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Spielende Väter: Goodbye Gamerscore

Geschrieben von Andreas
Spielende Väter: Goodbye Gamerscore

Das war’s dann wohl. Seit die beiden Kinder da sind, müssen Feldherren, Supersoldaten und Feuermagier hinten anstehen.

Man nehme nur mal die letzten beiden Wochen. Sohn Nr. 2, zehn Monate alt, geht in die Krippe und bekommt Grippe (man beachte die Namensgleichheit), Sohn Nr. 1, drei Jahre alt, juckt das wenig. Mama hat leichtes Magendrücken und ich hänge über der Schüssel. Das läuft bei uns immer so. Profiler würden von einem Muster sprechen.

Dann muss ich natürlich auch den Kleinen hüten, weil er ja nicht in die Krippe gehen kann. Damit reduziert sich meine Arbeitszeit auf wenige Stunden am Tag. Artikel werden nicht geschrieben, Drehbuchlektorate stapeln sich und Spieletests werden hinausgezögert. So musste ich einen Test für „Shogun 2“ (Ok, bin selbst schuld, dass ich den Auftrag angenommen habe, aber das war mein „anderes Ich“) fast eine Woche hinauszögern und den ultimativen Culture-Clash „Total War vs. Warhammer“ schiebe ich bei Polygamia immer einen Tag weiter. Das waren jetzt nur Beispiele für die beruflichen Auswirkungen, aber mit meinem privaten Spielverhalten sieht es noch viel schlimmer aus.

Civilization mag zwar nicht hochkomplex sein, aber es kann sich zu einem üblen Zeitfresser entwickeln

Was waren das früher für Zeiten! Bis in den frühen Morgen gezockt, Aliens erledigt und ganze Weltreiche vor dem Untergang bewahrt. Und jetzt? Mir gefällt „Dragon Age 2“. Das ist kurz, knapp und übersichtlich. Momentan ist es für mich einfach undenkbar, dass ich noch einmal so ein Schwergewicht wie den Vorgänger heraushole und wochenlang durch eine Spielewelt wandere. Ich brauche jetzt Spiele, die schnell vorbei sind und mich trotzdem fesseln können. „Vanquish“, „Dead Space“, vielleicht „Homefront“ (Wo bleibt das eigentlich, Sven?), aber 40 Spielstunden in „Grandia 2“ oder Welten erschaffen wie in „Civilization“? Nein, danke. „One more turn“ my ass.

Für mich als ehemaliger Hardcoregamer ist das natürlich eine traurige Erkenntnis, aber ich bin ja selbst schuld, weil ich mich nicht mit „Farmville“ und „Bejeweled Blitz“ zufrieden gebe. Nie haben mich Casualspiele besonders gereizt und ich wollte immer nur die „dicken Dinger“. Das waren früher Rollenspiele wie „Pools of Radiance“, JRPGs von Square und natürlich Strategiespiele wie „Total War“ – alles Spiele, die Geduld und Einarbeitung erforderten. Nach dem Studium kam dann noch der „Anspruch“ hinzu: Spiele sollen nicht nur unterhalten, sondern gefälligst eine Botschaft (ob sie wollen oder nicht) vermitteln. Kurz, sie sind Kunst und so etwas wirft man nicht in die nächste Ecke. Ich kann mich stundenlang über den kulturellen Einfluss von Spielen unterhalten oder besser gesagt „konnte“. Mittlerweile fehlt mir bei einigen Spielen die Erfahrung, um mitzureden.

Mein Pile of Shame ist in den letzten drei Jahren stetig angewachsen und ich habe ernsthafte Zweifel, ob ich all diese Spiele vor meinen Ableben noch beenden werden. „Fallout 3“ steht hier uncut herum, ein „Anno“ ist noch original verpackt und „Gears of War 2“ sollte ich endlich mal weiterspielen, weil der dritte Teil ansteht. Dazu kommen noch so ein paar Exoten wie „Eternal Sonata“, „The Club“ oder „Condemned 2“. Und so sieht nur der Status Quo aus – der Duke, „Bioshock Infinite“ und ein neues „GTA“ stehen in den Startlöchern oder sind zumindest angekündigt. Das sind aber nur ein paar Beispiele, denn ich habe schon kistenweise Spiele in den Keller geräumt, die ich wahrscheinlich niemals mehr heraus kramen werden. Damals habe ich das mit den Videokassetten auch gemacht und irgendwann habe ich sie dann weggeworfen.

