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Hell: Tim Fehlbaum und sein The Road

Geschrieben von Sven
Hell: Tim Fehlbaum und sein The Road

„Hell“ kam am 22. September 2011 in den deutschen Kinos und hatte gleich mit großer Konkurrenz aus dem eigenen Entstehungsland zu kämpfen. In der ersten Woche nach Start schaffte es Tim Fehlbaums Regiedebüt nur auf den neunten Platz der Kinocharts.

Hell: Endzeit aus Deutschland. Spielt auch hier. (Foto: voll:kontakt)
Hell: Endzeit aus Deutschland. Spielt auch hier. (Foto: voll:kontakt)

In Zahlen gesprochen: 32.481 Zuschauer gingen innerhalb von sieben Tagen in ein Lichtspielhaus, um das Endzeit-Drama zu sehen. Ein ernüchterndes Resultat, vor allem wenn man dagegen die Ergebnisse von „Männerherzen 2“, „What a Man“ oder gar „Prinzessin Lillifee und das kleine Einhorn“ zum Vergleich heranzieht.

Sei’s drum. Mir hat „Hell“ ausgesprochen gut gefallen. Vielleicht auch, weil ich deutschen Massenmarkt-Komödien fast grundsätzlich nichts abgewinnen kann? Daher schnappte ich mir Tim Fehlbaum und zwang ihn zu einem Interview. Ausnahmsweise verzichtete ich auf die Frage, was sich überhaupt hinter der Bezeichnung „Genrefilm“ verbirgt. So betiteln konservative Kritiker „Hell“ nämlich gerne. Vermutlich, weil sie so weiter in Schubladen denken können.

Was Tim Fehlbaum zu seinem Werk zu sagen hat?

Polygamia.de: Wie bist Du eigentlich dazu gekommen, gleich als Regiedebüt einen solch großes Projekt in Angriff nehmen zu dürfen? Sogar mit Unterstützung von Roland Emmerich? Da war doch Glück im Spiel, oder?

Tim Fehlbaum: Das Glück, das ich dabei hatte, war, dass ich die Verbindung zu den Produzenten Thomas Wöbke, Gabriele M. Walther und Ruth Waldburger hatte. Und die hatten den Kontakt zu Roland Emmerich. Sie schickten ihm das Drehbuch und eine DVD von meinem Kurzfilm. Und daraufhin war er interessiert an meinem Projekt. Die Produzenten hatten von Anfang an an mich geglaubt. Ja, ich denke, das war mein größtes Glück.

Polygamia.de: Wie kamst Du auf die Idee zu „Hell“?

Tim Fehlbaum: Ich hatte schon einen Film gemacht. Er heißt „Am Flaucher“, ist sechs Minuten lang und ein Zombie-Kurzfilm. Ich hatte mir gesagt: „Den will ich in lang machen.“ Das war ein ganz kleiner, trashiger Film. Er war quasi meine Visitenkarte. Den habe ich dann rumgezeigt. Vom Stil und der Stimmung geht er schon ungefähr in die Richtung, wie ich mir einen Film vorgestellt hatte.

Tim Fehlbaum: Baujahr 1982. Überraschend: Obwohl er aus der Schweiz kommt, war kein Dialekt festzustellen. (Foto: voll:kontakt)
Tim Fehlbaum: Baujahr 1982. Überraschend: Obwohl er aus der Schweiz kommt, war kein Dialekt festzustellen. (Foto: voll:kontakt)

Polygamia.de: Was hat Deine Familie dazu gesagt, als Du erwähntest, dass Du einen Kinofilm mit Roland Emmerich drehen wirst?

Tim Fehlbaum: Wir haben uns alle sehr gefreut. Das macht einem auf der einen Seite Türen auf, so einen Namen bei einem eigenen Film dabei zu haben. Als Executive Producer hatte Roland Emmerich auch so eine Art Patenfunktion. Er war auch von Anfang an involviert. Vor allem bei der Vorbereitung hat er uns viele wichtige Tipps für die Umsetzung auf den Weg gegeben, zum Beispiel bei der Ausgestaltung der Apokalypse. Das ging bis zum Schnitt, er sah unter anderem die erste Rohfassung und gab Ratschläge.

