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The Cursed Crusade vs. Der letzte Tempelritter

Geschrieben von Sven
The Cursed Crusade vs. Der letzte Tempelritter

Tempelritter und Kreuzzüge. Sowohl „The Cursed Crusade“ als auch “Der letzte Tempelritter” beschäftigen sich mit den Themen, die Unterschiede sind auf den ersten Blick aber gewaltig. Bei dem einen Werk handelt es sich um ein Action-Adventure des französischen Entwicklers Kylotonn, bei dem anderen um einen Kinofilm, der kürzlich auf DVD und Blu-ray erschien. Aber irgendwie sind sich beide Titel ähnlich. In vielerlei Hinsicht.

Schauen wir mal, inwieweit ein Vergleich hinkt…

Die Geschichte

Dent de Bayle ist ein junger Tempelritter, der den Namen seiner Familie mit allen Mitteln reinwaschen möchte. Um dieses Ziel zu erreichen und nebenbei seine Mutter zu rächen, benötigt er die Hilfe seines Vaters. Der treibt sich allerdings irgendwo im Orient herum – bei einem Kreuzzug gegen Ungläubige. Gemeinsam mit dem Strauchdieb Esteban Noviembre, dem er zufällig über den Weg läuft, setzt er alles daran, am vierten Kreuzzug gegen die Moslems teilzunehmen. Vielleicht kann er im Kampf für die Kirche auch seinen Fluch loswerden, der ebenfalls an seinem neuen Kumpel Esteban klebt? Dank diesem erhalten sie opulente Kräfte, mit der Konsequenz, dass sie ihre Menschlichkeit nach und nach verlieren. Der Fluch muss weg, keine Diskussion! Bis er womöglich verschwindet, reist das Duo durch die Landen und besucht Städte wie Konstantinopel. Zeitlich ist die Handlung zu Beginn des 13. Jahrhunderts angesiedelt.

Die beiden Protagonisten des Spiels: Denz de Bayle und Esteban Noviembre (Foto: DTP)
Die beiden Protagonisten des Spiels: Denz de Bayle und Esteban Noviembre (Foto: DTP)

Bei „Der letzte Tempelritter“ ist die Hochzeit der großangelegten Kreuzzüge vorbei. Im 14. Jahrhundert ist der siebente Kreuzzug längst Vergangenheit, nur noch kleinere Schlachten, zum Beispiel gegen die Metropole Alexandria, tragen die letzten Überbleibsel der Tempelritter aus. Mitten drin sind Behmen (Nicolas Cage) und Felson (Ron Perlman). Als Behmen bei einem Kampf eine unschuldige Frau abschlachtet, kommt er zur Besinnung. Er flüchtet mit seinem Freund zurück nach Europa, dort erhalten die beiden Deserteure einen Auftrag vom im Sterben liegenden Kardinal D‘ Ambroise: Sie sollen ein Mädel in ein Kloster bringen. Die die Kirche macht sie für die wütende Pest verantwortlich. Eine bösartige Hexe soll sich in der unschuldigen Dame verbergen? Unterstützung erhalten die zwei Templer unter anderem von einem Geistlichen und einem Gauner. Doch auf der Odyssee geschieht einiges…

Das Spiel und der Film setzen im Kern auf reale Ereignisse der menschlichen Historie. Mord, Todschlag, Massaker, Gier und Krankheiten dominierten die Kreuzzüge und das gesamte Mittelalter  – und das mit dem Segen Roms. Die Helden aus „The Dark Crusade“ und „Der letzte Tempelritter“ glauben an Gott und werden mit übersinnlichen, ja blasphemischen Dingen konfrontiert. Gemein haben sie auch die zahlreichen Logiklücken. Die Steiermark liegt also am Meer, und Schauplätze in hiesigen Breitengraden tragen englische Namen? („Der letzte Tempelritter“)? Das war mir neu. „The Cursed Crusade“ setzt zwar verstärkt auf authentische Figuren und Schauplätze, patzt aber übel beim Erzählen der Handlung. Zig Szenen sind unverständlich und wirken abgehackt. Durch technische Ungereimtheiten bricht der Sprecher spontan ab, konfus und anstrengend gibt sich der Verlauf.

Zufällig auch zwei Helden: Ron Perlman und Nicolas Cage als Tempelritter im Film (Foto: Universum Film)
Zufällig auch zwei Helden: Ron Perlman und Nicolas Cage als Tempelritter im Film (Foto: Universum Film)

Die Makel sind bei „Der letzte Tempelritter“ nicht ganz so tragisch, wären da nicht die Langeweile und der altbekannte Verlauf. Ein wenig hat die Story von „Der Name der Rose“ oder „Black Death“ – nur in schlecht.  Unüberlegte Ereignisse, vorhersehbare Situationen,  falsche historische Anspielungen. Genau die gleichen Schwächen weist beim näheren Betrachten „The Cursed Crusade“ auf.

