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Oscar-Mania: Wie viele Nominierungen braucht das Land?

Geschrieben von Andy
Oscar-Mania: Wie viele Nominierungen braucht das Land?

Bäng: Die Oscar-Nominierungen sind draußen! Und obwohl es zig Preisverleihungen im Vorfeld gibt, kam es zu einigen Überraschungen an diesem Nachmittag.

The Artist: Der Oscar-Favorit mit zehn Nominierungen im Gepäck.
The Artist: Der Oscar-Favorit mit zehn Nominierungen im Gepäck.

Zuerst, ganz nüchtern, die Filme, die in der Kategorie “Bester Film“ nominiert sind:

The Artist
The Descendents
Extrem laut und unglaublich nah (Extremely Loud & Incredibly Close)
Gefährten (War Horse)
The Help
Hugo
Midnight in Paris
Die Kunst zu gewinnen – Moneyball
The Tree of Life

„*Zahl-zähl-zähl*… Moment, das sind ja nur neun und nicht zehn Filme. Du hast einen vergessen!“

Nein, hab ich nicht: Nachdem die “Academy of Motion Picture Arts and Sciences“ jahrzehntelang fünf Filme für den Preis der Preise nominieren ließ und das Feld in den letzten beiden Jahren verdoppelte (vermutlich, weil 2008 sowohl „The Dark Knight“ als auch „WALL-E“ über Bord fielen), gibt es wieder eine neue Regelung.

Diese besagt: Ein Film muss nicht nur mindestens bei 1% aller ausgewerteter Wahlzettel auf dem ersten Platz stehen (so ungefähr jedenfalls, der genaue Ablauf ist etwas komplizierter), sondern er benötigt ebenso auf 5% aller Wahlzettel eine Erwähnung. Da jeder Wähler fünf Filme benennen darf, bedeutet dies: Nur wenn der Film in 5% aller „Top-Five“-Listen vorkommt, ist er durch. Weitere Ausnahmeregelungen sorgen dafür, dass mindestens fünf und maximal zehn Filme nominiert werden können.

Wer wie ich die Oscar-Verleihung im Vorfeld verfolgt, der kennt auch die vielen anderen Award-Shows, die davor stattfinden. Deshalb kann man eigentlich recht genau erraten, welche Filme für einen Oscar nominiert werden und welche nicht. Die heutige Nominierungsliste hat drei größere Überraschungen zu bieten: “The Tree of Life“ sowie “Extrem laut und unglaublich nah“ sind drin, “Verblendung“ (die US-Version von David Fincher) dagegen nicht. Und ich möchte euch erklären, warum es sich hierbei um Überraschungen handelt.

The Tree of Life: Unerwartet gepunktet in der Kategorie Bester Film und beste Regie.
The Tree of Life: Unerwartet gepunktet in der Kategorie Bester Film und beste Regie.

Es gibt drei Gruppen von Preisverleihungen:

– die der Filmkritiker
– die der Gilden und der BAFTA (British Academy of Film and Television Arts)
– die Golden Globes sowie der Critics Choice Movie Award der BFCA (Broadcast Film Critics Association)

Die erste Gruppierung hat eigentlich gar nichts mit der Oscar-Verleihung gemeinsam: Die ziehen ihr Ding durch und preisen oft „künstlerisch wertvollen“ Krams an. In diesem Jahr gab es viel Lob für “The Tree of Life“, “Drive“ oder “The Artist“.

Die zweite Gruppierung ist bedeutend wichtiger. Es gibt für fast jeden wichtigen Berufszweig der Filmbranche eine Gilde, z.B. die „Screen Actor Guild“ der Schauspieler, die „Director Guild“ der Regisseure oder die „Producer Guild“ der Produzenten. Diese haben ihre eigene Preisverleihung, rein bezogen auf ihre jeweilige Kategorie. Jedenfalls bestehen diese Gilden aus Branchenmitgliedern – genau wie die Wähler der Oscarverleihung. Der große Unterschied: Die Gilden bestehen praktisch nur aus Amerikanern, dafür dürfen auch Leute aus dem Fernsehbereich mitstimmen. Fakt ist jedoch, dass es hier eine Schnittmenge gibt. Ähnliches gilt für den so genannten BAFTA: Dies ist quasi der britische Oscar, wo sich einige Engländer tummeln, die ebenfalls bei den “Academy Awards“ etwas zu sagen haben.

