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Eine Frage der Verantwortung: Offener Brief an die modernen Eltern

Geschrieben von Sebastian
Eine Frage der Verantwortung: Offener Brief an die modernen Eltern

Das Internet ist allgegenwärtig: Ob in der U-Bahn, auf dem Schulhof, beim Business-Meeting, auf Reisen, im Auto, im Restaurant, auf dem Campingplatz oder zu Hause – es gibt keinen Ort mehr, an dem Menschen nicht auf kleine Bildschirme starren, um Mails zu lesen, ihren Status bei Facebook zu ändern, zu twittern, Wetterdaten zu überprüfen oder wütende Vögel gegen böse Schweine zu werfen. Studien zu diesem Phänomen gibt es bereits viele, die allesamt diese neue Verhaltensweisen als „bedenklich“, „gesellschaftsfeindlich“, „asozial“ oder „suchtgefährdend“ bezeichnen, insbesondere für unsere Kinder – und all das kann ich mir durchaus vorstellen, habe ich die enorme Anziehungskraft dieses noch sehr jungem Medium selber erfahren. Doch dann beginnt plötzlich die Suche nach den Schuldigen, und die wird abwechselnd bei den Herstellern für ihre nur auf Gewinn ausgelegten Machenschaften oder beim Staat für dessen Totalversagen beim Schutz vor solchen Einflüssen gesucht. Da hört mein Verständnis auf, weswegen ich mich jetzt veranlasst sehe, einen offenen Brief an die zu verfassen, die in Sachen Verantwortung Stelle stehen sollten:

Liebe Eltern,

ja, es ist schon schlimm, wenn der fünfjährige Sohn vom Kindergarten nach Hause kommt und nichts anderes im Kopf hat als sich das iPad zu schnappen, um bis zum Abendessen in einem Lego-Spiel zu versinken. Dem Meckern der zehnjährigen Tochter, dass alle anderen in ihrer Klasse einen Facebook-Account besitzen, nur sie nicht, musste letztlich auch nachgegeben werden, da das Gequengel einfach unerträglich wurde. Und irgendwie ist es schon beunruhigend, dass die Kids oben in ihren Zimmern bei verschlossenen Türen sitzen und mit ihren Freunden (wer sind die eigentlich?) per WhatsApp irgendwelche Nachrichten austauschen, aber zumindest ist es jetzt still am Abend.

Gut, immerhin sitzt die Familie abends noch zusammen am Esstisch und unterhält sich über den heutigen Tag, auch wenn die launige Runde immer wieder durch das Email-Signal von Mama oder dem Skype-Anruf für Papa unterbrochen wird, deren Bürokollegen auch noch bis spät am Abend absolut essentielle Dinge zu besprechen haben. Und jetzt, da der Sohn das iPad kurz mal freigegeben hat, kann Papa auch noch schnell die neuesten Sportnachrichten zwischen zwei Bissen vom Abendbrot nachlesen. Es stört halt nur die Konzentration, wenn dabei die Kinder ein bisschen von ihrem Tag erzählen wollen, aber gottlob dauert dieser traute Familienkreis ohnehin nur maximal eine halbe Stunde.

Es gab Zeiten, da haben wir uns noch am Tisch unterhalten. (Photo: Aponet)
Es gab Zeiten, da haben wir uns noch am Tisch unterhalten. (Photo: Aponet)

Und sollte dann wider Erwarten doch zu Hause keine Zeit für all die Aktivitäten bleiben, die halt zu einem normalen Online-Alltag gehören, dann lässt sich das ja auch auf die morgige Bürozeit legen. Da gibt es doch wieder so viele Meetings und Besprechungen – oder auch das Mittagessen – also perfekte Gelegenheiten, um möglichst dezent das Smartphone zu checken oder leise und gewandt über das Tablet zu huschen. Was die anderen erzählen, interessiert meist ohnehin nicht – und oftmals machen es die ja sowieso nicht anders. So gesehen könnten gerade diese lästigen Essenszeiten und Pausen, in denen sich üblicherweise unterhalten wird (ohne Messenger-Software, natürlich), abgeschafft werden, oder?

