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Ender’s Game: Harry Potter in Space

Geschrieben von Andreas
Ender’s Game: Harry Potter in Space

Machen wir es kurz: „Ender’s Game“, Gavin Hoods Verfilmung des gleichnamigen SF-Klassikers von Orson Scott Card, ist ein schlechter Film. Ein bemühter Versuch, auf den „Harry Potter“-Zug aufzuspringen, mit leblosen Schauspielern, langweiliger Handlung und dürftigen Computerspieletricks.

Zackige Uniformen sind in der Schule der Zukunft Pflicht. (Bild: Constantin)
Zackige Uniformen sind in der Schule der Zukunft Pflicht. (Bild: Constantin)

Die Handlung spielt weit in der Zukunft. Ein Angriff der insektartigen Formics konnte von der Menschheit nur unter großen Verlusten zurückgeschlagen werden. In den folgenden Jahren bereiten sich die irdischen Streitkräfte auf einen weiteren Angriff vor und bilden Kinder zur kommenden Kampf-Elite aus. Der Grund: Durch ihre schnelle Auffassungsgabe und Reflexe sind die Kids den Aliens ebenbürtig – das meinen zumindest ihre Ausbilder. Einer dieser Kindersoldaten ist Andrew „Ender“ Wiggin (Asa Butterfield), ein sogenannter „Drittgeborener“, der nach dem Scheitern seines Bruders Peter an der Militärakademie die Ehre seiner Familie wieder herstellen soll. Unter den strengen Augen seines Ausbilders Graff (Harrison Ford) wird Ender an hochkomplexen Kriegsspielen gedrillt. Schnell entwickeln sich er und sein Team zur letzten Hoffnung der Menschheit.

Umstrittene Vorlage

Der Roman ist heute Pflichtlektüre an amerikanischen Militärakademien. (Bild: Constantin)
Der Roman ist heute Pflichtlektüre an amerikanischen Militärakademien. (Bild: Constantin)

Offensichtlich ähnelt dieses Military-SF-Szenario, das Orson Scott Card Mitte der 1980er zunächst in einer Kurzgeschichte und später als Roman veröffentlichte, einem anderen zwiespältigen Klassiker der SF-Literatur: Robert A. Heinleins „Starship Troopers“. Hier wie dort skizzieren die Autoren eine militaristische, bisweilen sogar faschistische Gesellschaft, in der militärischer Ruhm gleichbedeutend mit gesellschaftlichem Aufstieg ist. Das Ende der beiden Romane ist aber grundverschieden, denn während Heinlein den Status Quo seiner Gesellschaftsskizze als heroisches Blut-und-Ehre-Drama feiert, zwingt Card seine Leser am Ende zum Umdenken. Durch einen cleveren Story-Twist gelingt es Ender, hinter die Fassade seiner Gesellschaft zu blicken, die Story wandelt sich zu einem Coming-of-Age-Drama über verlorene Unschuld. Noch deutlicher wird es in der Fortsetzung „Speaker of the Dead“, als sich Ender auf den langen Weg der Buße macht. Vom ursprünglichen Military-SF-Szenario bleibt nur wenig übrig. Stattdessen erzählt Card auf philosophisch-spirituelle Weise von Schuld und Toleranz.

Nichtsdestotrotz war „Ender’s Game“ zum Zeitpunkt seines Erscheinens höchst umstritten. Obwohl er mit dem Hugo und dem Nebula-Award zwei der wohl renommiertesten Preise für SF-Literatur erhielt, kritisierten viele Rezensenten das fragwürdige Szenario und verglichen Hauptfigur Ender sogar mit Hitler. Card selbst tat auch wenig, um diese Vorwürfe zu entkräften. Als Mitglied einer erzkonservativen Christengemeinde und seinem öffentlich ausgetragenen Widerwillen gegen eine gleichgeschlechtliche Ehe gilt er vielen Linksliberalen als Feindbild. Dennoch lässt er sich durch schwankende Aussagen politisch weder eindeutig rechts noch links einordnen.

Seinem Erfolg haben diese Ansichten nicht im Weg gestanden, denn er gilt heute als einer der erfolgreichsten Autoren Amerikas. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war Card auch an einigen Computerspielen beteiligt, wie etwa an „Advent Rising“. Außerdem schrieb er die Schwertkampf-Beleidigungen im ersten „Monkey Island“. Diese Vorliebe für Computerspiele spiegelt sich auch in „Ender’s Game“ wider. Unbestritten sind nämlich Cards visionäre Ideen für dieses Medium: Im Roman beschreibt er Genres wie Mehrspielershooter oder Echtzeitstrategiespiele, die es Mitte der 1980er noch gar nicht gab.