Die dritte Gruppierung ist ein Hybrid: Sowohl die Golden Globes als auch der BFCA sind eine Vereinigung diverser Filmjournalisten und/oder -kritiker. “Moment, gehören die dann nicht zur ersten Gruppe?“ Jein: Beide Verleihungen rühmen sich mehr oder weniger damit, den Oscar vorherzusagen. Zwar gibt es bei den Wählern keine direkte Übereinstimmung, aber man schaut sich gegenseitig auf die Finger und beeinflusst damit das Wahlergebnis.

Theoretisch gibt es noch eine vierte Gruppierung (die der Internet-Blogger und IMDB-Junkies), aber die lasse ich mal außen vor, weil sie (derzeit noch) kaum Einfluss auf die Wahl hat.

Verblendung: Gildenliebe ungleich Oscarliebe.
Verblendung: Gildenliebe ungleich Oscarliebe.

Zurück zu den Nominierungen: Aufgrund der Gilden, dem BAFTA, den Globes und dem Critics Choice Movie Award waren einige “Best Picture“-Nennungen bereits in Stein gemeiselt. Dazu gehörten “The Artist“ (gleichzeitig der Favorit für den Sieg am 27.2), “The Descendants“, “Hugo“, “The Help“ und “Midnight in Paris“. Auf etwas wackeligeren Beinen standen “Moneyball“, “Gefährten“, “Brautalarm“ sowie “Verblendung“. All diese Filme hatten mehr oder weniger einige wichtige Nominierungen bei den erwähnten sowie relevanten Preisverleihungen eingeheimst. “The Tree of Life“ sowie “Extrem laut und unglaublich nah“ hingegen wurden fast nirgends erwähnt (wohlgemerkt: die erste Gruppe der Filmkritiker nicht mitgerechnet!).

Stellt sich nun die Frage: Wieso haben es die einen beiden geschafft und die anderen beiden nicht? Neben der Tatsache, dass eine gemeinsame Schnittmenge nicht mit einer gleichen Meinung zu setzen ist, dürfte das oben erwähnte Wahlprozedere eine große Rolle gespielt haben.

Ihr müsst wissen: Die Wahl bei den Oscars ist sehr kompliziert – so kompliziert, dass ich dafür einen eigenen Artikel schreiben müsste, um es vollständig erklären zu können. Ich sage nur ganz grob, dass dort das “Preferential Voting“-Verfahren angewandt wird. Aufgrund diesem wird NICHT z.B. gesagt: “Der erste Platz erhält zehn Punkte, der zweite neun Punkte, der dritte achte Punkte, usw.“ Das System stellt vielmehr sicher, dass aus so gut wie jedem Wahlzettel genau EIN Punkt resultiert, obwohl die Wähler bis zu fünf Filme in unterschiedlichen Kategorien nennen.

Der Sinn dahinter: Wähler können sorgenfrei ihren Lieblingsfilm auf Platz 1 setzen, ohne Angst haben zu müssen, dass diese Stimme vergeudet wäre, wenn kaum ein anderer ihrer Meinung ist. Dann geht nämlich die volle Stimme über zum zweitplatzierten Kandidaten. Gleichzeitig wird gewährleistet: Filme, die wenige lieben, haben eine höhere Nominierungschance als welche, die viele “nur“ mögen.

In diesem Jahr bedeutet dies: “The Tree of Life“ sowie “Extrem laut und unglaublich nah“ wiederum wurden zwar nur von einer kleinen Gruppe wirklich registriert, aber dafür sehr verehrt. Gerade bei ersterem Film ist dies kein Geheimnis: Man liebt oder man hasst ihn. Solche Filme haben automatisch dank des “Preferential Voting“-Verfahren einen Vorteil.

Extrem laut und unglaublich nah: In letzter Minute reingerutscht.
Extrem laut und unglaublich nah: In letzter Minute reingerutscht.