Zusammengefasst stellen weder Spiel noch Film die abscheuliche Brutalität der Vergangenheit authentisch dar und fügen auch noch Mystery hinzu. Statt Hexen erhaltet ihr in „The Cursed Crusade“ eben einen diabolischen Flucht. Aufregend ist das nicht. Und Potential verschenken die Macher mal wieder in rauen Mengen. An wen nur?

Das Konzept

Konzeptionell servieren euch beide Kreationen typische Action der altbekannten Art. „The Cursed Crusade“ bietet simple Action-Adventure-Kost, die höchstens bei den Kämpfen und Rollenspiel-Elementen Tiefgang suggeriert. Im Verlauf der über 30 Missionen sammelt ihr Siegpunkte, die ihr in neue Kombo-Attacken investiert. Sie unterscheiden sich von den verwendeten Waffen, die getötete Feinde fallenlassen. Die Auseinandersetzungen sind äußerst gewaltverherrlichend, sogar Finishing-Moves führt ihr aus. Sonst aber schnetzelt ihr durch die extrem linearen Schauplätze, bezwingt im jederzeit einschaltbaren Höllenmodus (End-)Gegner und absolviert abweichende Aufträge, die kaum der Rede wert sind. Alles ist so banal und austauschbar, die chaotisch präsentierte Handlung vernichtet viel von der aufkommenden Spannung. „The Cursed Crusade“ gewinnt an Reiz, wenn sich ein Freund via Internet oder Splitscreen einschaltet. Dann könnt ihr im Zweierteam loslegen und euch gemeinsam den Schurken und billigen Rätseln widmen. Der menschliche Mitstreiter schlüpft in die Haut von Esteban, den sonst die KI kontrolliert. Apropos: Die Intelligenz der Kontrahenten ist mies. Tja, im Mittelalter konnten nur die wenigsten ein Studium vorweisen. Vermutlich ist das realistisch?

Nicht von Hochglanz-Pressefotos täuschen lassen. So gut sieht The Cursed Crusade nicht aus. Brutal ist das Spiel dennoch. (Foto: DTP)
Nicht von Hochglanz-Pressefotos täuschen lassen. So gut sieht The Cursed Crusade nicht aus. Brutal ist das Spiel dennoch. (Foto: DTP)

Ähnlich bei „Der letzte Tempelritter“. Behmen und Felson pilgern durchs Land, kommen zu Kardinal D‘ Ambroise und reiten weiter – mit Frau und anderen Typen im Schlepptau. Hier mal etwas Komisches, da mal ein Kampf. Und am Schluss der wenig aufregende Höhepunkt. 08/15-Muster eben. Schon 1000 Mal gesehen, meist in besserer Qualität. Der Hexenquark lockert das Geschehen kaum auf und passt nicht so recht ins Bild. Immerhin existieren winzige Überraschungen. Zum Beispiel wenn die Kollegen sterben.

Gekämpft wird auch bei Der letzte Tempelritter. Vorrangig gegen Mysterien. (Foto: Universum Film)
Gekämpft wird auch bei Der letzte Tempelritter. Vorrangig gegen Mysterien. (Foto: Universum Film)

Weder „The Cursed Crusade“ noch „Der letzte Tempelritter“ können in irgendeiner Weise neue Maßstäbe setzen. Vor allem der Film ist inhaltlich billig. Die von Regisseur Dominic Sena aufgegriffenen Elemente hätte er beliebig durch andere ersetzen können. Das ist beim Spiel etwas besser gelöst: Das simple Spielprinzip mit dem durchaus vorhandenen Anspruch beim Kämpfen kann unterhalten, der Koop-Modus ist spaßig.

Die Präsentation

„Der letzte Tempelritter“ kostete an die 40 Millionen Dollar. Klar, dass der Film visuell die Nase vorn hat. Hier gibt’s keine Millionen identisch aussehenden Gegner. Schöne Filter, harte Kontraste, gute Schnitte, schmutzige Burgen – das sorgt für Atmosphäre. Dass etliche Hintergründe sehr synthetisch und wie gemalt aussehen – sei’s drum. Mit Perlman und Cage hat der Film zwei gut agierende Schauspieler am Start, die sich glaubwürdig in ihren Rollen geben.  Visuell jedenfalls möchte ich nichts bemängeln. Bei „The Cursed Crusade“ jedoch muss ich viel nörgeln. Publisher DTP versäumte offenbar die Qualitätskontrolle. Nicht nur, dass der Titel absolut nicht mehr zeitgemäß aussieht, auch haben sich unzählige Fehler eingeschlichen. Mit der störrischen Kamera und dem Tearing könnte ich leben, nicht aber mit einer ungenauen Kollisionsabfrage, die Denz in Mauern verschwinden lässt. Wäre sicher witzig gewesen, hätte sich das die Trick-Abteilung bei „Der letzte Tempelritter“ erlaubt.

