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Come get some: Das „Duke“-Prinzip

Geschrieben von Andreas

Es ist unbedeutend, ob „Duke Nukem Forever“ ein gutes Spiel ist. Das ist vielmehr eine Glaubensfrage, die jeder für sich entscheiden muss. Deshalb gehen die Wertungen auch weit auseinander. Die Fanboys loben es in den Himmel und der Rest springt auf den Anti-Hype-Zug und zerfetzt das Spiel in kleine Stücke.

Ich verbinde den Duke mit einer Zeit, in der Videospiele noch nicht Massenmarkt waren, in der noch niemand krampfhaft vor einer Konsole herumhampelte und in der keine Marketing-Abteilung diktierte, wie ein Spiel zu funktionieren hatte. Da gab es fast keine Regeln, wie ein „Held“ aussehen sollte, ob er sich politisch korrekt verhielt und welche tiefenpsychologischen Gründe sein Verhalten rechtfertigten. Zugegeben, das war nicht sehr anspruchsvoll. Und es wurde geklaut, wo es nur ging.

Larger than life - Der Duke ist zurück und alles ist so wie früher.

Das neue Duke-Abenteuer macht es einem Spieler nun wirklich nicht leicht, denn es steckt voller Widersprüche. Schon im Intro bekommt man Schnipsel mit ein paar Explosionen zu sehen, aber Animationen oder zeitgemäße Effekte? Fehlanzeige. Nach diesen ersten Sekunden werden sich die meisten fragen: Ist das jetzt ein Test? Haben wir zwölf Jahre gewartet, um so einen billigen Mist vorgesetzt zu bekommen? Tatsächlich hätte so ähnlich auch ein Trailer zu irgendeinem Troma-Film („Atomic Hero“) aus den 80ern aussehen können. Später geht es im Spiel im gleichen Stil weiter. Wenig visuelle Details, hakelige Animationen und klobig aussehende Figuren – nein, in Zeiten von „CoD“ und „Crysis“-Krachbumm ist das beileibe nicht mehr zeitgemäß. Und das Spiel? Es ist zwar abwechslungsreich, aber sehr linear. Der Umfang ist für einen Shooter enorm, aber es existiert keine Story. Und von den originellen Waffen wie dem Schrumpfstrahl kann der Spieler nur zwei gleichzeitig tragen.

Auf den ersten Blick ist das purer Trash. Doch hinter dem offensichtlich geringem Anspruch und der Provokation geht es auch darum, Klischees ins Lächerliche zu ziehen und die Mechanismen eines Genres offen zu legen. Filmregisseure wie Paul Verhoeven („Starship Troopers“) spielen ständig damit, und bei Spielen wie „Postal“ funktioniert dieses Prinzip als eine derbe, politisch unkorrekte Satire ganz gut. Trotzdem ist die Anzahl gelungener Beispiele gering, denn sehr leicht wird Trash mit „Müll“ verwechselt. Gerade bei Spielen neigt man dazu, kalkulierte Gewaltexzesse mit „Trashappeal“ zu verharmlosen. Spiele wie „Bulletstorm“ bieten zwar im Prinzip comichaft überzeichnete Figuren, aber erzählen im Grunde genommen eine todernste Geschichte. Lustig ist das nicht.

Der Eindruck täuscht. Die Grafik ist alles andere als zeitgemäß.

Ihre Vorbilder beruhen auf den Actionstars der 80er Jahre. Die Leinwand-Polizei mit Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger oder Chuck Norris hatte in der Regel für jedes Problem ein bleihaltige Lösung parat, sorgte für Ruhe auf den Straßen und stellte nichts Geringeres als den Weltfrieden wieder her. Dennoch handelte sie nicht aus Eigennutz, sondern sorgte für das Wohl der Gemeinschaft, ähnlich wie die Helden aus den Filmen John Fords („The Searchers“). Diese moralischen Verpflichtungen sind dem Duke aber egal. Er will Spaß, Sex und ballern – kurz, er will die Sau raus lassen. Durch dieses asoziale Verhalten widerspricht er jeglicher Moralvorstellung und wird zum politisch unkorrekten Macho, mit dem sich ein Spieler nur schlecht identifizieren kann.

