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The Last of Us: Grenzüberschreitung

Geschrieben von Andy
The Last of Us: Grenzüberschreitung

Es ist gar nicht lange her, da beschwerte ich mich über die “Hoffnungslosigkeit“ in Spielen mit post-apokalyptischen Hintergrund. Frei nach dem Motto: Warum sollte ich gegen Zombie-Horden kämpfen oder in einer radioaktiv verstrahlten Umgebung nach Nahrung suchen, wenn sowieso alles verloren ist? Ich stehe anscheinend mit meiner Meinung ziemlich alleine da, denn Spiele, in denen die ganze Welt kaputt oder verseucht ist, sind beängstigend beliebt.

Telltales “The Walking Dead“ hat mir gezeigt, dass auch ich dem Reiz des unvermeidlichen Untergangs verfallen kann. Dafür gibt es gute Gründe: Zum einen konzentriert sich die Erzählung vollends auf die Überlebenden und wie diese mit der Ausnahmesituation umgehen – die Zombies reduzieren sich zu einem Mittel zum Zweck, nämlich eine außergewöhnliche Charakterstudie zu schaffen. Zum anderen steckt derart wenig “Spiel“ im Interactive Movie, dass ich mich schon ein klein wenig darüber wundere, wie unglaublich beliebt “The Walking Dead“ ist. Mir soll’s jedenfalls recht sein: So kann ich die herausragend erzählte Geschichte genießen, ohne mich mit anderen Störfaktoren herum plagen zu müssen.

Naughty Dogs “The Last of Us“ ist ein völlig anderes Kaliber: Es ist ein Spiel durch und durch, gleichzeitig ohne einen Millimeter von seiner trostlosen Zukunftsperspektive abzuweichen. Die ersten zehn Minuten, ich schwöre bei Gott, formen den besten Prolog, den ich in 30 Jahren Video- und Computerspielerfahrung erlebt habe. Gleichzeitig ist er ein tiefer Schlag in die Magengrube, der schonungslos klar macht: Das hier wird kein schöner Spaziergang.

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Die verzweifelten Augen der vielleicht letzten Hoffnung für das Überleben der Menschheit. (Bild: Sony)

Wobei… natürlich ist “The Last of Us“ schön. Wir reden schließlich vom gleichen Entwicklerteam, das mit den letzten beiden “Uncharted“-Spielen die wohl beeindruckendste Grafikdemonstration der derzeit abebbenden Konsolenära abgeliefert hat. Erinnert sich wer an das verwilderte Haus im dritten Abenteuer von Nathan Drake? Solch eine beklemmende Mischung aus Schönheit und Zerstörung bekommt ihr hier alle fünf Minuten zu Gesicht. Dazu gesellt sich mit Gustavo Santaolalla ein zweifacher Oscar-Gewinner, der die mit gebührendem Abstand beste wie treffendste musikalische Leistung erbringt, die bislang ein versierter Filmmusiker im Bereich der interaktiven Unterhaltung erzielt hat. Nur so viel: Seine Gitarrensolos sind ähnlich eindringlich wie die in “Brokeback Mountain“.

Nein, ich meine etwas anderes: Nach dem Prolog war mir sofort bewusst, welch Arbeit auf dem Programm steht. Es geht schließlich um’s Überleben – die Welt befindet sich im Ausnahmezustand und leidet unter einer Infektionskrankheit, die jeden betroffenen Menschen zu einer reisend-wütenden Bestie mutieren lässt. Großstädte gleichen Ruinen, die im Laufe zweier Jahrzehnte von der Natur nach und nach zurückerobert wurden. Die Regierung versucht verzweifelt mithilfe von Quarantänezonen das letzte Quäntchen Ordnung aufrecht zu erhalten, jedoch bestimmen Chaos, Verzweiflung sowie Waffengewalt das Bild. Während der Menschheit aufgrund der aussichtslosen Lage die Auslöschung droht, keimt plötzlich wage Hoffnung in Form von Ellie auf: Das 14-jährige Mädchen wurde wie so viele andere durch einen Biss infiziert, bleibt aber wie durch ein Wunder von der Krankheit verschont. Der alternde wie vom Leben gezeichnete Joel erhält die Aufgabe, die Kleine zu einem geheimen Stützpunkt der Fireflies, einer radikalen Militärorganisation, zu eskortieren. Es bestehe die Chance, dass man dort mithilfe Ellies außergewöhnlicher Eigenschaft ein Gegenmittel gegen die Seuche findet.