Bezüglich “Extrem laut und unglaublich nah“ scheint noch ein anderer Punkt eine Rolle gespielt zu haben: Er wurde erst sehr spät den Wählern der Academy Awards zugänglich gemacht. Weil die Gilden gut einen Monat vorher nominieren, hatte wohl zu dem Zeitpunkt anscheinend kaum jemand den Film gesehen.

So viel zur grauen Theorie, stellt sich nur die Frage: Ist es eine gute Wahl, die die Academy of Motion Picture Arts and Sciences heute getroffen hat? In meinen Augen ganz klar: Ja! “The Artist“ und “The Tree of Life“ sind zwei Meisterwerke, die trotz ihrer sehr unkonventionellen Herangehensweise jede Beachtung verdienen. “Moneyball“ sowie “The Help“ machen in ihrem Genre sehr viel richtig, während “Midnight in Paris“ Woody Allens bester Film seit über zwanzig Jahren sein dürfte. Die anderen vier Filme habe ich noch nicht gesehen, aber auch für diese gibt es jeweils sehr viel Zuspruch.

Abseits der Kategorie “Bester Film“ sind einige weitere Überraschungen ans Tageslicht gekommen: Leonardo DiCaprio wurde NICHT als bester Hauptdarsteller für “J. Edgar“ nominiert, dafür aber der völlig unbekannte Demián Bichir für “A Better Life“ (etwas, was die Screen Actor Gilde “vorausgesagt“ hat). Gary Oldman hingegen wurde sichtlich von dem Stamm der BAFTA-Wähler durchgedrückt – endlich darf sich der Mann ein “Academy Award Nominee“ auf’s Hemd kleben.

Völlig durcheinander geraten ist die Kategorie “Best Animated Feature“: Dort gab es zwei ganz klare Favoriten, nämlich “Rango“ und “Die Abenteuer von Tim & Struppi“. Letzterer hat bereits einige wichtige Preise bekommen, fehlte aber leider bei der heutigen Bekanntgabe. Dafür sind zwei sehr ungewohnte Titel aufgetaucht, namentlich “A Cat in Paris“ sowie “Chico & Rita“, die kein Oscar-Blogger (oder Oscar-Watcher, wie ich mich am liebsten nenne) dieser Welt auf der Rechnung hatte.

Drive: Kein Herz für Albert Brooks und Ryan Gosling.
Drive: Kein Herz für Albert Brooks und Ryan Gosling.

Und auch wenn ich die betreffenden Filme noch nicht gesehen habe, so haben drei Fangruppen heute einen echten Dämpfer bekommen: “Shame“ und “We Need to Talk about Kevin“ sind komplett leer ausgegangen, während “Drive“ eine mickrige Nominierung in der Kategorie Toneffekte bekam (nebenbei erwähnt genau wie damals “Fight Club“ im Jahre 1999/2000). Gerade Letzteres ist ein harter Schlag für Albert Brooks, der als “Bester Nebendarsteller“ eigentlich dem Frontrunner Christopher Plummer das Leben schwer machen sollte. Diese Aufgabe gebührt nun Max von Sydow, der einzigen (!) weiteren Nominierung für “Extrem laut und unglaublich nah“.

Außerdem fällt auf, dass zwei Filme allein von der Anzahl der Oscar-Nominierungen weit über allen anderen stehen: “Hugo“ (mit elf) und “The Artist“ (mit zehn). Danach geht es erst mit sechs weiter, siehe “Moneyball“ sowie “Gefährten“.

Abschließend könnt ihr hier sehen in welchen Kategorien welcher Film nominiert wurde. Und regt euch nicht weiter auf, sollte euer Lieblingsstreifen fehlen. Wie sagte es Whoopie Goldberg einmal so schön: “It’s only the oscars.“

Bester Film
The Artist
The Descendants
Extrem laut und unglaublich nah
Gefährten
The Help
Hugo
Die Kunst zu gewinnen – Moneyball
Midnight in Paris
The Tree of Life

Bester Regisseur
Michel Hazanavicius (The Artist)
Alexander Payne (The Descendants)
Martin Scorsese (Hugo)
Woody Allen (Midnight in Paris)
Terrence Malick (The Tree of Life)

