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Split/Second – Velocity: Porno auf Rädern

Geschrieben von Sven

Manchmal bringen mich Games in ein Dilemma: Ich mag zum Beispiel Rennspiele total gerne, bin nur ein unglaublich schlechter Fahrer. Simulationen sind mir zu kompliziert oder zu anspruchsvoll, und es fehlt mir an Geduld. Retro-Arcade wie „Outrun“ ist mir nie fordernd genug und nervt in der Regel schnell aufgrund lästiger Zeitlimits oderähnlicher Seltsamkeiten. Einzig bei Rallye-Titeln, egal welcher Art, kann ich mein Können unter Beweis stellen, so richtig lange konnten mich zuletzt die „Dirt“-Teile aber auch nicht begeistern. Was bleibt noch übrig? Achja, sowas wie „Burnout“. Wirklich nennenswerte wie gute Titel, die in dem Subgenre der Action-Racer angesiedelt sind, gibt es eigentlich kaum. Immerhin gesellte sich kürzlich ein Neuzugang in diesen Bereich hinzu: „Split/Second: Velocity“ setzt nicht auf Tiefgang, sondern auf destruktive Unterhaltung. Also ein interaktives Fest für mich, dessen zweiter Vorname „Grobmotoriker“ ist?

Auf dem Flughafen ist die Hölle los

Mit den alten „Burnout“-Teilen verbrachte ich viele Wochen, ach Monate! So schlicht das Spielprinzip auch war, vor allem die Explosionen und Zerstörungen an den Kreuzungen bereiteten mir unglaublich viel Freude. In eine ähnliche Richtung schielt „Split/Second: Velocity“, denn hier stehen nicht allein die eigentlichen Rennen im Vordergrund, sondern das Chaos, das ihr auf den Pisten anrichtet. Gegenüber „Burnout“ werden keine Fahrzeuge als Objekte der Vernichtung genutzt, vielmehr sind es die Pisten selbst. Die Grundidee ist nicht einmal sensationell: Indem ihr driftet, im Windschatten fahrt oder Sprünge absolviert füllt sich eine Energieleiste, die wiederum in drei Etappen unterteilt ist. Erreicht sie das Maximum, können besonders mächtige Zerstörungen per Knopfdruck aktiviert werden, die eine Strecke in ihrem Verlauf verändert oder für pompöse Detonationen sorgt. Alternativ und relativ schnell könnt ihr für kleine „Powerplays“ sorgen, diese fegen im richtigen Moment Kontrahenten vom Asphalt. Die Action auf der Fahrbahn entsteht also ausschließlich durch herumstehende Gegenstände, Häuser, Laster oder dergleichen, die dank das Energiebalkens in die Luft gejagt werden dürfen. Die Entwickler von den Black Rock Studios ließen sich wohl von diversen Michael Bay- oder Jerry Bruckheimer- Filmen inspirieren, denn es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Flugzeug auf die Straße kracht, ein Schiff „aus Versehen“ auf die Straße rutscht, ein Gebäude zerbröselt oder sich ein Tunnel in ein flammendes Inferno verwandelt.

Das Gameplay beschränkt sich also auf das schnelle und möglichst gute Fahren, das die „Powerplays“ erst ermöglicht. Und mit diesen erledigt ihr Gegner und sichert euch im besten Fall den ersten Platz. Dumm nur, dass die Kontrahenten genau die gleichen Möglichkeiten erhalten haben, sie können also ebenfalls den Straßenverlauf verändern oder euch zerstören.

Unten im Bild: Die Energieleiste für die Powerups.

Die ersten Stunden macht „Split/Second: Velocity“ außerordentlich viel Spaß, wenn ihr euch auf das simpel gestrickte Konzept einlasst und das Spiel nicht als Rennsimulation betrachtet. Das wäre sowieso völlig unangebracht, sondern „Split/Second“ ist das, was ein „Call of Duty“ im Shooter-Genre ist: Effektgeladener Eyecandy, der auf ein Feature-Minimum reduziert wurde. Kein unnötiger Schnickschnack, keine komplexe Steuerung, maximaler Unterhaltungsfaktor dank eines Elements, auf das der Ottonormal-Konsument abfährt: Action!

Stört mich das? Keinesfalls. Das liegt auch daran, dass ich bei „Split/Second: Velocity“ kein herausragender Fahrer sein muss. Obwohl ich in vielen Events nicht einmal unter die Top3 (von 8 ) kam, verdiente ich Credits, mit denen ich weitere Boliden und Veranstaltungen freischalten konnte. Die Motivation ist trotzdem vorhanden, schließlich möchte ich irgendwann einmal alle Herausforderungen als Erstplatzierter überstanden haben. Zu Beginn schaffte ich nur eine einzige Gold-Medaille, später versuchte ich es mit neuen Vehikeln und war erfolgreicher als am Anfang. Auch wenn sich die nicht lizenzierten Autos nicht ausschweifend vom Handling unterschieden, man merkt deutlich, wenn sie über eine höhere Geschwindigkeit oder ein besseres Driftverhalten verfügen. Die nicht zu steil ansteigende Lernkurve verdeutlicht, dass „Split/Second: Velocity“ definitiv für Einsteiger geeignet ist. Mich freut’s.

