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Inception: Kalkulierte Träume

Geschrieben von Andreas
Inception: Kalkulierte Träume

Christopher Nolan sieht aus wie ein Streber und macht auch Filme wie ein Streber. Perfekt, komplex und kühl. Der Brite ist eine Mischung aus Orson Welles, Steven Spielberg und Martin Scorsese, dem man in Hollywood nahezu alles zutraut. Auch Filme mit unverständlichen Titeln über geklaute Träume.Es gibt wohl kaum einen Hollywood-Film der letzten Jahre, der so virtuos strukturiert ist und mit Leichtigkeit komplexe Gedankenwelten mit brachialer Action mixt wie „Inception“. Dabei passiert in gut zwei Drittel des Films eigentlich nichts – Nolan lässt seine Figuren lang erklären, was man mit so einer Inception, also Gedankeneinplanzung, überhaupt anstellen kann. Das ist so gespickt mit pointierten Dialogen, brillianten Effekten (Paris!) und dezent verteilten Mosaikteilen, dass dem Zuschauer kaum langweilig wird. Trotzdem drückt sich Nolan um zentrale Fragen: Was ist eigentlich dieser Gedankenklau? Warum funktioniert er? Wer ist dafür geeignet? Begabung, Technik oder sogar ein bisschen „Magie“? Nein, Nolan umschifft das Ganze und macht daraus einen einzigen großen Macguffin – eine Ausrede, um sich in die dunkle Seele seiner Hauptfigur Dom (Leonardo DiCaprio) zu stürzen.

Glaubwürdige Schauplätze
Glaubwürdige Schauplätze

Wie schon in Nolans Filmen zuvor versteckt sich hinter dem Spektakel in „Inception“ ein kleiner Psychothriller über einen Mann, der Schuld auf sich geladen hat und dafür sein ganzes Leben büßen muss. Es ist ein im Kern sehr sensibles Kammerspiel, das uns Nolan zeigt. Und es ist logisch, dass ihn die Nebenfiguren – sofern sie überhaupt real sind – kaum interessieren. Tatsächlich erfährt der Zuschauer nichts über sie. Stattdessen sind sie für Nolan nur Hilfsmittel, um die Hintergundgeschichte Doms zu erklären. Sie sind keine Menschen, mit denen man fühlt und leidet, sondern funktionelle Anhängsel, die ihren Job erfüllen. Das wirkt sich besonders auf die Liebesgeschichte zwischen Dom und seiner Frau Mal aus. Wie tragisch muss es sein, wenn man ein ganzes Leben „verträumt“ und anschließend an der Realität scheitert? Doch Nolans wohl durchdachter Plan geht nicht auf. Das Problem in „Inception“ ist, dass diese Geschichte bestenfalls als kurzzeitiges, emotionales Bonmot funktioniert, nicht aber als allumfassende Tragödie eines gescheiterten Lebens.

Dom (Leonardo DiCaprio) auf der Reise ins Herz der Finsternis

Deshalb bleibt von „Inception“ ein zwiespältiger Eindruck. Einerseits muss man vor der Präzision Nolans den Hut ziehen, aber andererseits verliert er dadurch das Menschliche und Emotionale. Sicher, in jedem Film ist alles konstruiert und nichts sollte dem Zufall überlassen sein, doch Nolan erschlägt seine Zuschauer mit seinen nicht enden wollenden dramaturgischen Kniffen. Nolan kann alles und zeigt das auch. Das ist handwerklich virtuos und nicht selten brillant, aber auch durchzogen von einer kühlen Strenge, die einen erschaudern lässt.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 6. August 2010

6 Kommentare zu “Inception: Kalkulierte Träume

  1. quotentoter schrieb am :

    Gerade bei diesem Film hätte ich mir beinahe eine Trilogie gewünscht. Wie Du schon erwähnst drückt sich Herr Nolan um einige Erklärungen. Ich hätte auch gerne mal gesehen wie denn nun das Unterbewusstsein gegen einen "Gedankenklau" trainiert wird. Ich glaube mit der Entscheidung den Film nicht als Trilogie (ich denke mal da kommt nix mehr, aber man weiß ja nie) zu produzeiren, musste die Charaktertiefe (mal vom Hauptdarsteller abgesehen) weichen.

