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Hydrophobia: Feuchte Hassliebe

Geschrieben von Sven

Ihr müsst wissen, ich bin ein ungeduldiger Spieler. Zum einen warte ich nicht gerne unzählige Jahre auf den Release eines Titels, zum anderen hasse ich unfaire Passagen, die ich gefühlte fünf Millionen Mal überstehen muss, bis ich sie vielleicht schaffe. Das wären also schon zwei Gründe, die gegen „Hydrophobia“ sprechen. Und es gibt noch eine ganze Menge mehr! Allerdings, tja…ich mag das Spiel trotzdem, obwohl an sich nicht so viel für das XBLA-Werk spricht.

„Hydrophobia“ wurde im Frühling 2007 von Blade Interactive angekündigt, damals sollte es ein Vollpreisprodukt für PS3 und Xbox 360 werden. Von einer fantastischen „HydroEngine“ war die Rede, die Wasser in einem untergehenden Schiff grandios darstellen wollte. Und auch die Geschichte sprach mich sofort an: Die hübsche Dame Kate hätte aus einem riesigen Frachter entkommen müssen, der von Terroristen eingenommen wurde. Die Technikerin mit Vorliebe für neckische Gadgets sollte nebenbei Zivilisten retten und einfach überleben. Ja, das erinnerte mich schon bei der erstmaligen Enthüllung sehr an den 1998 veröffentlichten Saturn-Titel „Deep Fear“, nur dort musste ich aus einer Untersee-Station entkommen und mich mit seltsamen Kreaturen herumschlagen.

Das Deckungssystem ist wirklich unausgegoren.
Das Deckungssystem ist wirklich unausgegoren.

Seit der Enthüllung sind über drei Jahre vergangen und „Hydrophobia“ ist endlich erhältlich. Von Blade Interactive ist längst keine Rede mehr, jetzt heißen die Entwickler Dark Energy Digital. An der Handlung hat sich nur wenig geändert: Alles beginnt routiniert für Kate. Sie startet ihr Arbeitstag auf dem monströsen Luxusschiff Queen of the World, der größten Errungenschaft der Menschheit im Jahr 2051. Denn dieses Meisterwerk der Technologie ist in der Lage, Tausenden Menschen eine Bleibe zu bieten – auf den Weltmeeren. Die Queen of the World symbolisiert die Zukunft der Zivilisation voller Hoffnungen und Chancen. Umso tragischer erscheint hier der Angriff seltsamer Terroristen, die in Windeseile das Schiff übernehmen, teilweise fluten und alle Passagiere an Bord töten. Die Gründe bleiben anfänglich schleierhaft, auch später scheinen die so genannten Malthusianer das Gedankengut verrückter Sektenanhänger verbreiten zu wollen. Ihre Parole ist beängstigend: „Rettet die Welt, tötet euch selbst!“. Kate wird unfreiwillig in dieses Chaos katapultiert, und prompt ist sie dazu gezwungen, um mehr als nur ihr Leben zu kämpfen

Was mir an der Geschichte gefällt, das ist in jedem Fall der Hintergrund samt des außergewöhnlichen Szenarios . Terrorismus auf einem Schiff, das wortwörtlich dem Untergang geweiht ist? Der Stolz der Zivilisation, der von Wirrköpfen zerstört wird? Schwer definierbare Gegner, welche konkrete Ziele verfolgen, die wiederum für Normalsterbliche kaum nachvollziehbar sind? Auf gewisse Weise widmet sich Dark Energy Digital also aktuellen Themen, obwohl dies den Designern vermutlich nicht einmal bewusst war und sie mehr in die Richtung von „Alarmstufe Rot“, „Poseidon“ oder einer unromantischen Version von „Titanic“ geschielt haben dürften. Dennoch haben sie ein einzigartiges, futuristisches Universum geschaffen, das von Ängsten unserer Gegenwart geprägt ist.  Dies erzeugt eine bedrückende Atmosphäre, die durch spielerische Elemente sogar verstärkt wird. Klaustrophobie und tatsächlich die Wasserphobie sind während der objektiven Spieldauer von rund vier Stunden treue Begleiter, die nicht einfach so abgeschüttelt werden können. Außerdem steht der Protagonistin kein Therapeut zur Seite, sondern ein Kollege, der ihr über Sprechfunk wichtige Überlebenstipps gibt.

Ein wenig erinnert Protagonistin Kate an Lara Croft. Oder an..tja..wen eigentlich?
Ein wenig erinnert Protagonistin Kate an Lara Croft. Oder an..tja..wen eigentlich?