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Zack, tot: Wer einem Clicker in die Hände fällt, der kann sich gleich vom Leben verabschieden. (Bild: Sony)

Der Weg dorthin ist mühselig und ein einziger Gefahrenherd. Überall lauern Horden von Infizierten – manche sind derart flink wie stark, dass jedweder Versuch des Nahkampfes zum sofortigen Tod führt. Darüber hinaus ist die Welt auch moralisch betrachtet am Arsch, weshalb praktisch jeder Überlebende auf sein eigenes Wohlbefinden oder allenfalls auf das seiner Familie bedacht ist. Kommt es zum Konflikt, dann wird dieser nicht lang ausdiskutiert, sondern in aller Regel im Schusswechsel beendet. Und lasst mich gar nicht erst von den Banditen anfangen, die zum Erlangen von Nahrung oder Waffen gezielt auf Menschenjagd gehen…

Das Bild, was Naughty Dog uns mit “The Last of Us“ präsentiert, ist erschreckend realistisch, schonungslos brutal und abstoßend glaubwürdig. Und genau da liegt gleichzeitig mein “Problem“: So sehr das Spiel in den Disziplinen Technik, Sound oder Leveldesign seinen Meister sucht, so deprimierend ist meine Erfahrung. Ja, die Atmosphäre ist gigantisch – aber gleichzeitig gefährlich für Menschen mit latenten Stimmungsschwankungen. Anders ausgedrückt: Ich fühle schnell “mit“, wenn mich etwas anspricht. Ergo gingen mir all die erlebten Ereignisse sofort ins Blut über – und am Ende musste ich mich schon fragen, wie viel “Ernsthaftigkeit“ ich überhaupt in einem “Spiel“ ertrage.

Lasst es mich anders formulieren: Ich habe noch nie ein so gutes Spiel gespielt, mit dem ich so wenig “Spaß“ hatte. Der Witz dabei: Genau das wollte Naughty Dog wohl auch erreichen – nur wo ich bei einem Film passiv zwei Stunden zusehe, wie alles zugrunde geht, “muss“ ich in “The Last of Us“ gut fünfzehn Stunden lang ackern und rackern. Ein Prozess, den ich persönlich nur mit Pausen ertragen konnte. In dem Zusammenhang fällt mir ein: War am Ende das Episodenkonzept von “The Walking Dead“ der Grund, weshalb mich Sorgen dieser Art bei Telltales Adventure-Serie weniger plagten…?

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Gereizt: In The Last of Us kämpft die Menschheit nicht nur gegen eine Seuche, sondern auch gegen sich selbst. (Bild: Sony)

Von dieser grundlegenden Problematik abgesehen, die ich vermutlich als einziger Mensch der Welt in mir trage, ist exakt der “Meilenstein“ heraus gekommen, den sich viele im Vorfeld erhofft hatten. Rein spielerisch beeindruckt die perfekte Symbiose aus Schießen und Schleichen, die Naughty Dog gegenüber ihren vorhergehenden Spielen weiter optimieren konnte. Dem Setting nach gibt es wenig Munition, als Ausgleich wirkt jeder Treffer umso schlagkräftiger. Und dafür, dass es recht wenig unterschiedliche Gegnertypen sowie Rätsel irgendwelcher Form gibt, erzeugt allein das geschickt ausgeklügelte Leveldesign genügend Abwechslung.

Gleichwohl verwundert mich die enorme Menge an Höchstwertungen und die vergleichsweise leise Gegenwehr: Wer genauer hinschaut, der merkt schnell, dass viele grandiose Momente den nicht-interaktiven Zwischensequenzen vorbehalten bleiben – im Gegensatz z.B. zu “Uncharted 2“. Im Grunde genommen steckt hinter der geschniegelten Balance, der makellosen Präsentation sowie der beeindruckeden K.I. ein, ich sag das ganz bewusst provozierend, “gewöhnlicher Shooter“ im Programmcode, so wie ich sie zu Hunderten in meinem Leben gespielt habe. Und so sehr sich Naughty Dog darum bemühte, keine Kompromisse einzugehen: Wenn Ellie direkt vor den Augen eines Gegners herum turnt und dieser nicht reagiert, dann zerfällt die Illusion der perfekten Atmosphäre. Klar: Würde das Mädchen jedes Mal entdeckt, dann wären Wutanfälle im Sekundentakt vorprogrammiert. Aber dieses “Phänomen“ holt mich jedes Mal auf den Boden der Tatsachen zurück, nämlich dass ich eigentlich “nur“ ein “Spiel“ vor Augen habe.

