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Replayed: Medal of Honor – Frontline

Geschrieben von Sven
Replayed: Medal of Honor – Frontline

Die „Medal of Honor“-Serie hat eine lange Geschichte hinter sich. Alles fing 1999 auf der Playstation an, sogar mit Unterstützung von Steven Spielberg höchstpersönlich. Hierzulande wurde der Konsolen-Shooter indiziert, böse Symbole und so. Das quasi überall gelobte Werk von Dreamworks Interactive erzählte die Geschichte des US-Leutnants James Patterson, der zwischen 1944 und 1945 an der Westfront zu kämpfen hatte und bedeutsame sowie historisch halbwegs glaubwürdige Schlachten überstehen musste.

2002 gab es auch Schlachten in Stadt-Szenarien
2002 gab es auch Schlachten in Stadt-Szenarien

Passend zum Release des  „Medal of Honor“-Reboots, das sich erstmals thematisch von seinen Vorgängern entfernt, wird dieser Klassiker für die Playstation 3 (PSN) neu aufgelegt. Schön und gut, trotzdem ist es ein ganz anderes Spiel, das zumindest ich vorrangig mit dem Franchise verband: „Medal of Honor: Frontline“. Die Episoden zwischen 1999 und 2002 sowie die teilweise nicht wirklich erinnerungswürdigen Fortsetzungen von 2003 bis 2007 – inklusive AddOns immerhin elf Stück an der Zahl – sind mir kaum oder unzureichend im Gedächtnis geblieben, nach „Airborne“ konnte ich als Baller-Freund immerhin froh sein, dass EA die Reihe pausierte. Aber: „Frontline“ verweilte ganze acht Jahre in meinem Kopf, schließlich erlebte ich damals großartige Momente mit diesem Teil. „Frontline“ ist sicher auch für EA etwas Besonderes, da dies die erste Ausgabe nach dem Einverleiben der ehemals unglaublich populären Marke sowie des Entwicklers war. Und zu dieser Zeit wusste noch niemand, dass ein paar ehemalige „MoH“-Entwickler unter dem Namen Infinity Ward ein Jahr später mit „Call of Duty“ eine Trendwende einläuten würden. Ja, die Welt war 2002 also noch in Ordnung für den Branchenriesen mit seinen Weltkriegs-Epen. Und ich erfreute mich an „Frontline“.

Intensive Kämpfe, riesige Bomber, böse Nazis
Intensive Kämpfe, riesige Bomber, böse Nazis

Mittlerweile hab ich das WW2-Szenario dezent satt, damit steh ich sicher nicht alleine da. EA und andere Hersteller, ganz speziell Infinity Ward, haben es mit ihren „Modern Warfare“-Ideen ebenfalls längst erkannt, nicht ganz ohne Grund ist das neue „Medal of Honor“ in Afghanistan angesiedelt. Trotzdem fragte ich mich kürzlich: Wie fühlt sich „Medal of Honor: Frontline“ denn im Jahr 2010 an? Früher saß ich nämlich gebannt vor meiner Xbox, um gleich zu Beginn die fulminant inszenierte Landung in der Normandie live zu erleben. Das war zwar zu dieser Zeit auch keine Innovation mehr, aber bei „Frontline“ spannend und opulent präsentiert. Es ist schon sehr überraschend, wie offensichtlich das Spiel gealtert ist. Die erste Mission hat mächtig viel  von ihrer Ausdruckskraft verloren, die sich so sehr in meinen Erinnerungen festgebrannt hatte. Ihr landet mit dem Schiff an der Atlantikküste, eure Aufgabe ist klar: Überleben, um jeden Preis. Nebenbei rettet ihr vier Kollegen, indem ihr auf gewaltige Bunkeranlagen feuert. Was mich einmal enorm packte und in den allseits bekannten Bann zog, ist heute nur noch ein Schatten meiner Erinnerung. Das fängt bei der simpelsten Logik an: Ihr schießt also mit einem M1 Garand-Gewehr auf Gebäude, die geschätzte 300 Meter entfernt stehen und 30 Meter hoch sind? Das klingt nicht so, als hätte das etwas mit Realismus zu tun? Ohnehin wird euch in den ersten Minuten Dramatik suggeriert, das wohl beabsichtigte Herumirren am Strand ist aus heutiger Sicht nur noch öde und albern. Sicher, das liegt daran, dass sich nun einmal die Zeiten und die technischen Möglichkeiten geändert haben. Dank „NextGen“ können sogar Gefühle wie Benommenheit, Verwirrtheit oder Angst gänzlich anders vermittelt werden, beispielsweise mit Verschwimmeffekten, herumspritzenden Blut und dergleichen.

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Zeitlose Musik von den Doors, die gezeigten Ingame-Szenen von der D-Day-Mission begeistern dagegen nicht mehr.