Polygamia.de: Bist Du zufrieden mit Deinem ersten Werk?

Tim Fehlbaum: Ne, da sind noch immer 1000 Sachen, die mich stören. Wir haben den Film schon oft getestet und dem Publikum vorgeführt.  Ich seh das mittlerweile ziemlich nüchtern. Ich weiß, was der Film ist und was gut ankommt bzw. die Besonderheiten sind. Ich weiß aber auch, was fehlt und wo man das nächste Mal optimieren könnte. Oder was man besser machen sollte. Und wenn ich jetzt nochmal den Film gucke, sehe ich zig Aspekte, wo ich mir denke: „Hach, das hätte ich so oder so machen können.“

Polygamia.de: Ich schätze, das ist eh normal. Du hast den Film gedreht, Du bist sicher eh der härteste Kritiker. :) Aber wurde das Drehbuch dahingehend angepasst, dass es zum Beispiel TV-tauglich ist? Oder solltet ihr euch aufgrund der zahlreichen Fördermittel ohnehin etwas „braver“ sein.  Musstest Du Kompromisse eingehen?

Tim Fehlbaum: Die Frage ist berechtigt. Ich kann nachvollziehen, dass man sich das denken könnte.  Als wir mit dem Film anfingen, da dachten wir noch, dass „Hell“ brutaler wird. Aber wir haben die Gewalt nach und nach reduziert. Es sollte eh nie ein richtiger Slasher werden. Ich bin eh der Meinung,  der Horror kann nie so groß sein, wie das, was sich in den Köpfen abspielt. Wenn man nicht sieht, wie zum Beispiel jemand geschlachtet wird, kann das durchaus unheimlicher sein, als würde man es explizit zeigen.

Vor dem Fantasy Film Fest hatte ich auch die Befürchtung, dass „Hell“ für die Genrekenner eher Kinderkram sei. Aber ich fand es dann erstaunlich, dass gerade von diesen Leuten viele zu mir kamen und es angenehm fanden, dass „Hell“ nicht so explizit ist. Aber ich kann auch verstehen, wenn jemand meint, der Film sei nicht radikal genug.

Nicht immer ist es in Hell..ähm...hell! Nebenbei erwähnt: Der Name kommt NICHT von Hölle. (Foto: voll:kontakt)
Nicht immer ist es in Hell..ähm...hell! Nebenbei erwähnt: Der Name kommt NICHT von Hölle. (Foto: voll:kontakt)

Polygamia.de: Es ist ja so ähnlich wie bei „The Road“. Du musstest Dir sicher schon unzählige Male anhören, dass „Hell“ zu diesem Film Parallelen besitzt. Du hast den Psycho-Horror, eine ausweglose Situation, Endzeit – ist das reiner Zufall oder war das Werk eine Inspirationsquelle?

Tim Fehlbaum: Nein, „The Road“ war keine Inspirationsquelle. Als das Buch erschien, hatten wir bereits eine erste Fassung der Geschichte. Alle Elemente, zum Beispiel die Handlung, waren zu diesem Zeitpunkt schon fertig. Als „The Road“ in Deutschland ins Kino kam, waren wir bereits mit dem Schnitt beschäftigt.

Als es damals hieß, „The Road“ wird ein Kinofilm, waren wir gerade an den Vorbereitungen für „Hell“. Da haben wir auch kurz überlegt: „Ist das jetzt ein Problem?“ Wir entschieden uns, trotzdem weiter zu machen, „Hell“ sollte ja eh was ganz anderes werden.

Ich werde darauf ja oft angesprochen. Wenn das nächste Mal so etwas passieren sollte, würde ich mir das zweimal überlegen.

Polygamia.de: Wenn The Road nicht die direkte Inspirationsquelle war, was dann?