Der letzte Tempelritter verfügt immerhin über stimmungsvolle Kulissen. (Foto: Universum Film)
Der letzte Tempelritter verfügt immerhin über stimmungsvolle Kulissen. (Foto: Universum Film)

Und nicht genug: Manche Szenarien in „The Cursed Crusade“ sind regelrecht hässlich, speziell was die Farbauswahl als die Texturarmut betrifft. Wie soll da eine angemessene Stimmung aufkommen? Das konnte sogar ein „Assassin’s Creed“ vor vier Jahren deutlich besser!

Selbstverständlich spielt ein „The Cursed Crusade“ bei den Produktionskosten in einer gänzlich anderen Liga als ein Film wie „Der letzte Tempelritter“. Nur es benötigt nicht viel Geld, mehr Liebe in die Umgebungen zu investieren und Fehler auszumerzen. Auf die Präsentation bezogen wirkt „Der letzte Tempelritter“ viel überlegter und angenehmer.

Das Fazit

„The Cursed Crusade“ und „Der letzte Tempelritter“ scheitern komplett bei ihren Geschichten. Undurchsichtig, einfallslos, schlecht erzählt. Die Unterschiede liegen – wie könnte es anders sein – bei Präsentation (Punkt für „Der letzte Tempelritter“) und Konzept (Punkt für „The Cursed Crusade“). Gibt’s also einen Einstand? Im Grunde schon. Beide Werke sind platt, können aber mittelmäßig unterhalten. Es fehlen bei Spiel und Film einfach zu viele Aspekte, die mein Interesse wecken und mich bis zum Ende bei Laune halten. Begeistern euch Tempelritter und das Drumherum, liegt ihr mit ihnen nicht verkehrt – wenn eure Prioritäten eh Popcorn-Entertainment, Blut und Mystery sind. Als nett empfinde ich die Erkenntnis, dass „The Cursed Crusade“ trotz der expliziteren Gewalt auf einem intellektuell gleichen Niveau angesiedelt ist wie ein Film, der bei IMDB zurecht eine Wertung von 5.4 erhalten hat.

Die Hölle in The Cursed Crusade. Sieht teils gut aus, ist aber irgendwie auch keine Sensation. (Foto: DTP)
Die Hölle in The Cursed Crusade. Sieht teils gut aus, ist aber irgendwie auch keine Sensation. (Foto: DTP)

So sehr mich die tragischen Geschichten der Kreuzzüge auch faszinieren, schlussendlich frage ich mich schon, wieso ich mir „The Cursed Crusade“ und „Der letzte Tempelritter“ überhaupt angetan habe. Es ist alles so durchschnittlich, und das Preis/Leistungs-Verhältnis stimmt bei beiden auch nicht. In Zahlen gesprochen: Eine Stunde Film kostet euch rund 10 Euro (Blu-ray: 15 Euro), eine Stunde Spiel 5 Euro (Xbox 360-Version des Spiels: 50 Euro). Beides zu viel, wenn ihr mich fragt….

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 3. Oktober 2011

2 Kommentare zu “The Cursed Crusade vs. Der letzte Tempelritter

  1. Ich wundere mich, dass Kylotonn überhaupt mal ein halbwegs funktionierendes Spiel herausgebracht hat. Seit dem „Speedball Tournament“-Desaster sind die bei mir auf dem Index.

    „Der letzte Tempelritter“ ist ein weiterer „Meilenstein“ beim Niedergang von Nicolas Cage. Mein Gott, der Mann war mal richtig gut! Auch der Regisseur hat mit seinem Erstling „Kalifornia“ mehr Erwartungen geweckt, als er danach erfüllen konnte. Schade.

    • Ja, Kylotonn überrascht in dem einen Fall schon positiv: Das Spiel funktioniert. :)

      Und Cage. Hach. Ich mag ihn ja sehr (Kalifornia find ich auch fein. Wie lange ist der jetzt her? Puh…mit Mulder. :) ), aber ihm bleiben irgendwie auch große Rollen verwehrt. Ich finde schon, dass er nicht schlecht spielt, also auf einem konsequent soliden Niveau – aber die Rollen sind halt Murks. Zumindest beim Letzten Tempelritter zeigte er schon sein schauspielerisches Talent, soweit dies die Rolle hergab. Ich schätze jedenfalls, dass der Niedergang von Cage den Filmemachern zu verdanken ist…

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