All dies zeigt mir, dass es nicht so einfach ist, das Medium der “Computer- und Videospiele“ erwachsen werden zu lassen. Natürlich gibt es Fälle, in denen das ansatzweise funktioniert hat. Aber “The Last of Us“ sollte uns mehr als je zuvor zeigen: Es ist alles andere als selbstverständlich.

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Über Andy

Andreas “Andy“ Altenheimer wandelt seit 1977 auf dieser Welt, als „Star Wars“ und „Der Stadtneurotiker“ in die Kinos kamen, und fühlt sich wie eine Mischung dieser beiden Filmklassiker... [Weiterlesen]

Veröffentlicht am 30. Juni 2013

11 Kommentare zu “The Last of Us: Grenzüberschreitung

  1. mnemo schrieb am :

    Das mit dem „keinen Spaß“ kann ich nachvollziehen, darum habe ich TLOU auch noch nicht gekauft und werde es mir von einem Freund ausleihen (geht ja noch). Mit Dead Space 1+2 ging es mir schon so, ich war heftig angespannt beim Spielen und habe an manchen Stellen wirklich gekotzt, weil es auch verdammt schwierig war. Bei TLOU wird es sicher genauso gehen, nur möchte ich halt schon das Spiel „erleben“ und da Let’s Plays der Antichrist sind, werde ich die sicher nicht gucken.

  2. quotentoter schrieb am :

    Hmmmm Mist, ich kann es scheinbar nicht flattrn weil dort nur Svens Artikel auftauchen? Grmpf.

    PS: Guter Artikel!

      • quotentoter schrieb am :

        Hmmmm ja, weil ich das Magazin polygamia geflattrt habe… aber ich ich kann das doch nur einmal flattrn? Jetzt steht da immer „subscribe“ wenn ich erneut drauf klicken würde…
        Sonst habe ich doch immer den Artikel selbst „geklickt“? (ich verzichte mal auf den anderen Ausdruck, der kam kam jetzt häufig genug vor)

      • quotentoter schrieb am :

        Na, da weiß ich nicht wie hoch für Euch der Aufwand ist? Für mich ist ein-Knopf-Lösung natürlich die angenehmste.

        Leider nutzen das nicht viele… Facebook likes und Google+ Einser gibt es da ja mehr -> nutzt mal lieber flattr :P

  3. Schon interessant, welche intensiven Spielerfahrungen uns am Ende dieser Konsolengeneration noch ins Hause flattern: „Bioshock Infinite“ machte einen beeindruckenden, aufgrund der Gewaltdarstellung aber auch noch voellig unumstrittenen Anfang. „Last of Us“ scheint jetzt ein ziemlich gewoehnlichen Shooter mit beklemmender Atmosphaere und gnadenloser Handlung erfolgreich aufgepeppt zu haben – und da war dann noch „Beyond: Two Souls“, welches durchaus das Potential hat, das wegweisende „Heavy Rain“ zu toppen.

    Nachdem gerade bei Naughty Dog’s neuestem Werk die Ansichten teilweise doch arg auseinandergehen (ich erinnere an die juengste Spiegel Online-Kontroverse unter dem Titel „Meister- oder Machwerk?“), werde ich mir auf jeden Fall selber ein Bild davon machen muessen. Ein bisschen Angst vor dem „Kein Spass“-Phaenomen, das Andy schildert, habe ich dann aber doch, denn das traf mich bei „Dead Space“ aehnlich wie Mnemo geschildert hat…

    • Altairre schrieb am :

      Passend, dass du gerade Infinite, Last of Us und Beyond ansprichst, denn das waren auch die Titel die mir nach Beendigung von LoU im Kopf herumgeschwirrt sind. Infinite und Last of Us hatten und Beyond hat noch Potenzial zu den besten Spielen dieser Generation zu gehören und in mein en Augen haben es die ersten beiden geschafft.

      Infinite und Last of Us sind zwei hervorragende Titel, die herausstechen aus einem Gemisch von Spielen mit interessanten Ansätzen aber fehlender Umsetzung (da fällt mir spontan Remember Me ein) und solchen mit solider Umsetzung des Gameplays, aber sonst wenig guten Ideen (Call of Duty wäre hier wohl das Paradebeispiel.

      Natürlich haben sowohl Last of Us als auch Infinite Schwächen, besonders in den Bereichen in denen Storytelling mit Gameplay verbunden werden muss.

      Infinte ist ein guter Shooter, der mit den Vigors aufgepeppt wird und mir über die gesamte Spieldauer über Spaß gemacht hat, aber die überraschenden Momente bleiben weitestgehend gescripteten Momenten überlassen (mit Aussnahme vielleicht der erstaunlich gut funktionierenden Einbindung der Schienenfortbewegung). Der Star is die gewöhnlich außergewöhnliche Story.