    Als Science-Fiction Fan finde ich es auch immer sehr spannend wie sich der Autor die Gesellschaft bzw. das Gesellschaftssystem (Firmenstrukturen, Regierungsform, etc) in naher Zukunft vorstellt. Davon erfährt der Zuschauer ja überhaupt nichts. In den Traumszenen hätte ich mir auch ein wenig mehr Surrealität (wie z.b.: the cell) gewünscht, gerade im Limbus.

    Klasse Artikel, ich versuche jetzt das erste mal zu flattern :)

  2. tori schrieb am :

    20 min….

    das genau ist die Zeitspanne welche ich nie zurück bekomme und fast schon gelangweilt, aber auf jeden Fall gequält, -die Karten hab ich zum Glück geschenkt bekommen- das Kino verlassen habe. Ja, es mag sein das der Film später noch an "irgendwas" dazu gewinnt….aber was auch immer dieses "etwas" sein mag, es kann unmöglich den Hype abdecken der um diesen Streifen gemacht wurde. Als typischer Filmkonsument erwarte außer intensiven "Zeitsprüngen" in der Geschichte auch schon mal einen "AHA"-Effekt. Spätestens eben nach dem genanntem Zeitraum. (Man mag sich vielleicht noch an N.b.Killers erinnern.) Oder zumindest mal ein klassischer special FX. Sogar 'i am legend' war trotz one-man-Show noch erträglicher als Caprio's Trauerspiel.

    Man muss ihn halt auch mögen, gell :)

    Dazu sei jetzt noch kurz gesagt das ich Nolan's dunklen Ritter auch bescheuert fand. Klasse Joker, aber ansonsten alles andere als gut. Näher betrachtet mochte ich noch keinen seiner Filme. Hmmmm….

    Die Grundidee von 'Inception' is ja nicht schlecht, aber die Verpackung scheint mir eben zu überdimensional fade ausgeliefert…

    Vielleicht, irgendwann, schau ich ihn nochmal komplett auf DVD. Bis dahin gibts aber noch genug anderes zu tun (The Rite mit Hopkins z.B., oder die Bioshock Verfilmung, und nicht zuletzt Ghostbusters 3) ^^

  3. The-Devil-in-blue-Sh schrieb am :

    Auch wenn sich hier seit Monaten nichts tat, möchte ich doch mal anmerken, dass ich mich mal spaßeshalber für 20 Minuten (Zeitspanne wurde von der Redaktion an vorherrigen Kommentar angepasst) in zu enge Frauenschuhe gequetscht habe. Ich würde mir allerdings niemals anmaßen, Kommentare darüber abzugeben, wie es sich einen ganzen Abend darin läuft.

    Ich habe mir den Film in ganzer Länge zu Gemüte geführt und muss echt sagen: Die Idee mit der Traumkontrolliererei ist an für sich ja ganz nett, aber auch ziemlich Wischiwaschi, von daher bin ich eher froh, darüber, dass man dem Versuch, das Ganze technisch zu erläutern aus dem Weg gegangen ist. Die Traumspringerei als Mittel zum Zweck, eben dem Erzählen einer Geschichte, fruchtet allerdings und erzeugt meiner Meinung nach ein Spannungsmonent, dass seinesgleichen sucht. Desweiteren lässt es sich so schön über den Ausgang der Geschichte streiten, da das Ende Spielraum für eigene Interpretationen lässt.

    Bleibt mir nur zu sagen, guckt ihn euch an und macht euch euer eigenes Bild, sehenswert ist Inception allemal.

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