Ein Spiel zum Vergessen

Das Finale ist ein einziges großes Computerspiel. (Bild: Constantin)
Das Finale ist ein einziges großes Computerspiel. (Bild: Constantin)

Computerspiele sind heute Alltag, aber offensichtlich ist es das Einzige, dass die Verfilmung in unsere Gegenwart gerettet hat – leider. Mit kindlicher Neugier ergötzen sich die Macher an den Computerspieletricks, ohne zu erkennen, dass die Realität dieses Szenario längst überholt hat. Für einen SF-Film steckt in „Ender’s Game“ deshalb erstaunlich wenig Zukunft. Stattdessen konzentriert sich die Handlung ganz auf den Grabenkampf pubertierender Jugendlicher und lässt das düstere Szenario eher wie die geeignete Kulisse für die Jagd nach Achievements wirken. Ein wesentlicher Subplot, der sich auf Enders Geschwister Valentine und Peter konzentriert, wurde komplett gestrichen. So bleibt die Geschichte zwar im Wesentlichen handlungstreu, verzichtet aber auf all das, was gute Science Fiction auszeichnen kann: ein überzeugendes Zukunftsszenario.

Harrison Ford. Er war mal Indiana Jones. Jetzt... (Bild: Constantin)
Harrison Ford. Er war mal Indiana Jones. Jetzt… (Bild: Constantin)

Die Schauspieler stehen auf verlorenem Posten. Zwischen all den Pennäler-Film-Klischees bleibt nur wenig Zeit, um sich auszuzeichnen. Asa Butterfield („Hugo Cabret“) sowie Hailee Steinfeld („True Grit“) haben an anderer Stelle schon ihr Talent bewiesen und sensible Porträts traumatisierter Jugendlicher gezeigt. In „Ender’s Game“ hätten es auch gerenderte Figuren getan. Dass Ben „Gandhi“ Kingsley hier mitspielt, sollte niemand verwundern, denn wo das Geld stimmt, ist er offensichtlich immer dabei. Als ehemaliger Kriegsheld ist er völlig fehlbesetzt. Traurig ist es nur um Harrison Ford. Er war einst der größte Star Hollywoods und spielt seit einiger Zeit nur noch Rollen, in denen er hauptsächlich seinen Namen vor sich her trägt. „Ender’s Game“ könnte man deshalb fast als den Tiefpunkt seiner Karriere bezeichnen, wenn da nicht noch „The Expendables 3“ kommen würde.

Am Ende bleibt nur Kopfschütteln. Warum geisterte dieses Projekt so lange in Hollywood herum, ohne dass jemand die Reißleine zog? Offensichtlich witterten die Produzenten durch die Erfolge von „Harry Potter“ oder „The Hunger Games“ reichlich Profit. Plus Computerspiele. Das muss doch bei der jugendlichen Zielgruppe voll gut ankommen, oder? Denkste, da ist ja noch nicht einmal eine Liebesgeschichte drin. Das Reißbrettszenario wird weder jüngere Zuschauer interessieren, noch die Fans des Originals. Die Action-Szenen sind langweilig und niemand wird verstehen, warum dieser Ender Wiggin mit solch simplen Tricks als Taktik-Genie gelten soll. Sieht man mal von der immer noch vorhandenen moralischen Botschaft am Ende des Films ab, stimmt hier so gut wie nichts. Selbst die Marketing-Kampagne ist befremdlich, weil sie ganz auf den strammen Heldenlook setzt. Deshalb wird es wohl kaum zu einer Fortsetzung kommen. Dieses Spiel ist bereits nach dem ersten Level vorbei. Game over, Ender.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 25. Oktober 2013

18 Kommentare zu “Ender’s Game: Harry Potter in Space

  1. Das mit Harrison Ford ist besonders tragisch, wobei ich einfach auch glaube, dass er – am Ende seiner Karriere – nur noch ein paar Mal auflaufen wird, ohne wirklich auf die Drehbücher zu setzen. Das sieht man immer wieder, z.B. auch bei Sean Connery, dessen letzte Filme das Spektrum von mäßig(„Die Liga der außergewöhnlichen Gentlmen“) zu grausam („The Avengers“) abdeckten.