Bei Bioshock Infinite werde ich bestimmt schwach

Was ich damit sagen will: Videospiele sind ein wichtiger Teil meines Lebens, aber meine persönliche „Next Gen“ war kein Unfall. Ist wollte es so und wenn der eine auf mir herum hüpft wie auf einem Klettergerüst, der andere mich voll sabbert und Mama dazu lacht, ist das mehr wert als jeder Gamerscore, jeder Nanosuit oder jedes magische Schwert. Gegen diese Momente verblasst alles, denn es sind nämlich Dinge, die bleiben werden. Man sagt auch „Real Life“ dazu – die Zeiten ändern sich eben.

Wobei ich gestern allerdings „Baldur’s Gate II“ in meinem Pile of Shame entdeckt habe. Weiß einer, ob das mit Win 7 läuft?

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 14. April 2011

4 Kommentare zu “Spielende Väter: Goodbye Gamerscore

  1. Hach ja…das waren noch Zeiten. Und ich hab sie echt alle gehabt. Alle guten Spiele, egal für welches System. Nächtelang gezockt…und die Tage, wenn es ging, auch.
    Und dann wird plötzlich geheiratet obwohl die PS1 gerade neu im Wohnzimmer steht. Gut, dann wird halt zu zweit gezockt. Ist ja manchmal auch ganz lustig.
    OHAI! Kind Nummer 1. Und dann wird das immer weniger. Klar, man hortet noch den einen oder anderen Release um das mal irgendwann zu spielen…die Filmsammlung wird auch immer größer ohne was davon gesehen zu haben…aber was soll’s. Kinder sind schon was echt tolles.
    OHAI! Kind 2 bis 3 ! Man liest sehr viel, wenn es die Zeit zulässt. Am liebsten über Games.
    Und dann werden die Kids größer. Coole Sache. Jetzt kann man schon das eine oder andere mit denen zusammen spielen ! Yeayh ! Und dann ist der jüngste 6 Jahre alt und aus dem Gröbsten raus, die „Großen“ nehmen einem schon mal was ab…

    OHAI! Kind Nummer 4. Kann passieren…wenn man nach der Vasektomie nicht mehr regelmäßig zu den Kontrolluntersuchungen geht. Da wächst zusammen, was zusammen gehört. Grumpf. Aber auch LOL.

    Tja, Nummer 4 ist jetzt bald 3 Jahr alt, hat schon seinen eigenen Kinder-Computer und spielt ab und an mal auf nem alten GBA von mir (witzig…der kann das echt gut).
    Zeit zum spielen bleibt mir an ausgewälten Abenden bis spät in die Früh, aber nur wenn ich dann auch das Frühstück für die Bande mache. OK, klappt schon.
    Viel gekauft wird nur noch für die Wii, weil ich oft und gerne mit den Großen darauf spiele. Für die 360 wird es immer weniger. Zum Release nur noch die COD-Spiele und die DLCs dafür. Alles andere eventuell beim Nachbarn mal anspielen. Durchgespielt hab ich aber schon ewig nichts mehr. Außer auf dem DS.

    Kinder sind toll. Und Kinder finden Väter mit Konsolen toll :-)
    Und wenn ich von der gute, alten Zeit des Gamings erzähle, bekommen die immer ganz leuchtende Augen. Oder sagen „Nicht schon wieder, Dad.“ Hehe…

    Auch wenn man für seine Kinder kein Handbuch mitbekommt…der Charakter-Editor (Erziehung) funktioniert bei uns ohne Probleme. Die nächste Generation Gamer ist unterwegs :-)

      • Vergeuden ? Nö…nicht wirklich. In meiner Freundesliste spielen das alle. Von daher…passt schon. Und irgendwie hat mich bis jetzt auch noch kein anderer Shooter überzeugen können. Und außerdem hab ich ja auch nicht viel Zeit um was neues zu lernen (Steuerung etc).

  2. Ja, ja…das kenn ich. Früher auch ganze Weltreiche vor dem Untergang bewahrt und jetzt nach dem ersten Kind (1 Monat) auch die Erkenntnis, das man Ziet für nix hat…und zocken schon gar nicht. Geht mir aber momentan gar nicht ab. Schon gar nicht das Zocken bis spät in die Nacht. BIn froh wenn ich zum schlafen komm :)
    Kinder sind super, aber ich freu mich auch wenn der Junior mal etwas größer ist…und dann können wir gern gemeinsam zocken, aberd as wird noch dauern.

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