      Last of Us erzeugt mit mit seinen Charakteren, die fast alle glaubwürdig wirken und schon in die ich schon nach kurzer Zeit emotional investieren konnte. Dazu kommt die bedrückende Atmosphäre und die Detailverliebtheit der Entwickler (ich glaube ich habe noch nie so viele verschieden ausgestaltete „normale Räume“ gesehen) und die Tatsache, dass sich The Last of Us nach einem kurzen Hänger in den Anfangsstunden kontinuierlich steigert.

      Das „Kein Spaß“-Phänomen kann ich absolut nachvollziehen, denn auch wenn ich persönlich eine Menge Spaß hatte (gerade in den angespanntesten Situationen) laugt The Last of Us enorm aus und so habe auch ich immer wieder Pausen gemacht (kann ich nur empfehlen).

      Dass hinter dem Gameplay nur ein ganz normaler Shooter steckt würde ich so nicht direkt unterschreiben, da ich selbst nur selten Schüsse abfeuern musste. Trotzdem ist es richtig, dass Naughty Dog bei dem gelungenen Mix aus Stealth, Nah- und Fernkampf zwar eine Menge Feintuning betrieben hat, aber letztendlich kein großes Risiko eingegangen ist. Das Ungewöhnlichste ist noch der ständige Unterton von Ressourcenknappheit, aber selbst da spielen sie es relativ sicher und konventionell.

      Ein besonderes Lob will ich an dieser Stelle ohne irgendetwas zu spoilen dem Ende aussprechen. Ich hatte schon die Befüruchtung, dass hier zu ausgetretene Pfade beschritten werden, aber als die Credits dann über den Bildschirm liefen, wollte mir kein schlechtes Wort einfallen.

      Damit übernimmt The Last of Us für mich persönlich die GotY Krone von Bioshock Infinite und hat gute Chancen sie auch zu behalten. Beyond und eventuell GTAV sehe ich noch als ernstzunehmende Konkurrenten.

      Ansonsten kann man sich über dieses Jahr wohl nicht beschweren und mit Saints Row IV, AC:BF, Watchdogs und Arkham Origins erwarte ich noch unterhaltsame Titel, wenn diese auch eher bekannte Größen darstellen (mit der Ausnahme von Watchdogs vielleicht.)

      • „Infinite“ ist jetzt endlich in meinem Besitz und wird somit bald angegangen (muss nur das ungewöhnliche und hervorragende „Nier“ endlich mal schaffen) und bis „Beyond“ rauskommt, habe ich dann wohl auch noch Zeit für „Last of us“! Es ist wirklich wahr, dass sich diese Technik-Generation offenbar auf höchstem Niveau verabschieden will, und dass sich diese Qualität wohl nicht ausschließlich auf die Technik bezieht. Somit stehen uns noch interessante Monate bevor (gerade „Watchdogs“ reizt mich immer mehr), bevor sich PS4 und XBox One die Ehre geben. 2013 wird insofern ein richtiges Hauen und Stechen um die GotY-Krone sehen.

  4. Vermutlich darf ich gar nicht mitreden, aber fand TLOU eher mau – und ich habe nur „dieses“ 6h Video geschaut, was mir aber zu dem Urteil ausreicht.

    „Mal wieder großes Kino von Naughty Dog, mitreißende Story toll erzählt, malerische Kulissen und was man halt so braucht – aber spielerisch wirkt das auf Dauer leider wirklich nicht so prall, weil eher eintönig. Anyway, vielleicht auch ein wenig Jammern auf hohem Niveau, vielleicht zu hohe Erwartungen/Hype – insgesamt dennoch klasse“

    TWD von TTGames hat einfach das bessere Drama, mehr Emotionen, bei gleichen Gameplayschwächen, die hier aber sogar besser integriert wirken.

  5. Es hat dann doch noch länger gedauert, aber mittlerweile habe ich „Last of Us“ angefangen und muss Andy schon mal ein einem Punkt recht geben: Der Prolog ist der Hammer! Erstaunlich, wie hier in kürzester Zeit eine emotionale Achterbahnfahrt aus Zuneigung, Unsicherheit, Schrecken, Horror, Panik und Fassungslosigkeit kreiert wird.

    In Sachen Einführung gehört „Last of Us“ auf jeden Fall schon mal ganz nach oben mit Intro-Klassikern wie „Half-Life“ und „Bioshock“… Und sonst muss ich mal schauen, wie es weitergeht, aber das schonungslos Hoffnungslose ist mir schon in den ersten 30 Minuten untergekommen…

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