Reduziere ich „Hydrophobia“ einzig auf die Spielmechanik, erwartet mich eine halbe Katastrophe. Kate stakst in typischer 3rd-Person-Manier durch die Gegend. Die Steuerung ist permanent ungenau, das Deckungssystem ist nicht zufriedenstellend, und schwimmt die Heldin wider Willen herum, werdet ihr im Sekundentakt über die miserable Kamera fluchen. Dazu kommt ein gruseliges Kampfsystem, das unnötig umständlich und anstrengend ist. Abgerundet wird der Haufen Scheiße mit monotonen Aufgaben. Fast ausschließlich müsst ihr irgendwelche Codes ausfindig machen, um weitere Türen zu öffnen. Nebenbei hackt ihr euch mittels eines lästigen Minispiels in Computer ein, begutachtet eine ziemlich unbrauchbare 3D-Karte und kämpft euch den Weg durch saublöde Gegnerhorden. Dass die Kapitel 1 und 3 erstaunlich kurz sind und die Episode dazwischen elendig in die Länge gezogen wurde, kotzt mich auch an. Nicht vergessen sollte ich die unzähligen Stellen, an denen ihr dank Entwickler-Schlampereien das Zeitliche segnet oder sogar in eins, zwei Treppen hängen bleibt. Das alles sorgt für Ärger, bei dem sich zurecht die Frage aufdrängt, was die Designer die letzten drei Jahre überhaupt gemacht haben. Qualitätskontrolle mit Sicherheit nicht. Und dann noch das Ende, über das ich mich pausenlos aufregen könnte. Ein fieser Cliffhanger wird euch hier serviert, dabei ist noch gar nicht klar, ob die geplante Trilogie jemals fertig gestellt wird. Der Schluss ist absolut unbefriedigend, wieso ich „Hydrophobia“ DAFÜR überhaupt durchgespielt habe? Ach, genau. Für den Herausforderungs-Modus, der sogar eine reizvolle Besonderheit besitzt.

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Der Trailer zeigt etliche Möglichkeiten, die Gegner zu töten. Schon interessant...

In diesem wird die einzig wahre und fantastische Freude an „Hydrophobia“ nochmals verdeutlicht. Zwar könnt ihr in der eigentlichen Kampagne nicht auf Telekinese zugreifen, dagegen aber im besagten Herausforderungs-Modus. Mittels „Gedankenkraft“ kontrolliert ihr das Wasser, um mit diesem Objekte zu bewegen oder Gegner zu vernichten. Hier lässt die so genannte HydroEngine ihre beeindruckenden Muskeln spielen – und nachdem ich das gesehen habe, möchte ich einfach mehr davon! In der unglaublich realistischen Darstellung des kühlen Nasses steckt wieder mal das berüchtigte Potential, das die Produzenten endlich nutzen sollten. Im Spiel kommt der Hydro-Aspekt freilich auch zum Einsatz und sorgt damit für die großen Momente von „Hydrophobia“. Wenn ihr durch enge, unterspülte Gänge stampft und das Zerstören einer mit Wasser gefüllten Tür plötzlich für eine wuchtige Flut sorgt, sieht das nicht nur erstklassig aus, es zeigt auch, wie gut die HydroEngine funktioniert. Zusätzlich versteht das virtuelle Wasser andere physikalische Eigenschaften, unter anderem leitet es Strom, kann Feuer löschen, in bestimmte Richtungen fließen, sich sammeln oder gar Ölbrände transportieren. Diese schwimmen nämlich an der Oberfläche und aufgrund ihrer höheren Temperatur können sie nicht so einfach gedämmt werden. Wenn ihr in „Hydrophobia“ ganze Räume flutet, Gegner euch schwimmend verfolgen und ihr sie mit eurer vielseitigen Waffe mittels Elektrizität oder Gelgeschossen bearbeitet, dann betrachtet ihr das Spiel von einer ganz anderen Seite – nämlich von ihrer schönen, intensiven und spannenden. Manche Szenarien sind richtig genial ausgestaltet, beispielsweise, wenn das Wasser an den Bildschirm klatscht, alles verschwimmt und ihr mit eurer Orientierung zu kämpfen habt. Ich hätte nicht gedacht, dass es eine technische Spielerei ist, die mich dazu bewegen könnte, eine Software am Stück durchspielen zu wollen.

Dass ihr Feinde über kreative Wege und vorwiegend indirekt töten müsst, ist ebenfalls eine ziemlich coole Angelegenheit. Versucht ihr die Terroristen plump mit eurer Waffe zu konfrontieren, werdet ihr noch häufiger das Zeitliche segnen, zumal der Munitionsvorrat immer knapp bemessen ist. Mit etwas Taktik und Berücksichtigung der physikalischen Gegebenheiten seid ihr besser beraten, denn „Hydrophobia“ ist eigentlich kein klassischer Action-Shooter und könnte es wohl auch nie sein.