Action am Hafen

Zusätzlich stattete Black Rock den Titel mit einigen amüsanten Spielmodi aus, beispielsweise die Flucht vor LKWs mit herabfallenden und explosiven Tonnen oder das Ausweichen von Raketen, die ein Hubschrauber auf die Strecke feuert. Schade nur, dass den Designern später die guten Ideen ausgegangen zu sein scheinen, denn viel zu schnell wiederholen sich die Aufträge, was letztendlich an dem Unterhaltungsfaktor nagt. Lästig ist so oder so, dass viele Rennen mehr dem Zufall überlassen wurden. Es ist frustrierend, wenn ihr kurz vor dem Ziel von einem  KI-Kontrahenten durch einen fiesen „Powerplay“ geschrottet werdet, ihr aber keine Chance hattet, diesem auszuweichen. Häufig fehlt dann die Möglichkeit, verlorene Plätze wieder aufzuholen, ein Neustart des Rennens ist die Konsequenz. Das wirkt mir dezent zu willkürlich und unfair.

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So sieht der Airstrike-Spielmodus in Split/Second: Velocity aus.

Inakzeptabel ist der Online-Multiplayer-Modus. Hatten die Entwickler keinen Bock auf diesen? Leere Server, Timeouts und keine außergewöhnlichen Modi finden sich hier. Was zum Teufel…? „Split/Second: Velocity“ schreit geradezu nach launigen Kämpfen via Internet, stattdessen funktioniert nur der Splitscreen vernünftig. Klar, der macht Spaß, ersetzt aber bekanntlich nicht einen vollwertigen Online-Part.  Vielleicht wird hier noch nachgebessert, zum Release wurde immerhin ein erster Patch (wofür eigentlich?) veröffentlicht und DLC ist so gut wie sicher. Ich bezweifle, dass der trashige Storyhintergrund mit dem üblen Synchronsprecher durch einen Download-Inhalt ersetzt wird. Schön wär’s ja. Immerhin wird das gruselige Niveau des fragwürdigen Klassikers „Mega Race“ nicht erreicht. Bei beiden dreht sich übrigens alles um eine fiktive TV-Show. Schon klar, welch Zufall…

Kawumm! Und nicht zu knapp!

„Split/Second: Velocity“ ist wie ein Porno. Das Spiel beschränkt sich auf das Wesentliche und bietet Höhepunkte im Sekundentakt. Habt ihr euch satt gesehen und kennt die Strecken, beschleicht euch das Gefühl, nichts Besonderes mehr zu erleben. Die prächtige Optik mit ihrem immer flüssigen 60 Frames pro Sekunde und den absichtlich übertriebenen Zerstörungen ist ein Genuss, an den ihr euch leider zu schnell gewöhnt. Spätestens wenn dieser Punkt erreicht ist, dann ist aus „Split/Second: Velocity“ die Luft raus. Rechnet ihr dazu, dass die Spielarten in der zweiten Hälfte kaum noch Abwechslung offerieren und ihr häufig mit unberechenbaren Situationen konfrontiert werdet, dann stellt sich die berechtigte Frage: Wer sollte sich den Titel kaufen? Die Antwort ist für mich klar: All diejenigen, die gerne für sich alleine rasende Action samt Adrenalinschüben erleben wollen, sollten zugreifen. Im Zweifelsfall empfiehlt sich das Warten auf eine Preissenkung, 50 Euro und mehr für einen saucool inszenierten Snack mit geringer Langzeitmotivation empfinde ich als etwas zu viel.

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 25. Mai 2010

5 Kommentare zu “Split/Second – Velocity: Porno auf Rädern

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  2. Altairre schrieb am :

    Du hast schon mal nen Porno gesehen Sven? °_°

    Aber ich gebe dir Recht, das Spielprinzip nutzt sich sehr ab und 11 Strecken sind ja nun nicht wirklich viel (dafür aber gut designed). Für Zwischendurch wirklich sehr gut, aber als Vollpreis imho nicht lohnenswert genug. Mal schauen was Blur so bietet (neben dem Audi R8 <3).

  3. Nein, aber bei Wikipedia wird erklärt, was ein Porno ist. :)

    Blur wirkt auf den ersten Blick deutlich anspruchsvoller..aber grafisch gefällt mir Split/Second trotzdem besser. :) Blur bietet aber definitiv mehr fürs Geld..da bin ich von überzeugt, dass das Ding auch einige Wochen Spaß macht..was man bei Split/Second leider nicht so sagen kann.

  4. Altairre schrieb am :

    Ah, okay, ich dachte schon mein Weltbild wäre zerstört…^^

    Ehrlich gesagt hätte ich gern ein Blur in Split Second Grafik, vielleicht auch mit etwas explosiveren Powerups (diese Blitze sehen so komisch aus). Aber mal schauen, ich konnte es bisher noch nicht anspielen, sondern habe nur Videos gesehen. Hoffentlich kommt noch eine Demo.

  5. Also für 50€ würde ich mir auch keinen so schnell eintönig werdenden Titel kaufen lieber leih ich mir sowas dann in einer Videothek aus :)

    und der vergleich mit dem Porno ist dir echt gelungen^^

    mfg

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