Tim Fehlbaum: Ich bin schon ein Filmfreak und lasse mich von vielen anderen Filmen beeinflussen. Das kann ich nicht anders sagen, ich glaub auch, dass man dies bei „Hell“ sieht. Inspirationsquellen waren zum Beispiel die frühen John Carpenter-Filme, unter anderem „Assault“. Mit der Polizeistation und so. „Mad Max“ und „Night of the Living Dead“ ebenfalls. Als Vorlage dienten sie uns eigentlich gar nicht von der Ästhetik her, vielmehr  wie sie mit einem Thema umgehen. Man wird in eine Welt geworfen, erhält keine weiteren Erklärungen  und wird in die Konflikte hineingezogen. Es ist eher unwichtig, was passiert ist, sondern was gerade geschieht. Wir haben bei „Hell“ schon im Vorfeld gesagt, dass wir nie eine ökopolitische Message vermitteln wollen. Darum ist es auch egal, was geschehen ist, vielmehr was die Überlebenden machen und wie sie mit Konflikten in der Gruppe umgehen. Diesen Ansatz haben viele Filme, eben „Assault“ oder auch „Die Vögel“.

Als Inspirationsquelle dienten auch zig Sachbücher, die wir zuvor lasen. Darunter waren etliche Werke, welche sich mit apokalyptischen Szenarien auseinander setzen. Oder auch die Hintergründe vom Hurrikan Katrina, wie schnell da alles zusammengefallen ist – also von der zivilisierten Stadt hin zur Anarchie

Niedlich: Tim Fehlbaum bei der Premiere. An seiner Seite die zwei Hauptdarstellerinnen. (Foto: voll:kontakt)
Niedlich: Tim Fehlbaum bei der Premiere. An seiner Seite die zwei Hauptdarstellerinnen. (Foto: voll:kontakt)

Polygamia.de: Und wo wir gerade bei Apokalypse und Horror sind. Hast Du zufällig ein paar Filmtipps parat?

Tim Fehlbaum: Da gab es einen russischen Kriegsfilm. „Come and See“. Ganz toller Film, sehr deprimierend. Ich glaub, aus den 1980ern. Oder auch „Der Räuber„. Aber das ist kein Horrorfilm.

Polygamia.de: Die Tankstellen-Szenen in „Hell“ erinnerte mich ein wenig an das Videospiel „Fallout 3“….

Tim Fehlbaum: Nein, da muss ich passen. Ich spiele nicht, ich kenne mich da gar nicht aus. Beim Fantasy Film Fest hatten mich auch Leute darauf angesprochen. Ich gucke so viele Filme, ich wüsste gar nicht, wann ich noch zum Spielen kommen sollte.

Polygamia.de: Nicht so schlimm. Das macht Dich nicht zu einem schlechten Menschen, wenn Du nicht spielst. :) Aber wie war das eigentlich beim Dreh: Du bist ja noch relativ jung, wurdest Du von den Schauspielern und den alten Hasen im Business ernst genommen? Konntest Du Dich gut durchsetzen?

Tim Fehlbaum: Das ging mir eigentlich beim ganzen Dreh durch den Kopf: „Kann ich das? Bin ich qualifiziert dafür?“ Das weiß ich bis heute nicht. Aber ich hatte ja die Produzenten, die mir sagten, ich solle den Film machen. Und das gab mir Vertrauen. Zum anderen war da noch das Team. Wir waren ein generell sehr junges Team. Viele haben wie ich ihren Job zum ersten Mal gemacht, zum Beispiel der Kameramann. Das hat mir auch geholfen. Und wir haben „Hell“ im Team realisiert, es war bei der ganzen Produktionsphase das Herzblut zu spüren – eben weil es für viele Neuland war.

Vor den Schauspielern Angelika Winkler, Hanna Herzsprung und Lars Eidinger hatte ich enormen Respekt. Mit wem sie alles schon zusammengearbeitet hatten. Und dann kam ich da an. Aber ich hatte allen gesagt: „Lasst uns das gemeinsam erarbeiten“. Und da haben sie extrem viel selbst eingebracht, vor allem Angelika Winkler.

