszeichnungen für unfertige Spiele ernst nehmen soll. Das ist ungefähr so, als wenn es einmal im Jahr eine Oscar-Verleihung für die besten Filmtrailer geben würde, die im Sommer gezeigt werden. Ja, ich weiß: Es gibt sogar Preise dieser Art – aber die haben nicht den Stellenwert wie ein E3-Award! Jedenfalls sind das Plaketten, die wirklich nur dazu dienen, den Hype nur noch weiter zu schüren, anstatt etwas wirklich Auszeichnungs-würdiges zu ehren. Aber Hauptsache, man hat einen weiteren Sticker für das noch nicht mal fertig gestaltete Cover-Bild…

Am Ende des Tages bleibt wirklich nur der Aspekt der Neuigkeit, der einer E3 einen ehrlichen Sinn verleiht. Alles andere wurde Jahr für Jahr kaputt gemacht und die Ernüchterung bei Spielern, die den Scheiß schon seit längerer Zeit “mitmachen“, wird immer größer. Die Messe ist irgendwie das Äquivalent zum Sommer-Kino-Blockbuster geworden: “Jünglinge“ lassen sich noch vom größten aller Blendwerke begeistern, während man mit dem Alter immer mehr realisiert, was für ein Blödsinn da teilweise veranstaltet wird.

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5 comments on ““Eh nein”, danke: Warum Messen der Teufel sind

  1. Trifft meine Meinung, die ich vor einem Jahr in einem Artikel verewwigt habe http://pakgs.de/14346, und ja – es wird immer verrückter.

  2. Kann im Kern absolut zustimmen, auch wenn fuer mich der Reiz von Messen immer ganz woanders lag. Fuer mich waren diese Events eine Moeglichkeit, die Macher hinter den ganzen Spielen mal persoenlich kennenzulernen, und das hat zumindest zur Zeiten der Games Convention in Leipzig noch ganz gut funktioniert. Deswegen war ich da auch immer gerne und habe mich lieber mit den Entwicklern und Designern mal ein wenig unterhalten, als irgendwelche halbfertigen Produkte vorgefuehrt zu bekommen. Wobei ich auch ehrlich sein muss – die Neuheiten haben mich natuerlich interessiert! Man muss eben mit seinem Enthusiasmus aufgrund des Vorfuehrfaktors vernuenftig haushalten…

    Leider sind die Messen nur in den letzten Jahren zu den von Andy beschriebenen Mega-Hype-Events mutiert, die so eine Plaudereinheit mit einem Entwickler kaum mehr moeglich machen. Vor 20 Jahren, auf der damaligen “Computer”-Messe in Koeln, quatschte ich noch mit Eric Simon, Chris Huelsbeck, den Bitmap Brothers und Sid Meier – heute kannst Du ja mal froh sein, dass Du zwischen all den Messe-Babes ueberhaupt noch jemanden findest, der mit dem beworbenen Produkt irgendwas zu tun hat!

  3. Ich mag auch keine Messen. Vor ewigen Jahren war ich gelegentlich auf der Cebit und schon da war es so, dass das Meiste für reine Besucher eben recht uninteressant war. Die meisten Messen dienen ja auch eher zur Vorführung und als Kontaktbörse für gewerbliche Teilnehmer und weniger dem Publikum. Entsprechend wird die Cebit z.B. ja auch (endlich) zu einer reinen Fachmesse.

    Spielemessen sind selbstredend immer ein wenig was anderes. Neue Spiele interessieren alle Zocker. Allerdings bin ich wohl aus dem Alter raus, wo mich neue Titel so fesseln, dass ich mich an lange Schlangen anstellen würde, um eine Demo ein paar Minuten anzuzocken. Da schaue ich mir viel lieber die komprimierte Berichterstattung im Internet an und probiere die Titel dann irgendwann, wenn es eine offizielle Demo gibt, gemütlich zu Hause.

    Dass solche Messen wie die E3 dazu genutzt werden, um sich selbst zu feiern, nun, das sollte man inzwischen aus Hollywood gewohnt sein. Schlimm wird es nur, wenn die Konsumenten diesen Werberummel tatsächlich beginnen ernst zu nehmen.

  4. Kann mich den Meinungen eigentlich auch nur anschließen.
    Vor “20 Jahren (und davor…)” war das aber eben noch was anderes. Gut, auf Spielemessen was ich da noch nicht, (War auch nicht nötig, da man diese Art Technik zu der Zeit eh auch nur in den paar Elektronik Läden bekam wie alles andere auch) aber halt z.B. regelmäßig auf der Funkausstellung in Berlin. Damals was das wirklich noch zum “anfassen”. Man wurde als echter Interessent gesehen, kam mit vielen Leuten persönlich in Kontakt, ob Hersteller oder Promi`s, und nicht zu vergessen, was man da damals noch an allem möglichen Geschenken mit nach Hause geschleppt hat.
    Da wurde auch noch nicht diese Selbstbeweihräucherung betrieben, sondern eben das gezeigt was auch greifbar war. Dies zudem auch nur in dem normalen Maß, wie man es kannte.

  5. Froschi Jun 24, 2013

    “Selbst solch Kult-Moderatoren wie “Reggie“ Fils-Aime von Nintendo” – äh, das war ein sehr, sehr merkwürdiger Satz, “Andreas” Altenheimer…

    Back on topic: Jaja, Messen. Eine ewige Hassliebe.