Ja, Hydrophobia hat teils große Momente zu bieten - leider aber zu wenige.
Ja, Hydrophobia hat teils große Momente zu bieten - leider aber zu wenige.

Leider überwiegen trotzdem die Schwächen bei „Hydrophobia“, die mich unglaublich enttäuschen. Manche Story-Aspekte werden nur angerissen, darunter zum Beispiel die Alpträume von Kate. Und die HydroEngine wird nur in Ansätzen genutzt, u.a. die herausragende Telekinese.  Oder wieso kann man den Aggregatszustand des Wassers nicht ändern? Durch Gas oder Eis hätten die Macher viele neue Ansätze integrieren können, die den Verlauf abwechslungsreicher gestaltet hätten. Auch ist die Qualität der Grafik nicht konsequent, häufig wiederholen sich die Abschnitte oder es mangelt an Details. Wieso es zudem so viele verschlossene Türen geben muss, ist mir ein Rätsel. Ach, und doof ist es, dass ihr fast ausschließlich durch dunkle Tunnel lauft und erst zum Ende hin das Oberdeck erreicht wird. Ja, alles riecht danach, als wollten die Entwickler in den Fortsetzungen noch viele neue Geschütze auffahren. Das macht mich einerseits neugierig, andererseits skeptisch. Denn schafft es Dark Energy Digital nicht, die unzähligen Makel zu beheben, können sie sich einen zweiten Teil gleich sparen. Nach dem würde nämlich dann kein Hahn mehr schreien, wenn dieser genauso viele gute Ideen hat, die durch Unsauberkeiten zerstört werden. Beiläufig erwähnt: Die englischen Synchronsprecher sind immerhin ziemlich gut, durch ihren wohl britischen Dialekt fällt es nicht leicht, sie immer zu verstehen.

„Hydrophobia“ ist für mich eine Hassliebe. Einerseits verfluche ich die Bugs, Ungereimtheiten und Nerv-Passagen sowie das eintönige Missionsdesign. Andererseits liebe ich das Wasser und das Terrorismus-Szenario in der Zukunft. Die beiden Dinge haben mir genügt, um mich durchzubeißen, durchzukämpfen und durchzuschwimmen. Und wenn ich mir freiwillig Wutausbrüche und Kopfschütteleien antue, dann kann ein Spiel nicht ganz schlecht sein. Trotz des miesen Endes und der nicht unübersehbaren Schwächen: Ich freue mich auf die Fortsetzung. Irgendwie. Wahrscheinlich ist es nur die naive Hoffnung, dass mit Teil 2 alles besser wird.

Eines sei noch betont: „Hydrophobia“ kostet 1200 M$-Punkte auf dem Xbox-Marktplatz eurer Xbox 360. Ein angemessener Preis, wie ich finde.

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 7. Oktober 2010

2 Kommentare zu “Hydrophobia: Feuchte Hassliebe

  1. Klingt äußerst gefährlich! Mal abgesehen davon das diesen Monat sowieso viel zu viele Spiele erscheinen, hatte ich dem Titel schon bei der ersten Ankündigung skeptisch entgegen geschaut. Wie du schon erwähnst ist dass Wasserszenario ne richtig dufte Angelegenheit. Zumindest ist das im Vorfeld der einzigste Punkt warum mich das Spiel interessieren könnte. Alles andere hat es, so glaube ich zumindest, schon 1000 mal in ähnlicher Form gegeben. Und warum bitte hat man die Telekinese-Fähigkeit im Kampagnen Modus nicht bedacht? Macht das für dich Sinn??? Mal sehen ob ich irgendwann mal Zeit dafür finde.

    Ach, beste Textstelle in deinem Artikel:

    "Abgerundet wird der Haufen Scheiße mit monotonen Aufgaben."

    Das hätte auch von mir kommen können :) Sehr gut!

  2. :) Naja, die Telekinese-Sachen kommen bestimmt in der Fortsetzung zum Einsatz. Ich mein, das macht auf gewisse Weise auch Sinn: Die Kate ist ne Technikerin, trägt die ganze Zeit so ne Art PDA (witzigerweise sieht das fast genauso aus wie das Ding von Trip aus Encharted) rum..das kann man bestimmt pimpen, verbessern etc…und dann gibts auch Telekinese. Anders kann ich mir auch nicht erklären, wieso die tolle Sache nicht im eigentlichen Spiel nutzbar ist…

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