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Lieber Harry,

Geschrieben von Andreas
Lieber Harry,

fünfzehn Jahre ist es nun her, dass wir uns das erste Mal getroffen haben. Und nun darfst du endlich in den Ruhestand gehen. Herzlichen Glückwunsch! Millionen, ach was sag ich, Milliarden von Fans auf der ganzen Welt werden traurig sein, aber ich muss ehrlich zugeben: Genug ist genug! Lass mich endlich in Frieden.

Von den ersten vier Büchern war ich begeistert, ich habe bei den Mitternachtsverkäufen angestanden und anschließend fast meine ganze Familie mit dem Potterfieber angesteckt. Aber was kam dann, Harry? Der ständige Ideenklau bei „Herr der Ringe“ oder „Star Wars“ von deiner „Mutter“ Joanne wurde nervig, das spießige Bild der keuschen Jugend widerte mich an, und die Geschichten wurden schlechter. Ich hatte das Gefühl, das sie das Offensichtliche nur unnötig gestreckt hat und wohl eher für den Umfang bezahlt wurde, aber nicht für den Inhalt.

Es ist wahr, du hast wahrscheinlich wahnsinnig viel Kohle heimgebracht, aber war das diesen ganzen Hype wert? Ich meine, wegen Geld komplett auf Anspruch und Glaubwürdigkeit zu verzichten? Rückblickend kann ich am schnellsten die Filme abhaken. Sie sind allesamt „Dienst am Fan“. Kaum einer der Regisseure hat Experimente gemacht und die Geschichten deshalb so verfilmt, wie sie im Buch stehen. Da ich damals mitten in der Pottermanie war, zählt für mich der „Stein der Weisen“ zu den besten Filmen der Reihe. Ja, wirklich. Chris Columbus inszenierte den Beginn der Saga mit viel Gespür für Details, aber erst Alfonso Cuarón erweiterte die Serie um den ersten (einzigen?) filmischen Höhepunkt. „Der Gefangene von Azkaban“ lebte vom düsteren Grundton der Geschichte um Harrys Patenonkel Sirius und gab für die nächsten Filme die Richtung vor. Aber ein Mexikaner mit einer künstlerischen Vision war wohl zu kompliziert für deine Gelddruckmaschine, oder? Danach wurde das Düstere und Verstörende – siehe Nazi-Symbolik, Folter usw. – nämlich schnell formelhaft und die folgenden Auftragsarbeiten von Mike Newell und David Yates entwickelten nie einen eigenständigen Stil. Für mich war das ein bisschen wie SAW für Kika. Meine Meinung zu deinem vorletzten Kinoabenteuer habe ich dir hier aufgeschrieben, und das Finale ist das erwartete Spektakel geworden. Außerdem muss ich dem Film zugestehen, dass er deiner Beziehung zu Darth Snape ein schönes und wichtiges Detail hinzufügt.

Eigentlich können die Filme aber nichts dafür, dass meine Zuneigung zu dir merklich abgekühlt ist. Ihr habt nämlich zuvor schon ziemlich viel Mist gebaut. Die lang gezogene Sache mit den Horcruxen…boah, was für ein abgegriffener „Herr der Ringe“-Plot. Es hätte nur noch gefehlt, dass du laut „My precious!“ gerufen hättest! Oder dieses ständige Hin und Her mit deinem Zauberstab – man kann auch zu clever sein! Dazwischen gab es dann noch ein paar Ballspiele und tödliche Turniere, um das Ganze zu strecken. Vielleicht hätte jemand dir und deiner Mutter sagen sollen, dass so etwas nur am Anfang interessant war. Das Runde muss halt immer in das Eckige (oder so ähnlich).

Ist dir übrigens aufgefallen, dass du am Ende einen ganz guten Schnitt gemacht hast? Schließlich warst du im Krieg mit so einem Nazi-Magier-Gesocks. Von wegen Todesesser oder wie die alle heißen – am Schluss gab’s doch nur Kollateralschäden. Dumbledore war sowieso ein alter Knacker, der es ohnehin nicht mehr lange gemacht hätte. Und die ganzen Rothemden stellten sowieso nur Kanonenfutter dar. Ok, das mit Dobby war voll traurig und so. Auch den frühen Tod von Sirius habe ich euch nicht verziehen, denn schließlich war er neben Snape die interessanteste Figur. So jemand hebt man sich für den Schluss auf! Apropos Snape – selten wurde eine wichtige Romanfigur so lieblos abserviert! Nur in diesem einen Fall ist die Verfilmung besser geworden. Doch jetzt ist das sowieso egal. Du kannst deiner Mutter ruhig sagen, dass sie mal bei George R.R. Martin unter „Red Wedding“ nachschlagen darf, wenn sie das nächste Mal so richtig „badass“ sein will. Ach was schreib ich da – das letzte Drittel der „Hunger Games“ reicht genauso. Ist eh die passendere Zielgruppe. Aber ansonsten? Deine besten Freunde leben noch und du darfst Ginny als Brutkasten benutzen.

Und Hand aufs Herz – es war doch auch für dich manchmal ein bisschen langweilig. Ich meine „no sex, no drugs, no rock’n’roll“. Ich kenne jedenfalls keinen Teen, der nicht mal von nackten Brüsten, Partys und Rebellion geträumt hat. Ah klar, die sexuelle Aggression und das Aufbegehren gegen die Erwachsenen wurden in der dramatischen Handlung kanalisiert, damit sich die jugendlichen Leser aus der Distanz mit ihren realen Träumen und Ängsten auseinandersetzen können. Oder so ähnlich. Ich fand’s aber scheiße. Wenn ihr rebelliert habt, habt ihr doch nur saure Drops ins Essen gemischt. So wie damals bei den „Lümmeln von der ersten Bank“. Voll lustig, aber auch ziemlich spießig. Naja, stattdessen ist ja ordentlich Blut gespritzt.

Jetzt habe ich wirklich genug gemeckert. Allein die Tatsache, dass ich so viel geschrieben habe, macht deutlich: Du bist nicht einfach so an mir vorbeigegangen. Vielleicht bin ich nur enttäuscht, dass du aus deinen guten Ansätzen am Ende so wenig gemacht hast. Lieber Harry, lass dir deshalb gesagt sein: ruh dich aus, setz noch ein paar Kinder in die Welt und genieße den Ruhestand. Der nächste Hype kommt bestimmt.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 21. Juli 2011

3 Kommentare zu “Lieber Harry,

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