Polygamia.de: Waren die Schauspieler eigentlich Deine Traumvorstellung?

Tim Fehlbaum: Da hatte ich großes Glück. Wir haben sie zwar gecastet, aber ich hatte da schon Vorstellungen im Kopf. Und wir haben schnell festgestellt, dass die Schauspieler die richtige Wahl waren.

Polygamia.de: Bist Du eigentlich Vegetarier?

(lacht) Gute Frage. Gerade bei der Recherche zum Film habe ich quasi gar kein Fleisch gegessen. Wenn man in einem Schlachthof ist, gehen einem da Bilder durch den Kopf. Eine Zeitlang hat mich das tatsächlich zum Vegetarier gemacht. Mittlerweile achte ich sehr auf die Herkunft des Fleisches, esse aber nur sehr wenig Tier. Ich las zu dem Thema auch das Buch „Tiere Essen“ von Jonathan Safran Foer, das mich beeinflusste.

Philip (Lars Eidinger) und Marie (Hannah Herzsprung) (Foto: voll:kontakt)
Philip (Lars Eidinger) und Marie (Hannah Herzsprung) (Foto: voll:kontakt)

Polygamia.de: Nach dem Projekt ist vor dem Projekt. Oder so. Hast Du schon konkrete Pläne für einen neuen Film?

Tim Fehlbaum: Ich bin noch immer sehr aufgeregt, „Hell“ läuft ja noch im Kino und es war noch keine Zeit, intensiver darüber nachzudenken. Ich hab zwar schon ein paar Ideen, aber noch keine konkreten Pläne. Ich weiß nur, dass es etwas Düsteres sein wird.

Spoiler-Frage! Polygamia.de: Stell Dir vor, es kommt zu einer Art Apokalypse. Es vergehen vier Jahre. Die Erde ist weitgehend zerstört und die letzten Menschen kämpfen ums Überleben. Du gelangst zu einem Bauernhof und findest dort eine Taschenlampe. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch funktioniert?

Tim Fehlbaum: Spielst Du etwa auf den Film an? (lacht) Ich wüsste nicht, wieso sie nicht funktionieren sollte! Tatsächlich haben wir uns darüber Gedanken gemacht. Die Bauerfamilie überfällt immer wieder die Städter – und da sind ja sicher auch Batterien dabei. Wir überlegten, einen Raum zu zeigen, in dem die Beute zu sehen ist. Aber da gibt’s noch ein paar andere Sachen im Film…

Polygamia.de: Welche? :)

Tim Fehlbaum: (lacht) Nein, ich mache doch nicht auf meine eigenen Fehler aufmerksam.

Polygamia.de: Na gut. Und wie sieht es mit der DVD und Blu-ray aus? Wird es eine erweiterte Fassung geben? Mit mehr Gewalt?

Tim Fehlbaum: Nein, ich glaube nicht. Ich denke, unser Cutter Andreas Menn hat den Film optimal geschnitten. Aber erst einmal müsste ja auch das Interesse für eine Directors Cut Fassung da sein.

Polygamia.de: Dank für das Interview. Und vor allem: Viel Erfolg für Deine Zukunft!

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 5. Oktober 2011

3 Kommentare zu “Hell: Tim Fehlbaum und sein The Road

  1. Die Spoiler-Frage! Großartig!!

    Mir hat „Hell“ recht gut gefallen. Leider sind die Zuschauerzahlen ziemlich düster. Hell. Düster. Weißte? Schade, aber vielleicht entwickelt sich der Film zu einem „Spätzünder“.

    • Jaja, ich verstehe schon. Düster. Ist nicht hell. Oder? :) Ich könnte mir ja gut vorstellen, dass er außerhalb Deutschlands sogar besser läuft. Muss der Verleih nur mal etwas Geld in die Hand nehmen und es versuchen. Ansonsten finde ich ja: Für ein Regiedebüt hat Tim ja echt gute Arbeit geleistet. Das kann man schonmal honorieren…

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