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60 Minuten Vorspiel, 15 Minuten Orgasmus: East meets West

Geschrieben von Andy
60 Minuten Vorspiel, 15 Minuten Orgasmus: East meets West

Früher fielen mir diese Konzertberichte viel leichter. Doch irgendwann wurden sie einfach zu gut, zu perfekt – und plötzlich leerte sich mein Wortschatz der Superlativen. Was sollte ich denn noch über “Symphonic Shades“, “Fantasies“, “Legends“ oder “Odyssey“ schreiben, als dass Jahr für Jahr ein weiteres Kapitel der Videospielmusikgeschichte geschrieben wurde?

Bereits letzte Woche Freitag folgte mit “East meets West“ eine Fortsetzung ohne Symphonic im Namen. Dahinter steckt durchaus Kalkül: Thomas Böcker fungierte diesmal nur als Berater und konzentriert sich lieber vollends auf das im Mai 2013 stattfindende “Final Symphony“. Ungern möchte ich mit der negativen Seite von “East meets West“ beginnen, doch mit Verlaub: Man merkte den Unterschied.

Diesmal musste das relativ kleine Funkhaus am Wallraffplatz in Köln ausreichen. (Ein Dank an Benjamin Herzog für das Bild)

Das bis wenige Tage vor Beginn der Aufführung kein komplettes Konzertprogramm öffentlich gemacht wurde, hatte mich bereits ein klein wenig besorgt. Natürlich klangen die wenigen angekündigten Namen groß, allen voran Austin Wintorys “Journey“, Yasunori Mitsudas “Xenogears“ sowie Chris Hülsbecks “Turrican 2“. Aber als dann alle zehn Titel fertig auf dem Tisch lagen, da keimte innerlich Enttäuschung auf.

“Everquest 2“, “Gothic 3“ und “Final Fantasy: Conerto for Piano and Orchestra” sind allesamt tolle Stücke, jedoch aus vorhergehenden Orchesterkonzerten bekannt. Auch ”Light Spirit Opera” aus “Legend of Zelda“ sowie “Toward the Celestial Sphere“ der “Starfox/Lylat-Wars”-Saga wurden in ähnlicher, wenn auch kürzerer Form bereits vor drei Jahren in “Symphonic Legends“ gespielt. Dazu gesellten sich landläufig eher unbekannte Titel aus “Unlimited Saga“ und “James Bond 007: Blood Stone“, die ebenso wenig unter Musikliebhabern zu irgendwelchen tiefer gehenden Geheimtipps gehören.

“East meets West“ wurde zweimal hintereinander aufgeführt, wobei ich kleiner Freak natürlich beide Aufführungen besuchen musste. Und sowohl beim ersten als auch beim zweiten Mal stellte sich über 60 Minuten lang ein ähnlicher Effekt ein: Phasenweise war ich mit meinen Gedanken völlig neben der Spur – eine richtig ungewohnte Situation, wo ich doch die Jahre zuvor komplett von der Musik gefangen war.

Das soll jetzt keine Kritik an der Performance, der Kompositionen oder der Arrangements sein, Gott bewahre. Nein, das WDR-Rundfunkorchester und Dirigent Wayne Marshall haben nahezu alles richtig gemacht. Der “Starfox“-Beitrag gefiel mir bedeutend besser als vor drei Jahren, Pianist Benyamin Nuss zeigte bei “Final Fantasy“ vielleicht seine bislang beste Vorstellung und “Light Spirit Opera“ schrie regelrecht den Saal nieder. “Gothic 3“ ist nie verkehrt, während ich echt nicht weiß, was ich 2004 beim Games Convention Eröffungskonzert geraucht habe, weshalb meiner Erinnerung ein solcher Meilenstein wie Laura Karpmans “Everquest-2“-Beitrag verborgen blieb. “Thundering Steppes“ ist so gut, es konkurriert mit den besten Musikstücken des damaligen Jahrgangs – dem Gestampfe des Orchesters und der eingängigen Hauptmelodie sei’s gedankt.

“Wie, du hast mich und meine Musik vergessen??” – “Kommt nie wieder vor, ehrlich…!” (Bild: Sony Online Entertainment)

Während ich die Wahl des “Unlimited Saga“-Beitrages immer noch für seltsam erachte, so hatte das Thema durchaus etwas leichtes, etwas erheiterndes. Im Gegensatz dazu konnte mich Richard Jacques “Athens Harbour Chase“ aus dem James Bond-Spiel nicht überraschen. Das klang erschreckend 08/15 und erinnerte fatal an einige Füllertitel aus den Leipziger Tagen. Der Mann hat definitiv bessere und erinnerungswürdigere Stücke geschrieben.

Meine größte Enttäuschung war aber ganz klar “Xenogears“. In diesem grandiosen Soundtrack, einem der meiner Meinung nach fünf besten aller Zeiten, stecken so viele spektakuläre Melodien, Themen und Dramen. Doch die hier gespielte Suite konnte nur im Ansatz die Kraft des legendären Intros imitieren, während das im Mittelteil dominierende Crimson Knight für meine Begriffe zu monoton klang.

Jetzt fehlen noch die beiden im Vorfeld groß ankündigten Titel des offiziellen Programms. Und diese hätten kaum unterschiedlicher sein können. Zunächst einmal sollten sich alle, die sich halbwegs für Videospielmusik interessieren, das schwer auszusprechende Wort “Apotheosis“ merken. Es ist das Schlusslied aus “Journey“, für welches Austin Wintory in ein paar Wochen unzählige Soundtrack-Preise gewinnen dürfte.

