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Drive: Einsam durch die Nacht

Geschrieben von Andreas
Drive: Einsam durch die Nacht

Es ist einer der Filme, bei dem man weiß, dass die Hauptfigur sterben muss. Ryan Gosling spielt in „Drive“ einen eiskalten Verbrecher, der sich nur einmal für sein Gewissen entscheidet und dafür zahlen muss. Die Romanvorlage für Nicolas Winding Refns („Pusher“) US-Debüt lieferte der amerikanische Autor James Sallis.

Ryan Gosling als "Driver": Stoisch, wortkarg, einsam. (Foto: Universum Film)

Der namenlose „Driver“ (Ryan Gosling) arbeitet tagsüber als Stuntman, aber nachts ist er der Fluchtfahrer für bewaffnete Einbrüche. Der wortkarge Einzelgänger ist der beste seines Fachs und sein Agent Shannon (Bryan Cranston) besorgt ihm die besten Jobs. Allerdings fühlt sich Driver nur in seinem Auto sicher. Sobald er sein Gefährt verlässt, fällt auch sein Schutzpanzer ab. Als sich nun der ansonsten gefühlskalte Profi in seine Nachbarin Irene (Carey Mulligan) verliebt, geht’s bergab. Driver will Irenes Mann helfen, seine Schulden zu begleichen. Aber er ahnt nicht, dass er damit in ein Wespennest sticht. Plötzlich sind ihm die beiden skrupellosen Gangsterbosse Bernie Rose (Albert Brooks) und Nino (Ron Perlman) auf den Fersen. Die Fassade des Profis beginnt zu bröckeln, denn er weiß, dass dieser Kampf nur tödlich enden kann.

„Drive“ ist die Rückkehr des melancholischen Großstadtthrillers, aber eines ist das Werk bestimmt nicht: originell. Die Geschichte vom einsamen Wolf, der auf der Suche nach Erlösung am Ende gen Himmel fährt, wurde schon etliche Male erzählt. Driver ist auch nicht anders als „Raven“ in „This Gun for hire“ (USA 1942), Corsico in „Le Samourai“ (F,I 1967) oder „Leon, der Profi“ (F, USA 1994). Der Zuschauer erfährt von ihm nichts und woher er kam. Welche Vergangenheit er hat, bleibt unklar. Gosling spielt seine Figur als eine Mischung aus Alain Delon und Steve McQueen, bei dem ein Blick oder eine trockene Bemerkung als Charakterskizze ausreichen müssen. Das Überraschende daran: Gosling braucht sich vor seinen Vorbildern nicht zu verstecken.

Eine Affäre mit Folgen. (Foto: Universum Film)

Dummerweise ist dieser Typ des Anti-Helden auch ein ziemliches Filmklischee. Und so sind die entsprechenden Filme in der Regel nur Variationen einer Geschichte bei denen Typen, Plots und Ende von Anfang an klar sind. Refns „Drive“ macht da keine Ausnahme. Seine Hauptperson ist genauso wortkarg und emotionslos wie einst Delon, Carey Mulligan als Irene so unschuldig wie „Mathilda“ (Natalie Portman) aus „Leon der Profi“. Es gibt in Shannon den alten erfahrenen Lehrmeister und in Bernie Rose einen sadistischen Bösewicht. Anders ausgedrückt existiert auf den ersten Blick nichts, was Refns Film von anderen Genre-Vertretern abhebt. Doch der Däne scheint die Defizite seines Drehbuchs eher zu umschmeicheln, als sie scheu zu verstecken, denn „Drive“ ist ein Meisterstück in Stilbewusstsein und Coolness.

Ich meine: Gab es in den letzten Jahren einen besseren Filmanfang? Wir beobachten Driver bei seinem Nachtjob. Unaufgeregt steuert er seinen Wagen durch die Stadt. Er rast nicht, sondern fährt eher gemächlich von einem Schatten zum nächsten – Driver ist kein Gaspedal-Junkie, sondern eher ein Stadtführer. Sein Blick durch die Windschutzscheibe, die Synthie-Musik von Kavinsky, Schnitt, Bilder – alles folgt einem perfekten Rhythmus. Mit dieser Exposition setzt Refn ganz am Anfang das Ausrufezeichen und schafft einen hypnotischen Sog, der den Zuschauer den ganzen Film nicht mehr verlassen wird. Mancher Regisseur wäre froh, wenn ihm in seiner ganzen Karriere eine solche Filmsequenz gelingen würde. Danach folgt die Verwaltung dieser dichten, melancholischen Atmosphäre. Zwar überzeugt Refn noch mit einer großartigen Fahrstuhl-Sequenz, aber erst am Ende findet er die Klammer, um die Geschichte abzuschließen. In einer Art Zeitreise-Sequenz rechnen Driver und Widersacher Rose miteinander ab, mal im Restaurant beim gepflegten Date, mal ganz dreckig auf dem Parkplatz. Was folgt, das ist Drivers allerletzte Tour.

"Drive": Stilbewusstes US-Debut von Refn mit tollen Darstellern. (Foto: Universum Film)

Als Zuschauer sollte man sich ganz auf den Stil des Films einlassen, denn wer mehr will, wird enttäuscht werden. „Drive“ ist nicht die Neuerfindung des Action-Drama, des Film Noir oder des Thrillers, sondern das kleine stilsichere US-Debüt eines europäischen Kultfilmers. Das wirkt alles sehr bedeutungsschwer, aber es erzählt auch nicht mehr, als seine Vorgänger. Allerdings sieht es wesentlich besser aus. Wenn man so will, ist „Drive“ ein Arthaus-Action-Drama, das in den 80ern als französisches Cinema du look durchgegangen wäre. Was bleibt, das ist die Erinnerung an einen traurigen Trip bis ans Ende der Nacht.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 30. Januar 2012

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