Alles an dem Duke ist überzeichnet! Und genau diese Übertreibung macht die Gewaltexzesse und den geschmacklosen Sexismus ertragbar. Duke Nukem ist eine Parodie auf die Actionklischees der 80er Jahre und hat heutzutage ein Problem damit. Eine Parodie funktioniert nämlich nur so lange, wie der Gegenstand des Spotts in den Köpfen des Publikums präsent ist. Doch wo sind die Helden von damals? Sly sieht aus wie ein Botox-Monster, Arnie demontiert sich durch private Eskapaden selbst und keiner weiß, was Chuck gerade macht. Selbst Jean-Claude dreht selbstreflexive Filme wie „JCVD“ und leiht seine Stimme für „Kung Fu Panda 2“. Die alte Riege ist abgetreten und heutige Actionhelden legen den Fokus auf Motive wie Erlösung oder Vergebung. Das ist das eigentliche Problem von „Duke Nukem Forever“, nicht die Hüpfeinlagen, die Unterwasserlevel oder die miese Grafik. Für den Duke gibt es nichts mehr zu verspotten und nur in wenigen Momenten wie dem „beschissenen Ende“ (Originalzitat) ist er am Puls der Zeit.

Mir hat es trotzdem Spaß gemacht, jedenfalls mehr als „Black Ops“. Vielleicht liegt es daran, dass ich zuviel von diesen „alten“ Actionfilmen gesehen habe und selbst heute noch über die alten ZAZ-Parodien lachen kann. Die „Next Gen“ wird den Reiz des Duke-Prinzips kaum entdecken und ihn im Regal liegen lassen. R.I.P.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 20. Juni 2011

9 Kommentare zu “Come get some: Das „Duke“-Prinzip

  1. Das Problem am Duke ist auch: Es ist humorvoll und witzig. Und unrealistisch und anzüglich. Damit kommen die Gamer von heute nicht mehr zurecht – sie wollen „Realismus“, „echte Kämpfe“. Wir (bzw die Amis) gegen die bösen Terroristen, wir gegen die fiesen Aliens in dramatischen Weltuntergangsszenarien, Skillshots statt hirnlosem Geballer, US-Marines statt nackte Babes … das ist „in“. Leider!

    Ich habe mit DNF extrem viel Spaß. Technik hin oder her, egal! Der Duke at it’s best! Und mehr Abwechslung kriegt man definitiv in keinem anderen Shooter!!!

    • Zum Thema Realismus fällt mir etwas ein, was ich mal in einem Forum gelesen habe. Leider finde ich nicht mehr die richtige Quelle und kann es nur aus dem Gedächtnis zitieren:

      „Stellt im Winter die Heizung aus, setzt euch in der Unterwäsche vor den PC, esst nichts und macht euch in die Hose – dann bekommt ihr vielleicht eine Ahnung, was es bedeutet an vorderster Front zu stehen.“

      Der Pseudorealismus heutiger Shooter ist heuchlerische Abzocke auf Kosten realer menschlicher Tragödien und kein Spiel nimmt diese Konflikte ernst. Im Gegenteil, wenn es mal hart auf hart kommt, werden die Taliban mal schnell in „opposing Forces“ umbenannt.“

  2. @krodi: Witzig. Genau den letzten Satz hat Andreas kürzlich auch von sich gegeben. :)

    Aber hirnloses Geballer? Ich finde ja schon, dass es davon gerade im Shooter-Bereich mehr als genügend gibt….

  3. Mit hirnlos meine ich, dass man hier nicht auf Taliban oder sonst irgendwelche Feinde der USA ballert, sondern auf irgendwas Fiktives, das uns auch nicht als „reale“ Bedrohung (wie z.B. in anderen Alien-Shootern) verkauft wird. Im Grunde ist es egal, auf was man schießt – wenn es blutet, kann man es töten! :)

    Aber Andreas hat recht: anspruchslos ist der Duke nicht, gerade in den zwei höheren Schwierigkeitsgraden! Was aber am engen Leveldesign und nicht an der Intelligenz der Gegner liegt!!

  4. Schöner Artikel!

    Wo ich irgendwie trotz Verständnis für Gegenstand der Parodie und auch durchaus…Wohlwollen für Duke Nukem als „Held meiner Kindheit“, ins Straucheln komme beim Duke ist die wahnwitzig frauenfeindliche Schiene, die da geschoben wird. Ich meine nicht die Blowjob-Witze, die Lap Dance Geschichte, die „frivolen“ Anspielungen etc. pp., eher das Hive Level? „Hehe, you’re fucked!“ und so?