Das Stück ist bereits im Original sehr komplex und steckt voller Instrumente sowie Melodien, die weniger eine Einheit, als einen orchestralen Kanon bilden. Jetzt haben die Mannen rund um “East meets West“ noch einiges draufgepackt, was ich persönlich für einen Fehler halte. Allen voran ertönen über weite Strecken mehrere Bläser im Hintergrund, die mich speziell bei der ersten Aufführung sowie beim Anhören der Livestream-Aufzeichnung eher irritieren. Damit ist “Journey“ zwar kein schlechter Beitrag gewesen, aber er hätte in meinen Ohren ohne die zusätzlichen Instrumente besser sein können.

Wer diesen Soundtrack nicht kennt, der darf keine ernsthafte Diskussion über Videospielmusik mit mir erwarten… kleiner Scherz.

60 Minuten lang war ich nicht voll da – und ich war 60 Minuten lang angespannt. Denn egal, welch große Namen oder welch bahnbrechende Videospielsymphonien den Vortritt erhielten, letztlich lief alles auf einen Nenner: die Suite zum besten Soundtrack überhaupt – das möchte ich als unumstößlichen Fakt unterstreichen, der hier nicht zur Diskussion steht.

Obwohl “Turrican 2“ bereits zum fünften Mal orchestriert wurde (zuvor drei Mal im Rahmen der Leipziger Konzerte, wenn man das Amiga-Medley dazu rechnet, sowie einmal in Symphonic Shades), ließen all diese Versionen immer irgendwelche Wünsche übrig. Speziell “Renderings: Main Theme“ enttäuschte viele Fans: Die brillante Klassik-Suite war ohne Zweifel ein musikalischer Hochgenuss, der jedoch nicht den Reiz des Originals besaß und das Thema immer nur an- anstatt vollends ausspielte.

“Turrican 2 – Anthology Suite“ hat diese Lücke ein für allemal geschlossen. Es war und ist der geplante Höhepunkt von “East meets West“, der mehrere der wichtigsten Themen (“The Final Fight“, “The Great Bath“, “Concerto for Lasers and Enemies“ sowie “Freedom“) einschloss und zu einer Einheit verschmelzen ließ. Wie für Orchestrator Roger Wanamo üblich, überlappte er stellenweise gekonnt mehrere Melodien gleichzeitig. Besonders dankbar bin ich für die Chor-Version von “The Great Bath“: Es ist die ultimative Interpretation eines Ausnahmestückes, das allein aufgrund seiner ruhigen Gangart aus dem Groß der Turrican-2-Brillanz heraus sticht.

Die Suite lief insgesamt über zehn Minuten – wie komme ich dann in meiner provozierenden Überschrift auf eine Viertelstunde? Weil direkt danach die mit himmelweitem Abstand größte Überraschung des Abends folgte: “East meets West“ – also die gleichnamige Zugabe zum Konzert, komponiert und orchestriert von Jonne Valtonen. Befand ich seine vormaligen Einleitungen immer etwas schwachbrüstig und wenig erinnerungswürdig, sollte der Mann fortan bitte beim Abschluss bleiben. Das Stück ist erstaunlich simpel, im direkten Vergleich zu seinen Arrangements zumindest. Der Erfolg liegt im dominierenden, träumerischen Thema begraben, welches in der Tat für mich die ruhigen wehmütigen Töne des Ostens mit den aufbrausenden Klängen des Westens vereint. Ein Meisterwerk durch und durch.

Der Vollständigkeit halber sei kurz die zweite Zugabe erwähnt, eine Wiederholung von “The Great Giana Sisters“ aus “Symphonic Shades“. Erneut hat mir die Performance sehr gut gefallen, allerdings habe ich insgeheim die meiner Meinung nach besseren (!) Klänge des jüngsten Nachfolgers vermisst – ein ganz klein wenig, zumindest.

Dirigent Wayne Marshall gehörte zu den Stärken der Konzertaufführung. (Erneut Danke an Benjamin Herzog für das Bild)

Unterm Strich muss ich meine Kritik von oben noch einmal kurz aufgreifen: Die Auswahl hätte besser sein können. So gut “Turrican 2“ oder die allgemeine Performance des Orchesters auch waren, mir fehlte vor allem ein roter Faden – das Konzert hieß schließlich “East meets West“. Während ich selbst das Brücken schlagen zweier Unterschiedlicher Themenbereiche ungemein interessiert finde und jederzeit unterstützen würde, fühlte sich dies nicht wie ein Treffen zwischen Osten und Westen an. Es war mehr eine Ansammlung sehr unterschiedlicher Stücke, von denen man problemlos die Hälfte gegen anderes, gleichwertiges Material hätte austauschen können, ohne dass sich das Gesamtbild groß gebessert oder verschlechtert hätte. Einzig Valtonens wirklich grandiose Zugabe suggerierte mir diese Verbindung, die eigentlich das Thema des gesamten Abends war.

Wem das alles zu viel Geschreibsel ist und wer lieber das Gespielte selbst hören möchte, der erhält sogar noch eine Chance. Nein, damit ist kein YouTube-Link gemeint, sondern der WDR4 höchstpersönlich. Auf diesem Sender wird das Konzert nämlich heute Abend (24.11.2012) um 20:05 Uhr im Radio gesendet, nachträglich sozusagen.

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Über Andy

Andreas “Andy“ Altenheimer wandelt seit 1977 auf dieser Welt, als „Star Wars“ und „Der Stadtneurotiker“ in die Kinos kamen, und fühlt sich wie eine Mischung dieser beiden Filmklassiker... [Weiterlesen]

Veröffentlicht am 24. November 2012

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