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Limbo: Monochrome Gefühle

Geschrieben von Sven

Mit dem Alter kommt die Sättigung. Längst habe ich einen Punkt erreicht, an dem ich der Meinung bin, alles irgendwann einmal schon erlebt, gefühlt, gesehen zu haben. Das bezieht sich zwar nicht unbedingt auf das reelle Leben, aber durchaus auf den Konsum virtueller Spielewelten. Kaum ein Genre weckt besonders mein Interesse, schließlich kenne ich sämtliche bereits zur Genüge. Und dann kommt da plötzlich so ein 15 Euro günstiges Spielchen angetanzt und…tja..spielt mit meinen Gefühlen? Wirft meine fest gefahrenen Vorurteile über den Haufen? Bewegt mich – EMOTIONAL? Was zum Teufel ist mit mir los? Und wieso ist „Limbo“ so eine Besonderheit für mich?

Seltsam, befremdlich, unheimlich - andere "Menschen" in einer scheinbar verlassenen Welt
Seltsam, befremdlich, unheimlich - andere "Menschen" in einer scheinbar verlassenen Welt

Kommen wir wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: „Limbo“ ist auf den ersten Blick kein sensationelles Wunderwerk. Der XBLA-Titel, den ihr für 1200 M$-Punkte für eure Xbox 360 erwerben könnt, verfügt zwar über einen großartigen Schwarz/Weiß-Look, aber auch das gab es in der Spielegeschichte schon einige Male. Erwähnt werden sollte hier das sentimentale „The Graveyard“, bei dem ihr eine alte Dame zum Sterben geleiten durftet. Monochrom ging es ebenfalls bei dem von mir sehr geschätzten „The Saboteur“ zur Sache, inhaltlich ist der Titel aber nur ein simpel gestrickter „GTA“-Klon ohne wirklichen Anspruch. „Limbo“ dagegen versucht sich an einem anderen Konzept, welches am besten mit dem Klassiker „Another World“ verglichen werden könnte. Ein unheimlich anmutender Junge mit leuchtenden Augen erwacht in der Finsternis. Und nun? Er läuft los, gesteuert von euch. Seine Aufgabe? Die wird zu Beginn nicht verraten, sowieso verzichten die Entwickler komplett auf ein typisches Intro oder einleitende Texte. Ihr werdet in die finstere Welt katapultiert, seid euch und eurer Angst überlassen. Denn vor allem durch den großartigen Stil, den ich ganz mutig als künstlerisch bezeichnen möchte, wird es im Verlauf sehr gruselig. Verantwortlich dafür sind die tatsächlich beeindruckenden Mitternachts-Schauplätze, an die nur gelegentlich etwas Licht kommt.

Gruselig. Wieso hängt da einer? Ist das ein Kind? Oder wie jetzt?
Gruselig. Wieso hängt da einer? Ist das ein Kind? Oder wie jetzt?

Ihr lauft, lauft, lauft…und trefft auf Hindernisse. Das fast schon klassisch anmutende Plattform-Abenteuer wird durch diverse Rätseleinlagen und bedrohlich mysteriöse Gegner aufgerüttelt, die durch ergänzende sowie dezente Akustik-Einlagen sowie nicht selten ekelige Soundeffekte vor allem mit einer guten Surroundanlage oder Kopfhörern eine wohlig schaurige Gänsehaut erzeugen. Riesige Spinnen, befremdliche, menschenähnliche Wesen – sie wollen euch stets an den Kragen und am Vorankommen hindern. Manchmal erinnert das an eine simplifizierte Horror-Variante von  „Shadow Complex“ oder besser noch an das ebenfalls sehr farbarme Scherenschnitt-Spektakel „Patapon“. Nur Waffen? Die gibt es bei „Limbo“ nicht. Vielmehr beschränkt sich die Steuerung absichtlich auf das Springen und das Benutzen von Objekten wie Schalter, Fallen oder dergleichen. Die klugen Puzzles und stets logischen Herausforderungen überfordern sogar mich Denkspiel-Verweigerer nicht, der recht faire Schwierigkeitsgrad sollte also niemanden überstrapazieren.

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60 Sekunden aus Limbo

Richtig überwältigt hat mich „Limbo“ durch eine weitere Sache: Die stetige Erwartungshaltung. Ihr wandert durch die faszinierend eintönigen, aber niemals langweiligen Landschaften – und jederzeit könnte der Tod lauern. Glaubt mir, ihr werdet bei „Limbo“ 1000 Tode sterben,  und die sind teils wirklich unappetitlich, erschreckend und absurd – wie bei „Another World“ eben. Allerdings sorgen sie dafür, dass ihr schnell die richtige Lösung für ein Rätsel findet oder ein Monster erfolgreich bezwingt. Eine geradezu geniale Lernkurve, die die Produzenten hier erschaffen haben.