    Bin ich da zu sehr geprägt von Gender-Seminaren und nicht „Gamer“ genug, um wertzuschätzen was „uns“ Political Correctness und das böse Marketing weggenommen haben, im Prozess der CODifizierung des Shooters? Oder überschreitet da die Parodie des übelst anti-feministischen, hypermaskulinen Reagan-Ära-Action-Films in Duke Nukem Forever nicht nur Grenzen des „guten Geschmacks“ sondern einfach der, ähem, Menschlichkeit? Empathie?

    Ich habe Duke Nukem Forever nicht selbst gespielt und mir nur Mitschnitte angeschaut und sowas. Vielleicht seh ich das auch „viel zu eng“ oder vielleicht kann ich über Vergewaltigungen einfach nicht lachen. Dann wiederrum: rape isn’t funny, unless you rape a clown und so.

    Darum, wie emfpandest du das im Spiel, Andreas? Bzw. wie empfandet ihr das im Spiel? „Geht Duke Nukem zu weit“? Ist Vergewaltigung in Shootern als nicht-ernst-zu-nehmendes Thema okay? Interpretier ich da zu viel rein? Und sowieso? Dickwolves?

    • Danke.

      Humor ist wenn man trotzdem lacht oder anders ausgedrückt: Es ist Geschmacksache. Nimm mal die Restaurant-Szene in „Sinn des Lebens“, die Hundekacke-Szene bei John Waters, fast sämtliche Titelseiten von Titanic oder Harald Schmidt als Hitler – nicht wenige Zuschauer werden davon angewidert sein.

      Einige Momente bei DNF wie im Hive-Level gehen klar unter die Gürtellinie. Nur: Macht das Spiel jetzt Witze über die Frauen oder verspottet es auf zynische Weise diesen blonden reaktionären Chauvi namens Duke, weil er sich so verhält? Für mich ist es Letzteres. Im richtigen Leben hätte ein Typ wie der Duke wahrscheinlich kein Problem mit einer Vergewaltigung und deshalb ist er für mich ein ziemliches Ekelpaket. Das führt mir das Spiel ständig vor Augen und das finde ich gut so. Wenn ich die Wirkung des Spiels mit einem Film vergleiche, würde ich „Starship Troopers“ wählen.

      Überleg doch mal: Soap oder die ganzen CoD-Helden sind doch nichts anderes als der Duke. Sie erschießen kaltblütig Menschen im Schlaf,meucheln hinterrücks und trotzdem wollen die Entwickler, dass ich sie liebe. Das ist in meinen Augen ziemlich heuchlerisch und es ist schade, dass DNF darauf überhaupt nicht anspringt. Keine „No russian“ -Parodie o. ä.

      Wenn ich vom Spaß spreche, den ich beim Spielen hatte, bezieht sich das in erster Linie auf das Spiel allein, nicht auf Story oder Figuren.

      Das wurde jetzt länger, als beabsichtigt, sorry.

  5. Ich hatte riesen Spass mit Duke Nukem Forever. Gut die Erwartungen waren bei mir gering und genau deshalb bot der Duke bei mir mehr als die Pseudoansprüche der Hochglanz Popcorn Casualshooter à la Call of Duty. Mich widert ein heutiges Modern Warfare genauso an wie die Serie 24. Dort werden die Folterpraktiken der USA im Antiterrorkampf banalisiert. Wer dazu noch Antikriegs-Shooter sagt, hat definitiv nichts kapiert. Duke ist Duke, er ist ein Macho und Sexist und das kennt man von ihm. Das Gameplay ist Oldschool und genau deshalb zur heutigen Zeit nach Doom 3 und Quake 4 ein Unikat. Und lineares Leveldesign? Welcher aktueller Shooter hat das nicht. Modern Warfare 2 war streckenweise der reinste Railshooter verkommen (in den Armenviertel von Südamerika) mit einer erschrechend abwesenden KI. Einzig was mich gestört hat von der Grafik ist die enorm polygonarme Aussenlevels. Dort hat man dem Spiel am besten sein Alter (was die Entwicklung anbelangt) angesehen.

  6. Alexander schrieb am :

    Ich finde auch das hier etwas fehlt – es ist ein gutes Shooter-Spiel aber hat eben nicht die Klasse wie Battlefield 3. Dafür läuft es aber auch auf älteren Rechnern. Es ist halt nur ein „Ballerspiel“ – einfach draufhauen und los geht’s. Ich finde das die Story ein wenig dürftig ist bzw. besser sein könnte.

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