Auch die späteren Abschnitte sind nicht sonderlich aufregend, aber – und das sei betont – der Titel bereitet mir noch immer Spaß. Geradlinige und konsequente Action eben, an die der Zahn der Zeit rasant genagt hat. Interessant sind jedoch andere Aspekte: Die Xbox-Version verfügt über zwei Steuerungsarten: die klassische und die für Experten geeignete, die im Spiel „MoH-Scharfschützen“-Kontrolle genannt wird. Zweitgenannte orientiert sich weitestgehend an die heutigen Standards, vor einigen Jahren galt sie offensichtlich noch als experimentell für die EA-Entwickler. Jetzt möchte ich mir nicht mehr vorstellen müssen, mit dem B-Knopf zu schießen und mit den Schultertasten nach links/rechts zu sprinten. Schon seltsam, wie unterschwellig sich die Kontrolle bei Ego-Shootern verändert hat – zum Glück in die richtige Richtung.

Neben den technisch offensichtlichen Quantensprüngen, die speziell durch Xbox 360, PC und PS3 vorangetrieben wurden, zeigen sich bei „Frontline“ noch andere, fast schon antiquiert anmutende Elemente. Beispielsweise konnte ich damals nur zwischen den recht langen Levels speichern? Rücksetzpunkte gibt es bei „Frontline“ nicht. Dafür gefallen mir nach wie vor die Missionsziele, die teils tatsächlich komplexer ausfallen als heutzutage. Fünf Aufgaben innerhalb eines Levels? Oftmals kann man froh sein, in einem aktuellen Shooter mehr als eine vorgesetzt zu bekommen. Das sagt mir an „Frontline“ übrigens nach wie vor zu, obwohl dadurch nur die Linearität kaschiert wird. Witzig: Wer bei einem brandneuen Spiel die KI der Gegner bemängelt, sollte einfach mal schauen, wie es früher war. Kanonenfutter par excellence, wie „Frontline“ eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Lineare Ballerkost, die aus heutiger Sicht antiquiert wirkt
Lineare Ballerkost, die aus heutiger Sicht antiquiert wirkt

Und sonst so? Es sind die vielen Kleinigkeiten, die wir heutzutage in jedem x-beliebigen Genrevertreter finden. Gelegentlich werdet ihr von anderen Soldaten in Vehikeln herumkutschiert, diese automatisierten Fahrten sind speziell bei den „Call of Duty“-Spielen sehr präsent. Geschütze dürft ihr übernehmen, Orden, Auszeichnungen sowie Medaillen verdienen (Achievements-Vorgänger) und euch an einem nach wie vor ganz amüsanten 4-Spieler-Multiplayer-Modus via Splitscreen erfreuen. Onlinefeatures hat „Frontline“ nicht zu bieten, das schafft nicht einmal drei Jahre später „Medal of Honor: European Assault“ (ebenfalls Xbox).

Und ein wesentliches Element besitzt „Medal of Honor: Frontline“ ebenso: Mitstreiter, die den Protagonisten Jimmy Patterson bei seiner Mission begleiten. Als Spieler soll ich nicht das Gefühl haben, auf mich alleine gestellt zu sein. Auch das ist in den wichtigsten Shootern der vergangenen Monate und Jahre ein wesentlicher Bestandteil, häufig ergänzt durch Coop-Features. Bei „Frontline“ hat dies leider keine Relevanz, ob ihr nun unterstützt werdet oder nicht ist für den Verlauf der Handlung unbedeutend. Aber diese Idee trug damals positiv der Atmosphäre bei, aus jetziger Sicht könnte ich höchstens die fehlende Eigenständigkeit der Kollegen beklagen.

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Hier wird die umfangreiche Mission 2 aus der PS2-Version von Frontline gezeigt. © Gamespy.com

Alles in allem fasziniert mich „Medal of Honor: Frontline“ leider nicht mehr im Ansatz so sehr wie vor acht Jahren. Die vollständige Handlung, die sich an etlichen Weltkriegsfilmen („Soldat James Ryan“) und vor allem der TV-Serie „Band of Brothers“ (lief in den USA 2001 an, Parallelen sind also nicht zufällig) anlehnt, schickt euch zum D-Day oder zur Operation Market Garden, kann jedoch nicht mehr fesseln. Dies liegt vor allem daran, dass sämtliche Stärken des Spiels bereits längst verbessert, verfeinert und ausgebaut wurden – und ich diese in zeitgemäßer Art in anderen Titeln schon erlebt habe. Einen gewissen Reiz strahlt „Frontline“ dennoch aus: Die Kämpfe bereiten Spaß, abgesehen von manchen Szenarien, die aus heutiger Sicht nur die eigenen Nerven strapazieren (Mission 1). Lehne ich mich eventuell weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte: Shooter altern vermutlich viel schneller als Jump&Runs oder Rollenspiele?!

Die kleine Zeitreise hab ich nicht bereut, denn sie verdeutlicht mir immerhin eines: Eine Menge hat sich die letzten acht Jahre, abgesehen von der Grafik, in diesem Genre nicht getan. Vielmehr wurde wie so oft Feintuning betrieben, dabei greift sogar „Frontline“ häufiger auf Features zurück, die es vorher schon zu sehen gab. Und das im Gesamten ist viel ernüchternder als die zerstörte Hoffnung, die damals durch „Frontline“ versprühten Emotionen nochmals spüren zu können.

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 8. August 2010

3 Kommentare zu “Replayed: Medal of Honor – Frontline

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