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The Social Network: Der Geek aus der Hölle

The Social Network: Der Geek aus der Hölle

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ist Jesus und Antichrist in einem. Regisseur David Fincher macht daraus eine Charakterstudie mit einem großartigen Jesse Eisenberg in der Hauptrolle.Sein Blick blickt verständnislos auf die Dummheit um ihn herum und seine Worte rattern wie Maschinengewehrsalven aus ihm heraus. Er merkt nicht, wie er andere beleidigt, aber sein Problem ist nicht seine ungezügelte Impulsivität – Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg) denkt in Finchers „The Social Network“ nur schneller als andere. Das macht ihn anders, einsam und genial. Zuckerberg ist einer dieser typischen Sozialautisten des Fincher-Universums. Seine Anti-Helden wollen nicht Teil unserer Gesellschaft sein, sondern schaffen sich ihre eigenen kleinen Lebensuniversen. Was andere wollen, fühlen oder denken, ist unwichtig oder lediglich Gegenstand ihrer Manipulation, denn sie sind die alleinigen Götter ihrer Subkulturen.

Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg) kümmert sich nicht um Konventionen. Er macht sein Ding.

All das erkennt man schon nach wenigen Filmminuten. Mark (Jesse Eisenberg) sitzt seiner Freundin Erica (Rooney Mara) in einer Bar gegenüber und er muss sich anhören, was sie an ihm nicht leiden kann. Ihre Erkenntnis: Mädchen ist es egal, dass er ein Geek ist, aber er ist halt ein Arschloch. Punkt. Fincher inszeniert diesen Dialog ziemlich konventionell: Schuss/Gegenschuss, Nahaufnahme. Selbst die Schauspieler halten sich zurück. Kein Hollywood-typisches Overacting, sondern dezente Mimik und Gestik. Die Attraktion der ersten Minuten sind die Dialoge. Drehbuchautor Aaron Sorkin reiht Punchline an Punchline – eine atemberaubende Studie in der Kunst des Dialogschreibens. Pointiert, schlagfertig und stilistisch perfekt. Nun könnte der Film vorbei sein, denn eigentlich wurde alles über die Hauptfigur gesagt: Dass ihm egal ist, was andere denken. Dass er ein unglaubliches Geltungsbedürfnis hat. Aber vor allem: Dass diese Welt nach seine Regeln ablaufen muss.

Der Showdown als Anfang. Abfuhr als verbaler Fight Club.

Danach erzählt der Film das Gleiche, nur mehr davon. Mark stellt Facesmash, ein Art Vorläufer von Facebook, ins Netz. Zwei blasierte Zwillinge namens Winklevoss (in einer Doppelrolle: Armie Hammer) wollen mit ihm ins Geschäft kommen, aber angeblich stiehlt er ihre Idee – Facebook – und man sieht sich vor Gericht. Dazwischen trifft er den Napster-Gründer Sean Parker (überraschend gut: Justin Timberlake) und verkracht sich mit seinem einzigen Freund Eduardo (Andrew Garfield). Am Ende bleibt nur Mark als Sieger zurück und man fragt sich, ob er alle Widersacher aus dem Weg geräumt hat oder es das Schicksal einfach gut mit ihm gemeint hat – das lässt Fincher offen. Der Film springt zwischen den einzelnen Zeitebenen, bleibt aber ansonsten konventionell. Nur einmal spielt der Regisseur bei einem Ruderwettrennen mit der Bildschärfe und erlaubt sich zudem das technische Kabinettstück mit der geschickt kaschierten Doppelrolle von Armie Hammer. Das ist bemerkenswert für einen Regisseur, der auch schon mal gerne Kamerafahrten durch eine Kaffeekanne („Panic Room“) inszeniert.

Fixpunkt, Heiland, Ekel

Der Film ist Charakterstudie und Gesellschaftsporträt in einem. Zum einen scheint er ziemlich dicht an der Wahrheit zu liegen, wenn etwa der reale Zuckerberg in einem Interview etwas nonchalant das Ende der Privatsphäre verkündet, um Facebooks zweifelhaften Umgang mit den User-Daten zu erklären. Zum anderen: Den meisten der 500 Millionen Facebook-User ist es vollkommen egal. Sie vollen Teil des Ganzen sein, sich profilieren, auffallen. Dieses Minderwertigkeitsgefühl lässt sich auch beim filmischen Zuckerberg spüren. Am Ende sitzt er alleine am Schreibtisch und schickt seine erste Freundschaftsanfrage los. Es bleibt offen, ob sie bestätigt wird, aber die Sympathien von Fincher werden deutlich. Während die reichen Zwillinge als arrogant und dumm abgestempelt werden, ist Zuckerberg vor allem ein antiautoritärer Querkopf, der dem Establishment seine Grenzen zeigt. Dass hat er mit John Doe („Sieben“) oder Tyler Durden („Fight Club“) gemein. Sympathisch oder in einem moralischen Sinne „gut“ muss man dazu nicht sein, aber sie sind der Fixpunkt in fast jedem Fincher-Film – genauso wie sie es wollen.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 10. Oktober 2010

Ein Kommentar zu “The Social Network: Der Geek aus der Hölle

  1. Mir hat deine Rezension zum Film sehr gefallen und ich denke, ich muss meine Freunde überreden, doch noch reinzugehen. Die denken nämlich, das wäre sowas wie Popcorn-Kino, dass man sich auch daheim auf DVD anschauen kann. Aber so wie du den Film beschreibst (und dabei gekonnt das Spoilern ausgelassen hast), ist es doch ein tiefgründiges Stück für die Leinwand. Was dann auch nur dort wirkt, weil niemand mittendrin mal die Freundin anrufen muss oder permanent auf die Toilette spaziert. Wir werden sehn. :)

    Grüße aus Brisbane

    Torsten

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