    Schade ist es auch für Jungstars, deren überzeugende Darstellungen im Charakterbereich durch so einen Mist Risse bekommen. Klar möchte man sicherlich gerne mal in einem Blockbuster mitspielen, aber muss es dann gleich einer sein, der mies daher kommt? Ich erinnere nur an das Grauen namens „Eragon“ und das Schicksal des unglückseligen Hauptdarstellers, von dem heute wohl keiner mehr was hört.

    • Lara schrieb am :

      Ich denke, Jungschauspieler können die Qualität von Drehbuch und Regie einfach noch nicht einschätzen. Da läuft viel über das Management/die Agentur. Daher läuft es für viele auf eine 50/50 Chance raus: Ist der Film erfolgreich geht es oft durch die Karrieredecke – ist der Film ein Flop, verschwinden Sie schnell von der Bildfläche.

      Da die beiden Jung-Hauptdarsteller Butterfield und Steinfeld schon beide in recht erfolgreichen Filmen mitgewirkt haben ist die Gefahr durch Ender’s Game etwas geringer.

      PS: Connery hat bei den Avengers mitgespielt??

      • Ich glaube er meint den 90er Kinofilm zur „Schirm, Charme und Melone“ (The Avengers) Serie.

        Schade, dass der Film nix taugt. Hatte auf teuer produzierten und klugen Science Fiction gehofft. Naja, nächster Versuch.

      • Gnarf, 1 Minute, sorry.

        Ja, furchtbares Machwerk… ich möchte an dieser Stelle auch an „Verlockende Falle/Entrapment“ erinnern, der noch ein bisschen schlechter war.

      • Hehe…

        „Entrapment“ fand ich tatsächlich nicht so schlimm, aber wie man dazu auch steht, muss man halt sagen, dass die große Zeit von Connery so ungefährt bei „The Rock“ aufgehört hat – wahrscheinlich schon davor, denn „The Rock“ war schlichtweg nur ein guter Cameo-Auftritt! Es bestätigt aber meine allgemein oben aufgestellte These…

  2. Ich glaube, der große Fehler den man als (deutscher) Erwachsener macht, oft geschürt durch blödsinnige FSK Freigaben bei diesen Titeln, ist die Zielgruppe falsch einzustufen.
    Das war schon in den 90ern bei den Power Rangers oder ähnlichem hierzulande immer schön zu sehen.

    Ender’s Game ist kein Sci-Fi für die ganze Familie oder gar für alle Sci Fi Fans im allgemeinen, es ist, wie die Spy Kids Filme und ähnliche Produkte, eindeutig ein Film für die ganz Kleinen zwischen vier und maximal zwölf Jahren (so jedenfalls meine Einschätzung, nachdem ich den Trailer vor ein paar Wochen gesehen habe). Tiefgründige oder hinterfragende Handlung darf man da nicht erwarten. Es geht um (sinnfreien) Spaß und Action und ja, ein kleines bisschen Drama (aber nicht zu viel) für die Spannung. Das alles eben extrem simplifiziert und für einen Erwachsenen einfach nur grausig. Aber darum geht es gerade, es soll nur kleinen Kindern Spaß machen. Entsprechend müssen die entscheiden, ob ihnen sowas gefällt. Als Erwachsener da werten zu wollen, das kann nur scheitern.

    Der Vergleich mit Harry Potter ist in dem Zusammenhang übrigens schon ein wenig dreist. Harry Potter spielt in einer ganz anderen Liga, als Saga über das Erwachsenwerden. Auch die Tribute von Panem haben eine ganz andere Zielgruppe, letztere richten sich eindeutig an Jugendliche ab vielleicht zwölf, wären somit also die Folgestufe von Ender.

    • Das schätzt du falsch ein. Kennst du die Vorlage? „Ender’s Game“ ist ein Jugendroman, der mit „Harry Potter“ viel gemeinsam hat. Beide bieten ein düsteres Coming-of-Age Drama in dem das Erwachsenwerden eines Auserwählten geschildert wird. Soweit in aller Kürze.

      Das Ende ist kein Kiddie-Kram und hat selbst in der misslungenen Verfilmung nichts mit einer Action-Komödie wie „Spy Kids“ zu tun. Rodriguez hat damals eine (zumindest teilweise) amüsante Achterbahnfahrt inszeniert, in „Ender’s Game“ kann ich mich an keinen Gag erinnern.

      • Ich habe den Film wie gesagt nicht gesehen und kenne das Buch zwar vom Namen her, habe mich aber nie mit beschäftigt. Mein Eindruck entstand einzig und alleine durch den Trailer.