Laut Eurogamer.de ist „Limbo […] ein Beispiel für die Evolution von Videospielen…“ So weit möchte ich wirklich nicht gehen, denn sonst hätte ich die Grafik und das Spielprinzip kaum mit anderen Spielen so sehr vergleichen können. Was „Limbo“ aber von dem Kommerz-Einheitsbrei und auch vielen Independent-Produkten abhebt, das ist der Faktor Emotion. Klar, der Titel ist nur ein Stück Software, jedoch setzt er in euch Gefühle frei, die ihr nicht einmal in einem „Killerspiel“-Shooter häufig erlebt. Adrenalin wird durch das Ableben freigesetzt, ihr fühlt mit dem Protagonisten. Angst macht sich breit, wann könnte der Junge wieder sterben? Wenn die nächste Kreatur angekrochen kommt? Wenn wieder eine Maschine anläuft und irgendwas in der Ferne in Bewegung setzt? Was kommt als nächstes? Diese SPANNUNG! Und dann diese Neugierde! Was geschieht als nächstes? Vielleicht einmal gar nichts? Überraschung!  Erfolg! Wieder ein Rätsel gelöst! Dabei war es doch so einfach! Wieso hab ich nicht gesehen, dass eine Falle vom Baum gefallen ist, mit der ich die Spinne bezwingen kann? Heureka!  Scheiße! Wie geht es jetzt weiter? HILFE! Igitt! Was ist das für ein Geräusch? Und habe ich jetzt ein Kind getötet? Ohhh, mein Gott!

Vorsicht! Eine Grube!
Vorsicht! Eine Grube!

Furcht, Aufregung, Trauer, Spannung – es ist nicht leicht zu beschreiben, was ich alles bei „Limbo“ empfunden habe. Es muss ein Wechselbad der Gefühle gewesen sein! Sicher ist das eine Floskel, aber durch „Limbo“ bekommt sie für mich endlich eine Bedeutung.

Visuell und technisch fügt sich alles harmonisch zusammen. Ihr vermisst keine Handlung, diese durchlebt ihr schließlich selbst. Ihr benötigt keine Speicherslot, sie hätten ohnehin den Spielfluss zerstört (es wird automatisch an jedem der gut platzierten Rücksetzpunkte gespeichert). Und Zwischensequenzen oder dergleichen wären sowieso fehl am Platz gewesen. Dabei wirkt „Limbo“ zu keiner Zeit antiquiert oder dergleichen, durch das Freisetzen von düsteren Gefühlen ist das Spiel up to date, nein modern und wegweisend!

Tolle Schauplätze, tolle Animationen, tolle und physikalisch korrekte Rätel
Tolle Schauplätze, tolle Animationen, tolle und physikalisch korrekte Puzzles

„Limbo“ könnt ihr selbst spüren. Einfach eure Xbox 360 einschalten und die Demo downloaden. Wenn euch diese nicht schon auf die Reise in die Abgründe eurer Emotionen nimmt, dann habt ihr ein kaltes Herz. Aber ich glaube an euch, ihr werdet das Spiel mit Sicherheit kaufen. Eine Fortsetzung möchte ich übrigens auf keinen Fall sehen. „Limbo“ soll einzigartig sein, dann bleibt es nämlich länger in Erinnerung!

Was mich beiläufig erwähnt sehr überrascht hat: Das erste „Limbo“-Konzept ist bereits vier Jahre alt. Die lange Entwicklungszeit hat sich gelohnt, denn ich wurde knapp fünf Stunden auf einem sensationell guten Niveau unterhalten.

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 26. Juli 2010

4 Kommentare zu “Limbo: Monochrome Gefühle

  1. Pingback: Links des Tages 27-07-10 » Internet » ubbu.de

  2. Pasch schrieb am :

    Das ist ein Spiel, welches ich mir vielleicht wirklich mal holen werde!

    Sieht hervorragend aus, einfach schon dadurch, dass es … anders ist.

  3. Großartiges Spiel.

    [achtung-spoiler]

    Allein die letzten paar Bildschirme, in denen es nur noch darum geht, die Garvitations-Schalter im richtigen Moment zu betätigen, fielen mMn vom Niveau her deutlich ab.

    [/achtung-spoiler]

    Spielt das!

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