Bester Hauptdarsteller
Demián Bichir (A Better Life)
George Clooney (The Descendants)
Jean Dujardin (The Artist)
Gary Oldman (Dame, König, As, Spion)
Brad Pitt (Die Kunst zu gewinnen – Moneyball)

Bester Hauptdarstellerin
Viola Davis (The Help)
Glenn Close (Albert Nobbs)
Rooney Mara (Verblendung)
Meryl Streep (Die Eiserne Lady)
Michelle Williams (My Week With Marilyn)

Bester Nebendarsteller
Kenneth Branagh (My Week With Marilyn)
Jonah Hill (Die Kunst zu gewinnen – Moneyball)
Nick Nolte (Warrior)
Christopher Plummer (Beginners)
Max Von Sydow (Extrem laut und unglaublich nah)

Beste Nebendarstellerin
Bérénice Bejo (The Artist)
Jessica Chastain (The Help)
Melissa McCarthy (Brautalarm)
Janet McTeer (Albert Nobbs)
Octavia Spencer (The Help)

Bestes adaptiertes Drehbuch
Dame, König, As, Spion
The Descendants
Hugo
The Ides of March
Die Kunst zu gewinnen – Moneyball

Bestes Originaldrehbuch
The Artist
Brautalarm
Der große Crash – Margin Call
Midnight in Paris
Nadir und Simin – Eine Trennung

Beste Kulisse
The Artist
Gefährten
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 2
Hugo
Midnight in Paris

Beste Kamera
The Artist
Gefährten
Hugo
The Tree of Life
Verblendung

Beste Kostüme
Anonymous
The Artist
Hugo
Jane Eyre
W.E.

Bester Filmschnitt
The Artist
The Descendants
Hugo
Die Kunst zu gewinnen – Moneyball
Verblendung

Bestes Make-up
Albert Nobbs
Die Eiserne Lady
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 2

Beste Originalmusik
Die Abenteuer von Tim & Struppi
The Artist
Dame, König, As, Spion
Gefährten
Hugo

Bester Song
Man or Muppet (Die Muppets)
Real in Rio (Rio)

Beste Toneffekte
Drive
Gefährten
Hugo
Transformers: Dark of the Moon
Verblendung

Beste Tonabmischung
Gefährten
Hugo
Die Kunst zu siegen – Moneyball
Transformers: Dark of the Moon
Verblendung

Beste visuellen Effekte
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 2
Hugo
Real Steel
Rise of the Planet of the Apes
Transformers: Dark of the Moon

Bester fremdsprachiger Film
Bullhead (Belgien)
Footnote (Israel)
In Darkness (Polen)
Monsieur Lazhar (Kanada)
Nadir und Simin – Eine Trennung (Iran)

Bester animierter Film
A Cat in Paris
Chico and Rita
Kung Fu Panda 2
Der gestiefelte Kater
Rango

Bester Dokumentarfilm
Hell and Back Again
If a Tree Falls: The Story of the Earth Liberation Front
Paradise Lost 3: Purgatory
Pina
Undefeated

Bester Dokumentarkurzfilm
The Barber of Birmingham: Foot Soldier of the Civil Rights Movement
God is the Bigger Elvis
Incident in New Baghdad
Saving Face
The Tsunami and the Cherry Blossom

Bester animierter Kurzfilm
Dimanche/Sunday
The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore
La Luna
A Morning Stroll
Wild Life

Bester Kurzfilm
Pentecost
Raju
The Shore
Time Freak
Tuba Atlantic

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Über Andy

Andreas “Andy“ Altenheimer wandelt seit 1977 auf dieser Welt, als „Star Wars“ und „Der Stadtneurotiker“ in die Kinos kamen, und fühlt sich wie eine Mischung dieser beiden Filmklassiker... [Weiterlesen]

Veröffentlicht am 24. Januar 2012

2 Kommentare zu “Oscar-Mania: Wie viele Nominierungen braucht das Land?

  1. Pingback: Oscar-Tippschein 2012 - und warum die Academy Awards so sind, wie sie sind | Polygamia

  2. Leider interessiert mich die Oscarverleihung von Jahr zu Jahr weniger. Früher habe ich ihr richtiggehend entgegengefiebert, heute kenne ich das Gros der Filme nicht einmal bzw. interessieren die mich auch gar nicht.

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