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Last Guardian no more

Geschrieben von Andreas
Last Guardian no more

Kurz vor Weihnachten der Schock: Der geistige Kopf Fumita Ueda („Ico“) verlässt sein neuestes Spiel „The Last Guardian“. Kurz darauf lässt Gamestop durchsickern, dass Sony das Spiel eingestampft hat. Und unmittelbar darauf folgt das Dementi des Publishers. Undsoweiter.

Ja, was ist denn nun? Kommt das Spiel oder nicht? Ich könnte wetten, dass es noch ein paar Wochen dauert, bis Sony endgültig den vorläufigen Schlussstrich zieht. Aber eigentlich ist das auch gar nicht mein Thema. Ich rege mich wieder einmal über die Reaktion der Kollegen auf. Über Facebook und Twitter bekomme ich ja mit, wie einige plötzlich „schockiert“ sind. Für mich ist das nur Heuchelei, denn es sind genau die Journalisten, die einem Mist wie „Dead Island“ 85% geben oder jedes Jahr „CoD“ Höchstwertungen verpassen. Leute, wundert ihr euch dann wirklich über die Reaktion Sonys? Hand aufs Herz, am „Ende des Tages“ (schöner Spruch, Frau Fröhlich) würdet ihr „Last Guardian“ doch wegen unübersichtlicher Grafik, hakeliger Steuerung und unverständlicher Handlung abwerten.

"The Last Guardian": Aus und vorbei?

Was ich meine: Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Spielemagazine wie Gamestar, Gameswelt oder Gamespro SIND stilbildend oder sollten es zumindest sein. Natürlich werden jetzt einige sagen: Quatsch, jeder soll sich selbst eine Meinung bilden! Aber leider trifft das nur auf eine Minderheit zu. Die vielen guten Gaming-Blogs kommen in Deutschland im Jahr wahrscheinlich nicht auf die monatlichen Zugriffszahlen von Gameswelt. Der normale Spieler holt sich seine Infos von den Spielemagazinen. Nicht umsonst herrscht beim Publisher eine strikte Geheimhaltungspolitik. Infos gehen nur zu Marketingzwecken raus. Das ist natürlich vollkommen logisch und ihr gutes Recht. Umso mehr wären aber kritische Journalisten gefragt.

Liebe Spielejournalisten, ihr erzieht eure Leser/Spieler, und wenn man da den Mainstream hochjubelt, braucht man sich über solche Publisher-Entscheidungen nicht zu ärgern. Um Spiele wie „Ico“, „Shadow of Colossus“ oder (wahrscheinlich) „Last Guardian“ einzuschätzen, solltet ihr aber über den Tellerrand hinausblicken können. Und da meine ich nicht so selten dämliche Behindertensport-Vergleiche wie von Fabian Sigismund in der Gamestar.

Publisher produzieren Spiele, um Höchstwertungen zu bekommen. Weil sie wissen, dass es Umsatz garantiert. Im Gegensatz zur Filmbranche hat nämlich das Wort eines Kritikers noch Gewicht. Natürlich gibt es inzwischen Selbstläufer wie „WoW“, „CoD“ oder zuletzt „SW:TOR“ – da rollt der Rubel sowieso. Es gibt aber auch andere Beispiele: „Duke Nukem“ wäre mit Sicherheit erfolgreicher geworden, wenn es höhere Wertungen gegeben hätte. Zudem kenne ich persönlich einige Fälle, in denen der Publisher nach einer (für ihn) zu niedrigen Wertung wütend in der Redaktion angerufen hat. Als bitte, tut nicht so, als ob euer Wort keinen Wert besitzt.

Ihr seid ein Machtfaktor. Zumindest die großen Magazine sind maßgeblich am Erfolg oder Misserfolg eines Spiels beteiligt. Es ist deshalb kein Wunder, dass euch Publisher umgarnen. Eine Sause in einem Londoner Nachtclub oder Dünenhüpfen in Dubai als PR-Event – wer will da schon kritisch berichten? Sonst wäre ja auch der zukünftige Job als PR- oder Produktmanager bei Publisher X in Gefahr. Mit unabhängigem Journalismus hat das aber nichts zu tun.

Die Masse will Blockbuster, und alle spielen mit.

Vielleicht ist die Reaktion auf das offensichtliche Ende von „Last Guardian“ aber auch purer Zynismus. Kann ja sein. Möglichweise freut ihr euch in den Redaktionen schon, dass ihre eure Köpfe nicht mehr anstrengen müsst als sonst. Gibt es eigentlich für eine Shooter-Review schon eine Formatvorlage? Sowas muss ja bei euch jeder Trottel schreiben können. Insofern wäre das also eine nutzbringende Optimierungsmaßnahme.

Aber nun gut. Ich persönlich habe keine Ahnung, ob ich „Last Guardian“ toll finden würde. Sicher, ich hatte hohe Erwartungen. Aber wisst ihr, was mir am meisten gefallen hätte? Dass es anders gewesen wäre. „Anderssein“ ist allerdings bei Spielejournalisten und Publishern ein Schimpfwort. Digitaler Rassismus sozusagen.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 26. Dezember 2011

2 Kommentare zu “Last Guardian no more

  1. Ich finde ja schon, dass du da etwas zu hart an die Sache rangehst. Ich glaube nämlich durchaus, dass sich einige Spielejournalisten gerne etwas Abwechslung im ganzen Einerlei wünschen würden. ICO und noch mehr Shadow of the Colossus werden doch überall hochgelobt und gelten mit Sicherheit auch zurecht als moderne Klassiker. Ein weiteres Spiel aus dem gleichen Haus wurde da durchaus mit Spannung erwartet.

    Andererseits ist es doch so, dass auch Spiele von Kritikern hochgelobt werden und sich trotzdem nicht verkaufen: Okami, Beyond Good and Evil, Patapon und aktuell Rayman Origins. Ich würde den Einfluss von Redakteuren da auch nicht überschätzen. Der durchschnittliche Shooter-Freak kauft kein Spiel, dass in der Farbpalette mehr als Graubraun, Blutrot und Mündungsfeuergelb bietet, selbst wenn die Journalisten ihn in den Himmel loben.

    Darüber hinaus ist Vieles auch immer Geschmackssache. Kann man ein Spiel, einen Film, eine CD objektiv bewerten? Vlt. fand ein Redakteur Dead Island wirklich gut, obwohl es einmal mehr ein Spiel mit Zombies ist. Ich stelle für mich gerade fest, dass Skyrim gnadenlos überhypet ist und nur Fantasy-Durchschnitt bietet, manch anderem wird gerade das gefallen.

    • „Zu hart“ ist so eine Sache. Mich regt es auf, wenn in vielen Redaktionen über die mangelnde Akzeptanz des Mediums gesprochen wird, aber gleichzeitig alle Blockbuster hochgejubelt werden. Das ist für mich halt Heuchelei.

      Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die bestätigen die Regel. Bei der breiten Masse der Spielemagazine wird Mainstream gepflegt. Spiel wie Space Chem u. a. gehen da unter.

      Zuer Wertungsdiskussion: Da stimme ich dir 100% zu. Jede Bewertungskategorie bei CBS oder Gamestar ist subjektiv. Sven und ich haben da hier auch schon einiges darüber geschrieben. Was mich stört sind aber die Begründungen, denn bei aller Toleranz: „Dead Island“ ist kein atmosphärisches Survival Horror-Abenteuer.

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