        Ich sage ja nicht, dass der Film gut ist und dein Artikel nicht stimmt, im Gegenteil, ich gehe davon aus, dass du völlig recht hast und der Film tatsächlich mies ist. Mir fiel das nur mit den Altersunterschieden ein, ist der Film tatsächlich für Jugendliche und nicht kleine Kinder, wie der Trailer suggerierte, dann natürlich umso schlimmer für den Film.

    • Dämlich schrieb am :

      Bemerkenswert wie man ohne jegliche Quellenkenntnis vollkommen falsche Rückschlüsse auf diese ziehen kann. Mir wäre das peinlich.

      • Stimmt, aber ist das mein Fehler, wenn ich durch den Trailer falsche Rückschlüsse gezogen habe?

        Tatsächlich habe ich den Film jetzt endlich gesehen – und war extrem positiv überrascht! Es war KEIN Kinderfilm, er beinhaltet viele gesellschaftskritische Elemente und er war wirklich gut gemacht.

        Gesamt betrachtet würde ich sagen einer der besten Filme des Jahres 2013, das mich allerdings so oder so recht enttäuscht hat.

        Andere Titel, die ich überraschend gut fand, waren z.B. noch die „Beinahe-Dokumentation“ Rush, auch wenn die Inhaltsangaben irreführend waren, da Niki Lauda weit mehr und interessanteren Stoff liefert als James Hunt, als auch z.B. der Film Charlie Countryman. Inhaltlich eigentlich nichts neues oder besonderes aber Shia LaBeouf ist dort unglaublich beeindruckend und trägt den gesamten Film alleine, was Transformers-Hater ziemlich verblüffen dürfte (ich habe aber schon andere Filme mit ihm gesehen, wo sein Potenzial absolut zu erkennen war und warte jetzt mal gespannt auf Nymphomania, was mein erster Lars von Trier Film sein wird, wenn der überzeugt muss ich mir wohl doch noch andere Titel von von Trier anschauen). Schön ist, Rupert Grint (Ron aus Harry Potter) mal wieder zu sehen, leider hat er nicht nur extrem wenig Screentime, er macht auch (wieder mal) nicht viel mehr als extreme Grimassen zu schneiden – schade. Auf Till Schweiger als Obergangster hätte ich aber auch verzichten können. Er spult die Rolle gekonnt runter, nicht mehr und nicht weniger, ich bin nur irgendwie kein Schweiger-Fan, wahrscheinlich weil ich diese Keinohrhasen und Nachfolger ein wenig lächerlich gehypt finde, mag für deutsches Kino besonders sein, ich schaue aber viel koreanisches Kino und dort erscheinen solche Romanzen quasi täglich.

        Ansonsten fallen mir jetzt auf Anhieb tatsächlich keine weiteren Filme des Jahrgangs 2013 ein, die mich tief beeindruckt haben.

      • Ich hab halt nicht viele gesehen, aber die drei, die mir am besten gefallen haben, waren „Gravity“, „Pacific Rim“ und „Hobbit 2“. Aber – mir fehlen noch ne Menge vom letzten Jahr, weswegen das nur eine erste Wasserstandsmeldung ist. Hoffentlich bekomme ich mal die Zeit, all den anderen „Sehenswerten“ aus dem letzten Jahr noch eine Chance zu geben.

      • @ Sebastian:
        Gravity habe ich leider noch immer nicht gesehen, laut meiner Frau soll der aber „ziemlich gut“ sein.

        Pacific Rim hingegen war für mich eine Enttäuschung. Kann auch daran liegen, dass ich ihn in 3D gesehen habe. Aber auch sonst erinnerte mich die Story vom Stil her irgendwie eher an Filme der 80er bzw frühen 90er Jahre, nach Hellboy 2, den ich super fand, war das eine herbe Enttäuschung für mich.

        Hobbit 2 ist (bisher) mein Film des Jahres 2013. Tatsächlich fällt mir kein besserer ein, dabei war ich vorab ziemlich skeptisch.

      • @Spiritiogre:
        Ganz kurz zu „Pacific Rim“: Mir hat er deswegen so gut gefallen, weil es seit langem mal wieder ein Film war, dessen Effekte und „Wuchtigkeit“ mich tatsächlich im Kino beeindrucken konnte – auch ohne 3D! Hier war mir die – zugegebenermaßen lächerliche – Geschichte schnurzegal, denn der Film wollte aus meiner Sicht einfach nur auf die Kacke hauen – und das hat er so eindrucksvoll geschafft wie lange nicht mehr. Ich finde, auch für solche hirnlosen und voraussehbaren, aber extrem unterhaltsamen und spektakulären Filme wurde Kino erfunden…

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