So, und jetzt lest Ihr lieben Eltern mal wieder eine Studie über Handysucht, wie sie kürzlich von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen veröffentlicht wurde. Da wird dann gerade ganz besonders darauf hingewiesen, dass unsere Kinder im Besonderen gefährdet wären, süchtig von ihren Handys und den darüber vermittelten Inhalten zu werden. Ja, und was tut ihr als nächstes? Ihr seid ganz erschrocken, erschüttert, ruft entrüstet: „Da muss man doch was machen!“ und prangert diejenigen an, die kinderleicht zu bedienende Geräte wie Smartphones und Tablets verkaufen, die eurem Nachwuchs ungehinderten Zugang zu all den Versuchungen des Internets ermöglichen. Natürlich macht euer Zorn auch nicht vor all den staatlichen Institutionen halt, die ein solches Treiben zum Schutz der Kinder und der Jugend doch durch Verbote und Kontrollen verhindern müssten. Und weil ihr gerade so schön in Rage seid, nehmt Ihr euch noch die Schulen und deren Lehrer vor, denn die haben doch einen Erziehungs- und Bildungsauftrag, welcher in diesen modernen Zeiten den verantwortungsbewussten Umgang mit der Online-Welt vermitteln muss.

Gut geschossen, liebe Eltern, aber das richtige Ziel habt Ihr verfehlt. Das findet Ihr sehr einfach, wenn Ihr in eurer Badezimmer geht, das Licht anmacht und in den Spiegel schaut. Dazu müsst Ihr aber übrigens aufrecht schauen und nicht wieder nach unten auf euer Handy linsen. Gut, wenn ihr also eurem Abbild gegenüber steht, dann fragt euch mal, wie Kinder lernen. Genau, sie lernen hauptsächlich durch Nachahmung und schauen sich dazu vieles ab, was wir Eltern ihnen vorleben. Wie sollen unsere Kinder denn einen verantwortungsbewussten Umgang mit diesen Medien und den dazugehörigen Geräten lernen, wenn wir ihnen kein gutes Beispiel geben? Wenn wir, als ihre einzigen Vorbilder, jegliche Höflichkeitsformen in der Gesellschaft missachten, nur um allgegenwärtig auf unsere Online-Präsenz zu achten? Wenn wir Familiengespräche meiden, um uns stattdessen nach Feierabend noch um „wichtige Arbeitsaufträge“ zu kümmern? Wenn wir unsere Kinder damit ruhig halten, indem wir sie einfach vor das iPad setzen, damit sie uns nicht fortwährend mit ihrem natürlichen Drang nach Aufmerksamkeit auf die Nerven fallen sowie uns von unserem geliebten Facebook abhalten?

Sieht so wirklich die moderne Familienunterhalteung aus? (Photo: Op-Marburg.de)
Sieht so wirklich die moderne Familienunterhalteung aus? (Photo: Op-Marburg.de)

Sorry, werte Eltern, aber aus der Verantwortung kommt Ihr nicht heraus. Da könnt Ihr noch so auf Hersteller, Staat und Schulen eindreschen, aber den hauptsächlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag habt immer noch ihr. Doch es scheint, dass all die Veränderungen, die das Internet in kürzester Zeit mit sich gebracht hat, euch alle derart vereinnahmt, dass für Werte wie Erziehung und Vorbildhaltung einfach kein Platz und schon gar keine Zeit mehr vorhanden sind. Da ist es halt einfacher, sich über die neuesten Studien aufzuregen und den Schwarzen Peter an andere weiterzugeben. Das lässt sich halt neuerdings so schön schnell und bequem online „posten“.

Zum Abschluss möchte ich Euch noch einen Artikel eines geschätzten Kollegen ans Herz legen, der sich zu diesem Thema auch ein paar Gedanken gemacht hat. Mich verbindet mit ihm, dass ich ebenso Vater bin und mich jeden Tag all diesen Voraussetzungen stellen muss, mit denen ich euch gerade konfrontiert habe. Ich weiß also durchaus, von was ich da rede, weswegen es mir so wichtig ist, dass wir alle verstehen, um was es hier schlussendlich geht: Es geht um unsere Verantwortung, eine Generation großzuziehen, die immer noch weiß, dass die Gesellschaft aus Menschen besteht, die sich anfassen und ansprechen lassen und sich nicht hinter einem Online-Profil verbergen müssen.

Stellen wir uns dieser Herausforderung als moderne Eltern!

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Über Sebastian

Sebastian Schmucker erblickte 1975 das Licht der Welt im tiefsten Bayern, der Wahlheimat seiner Eltern. Diese sollte er erstmal lange Zeit nicht verlassen, was sprachlich aber keine Spuren hinterlassen hat...[weiterlesen]

Veröffentlicht am 16. Oktober 2015

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